Mehr über unsere Autoren und Bücher:
www.piper.de
ISBN 978-3-8270-7960-2
© Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 1987
© Berlin Verlag in der Piper Verlag GmbH, München 2002
Covergestaltung: Nina Rothfos und Patrick Gabler, Hamburg
Covermotiv: Gemälde »Leap from the Rock« von Julius Schnorr von Carolsfeld © Mauritius/Superstock
Datenkonvertierung: abavo GmbH, Buchloe
Sämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten.
Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken. Die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ist ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben.
In diesem E-Book befinden sich Verlinkungen zu Webseiten Dritter. Wir weisen darauf hin, dass sich der Piper Verlag nicht die Inhalte Dritter zu eigen macht.
… Ich weiß, daß es weite versunkene Gegenden gibt,
Barren von Quarz,
Schlamm,
blaue Wasser für eine Schlacht,
viel Schweigen, viele
zurückweichende Schichten und Kampfer,
heruntergefallene Dinge, Medaillen, Zärtlichkeiten,
Fallschirme, Küsse.
Es ist nichts als der Schritt von einem Tag zum anderen,
eine einsame Flasche, die durch die Meere treibt,
und ein Eßzimmer, in das Rosen gelangen,
ein Eßzimmer, übriggeblieben
wie eine Gräte: ich spreche
von einem zersprungenen Trinkglas, von einem Vorhang
am Ende
eines verlassenen Wohnzimmers, durch das ein Fluß
strömt,
der die Steine mit sich reißt. Es ist ein Haus,
auf den Grundmauern des Regens gebaut,
ein zweistöckiges Haus mit den üblichen Fenstern
und Schlingpflanzen von unbedingter Treue …
Im Frühling nach Maries Tod hatte Bettina einen Traum.
An jenem Abend war sie erst eingeschlafen, als sie das Bett in die Ecke des Raumes geschoben hatte, um dem Mondlicht zu entgehen, das durch die offene Tür fiel und sich wie ein helles unruhiges Tuch über ihr Kissen breitete.
Das Haus lag auf der vom Festland abgekehrten Seite der Insel. Durch alle Fenster und Türen konnte Bettina das Meer sehen. Wenn es zu dämmern begann, hoben sich die Nachbarinseln Fidicudi und Panarea aus dem Dunst wie gebleichte riesige Schildkröten.
Am Nachmittag dieses Tages hatte Bettina zum ersten Mal geweint, seit ihre Mutter Marie tot war. Sie war danach in den weißgekalkten Räumen des Bauernhauses hin und her gelaufen und hatte geklagt, sich an die Wände gelehnt, und das blaue Licht über dem Meer hatte ihren Augen weh getan. Sie wohnte seit zwei Wochen allein in dem großen alten Haus mit den dicken Mauern und den drei Zisternen. Manchmal ging sie hinter das Haus, um den Vulkan, den Stromboli, zu beobachten, dessen lange zerfetzte Rauchfahne der Wind seit vielen Tagen in dieselbe Richtung trieb. Feine schwarze Asche bedeckte morgens die roten Platten des Küchenbodens, den Tisch und das Fensterbrett. Bettina hatte das Haus von dem Krämer in Ginostra gemietet. Es kostete nicht viel, denn es lag weitab vom Dorf. In der Hitze des Nachmittags streckte sie sich auf ihrem Bett aus, lag dort mit offenen Augen und hörte zu, wie der Wind in die Olivenbäume fuhr. Aus dem Rascheln und Ächzen wurde ein Rauschen, ein saftiges Rauschen, so klang der Wind in den Laubbäumen, so rauschten die Bäume in ihrem Garten zu Hause im Frühling. Im Bett zusammengerollt, versuchte sie, Marie zu beschwören, versuchte, die Mutter zu sehen, wie sie durch den Garten ging, mit Haaren, die im Wind wehten, und zuzuhören, wie sie vor sich hin sang, aber es gelang ihr nicht. Sie sah doch nur die abgemagerten Hände auf der Bettdecke liegen und das Gesicht neben den weißen Zöpfen, die die Schwestern im Krankenhaus geflochten hatten. Maries Gesicht war zur Wand gedreht und fern. Marie war schon so weit fort, und das Grün des Gartens konnte sie nicht mehr halten.
In dieser Nacht hatte Bettina jenen seltsamen Traum.
Die Dunkelheit um sie her füllte sich mit flüsternden Gestalten. Es waren viele Menschen im Raum. Männer lehnten an den Wänden, sie konnte die Umrisse ihrer breiten Schultern sehen, Frauen wie weiche Schattennester aus Haar und Kleidern wisperten. Kinder, an die Frauen geschmiegt, sahen unverwandt zu ihr hin. Ritter traten durch die niedrige Tür, bronzerot und mit schweren Füßen, die Panzer kratzten die gekalkte Wand entlang.
Auf dem einzigen Stuhl saß eine alte Frau, breit und schwarz gekleidet. War das ihre Großmutter?
Sie sah sich selbst, ein junges Mädchen, das bei den Männern an der Wand lehnte. Sie sah den schmalen langen Hals, das mürrische Profil unter den kurzen dunklen Haaren, Haaren wie ein junger Mann. Guido, ihr Vater, hockte in einer Ecke und hielt die Augen geschlossen.
Jemand hob einen Säugling ins Mondlicht, das durch die offene Tür fiel. Es war Bettinas Tochter. Sie schlief mit offenem Mund und geballten Fäustchen. Eine fremde Frau hielt sie zärtlich an sich gedrückt. Ihre Mutter Marie stand von ihr abgekehrt. Ihr schmaler Rücken war sehr gerade. Sie trug ein Tuch um den Kopf. Nie hatte sie im Leben ein solches Tuch getragen. So hatte Bettina sie noch nie gesehen. Da drüben neben der Tür stand Tante Paula, sie winkte, heimlich und verstohlen, und ihr Mund formte Worte, die Bettina nicht hörte. Das weiße Kleid war altmodisch geschnürt und leuchtete, wenn sie sich in der Taille wiegte und umherblickte. Ihr dichtes Haar, offen und zerzaust, als sei sie soeben aufgestanden, beschattete ihr Gesicht. Sie hatte die Hand auf den Kopf ihres Sohnes gelegt. Ludwig kniete neben ihr. Er schien zu schlafen, wie Guido.
Der Engel, hoch aufgerichtet und flimmernd, füllte die ganze Öffnung der Tür. Seine mächtigen Schwingen schleppten am Boden. Sie waren lang, die Flügel eines großen Nachtfalters. Federn bedeckten seinen ganzen Körper und auch sein Gesicht. Sie hörte diese Federn am Boden entlangwischen und an der dicken Türleibung streifen, ein weiches flüsterndes Geräusch. Er mußte sich neigen, um einzutreten.
Er leuchtete, hell, ein durchdringendes Licht, blauviolett, wie es aus den feinen Ritzen der Lichtpausmaschine drang, vor der sie als Kind gestanden hatte.
Im Raum erhob sich dabei ein Raunen und Ächzen, ein Scharren von Füßen, ein Trippeln und Zischen. Alle Gesichter wandten sich ihm zu. Sein Licht verwandelte alle Gestalten in schwarze Kegel.
