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ISBN 978-3-8270-7961-9
© Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 1988
© Berlin Verlag in der Piper Verlag GmbH, München 2004
Covergestaltung: Nina Rothfos und Patrick Gabler, Hamburg
Covermotiv: »Baronesse Vera Wassiliko« von Christian
Schad, © VG Bild-Kunst, Bonn 2003
Datenkonvertierung: abavo GmbH, Buchloe
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Die unbewachte Nacht überfielen Erinnerungen
Azurne
Rubinrote
Gelbe
Ihre offenen Arme füllten sich mit Schlaf
Ihre ausgeruhten Haare mit Wind
Ihre Augen mit Schweigen.
Wir setzten uns auf unsere Koffer und atmeten lange, ohne zu sprechen. Der Weg von der kleinen Bahnstation, durch das Dorf und weiter am Eichengehölz entlang, machte uns immer müde und streitsüchtig.
Das war die Stelle, an der das Schloss auftauchte. Nach der Holzbrücke über den Bach bog der Weg links ab in die Wiesen, die Hügel öffneten sich und gaben den Blick frei.
Sofie und ich hockten am Straßenrand auf unseren Koffern, das Schloss im Rücken. Wir schauten nicht hinauf. Dass es ein Schloss war, sah man nur von außen. Es lag auf einer flachen gefleckten Kuppe. Die Linden und Kastanien konnten es nicht verbergen. Das Hauptgebäude und die Seitenflügel, drei unterschiedlich aufgegangene blasse Brotlaibe, aus denen der schiefe, schindelverkleidete Turm ragte wie der Griff eines plumpen Messers.
Ich nannte das Schloss die »Animalfarm«, ein Wort aus Frau Tomsons Englischlektüre. Sofie fand, wir wären viel eher die verstaubte Sammlung eines senilen Tierpräparators, der auf Insekten und Kriechtiere spezialisiert sei. »Lauter Schächtelchen und Glasbehälter, in denen wir aufgespießt werden, mit einer Nadel auf einem Korken.« Ich fand ihr Bild, wie so oft, gewagt und ausgefallen, aber schief. Wir konnten uns an diesem Punkt nie einig werden. Jeder verteidigte seine Theorie. Der Kirchenrat, ein lahmender Eisbär mit abgenutzten Zähnen, fand ich – ein behaarter Totenkopffalter, bei Tag blind, hielt Sofie dagegen.
Das Schloss schaute durch die Bäume zu uns herunter, mit seinen Reihen schwarzer Fensteraugen.
Drinnen erwarteten uns die engen Wohnzellen wie Fächer in einem gewaltigen Schrank, Wabe an Wabe. Zwischen den Wänden aus Pressspanplatten führten schmale, unbeleuchtete Gänge vorbei an all den Türen: eine niedrige hölzerne Siedlung am Grunde der riesigen Rittersäle. Darüber, hoch oben und immer im Dunkeln, wölbten sich irgendwo die mächtigen Decken der Säle, ein falsches Firmament aus steinernen Balken und Stuck.
Manchmal nachts in unseren Betten beschrieben wir uns die Deckenmalerei, die sich dort oben, ungesehen in der Dämmerung, über uns spannen musste, geheimnisvoll wie eine ferne Himmelslandschaft. Blau sah ich und lichtes Grün. Diana lag rastend im Schilf des Flusses, Nymphen und Tiere des Waldes huldigten ihr. Vögel saßen auf ihren erhobenen Armen. Diese Szene hatte ich schon einmal aus einem Kunstbuch kopiert. Sofie dagegen sah eine Schlacht. Gestaffelte rote Reiter, die ihre Hellebarden gezückt hielten wie Strahlen einer silbernen Wasserkunst.
Sofie und ich waren beide fünfzehn und lasen die Bücher aus der Bibliothek mit der Rastlosigkeit von Leuten, die sich auf eine Expedition in ein fernes, gefährliches Land vorbereiten. Sofie hatte eine besondere Methode. Sie stellte den Wecker auf sechs Uhr früh und las eine halbe Stunde Hegel, eine halbe Stunde Thomas Mann, Gedichte erst am Abend, ehe wir das Licht löschen mussten, als Belohnung. Ich las schneller, ausdauernder und wahlloser als sie, nahm die Taschenlampe mit unter die Decke oder legte die Bücher zwischen die Hefte und Grammatiken auf den Tisch. In der Lernzeit wurde es still in den Zellen, und nur das Knistern von Papier und das Öffnen und Schließen von Federmäppchen und Zirkelkästen war durch die braun gemaserten Pressholzwände zu hören. Sofie las, um ihren Horizont zu erweitern, wie uns Frau Kammholz geraten hatte, oder um sich zu bilden, wie sie selbst es nannte. Ich aber suchte in allen Büchern nach Liebesgeschichten und dem Versprechen künftiger geheimnisvoller Begebenheiten.