Nun stand der Engel im Raum, und die Luft um ihn her flirrte und zitterte, als stände er in einer Wolke aus treibendem Schnee.
Vom Tisch hoben sich die Früchte, eine nach der anderen in einer langen Spirale, die sich immer schneller drehte. Die Pfirsiche kreisten über dem Tischtuch, stiegen höher, um anderen Platz zu machen, stießen spritzend aneinander, und nun hob sich auch das weiße Tischtuch von der hölzernen Platte wie eine strudelnde Wasserfläche und drehte sich, erfaßt von dem lautlosen Wirbel, der den ganzen Raum erfaßte und zu verschlingen drohte.
Der Engel stand mitten im Raum. Er glitzerte wie Eis. Der Boden, weiß und spiegelblank, zerbarst in einem Netz von feinen gezackten Sprüngen. Kein Laut war zu hören.
Bettina wußte, auf ihrem Bett liegend, mit welcher Kraft der Strudel den ganzen Raum in sich hineinsaugte. Sie klammerte sich ans Bett und schloß die Augen wie ein Schiffbrüchiger, der eine Windhose auf sich zueilen sieht und sich auf seinem Floß festklammert.
Sie wachte auf.
Im Mondlicht lagen die Pfirsiche auf dem weißen Tischtuch, so ruhig neben ihren bläulichen Schatten, als wäre nichts geschehen. Aber Bettina vermied es, sie zu berühren, als sie am Tisch vorbei durch die Tür hinausging und aufs Meer hinunterschaute, das gleichgültig und glänzend wie Blei unter dem Mondlicht lag.
Guido, ihr Vater, hatte nicht bei den Männern gestanden in dem nächtlichen Raum, aus dem sie gerade kam, er saß allein und hatte sie nicht angesehen, und wo war Onkel Georg gewesen?
Der Engel hing noch immer so schrecklich und blendend in der Türöffnung, daß sie sich unwillkürlich umdrehte und zurück in ihr Zimmer schaute. Dort stand nur der kleine runde Tisch im Mondlicht.
Marie lag im Bett und wartete.
Draußen schlugen die Uhren. Das Zimmer im Schein der Nachttischlampe roch nach den Blumen neben dem Spiegel. Die dünnen Vorhänge bewegten sich im Luftzug, der durch das Fenster hereinkam. Es war Juni, und draußen blühten die Kastanien.
Sie las Gedichte und legte das Buch manchmal hin, um sich auszumalen, was Paula, ihre Tante, heute mitbringen würde. Sie hätte gerne die Schokoladentannenzapfen gehabt, die der Schweizer immer aus Zürich mitbrachte. Sie lagen in kleinen Papiernäpfen mit plissiertem Rand: drei Farben – hellbraun, braun und dunkelbraun; die dunkelbraunen waren mit bitterem Nougat gefüllt, und die mochte sie am liebsten.
Paula war mit einem anderen Mann ausgegangen, von dem Marie noch nichts wußte. Paula hatte ihn an dem Vormittag kennengelernt, als sie die Bücher zur Auktion brachte.
»Du verkaufst alle Bücher, warum denn immer die Bücher?«
Paula hielt inne und wog die drei Lederbände in der Hand, bevor sie alle drei in die Kiste legte.
»Du mit deinen Büchern, du liest viel zuviel, schlechte Augen bekommst du. Ich will seine Bücher nicht mehr hier herumstehen haben, seine ganzen Sachen kann ich nicht mehr sehen, nichts davon.« Paulas Augen röteten sich, und sie sah wie ein weißes Meerschweinchen aus. »Aber die soll nichts davon bekommen, lieber verkauf ich das Zeug als Altpapier.« Paula sprach den Namen der Frau nie aus, als könne sie ihn nicht auf ihrer Zunge ertragen. Marie wußte gut, von wem ihre Tante sprach, wenn sie diesen starren Blick bekam.
»Die Bücher gehören mir«, Marie wollte sich nicht abschütteln lassen, »er hat letztes Mal, als er da war, gesagt, sie gehören Marie.« Sie hatte das Gefühl, als wäre sie sicher in der halbleeren Wohnung, solange der breite Bücherschrank noch dastand, als wäre der Onkel noch nicht ganz weggegangen, als säße er eines Abends, wenn sie ins Zimmer trat, wieder unter der Lampe vor dem kleinen Tisch, auf dem sich die Bücher türmten, ordne Scherben auf einem Stück Pappe, wie sie ihn das oft hatte tun sehen. Die rötlichen Scherben, die, wenn sie in ihren numerierten Schachteln lagen, leblos aussahen, alltäglich, und die sich verwandelten, wenn die Finger des Onkels vorsichtig nach ihnen griffen. Er hob sie vor die Augen, betastete sie und drehte sie hin und her. Seit er aus dem Krieg zurückgekommen war, zitterten seine Finger manchmal, wenn er beim Sprechen versuchte, die Handflächen aneinanderzulegen. Marie erschrak immer von neuem über die Bewegungen seiner rechten Hand, an der zwei Finger fehlten, der kleine Finger und sein Nachbar. Die Narbe, die über den Handrücken lief und unter der Uhr verschwand, sah aus wie eine rote, unordentlich gedrehte Schnur.
»Die Finger habe ich in Amiens verloren am Josephstag 1918, genau am Tag deines zehnten Geburtstags«, hatte der Onkel gesagt und sie hin und her gewiegt, weil sie vor Schrecken weinte.
Marie hatte sich zuerst nicht richtig vorstellen wollen, wie man Finger verlieren konnte. Sie sah sie im hohen Gras liegen, nebeneinander. Marie wollte sie finden, würde sie finden, wenn sie das Gras auseinanderbog und sie liegen sah, wie das Korallenkettchen, das sie selbst einmal verloren und wiedergefunden hatte. Natürlich wußte sie, daß eine Kugel die Finger abgerissen hatte, aber ebendas wollte sie sich nicht vorstellen.
»Hast du den Finger geopfert für Kaiser, Volk und Vaterland?« fragte sie ihn später, das hatte sie in der Schule gehört.
Onkel Leonhard lachte. »Nun, geopfert habe ich ihn wohl schon, aber nicht freiwillig. Der Kaiser hat mir zwar einen Orden dritter Klasse zukommen lassen, aber ich hätte lieber meinen Finger zurück.«
Bettina kannte den Orden, er lag in einer kleinen schwarzen Schachtel. Von da an besah sie ihn mit Grauen. Seit der Onkel ihr vom Krieg erzählt hatte, fürchtete sie sich vor allem möglichen, vor den Tanks, vor dem französischen Erbfeind und vor dem Röhren der Kanonen, das so laut war, daß einem das Trommelfell zerplatzte. Am unheimlichsten aber waren die Tanks. Sie hatte eine Zeichnung auf dem Titelblatt eines Magazins gesehen. Ein plumpes Untier pflügte über Soldaten und Bäume.
Tante Paula hatte nie vom Krieg gesprochen, sondern nur seufzend in der Zeitung gelesen und Marie, wenn sie etwas wissen wollte, zu Bett geschickt.
Marie lag und wartete. Draußen schlugen die Uhren. Sie wollte nicht an den Onkel denken. Sie verstand den Onkel nicht.
»Marie wird einmal Archäologin wie ich – wir werden zusammen Ausgrabungen machen«, hatte er zu Paula gesagt und Marie auf seine Knie gezogen. Paula antwortete nicht. Sie stand in dem weißen Kleid, das mit Mohn und Kornblumen bestickt war, mitten im Zimmer und löste langsam, mit beiden Händen tastend, den rotblonden Zopf. Ihre Finger schlüpften durch die gewellten Strähnen wie Fische.
»Sie sieht aus wie Botticellis Primavera«, hatte der Onkel leise zu Marie gesagt, und dabei waren ihm zu Maries Erstaunen Tränen in die Augen gestiegen.
Sie hatte die Frau, die ihr Onkel Primavera nannte, oft in einem Buch betrachtet. Sie trug einen lockeren Blumenkranz auf dem Kopf, auch einen um den Hals. Sie war barfuß und zerzaust. Marie fand, daß sie selbst ihr glich. Unter dem gebauschten Kleid konnte man kleine Brüste erahnen. Kleine Hügel, die Marie dieses Jahr gewachsen waren. Heimlich unter dem Kinderhemd. Marie war vierzehn.
»Ich möchte trinken«, hatte Paula gesagt, »hört auf mit den Scherben. Wie langweilig ihr seid! Kommt mit auf den Balkon, es ist ganz warm draußen.« Sie beugte sich über das Grammophon, drehte an der Kurbel, richtete den gelben Trichter zur offenen Balkontür und setzte die Nadel vorsichtig auf die Rillen der Platte, die schon auf dem Teller lag.
Der Onkel war aufgestanden. »Immer Caruso«, hatte er gesagt und Paula umarmt, ganz vorsichtig. Er hatte seltsam hinfällig ausgesehen, als lehne er sich an sie und könne niedersinken an ihr und auf den Boden rutschen. Marie hatte über seine Schulter halb verdeckt das lächelnde Gesicht ihrer Tante beobachtet. Wie sie den Kopf zur Seite legte und die Augen halb schloß, als nähme sie etwas entgegen. Sie konnte den Onkel verstehen. Paula war schön und, so schien es Marie, unbeteiligt an den Gefühlen des Onkels, die ihn zu umgeben schienen wie unruhige Bienenschwärme. Paula war unbeteiligt und deshalb schön.
Sie hörte den Schlüssel im Schloß, und dann öffnete sich die Tür.
»Hast du auf mich gewartet?« Paula atmete rasch und setzte sich aufs Bett. Sie hob den perlenbestickten Beutel hoch. Er war unförmig angeschwollen. Die Perlenfransen standen ab und zitterten.
»Lauter Geld, ganz hart, faß an.« Paula schüttelte den Beutel. »Das hat er mir gegeben für unsere alten Bücher – da, schau doch, das ist ein Kleid, eine Reise und Hummer mit Champagner, wir sind reich.« Sie umarmte Marie und drückte sie ruckweise ins Kissen. Marie blieb ernst.
»Keine Schokolade?« fragte sie schmollend.
»Morgen kannst du dir Schokolade kaufen, bis du sie nicht mehr sehen kannst.« Paula war aufgestanden und drehte sich vor dem Bett einmal um sich selbst, dann ließ sie sich lächelnd auf den Stuhl vor dem Spiegel fallen und fuhr sich mit beiden Händen rechts und links über den Ohren ins Haar. Marie betrachtete den Nacken und wie das Haar dort in die Höhe wuchs, als strecke es sich. Paula machte ihr Katzengesicht, zog die Oberlippe straff und damit die Nase breit, runzelte die Brauen.
»Wie in einem Schlaftrunk Spezereien
löst sie in dem flüssigklaren Spiegel
ihr ermüdetes Gebaren
und sie tut ihr Lächeln ganz hinein«,
sagte Marie boshaft.
Paula fuhr herum.
»Laß das!« sagte sie leise. Sie trat an das Bett, beugte sich über das Mädchen, griff nach dem Gedichtband und warf ihn auf den Boden. Er landete lautlos auf Maries Kleiderhaufen neben dem Nachttisch. »Ich mag nicht, wenn du ihn nachmachst!«
Marie sprang aus dem Bett und legte die Arme um Paula.
»War es nett heute abend?« Sie rieb ihr Gesicht an der nackten Schulter der Tante, und Paula beruhigte sich sofort.
»Ja«, sagte sie, »denk mal, er ist schon fünfzig und sagt, er habe noch nie … Er habe noch nie eine Freundin gehabt.«
»Wirklich? Warum nicht?« Marie staunte.
»Was weiß ich.« Paula trat wieder zum Spiegel. Sie näherte das Gesicht ihrem Spiegelbild, riß die Augen auf und schürzte dabei die Lippen. Dann schlüpfte sie mit den Schultern aus dem Kleid, machte ein paar Bewegungen mit den Hüften und ließ es an sich herunterrutschen, bis es um ihre Füße lag. »Mich hat’s gegraut vor ihm, wie er das sagte.« Sie trat aus dem Kleid. »Aber warmhalten müssen wir ihn uns doch. Er kann viel für uns tun. Er hat ein großes Auktionshaus. Wir können über ihn einiges verkaufen.«
»Will er denn, daß du seine Freundin bist?« fragte Marie neugierig.
»Er ist so seltsam. Wenn er mit mir spricht, räuspert er sich und stottert. Ich kenn mich nicht aus mit ihm. Irgendwie ist er mir unheimlich.«
Marie stützte sich auf den Ellbogen.
»Wieso unheimlich, was macht er denn?«
Paula stand in einem kurzen verknitterten Unterrock da, man konnte ihre Strümpfe sehen, dort, wo sie endeten und von zwei verschiedenfarbigen Strumpfbändern gehalten wurden.
»Er tut so schüchtern, und ich hab trotzdem das Gefühl, er ist eigentlich eher dreist. Beim Abschied hat er gesagt, ich sähe aus wie die Unbekannte aus der Seine. Das wäre für ihn das schönste Frauengesicht, das er kennt.«
»Wer ist denn das?«
»Eine Tote.«
»Was?«
»Eine Ertrunkene. Aber warum erzähl ich dir das alles. Geh wieder ins Bett, ich komm gleich.« Sie zog die Strumpfbänder ab und rollte die Strümpfe über das Knie hinunter. »Ich hab zuviel getrunken.«
»Und ich geh jetzt in mein eigenes Bett.«
»Nein bitte, Marie.« Paula sah plötzlich aus wie ein Kind. »Schlaf bei mir, ich fühl mich so allein heute«, und als Marie zögerte, fügte sie hinzu: »Morgen frühstücken wir im Bett. Du läufst zu Stöckle rüber und holst italienischen Salat.«
Marie schlüpfte wieder ins Bett. Sie war plötzlich sehr müde.
»Warum findet er eine Tote schön?« fragte sie.