In diesem Frühsommer las ich Dr. Schiwago. Ich hatte das Buch ins Schloss geschmuggelt, und wenn ich spätnachts mit schweren Lidern und enger Kehle die Taschenlampe ausknipste, war mir wohlig bewusst, dass Frau Kammholz, die Direktorin, diese Lektüre nicht gebilligt hätte. Auf dem Titelbild stand eine kleine weiße Frauengestalt mit hängenden Schultern unter den spinatgrünen Pappeln am Fluss. Ihr Hut hing an einem Ast. Über ihr füllte ein bärtiges dunkles Männergesicht den ganzen Himmel aus.
Manchmal besuchten wir den alten Kirchenrat in seinem Zimmer. Die dreisteren Mädchen kamen mit Familienproblemen zu ihm, die sie sich vorher ausdachten. Wenn sie sich genügend anstrengten, gelang es ihnen, sich in Tränenausbrüche hineinzusteigern, an dem schweren hölzernen Schreibtisch sitzend, auf dem zwei Porzellanhunde rechts und links neben dem silbernen Tintenfass Wache hielten.
Der Kirchenrat war Tränen gewohnt. Draußen vor dem Fenster bewegten sich die Äste der Linden wie grüne Vorhänge. Der alte Mann sah hinaus, während man mit ihm sprach, den Kopf schräg gelegt und zwischen die Schultern gezogen. Sein Stuhl war gepolstert, und sein großer Körper, in schwarze Jacken und Westen geknöpft, entspannte sich in den langen Pausen, ehe er selbst sprach. Manchmal, langsam, griff er neben sich ins Regal und stellte eine Keksdose auf den Tisch. Er legte die trockenen graugelben Sterne auf ein Löschblatt. Wir kannten sie. In der Küche wurden sie für alle Schüler gebacken, zum Advent.
Wir kamen nicht wegen der Kekse und auch nicht wegen der tröstlichen Worte, die der Kirchenrat über den Tisch reichte, gewohnheitsmäßig, wie die Zettel, die wir alle jeden Sonntag auf unseren Tellern zum Frühstück fanden. Sprüche aus der Bibel standen darauf, in der verwischten lila Schrift, in der auch die Texte der Schulaufgaben auf einer kleinen öligen Maschine im Sekretariat abgezogen wurden. »Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben.«
Wir sprachen nie darüber, aber wenn Sofie und ich den langen Gang mit den Blumentöpfen auf den ausgetretenen Solnhofener Platten entlanggingen, um ihn zu besuchen, wussten wir beide, dass wir in seinem Zimmer sein wollten, in dem Geruch nach Zigarren und Siegellack. Wir baten ihn um Notenpapier, um Rasierklingen für Bastelarbeiten. Er gab uns alles bereitwillig. Wir sahen zu, wie er die Rasierklinge sorgsam in Zeitungspapier wickelte, sein weißer mächtiger Kopf gebeugt. Wir kannten das leise Schnarren seines Atems. Er war der einzige Mann im Schloss.