»Was weiß ich – denk nicht mehr daran.« Paula ging nackt hinüber ins Bad.
»Leg dich an meinen Rücken«, sagte sie, als sie das Licht gelöscht hatte, »liebe Zeit, hast du kalte Füße.«
Paula lag aufgebahrt, einen Blumenkranz auf dem Kopf, und ein alter blasser Mann mit knochigen Händen hielt ihren Kopf und küßte sie atemlos und beschwörend immer wieder auf den Mund. Marie sah sich im schwarzen Kleid an der Hand des Onkels stehen. Sie wachte mit Kopfschmerzen auf.
Marie sah hinunter in den Hof. Die Kinder hatten mit Kreide ein Himmel-und-Hölle-Spiel auf den Asphalt gezeichnet. Sie warfen Kreidestückchen in die numerierten Felder und hüpften auf einem Bein darin herum. Marie sah ihnen dabei zu. Sie zupfte rote Geranienblätter von den Töpfen vor dem Fenster und ließ sie hinunterrieseln wie einen roten Regen. Die Kinder bemerkten es nicht. Sie hatte Macht über die Kinder, die ahnungslos waren. Wo ein rotes Blatt den Körper im Fallen berührte, hinterließ es eine kleine blutige Spur, einen zarten Kratzer, der nachts im Bett schmerzte und böse Träume bereitete. Sie würden nicht wissen, was ihnen geschehen war.
Marie ging über den dunklen Gang in ihr Zimmer und setzte sich aufs Bett. Es war das einzige Zimmer in der Wohnung, in dem keine Möbel fehlten, ein Biedermeier-Kinderzimmer in Schwarz und Gold aus poliertem rötlichem Kirschbaumholz.
Sie öffnete das Nachtkästchen und nahm die Geldscheine heraus, die dort zusammengerollt lagen. Sie warf sie auf den Teppich und knüllte sie dann zu einem Ball. Onkel Leonhard war nicht mehr gekommen, Tante Paula ertrug nicht mehr, wenn er kam.
Damals, als er noch nicht genau wußte, ob er wirklich ausziehen wollte, war er oft spätabends gekommen und hatte seinen Kopf zur Tür hereingesteckt und Marie zugeblinzelt. Er gab ihr dann immer einen Geldschein und sagte: »Kauf dir was Schönes«, aber sie steckte den Schein, wenn er gegangen war, in die Schublade und dachte nicht mehr daran. Im Wohnzimmer hörte sie Paula oft auf und ab gehen und schluchzen.
Einmal hatte Marie den Onkel, der, ehe er ging, ganz zusammengekauert auf ihrem Bett saß, gefragt: »Was magst du denn an der anderen Frau?«
Da hatte er gestöhnt und die Augen geschlossen. »Sie versteht meine Arbeit. Ich kann mit ihr sprechen über alles. Was mich interessiert, das interessiert sie auch, verstehst du?« Er sah sie bittend an.
»Ist sie schön – so schön wie Paula?«
»Ach nein – nein – nein, aber sie braucht mich so.«
»Aber Paula braucht dich doch auch.«
»Ach nein – nein. Paula weiß doch gar nicht, wer ich bin, sie braucht mich nicht.«
»Und ich?«
Da hatte der Onkel ihre Hand genommen und gesagt: »Später ziehst du zu mir und Katarina.«
Marie sah hinunter in den Hof. Ein Mann in einer dunkelblauen Schürze klappte die Vorderwand seines Wägelchens herunter und beobachtete dabei die Kinder, die um ihn herum standen und warteten, ob eine Frucht herabkullerte und aufgefangen werden konnte.
Er hatte nur ein Bein, und Marie beobachtete interessiert, wie er den Stumpf geschickt auf den Griff der Krücke aufstützte, wenn er die Hände freihaben wollte. Er hielt eine Waage mit zwei Kupferschalen am ausgestreckten Arm. Die Gewichte klapperten, wenn er sie in die Schale warf. Frauen mit Schüsseln und Milchkannen lachten über die Scherze, die er ihnen mit rauher Stimme zurief.
Marie versuchte zu hören, was er sagte. Sie formte mit Daumen und Zeigefinger einen kleinen Ring und legte ihn über den Mann. Da war er eingerahmt von ihr und wußte es nicht.
Sie schloß ein Auge und beobachtete ihn. Er war ganz allein, klar umrissen vor dem roten Hintergrund der Beeren. Fast tat er ihr leid. Langsam zog sie den Ring zusammen. Langsam, mit angehaltenem Atem. Als nur noch ein winziges Sternchen offenstand, in dem sein Kopf zu sehen war, hob er die Augen zu ihrem Fenster und sah sie an.
Auf den langen Reisen, die Marie mit ihrem Onkel und ihrer Tante unternommen hatte, wurde sie manchmal von einem Lehrer unterrichtet. Ein Lehrer ganz für sie allein. In Ägypten war es ein magerer Deutscher, der trotz der Hitze immerzu an seiner Nase wischte und eine Strickweste unter der weißen zerknitterten Jacke trug. In Griechenland fand Onkel Leonhard einen alten Mann mit weißem Schnauzbart für sie. Er sprach eigenartig, betonte die Worte an Stellen, die Marie noch nie beachtet hatte, und lehrte sie so eine neue Sprache, die Marie nachzuahmen versuchte, bis der Onkel es ihr verbot.
In der deutschen Schule hatte es ihr nicht gefallen, die Kinder langweilten sie, und die Lehrer schrieben Briefe an ihre Tante, um sich bei ihr über Maries Tagträumereien zu beklagen. Damals hatte der Onkel angefangen, sich zu verändern. Wenn Marie heimkam, wußte sie nie, ob er fröhlich summend an seinem Schreibtisch saß und ihr sogleich seine neuen Zeichnungen und Skizzen zeigen würde oder ob er hastig und mit verschlossenem Gesicht das Haus verließ, wenn sie die Tür aufsperrte.
Paula sagte nie etwas über die Launen des Onkels. Aber es war, als schliefe sie den ganzen Tag mit offenen Augen, als ginge sie vom Sessel zum Spiegel und wieder zum Sessel.
Marie war nicht mehr zur Schule gegangen. Niemand hatte sich darum gekümmert.
Paula hatte ihr Haar mit Kämmen über den Ohren aufgesteckt und trug ein Seidenkleid, blau und dünn wie eine Anemone.
»Marie, komm, ich schneide dir die Nägel«, sagte sie.
Marie saß in ihrem weißen Matrosenkleid vor dem gedeckten Kaffeetisch.
»Wieso muß ich dabeisein, wenn der Schweizer zu Besuch kommt?« fragte sie.
»Er will dich sehen, ich habe ihm von dir erzählt«, sagte Paula und zupfte abwesend Streusel von einem Kuchenstück.
»Meinst du, er hat die Schokoladenzapfen dabei?«
»Immer«, rief Paula, »immer. Er merkt sich so genau, was er mir Gutes tun kann. Er ist ein so lieber Mensch, ein bißchen altmodisch und steif, aber das ist ganz schön. Man fühlt sich so sicher mit ihm.«
»Wo gehst du denn hin mit ihm heut abend?« Marie langweilte sich schon vorher.
»Er will immer in die Oper gehen und vorher zum Essen.«
»Der ist dir nicht unheimlich, oder?«
»Also.« Paula zog die Brauen hoch.
»Hat er eine Freundin?«
Paula stand auf und betrachtete ihre fleischfarbenen Seidenstrümpfe, als suche sie nach einer Laufmasche.
»Er ist in mich verschossen«, sagte Paula widerstrebend.
»Wie merkst du das, wenn jemand in dich verschossen ist?«
»Man sieht es daran, wie einer dich anschaut und wie er sich umschaut, wenn er dir aus dem Mantel hilft vor vielen Leuten. Er ist ein ganz bescheidener Mensch, weißt du. Nur schöne Autos kauft er sich. Letztes Mal wollte er sich ein grünes kaufen, einen ›Laubfrosch‹.«
Marie rieb an ihren Augen, und Paula gab ihr abwesend einen Klaps.
»Mußt du ihn küssen?« fragte Marie und wurde rot.
Es läutete.
Seine Jacke wollte er nicht ausziehen, und nun saß er auf dem steifen Biedermeierstuhl und betrachtete den Kuchenteller mit einem kleinen Lächeln, bei dem er die Mundwinkel nach unten zog.
Marie hatte sofort die lange goldene Schachtel gesehen, in der die Tannenzapfen nebeneinanderlagen wie Soldaten. Der Mann hatte sie umständlich von einer Hand in die andere genommen, ehe er Marie die Hand gab und die Schachtel dann auf die Kommode legte. Später hob er die Schachtel wieder auf und brachte sie zum Tisch, aber als er dort keinen freien Platz sah, legte er sie nicht auf den Teller, sondern auf seine Knie, als er sich setzte. Marie fürchtete, die Schachtel könne herabgleiten, wagte aber nicht hinzufassen.
Paula hatte, als Marie ihn hereinführte, einen hohlen Rücken gemacht und ihm beide Hände hingestreckt. Er hatte sie nicht nehmen können, weil er die Pralinenschachtel und einen Blumenstrauß hielt. Die Blumen hatte ihm Paula abgenommen, und er hatte ihre Hand, die sich um die Blumenstengel schlossen, geküßt. Er hatte noch kein Wort gesagt.
Paula ging in die Küche, um den Kaffee zu holen. Der Mann betrachtete den Kuchen und legte dann seine Hände neben den Teller auf den Tisch, nachdem er mit einem leichten Vorschnellen der Unterarme die Manschetten weiter aus den Ärmeln des Anzugs hervorgeschoben hatte. Marie betrachtete die beiden Manschettenknöpfe, zwei Augen aus rotbraunem Achat, die sie anstarrten.
»Du bist also die Marti?« sagte er und blickte zur Tür.
»Marie. Ich heiße Marie.«
»In welche Klasse gehst du, Marie?«
»Ich gehe nicht zur Schule.«
»Ach so?« Er sah verlegen aus.
Paula brachte den Kaffee herein und stellte ihn auf den Tisch. Sie setzte sich mit einem Seufzer und sah von Marie zu dem Mann und wieder zu Marie.
»Sie geht nicht zur Schule?« sagte der Mann. Er öffnete und schloß die beiden Hände, die auf dem Tisch lagen.
»Sie geht aufs Konservatorium.« Paula strich mit einer Hand das Haar im Nacken nach oben und streckte die andere nach der Kanne aus.
Marie schwieg erschrocken.
»Klavier?« sagte der Mann.
»Ja, sie ist sehr begabt.« Paula schenkte ein.
Der Mann wandte sich mit seinem ganzen Oberkörper Marie zu und sprach bedächtig: »Was spielst du denn gerne?« Seine Brust spannte sich unter der grauen Weste.
Marie sah zu Paula hinüber.
»Chopin«, sagte Paula vage und reichte ihm den Kuchenteller.
»Ich liebe Chopin«, sagte der Mann und drückte mit dem Zeigefinger leicht auf den Nasenbügel seiner Brille. »Vor allem in der Interpretation von Paderewski, ein einzigartiger Virtuose, dieser Pole.« Er warf Marie einen Blick zu, und als er keine Zustimmung entdecken konnte, nickte er ein paarmal und fuhr dann fort: »Da darf ich wohl hoffen, daß wir nach dem Kaffee …« Er nahm mit den Fingern ein Stück Aprikosenkuchen. Er sah sich nach einem Klavier um.
»Ja, sicher, sie spielt so gerne vor.« Paula runzelte die Brauen in Maries Richtung. »Aber du hast doch versprochen, heute mit mir in die Stadt zu gehen.«
»Das ist wahr«, sagte der Mann. Er warf eine Aprikose, die ihm fast von der Gabel gerutscht war, mit einem kleinen Ruck in den Mund.
»Deine Tante ist eine tapfere Frau, mein Kind«, sagte er, »dir so ein Studium zu ermöglichen. Du wirst es ihr noch danken.« Er tupfte mit der kleinen gefalteten Serviette seinen Mund ab und trank. Dann strich er mit dem Mittelfinger behutsam über Paulas Hand, die auf dem Tisch lag. »Chopin ist ein brillanter Techniker, ein genialer Kenner seiner Möglichkeiten, ein wenig auf Eindruck aus, ja, aber dann doch sehr gefühlvoll und mutig, ich persönlich ziehe andere Komponisten vor, wenn ich selbst spiele – Schubert und …«
»Ist das für mich?« fragte Paula und griff unter dem Tisch nach der Pralinenschachtel auf seinem Schoß.
Der Mann zog den Bauch ein und sah verlegen an sich herunter.
»Ja, mein schönes Mädchen«, sagte er und lächelte.
Marie hatte auf diesen Moment gewartet. »Ich bring sie in dein Zimmer«, und schon stand sie auf und trug die goldene Schachtel hinaus.
»Warte, Marie«, rief Paula. Marie hörte, als sie die Tür schloß, wie die Tante seufzte und sagte: »Das Kind ist so nervös und sprunghaft. Schuld daran ist das viele Üben, ich denke oft, sie überfordert sich.«
Marie hatte noch nie ein Klavier aus der Nähe gesehen.
In ihrem Zimmer, im grünen Licht der Kastanien vor dem Fenster, blieb sie stehen, mit weit geöffnetem Mund und ohne einen Laut von sich zu geben. Sie spannte ihren ganzen Körper und schloß die Augen. Die Luft im Zimmer surrte, und hinter den geschlossenen Lidern stand das grüne Fenster, das sie gerade mit weit geöffneten Augen, ohne zu blinzeln, angestarrt hatte, nun rot wie Blut. Das war das Zeichen. Sie hielt die Luft an und sagte in Gedanken dreimal hintereinander: »Davos – Davos – Davos.« Sie machte lange Pausen zwischen den Worten und atmete seufzend auf, als sie die Augen öffnete. Davos. Jemand hatte Paula ein Buch geschickt mit einem Zettel, auf dem stand: »frisch aus der Druckerei«, aber Marie hatte es abgefangen und gelesen. Die kranken Menschen lebten auf einem Berg zusammen, aber sie hatten es ganz lustig dort, lauter Leute, die Marie gerne getroffen hätte.
Paula lag in der Wanne und hob ab und zu ein glänzendes Knie aus dem Wasser. Die Gasflammen in dem hohen zylinderförmigen Boiler hinter ihrem Kopf zischten. Sie betrachtete ihre Brüste, indem sie das Kreuz wölbte, und sah wohlgefällig zu, wie sie langsam zurück ins Wasser tauchten.
Silvester war gesichert. Die Skiausrüstung für sie und Marie. Davos – sicher ein riesiges altes Hotel mit Holzschindeln an der Fassade. Sie verzog den Mund beim Gedanken an die Schneehänge mit all den bunten wimmelnden Punkten. Sie würde spazierengehen. Vielleicht war es am besten, sich gleich am ersten Tag den Knöchel zu verstauchen.
Braungebrannte Männer, die an einer aus Schnee geformten Bar sitzen und ihr zulächeln würden, wenn sie dahergehinkt käme. Sie ließ heißes Wasser nachlaufen.
»Marie«, rief sie und beugte den Kopf über den Rand der Wanne nach hinten. »Leg mir bitte das gelbe Kleid raus. Das hellgelbe, das Mia vor einer Woche gebracht hat. Sieh nach, ob die Schweißblättchen wieder eingenäht sind – Marie!«
Mia war Paulas einzige Freundin, eine unverheiratete Schneiderin. Sie kam manchmal zu Besuch, und Marie bewunderte ihre seidenen Kostüme, die Knopfstiefel und die großen Hüte mit falschen Blumen. Im Badezimmer hörte sie Paula plätschern und prusten. »Gib Antwort, Marie! Hast du gehört?«
Marie tauchte aus der Dampfwolke neben der Wanne auf, lautlos wie eine Erscheinung.
»Ich hab alles auf dein Bett gelegt«, sagte sie, »auch den Strohhut.«
»Nein, den nicht«, sagte Paula. Sie versuchte, die große durchsichtige Seifenkugel zu umgreifen, »ich gehe ohne Hut.« Sie hielt inne. »Nein, ich nehme den kleinen weißen und steck die Haare hinters Ohr. Hast du meine Ohrringe gesehen?«
»Ja«, sagte Marie, »in der Schüssel neben dem Bett.« Mit dem Zeigefinger schrieb Marie auf den beschlagenen Spiegel »Davos«.
»Wir gehen in die ›Drei Drachen‹. Ich esse wahrscheinlich Fisch – oder vielleicht Kalb«, sagte Paula versonnen. »Hab ich dir erzählt, daß er uns endlich eingeladen hat in die Schweiz?« Sie sah zu Marie hinauf. »Im Winter. Lobst du mich da nicht? Du wolltest doch so gerne nach Davos.«
Marie schwieg.
»Wir fahren aber nicht mit dem Zug«, fuhr Paula fort. »Wir fahren mit seinem Auto. Er holt uns ab. Er hat sich ein wunderschönes hellblaues Auto gekauft. Es heißt Bugatti.« Paulas Vater war Eisenbahner gewesen, und sie verabscheute Bahnhöfe und den Geruch von Zugabteilen.
Marie ging hinüber ins Schlafzimmer und hob das gelbe Kleid vom Bett. Ein süßlicher Resedaduft stieg ihr in die Nase, und sie legte den Stoff an ihre Wange. Sie würden nach Davos reisen. Sie lachte leise. Sie hatte es gewußt.
Paula und Mia kannten sich aus ihrer Schulzeit. Wenn Mia zu Besuch kam, schickte Paula Marie weg, um zwei Flaschen Rotwein zu kaufen, auch wenn sie bei Stöckl anschreiben lassen mußte. Mia kam meist am frühen Nachmittag und brachte einen Stapel Modehefte mit. Aus ihrem Beutel, der aus demselben Stoff genäht war wie ihre eleganten Kostüme mit den langen Jacken und engen Taillen, holte sie Zentimeterband und Notizheft und nahm bei Paula Maß, die in Unterwäsche auf einem Stück Zeitungspapier in der Mitte des Zimmers stand.
»Du bist stärker geworden, meine liebe Paula.« Mia blickte, an ihrer langen Nase entlang, kurzsichtig in ihr kleines Notizbuch. »Zwei Zentimenter mehr an der Büste, ein Zentimeter mehr an der Taille, wollen mal sehn, wie’s mit den Hüften steht.«
Paula lachte. Mia, die stets in ein Korsett geschnürt war, hielt nichts von den losen Reformkleidern, die Paula und Marie trugen. Sie sah Paula erwartungsvoll an.
»Das muß man doch eindämmen, diese Fülle, wie sieht das aus, wenn es unter dem dünnen Stoff wogt und wallt …«
»Mia, das verstehst du nicht.« Paula drückte das Unterkleid an der Taille zusammen, zog den Bauch ein und betrachtete sich im Spiegel über der Biedermeierkommode. Mia rieb sich die Nase. Sie war nicht verheiratet.
»Deine Tante wird nie vernünftig, sie glaubt, sie ist noch ein junges Mädchen wie du, an dir finde ich diese formlosen Kittel reizvoll«, sagte sie zu Marie.
»Aber Marie bekommt diesmal nichts. Wie lange wirst du brauchen für das Kleid, du weißt ja, das grüne feine Leinen, das noch bei dir liegt …«
Mia setzte sich an den Tisch und trank aus ihrem Glas. »Du kannst dich anziehen«, die halbnackte Paula war nun fehl am Platze. Sie wollte jetzt nicht mehr als Schneiderin, sondern als Besuch behandelt werden.
»Was hörst du von Leonhard?« fragte sie und sammelte die verstreuten Modemagazine ein.
Paula setzte sich im Unterrock neben Mia an den Tisch.
»Marie und ich fahren nach Davos, im Winter, da werden wir noch ein paar Dinge von dir brauchen.«
»Verzeih, daß ich es jetzt erwähne, du schuldest mir noch das letzte Kleid, das beige mit den Spitzen.«
Marie fing an zu lachen und ließ sich in den Sessel am Fenster fallen.
»Mia«, sagte Paula, »bald haben wir Geld, dich zahl ich als erste, und nicht wie in der Inflationszeit mit einer alten Uhr oder mit Pelzumhängen.« Mia schnupfte. Sie hatte damals vor zwei Jahren ihre Ersparnisse verloren und war seitdem immer in Sorge um ihren Verdienst.
»Wir hätten auch gar nichts mehr, um es Mia zu geben«, warf Marie ein und zeigte auf die halbleere Vitrine.
Die beiden Frauen schauten zu ihr herüber. Paula erstaunt, Mia noch immer erregt. Ihre leicht geröteten Augen standen dicht beisammen über der langen spitzen Nase. Eine Pause entstand.
»Aber doch nicht mit Leonhard … nach Davos?« fragte Mia nun und schenkte sich Wein nach.
»Natürlich nicht.« Paula nahm ihr die Flasche aus der Hand.
»Also mit irgendeinem Galan? Nun ja, wenn man sich trösten muß, nach so einem Schlag, ist einem alles recht.«
»Wie meinst du das?« Paula war aufgebracht.
»Wie ich das meine«, sagte Mia gedehnt und rieb sich die Nase. »Nun, wenn einem der Mann davonläuft …« Sie sah sich nach Marie um und lachte gekünstelt. »Mariechen hat schon einen netten kleinen Busen, wir sollten sie hübsch einkleiden.«
»Was weißt du denn davon, wie es ist in einer Ehe.« Paulas Gesicht war rot vor Zorn.
»Als Schneiderin hört man so manches«, sagte Mia und nickte lange vor sich hin.
Marie schritt barfuß im Zimmer auf und ab und aß Erdbeeren aus einem Körbchen. Ein kleiner Junge hatte es am Morgen gebracht. Eine Karte steckte dabei, auf der stand wieder der geheimnisvolle Name. Polano. Und hinten mit kleineren runden Buchstaben »Oh, bella bionda, tu sai come la onda«. Marie sagte den Satz ein paarmal auf, ohne ihn zu verstehen, und trug die Karte dann in ihr Zimmer. Die Erdbeeren, die noch übrig waren, stellte sie neben Paulas Bett. Paula schlief mit offenem Mund. Ein Speichelfaden hing auf dem Kissen.
Sie war mit dem Mann vom Auktionshaus fast die ganze Nacht unterwegs gewesen. Marie hatte schon geschlafen, als sie in der Morgendämmerung hereinkam. Sie hatte eine große Flasche Parfüm mitgebracht, und Marie hatte sich schlaftrunken damit betupft. Das Schlafzimmer roch noch immer danach.
»Polano hat Erdbeeren geschickt.«
»Mhm.« Paula drehte sich auf die andere Seite.
»Wer ist das?«
»Ein schöner Schwärmer – laß mich schlafen.«
Marie stellte die Beeren neben das Bett auf den Stuhl. Der weiße Faltenrock rutschte herunter. Sie nahm eine Frucht aus dem Körbchen und drückte sie mit dem Daumen in die weichen Falten. Sie verspürte Lust, auch noch den Fuß darauf zu stellen.
Die Wohnung war im Sommer wie ein Schiff, das durch die Luft segelte, mit gebauschten Vorhängen und dem fernen Rauschen der Straße vor den Fenstern. Paula und Marie taumelten wie schläfrige Matrosen in ihren weißen Pyjamas durch die Räume und sprachen kaum miteinander, wenn sie sich begegneten. Manchmal fanden sie sich beide am Küchentisch zusammen und löffelten Marmelade aus den Gläsern, die überall herumstanden und auf denen die Wespen saßen. Paula bedrückte die Hitze, und sie war bleich und schwermütig wie eine Kranke. Die Blumen welkten in den Vasen und dufteten bitter. Die Tage flossen ineinander, ohne sich voneinander zu unterscheiden. Paula schien zu warten. Oft saß sie mit aufgerichtetem Kopf da, die Augen halb geschlossen, als lausche sie, als werde sie jemand rufen, sie aufwecken und erlösen. Es war, als spare sie sich auf, um keine Kraft zu verschwenden, ehe der Ruf kam. Sie roch nach Schweiß und Schlaf, und Marie wußte, daß sie sich nicht wusch. Am Abend ging sie im Halbdunkel der Räume auf Marie zu und umarmte sie. So standen sie oft lange und wiegten einander sacht hin und her. Marie suchte immer wieder in sich nach dem Zauberwort, das den Bann gebrochen hätte, aber ihr Kopf war leer und leicht wie aus Pappmaché. »Ist das Geld noch nicht gekommen vom Onkel?« – Aber das war nicht der richtige Satz. »Der Teufel soll ihn holen«, flüsterte Paula, entwand sich ihr und schloß sich gleich darauf im Bad ein.
In der Nacht hatte Marie im Traum mit einem fremden Mädchen gekämpft. Ein langes verworrenes Ringen. Das Mädchen hatte sie in ihrem Bett bis an die Wand zurückgedrängt und ihr fürchterliche Worte ins Ohr gezischt. Ihre Hände hatten sich wie Schraubstöcke um Maries Hals geschlossen. Sie hatte keinen Ton hervorgebracht. Im Halbschlaf hatte sie zugesehen, wie das Mädchen ihre Puppen, eine nach der anderen, aus dem Bett hochhob und nach ihnen schlug, sie schüttelte und gegen die Wand und auf den Boden warf. Sie hörte das schreckliche Geräusch berstender Porzellanköpfe.
Am Morgen, als es dämmerte, tappte Marie in Paulas Zimmer. Sie sehnte sich danach, sich an den schlafschweren warmen Leib der Tante zu legen und ihren Geruch einzuatmen. Im grauen Morgenlicht sah sie einen Mann, den sie nicht kannte, auf dem zusammengedrückten Kissen liegen. Er schlief mit schlaff hängendem Kiefer, und Paula lag, ihr Gesicht in seine Achselhöhle gedrückt, halb nackt neben ihm und hatte ihren Arm über seine Brust ausgestreckt. Der Mann war jung, und sein schweres Kinn, das leise beim Atmen bebte, trug eine tiefe Kerbe in der Mitte. Glattes Haar bedeckte seine Brust bis hinauf zu den Schultern und stand dort dicht wie die Epauletten einer Uniform. Paula seufzte und legte sich zurecht, und Marie stand vor dem Bett ganz still und fragte sich, ob die beiden noch zu ihrem Traum gehörten. Sie sah sich um, entdeckte Männerhosen vor dem Bett, braun-weiße Lederschuhe, lang wie Kähne, aus denen dunkle Socken hingen.
In ihrem Zimmer hockte sie sich nieder und tastete mit bebenden Fingern über die geborstenen Porzellanköpfe der Puppen, die mit verdrehten Gliedern vor ihrem Bett lagen. Ein rundes Glasauge rollte über den Boden und sah sie an. Sie weinte.
»Diller ist einkaufen«, sagte Paula. Sie saß auf dem Sofa.
Sie leuchtet wie ein Weihnachtsbaum, dachte Marie beleidigt.
»Ach, der ist noch da?« Lustlos setzte sie einen nackten Fuß auf den anderen.
»Wieso noch da? Du hast so lange geschlafen. Er ist vorhin gekommen«, sagte Paula und machte ein vorwurfsvolles Gesicht.
»Wer ist das denn überhaupt?«
»Er studiert – aber was, weiß ich nicht, ich glaube, Philosophie oder so was.« Paula sah Marie nicht an.
»Wo hast du den kennengelernt?«
»Ich laß mich nicht so ausfragen von dir.«
Marie war gekränkt. Sie sah Paula erstaunt und prüfend an.
Paula streckte die Hand nach ihr aus. Sie war frisch gewaschen, hellgepudert, die Nägel sauber und rund gefeilt.
»Komm schon – wir haben seit zwei Tagen nichts Richtiges mehr gegessen. Er holt uns Semmeln und Gelbwurst, klingt das nicht gut?«
»Ich möchte nichts.« Marie atmete stoßweise. Warum gelang es jedem Mann, Paula glücklich und wach zu machen, während sie selbst all ihre Kraft aufwandte und doch daran scheiterte, die Tante mit ihren Beschwörungen zu erreichen? Auch Leonhard war das nicht gelungen.
Diller sperrte von außen die Tür auf. Marie lauschte; er hatte also einen Schlüssel bekommen, wenn auch nur zum Einkaufen. Das machte sie unruhig. Sie schlüpfte ins Schlafzimmer der Tante und beugte sich über das Bett. Sie roch an den Kissen.
Draußen knallte ein Sektkorken, und sie hörte Paulas Stimme, die sich vor Ausgelassenheit überschlug.
Marie fühlte mit einem Mal, wie hungrig sie war. Sie nahm Paulas roten Kimono aus dem Schrank und zog ihn an. Im Spiegel sah sie ihr schmales Gesicht mit den blaßblonden Haaren, die Tante Paula ihr mit der Nagelschere kurzgeschnitten hatte wie einem Bub. Sie schlüpfte aus dem Ärmel des Mantels und zog ihn dann rasch mit einem Ruck erneut über der Brust zusammen. In der Tür zum Wohnzimmer blieb sie stehen.
»Komm, mein Lämmchen«, rief Paula und hielt ihr ein Glas hin.
Der junge Mann saß mit übergeschlagenen Beinen in dem flaschengrünen Leinensessel. Ohne zu lächeln, entblößte er seine Zähne. Er hatte eine breite Lücke zwischen den beiden Schneidezähnen.
»Nur herein«, rief er. »Wir feiern. Wir sind Weltmeister geworden. Eben habe ich’s gehört im Laden.« Er sprang auf, ging gleich in die Knie und boxte vor Maries Gesicht ein paarmal mit den Fäusten in die Luft. Dabei sprang er mit kleinen Schritten hin und her. Marie verzog keine Miene.
»Ja doch, Schmeling, unser Schmeling ist Weltmeister.« Jetzt boxte er in Richtung von Tante Paula. »Gute Fußarbeit, wie?« rief er, und als er Maries bewegungsloses Gesicht sah, ließ er sich lachend zurück in den Sessel fallen. »Ist sie stumm?« fragte er Paula, »oder vielleicht taub?« Darüber lachte er übertrieben lang mit zurückgeworfenem Kopf. »Man muß die Feste feiern, wie sie fallen.«
Paula legte die Hand auf Maries Schulter. »Das ist Marie. Setz dich dahin, Kind. Schau, was es Schönes gibt, das magst du doch. Krabben, Leberpastete und, sieh mal, eine ganz kalte Melone.« Sie streichelte die gesprenkelte Haut mit den Fingerspitzen.
Der Mann zündete sich eine kurze braune Zigarette an. Er trank aus seinem Glas, rülpste unterdrückt und mit konzentriertem Gesicht und schüttelte dann den Kopf.
»So eine große Tochter haben Sie?«
»Sie ist nicht meine Tochter.«
»Ach nein?« Er hob sein Glas neben die Augen und sah daran vorbei auf die beiden Frauen. »Schwestern, wie?« Er kicherte tonlos. »Hört man immer wieder, die alte Geschichte, nichts für ungut.«
Paula steckte ein großes Stück Leberpastete in den Mund. Sie spreizte ihre Finger und leckte bedächtig an jedem einzelnen.
»Also, sie ist meine Nichte.«
»Auch recht.« Der junge Mann zwinkerte.
»Nein, wirklich.« Marie warf sich in die Brust. Sie nippte an ihrem Glas. Der junge Mann lachte nun so herzlich, daß ihm die Tränen in die Augen traten. Marie gluckste und platzte dann laut heraus. Sein Gelächter war ansteckend.
Paula zog erst ein Gesicht, lachte dann aber gutmütig mit. Sie stießen an.
»Die Nichte.« Der junge Mann lachte erneut und wieherte nun mit offenem Mund. Er hob die Füße vom Boden und stampfte einmal auf.
Marie keuchte vor Lachen. Sie stellte das Glas ab und hustete prustend.
»Hört auf«, sagte Paula und sah verständnislos von einem zum anderen.
Der Mann sprang auf, stellte sein Glas ab und ließ die Zigarette fallen. Er griff mit beiden Händen um Paulas Taille, und Marie konnte seine Finger mit den breiten Nägeln sehen, die sich in den Frotteestoff bohrten. Er kitzelte Paula an den Rippen.
»Lachen Sie doch auch, Tantchen, wir sind eine so fröhliche Runde.« Paula wehrte ihn halbherzig ab und wurde rot. Da packte er sie mit einer Hand am Nacken, die andere schloß sich um ihre Handgelenke. Sein Gesicht fuhr auf ihres zu, als wolle er sie beißen, und dann verschwand ihr Mund unter seinem Mund. Er öffnete seinen Mund weit, so daß Marie fast kein Lippenrot mehr sehen konnte. Die ganze untere Hälfte des Frauengesichts verschwand zwischen seinem glänzend rasierten Kinnladen. Am Zukken seiner Wangen konnte sie sehen, daß er seine Zunge bewegte. Paulas aufgerissene Augen wurden schmal. Sie wand sich noch immer unter seinem Griff, aber Marie sah, daß sie sich nicht wirklich wehrte. Eine plötzliche Angst, der Mann würde die Tante ersticken, überkam sie. Sie stand langsam auf. Paulas Kopf lag nun auf der Stuhllehne. Der Mann atmete laut durch die Nase, eine Haarsträhne fiel ihm in die Stirn. Paula ächzte leise und stieß ihn mit aller Kraft vor die Brust. Sie bekam ihren Kopf frei und schüttelte ihn. Die Ohrfeige klatschte laut, und Marie wich einen Schritt zurück. Paula war bleich im Gesicht, und die Löckchen standen bebend um ihre Stirn.
Sie hielt die Hand, die zugeschlagen hatte, von sich ab wie einen fremden Gegenstand. Der Mann faßte sich an die Wange und betrachtete seine Handfläche, als erwarte er, Blut darauf zu sehen. Seine Augen traten ein wenig aus den Höhlen, als er den Kopf senkte und leise »Du Miststück« sagte.
Er biß Paula in die Schulter, schnell wie eine Natter glitt er über sie hin und schloß die Zähne über ihrer hellen Haut. Paula schrie.
Maries Hand suchte nach der Sektflasche.
Aber schon hatte der Mann losgelassen und sich lachend aufgerichtet. »Tantchen«, sagte er.
Eine Stille entstand.
Der Mann streichelte Paulas Schulter an der Stelle, wo der Abdruck seiner Zähne zu sehen war. Er lächelte dabei, und Paula ließ es geschehen. Sie senkte die Augen und spielte mit den Ringen an ihren Fingern.
Marie war ratlos. Sie versuchte zu begreifen, was hier geschah. Keiner der Erwachsenen beachtete sie. Sie war verlegen, wollte sich wieder setzen und sah, wie die Wangen der Tante sich mit einemmal röteten. Als sie die Augen aufschlug, waren sie seltsam trübe.