In diesem Juni kam Herr Röhl aus der Kur zurück. Er war fast so alt wie der Kirchenrat, aber wir sahen die beiden Männer nie miteinander sprechen. »Ein gezeichneter Mann«, hatten wir einmal den Kirchenrat sagen hören, als er mit Frau Kammholz beim Nachmittagstee saß. »Er ist noch recht kregel«, hatte sie geantwortet. »Einen anderen haben wir in all den Monaten nicht finden können.«
Herr Röhl gab Latein und Geschichte. Er wohnte in dem Zimmer neben dem Speisesaal, und wenn man bei ihm saß, um mit ihm, was er gerne tat, den Stoff der vergangenen Stunde noch einmal durchzugehen, roch sein Zimmer immer nach Essen. Manchmal nach kaltem Rindfleisch und dumpfem Wirsing, freitags scharf wie ein verlassenes Fischrestaurant. Er war kein so prächtiger Mann wie der Kirchenrat. Seine Strickwesten in Braun und Ocker waren abgeschabt und an den Ärmeln aufgetrennt. Seine Hosen beutelten sich um Knie und Hintern. Seine Hände hatte er im Krieg verletzt, aber er bestand darauf, sie einem gebieterisch entgegenzustrecken, wenn man ins Zimmer trat oder wieder ging. Es graute und faszinierte uns, diese Hände zu fassen. Knochen mussten fehlen, man fuhr zwischen Daumen und Zeigefinger tief hinein ins Handinnere, ohne Widerstand, so dass die Finger das Handgelenk umgriffen. Wenn diese Hände vor ihm auf dem Tisch lagen, sahen sie rosig und gut gepolstert aus wie Maulwurfspfoten. Er sprach gerne vom Krieg, und beim Unterricht gelang es uns oft, ihn von Cäsar abzubringen und die tiefe röhrende Stimme herauszulocken, mit der er vom Kampf in den Lüften erzählte.
In Herrn Röhls Zimmer war es nicht so angenehm wie beim Kirchenrat. Auf seinem kleinen wackligen Tisch türmten sich vergilbte Zeitungsausschnitte und Aktendeckel. Er arbeitete an einer großen Geschichte der Weltkriege. Wenn er davon sprach, geriet er in eine seltsame Unruhe, klappte die Schere auf und zu, öffnete und schloss das Tintenfass und verbog die Heftklammern. Besser war, ihn auf die griechische Mythologie zu bringen, aber das gelang nicht immer. »Der Mensch vergisst zu schnell«, schloss er jedes Gespräch. »Das Schöne wie das Schlechte.«
Ich hatte mir ein Buch von ihm ausgeliehen, ein hellblaues Buch mit roter Schrift auf dem Deckel. Ich hatte es in Packpapier eingebunden, um es beim Lesen zu schonen. Abends, wenn Sofie in ihren Gedichten blätterte, betrachtete ich die Marmorstatuen griechischer Göttinnen. Ich prägte mir ihre Bewegungen ein, die Art, wie sie standen, die Arme hielten, die Brauen wölbten. Ich gesellte mich zu ihnen. Ich stellte mir das Griechenland von damals vor wie unseren Stadtpark, in dem ein kleiner weißer Säulenpavillon auf einem Hügel zwischen Haselnussbüschen stand. Diana, die Zwillingsschwester des Apollon, zuständig für magische Beschwörung, las ich, die Eiben waren ihr heilig, die Kraniche, der Hirsch, die Göttin des Mondes, ihr Gesicht, gleichmütig und heiter, ihre blinden Marmoraugen. Ich zeigte sie Sofie, das gebauschte Gewand fein gefältelt, der umgehängte Bogen teilte ihre Brust mittendurch, aber Sofie lachte über meine Schwärmerei und hielt ein Gedicht dagegen, das sie gerade las und in dem von Chopin die Rede war und einer Sängerin, die ihm das Veilchenlied vorsang, als er im Sterben lag. Nur ungern gab ich das Buch Herrn Röhl zurück.
Über Sofies Klappbett stand das Foto eines Mannes. Sie rückte es abends zurecht und wünschte ihm eine gute Nacht. Es war ein junger Mann mit merkwürdig stechenden Augen und einem langen glänzenden Kinn. »Das ist Alf«, sagte sie. Wir sprachen manchmal über ihn. Er studierte schon, Germanistik. In den Ferien, als er eine Nierenkolik hatte, versteckte er sich in den Dünen und sagte keinem Menschen etwas davon, erzählte Sofie. Sie kam aus Bremen, und ob sie ihn noch liebte, das wusste sie nun nicht mehr zu sagen. Nach Hause durften wir nur in den Ferien, und natürlich durfte ihr Alf keine Briefe schreiben. Er arbeitete an einem Buch über Manfred Hausmann. Sofie trug mir Hausmanns Bücher an wie köstliche Süßigkeiten.
Ich hatte auch ein Foto, aber ich zeigte es ungern her, weil Bob mit seinem aufgerichteten Haar und den Sommersprossen darauf aussah wie ein Tier. Ein Ameisenkönig, sagte Sofie unbarmherzig, ich fand eher, wie eine Tüpfelhyäne. Seine sanften Augen betrachteten mich vorwurfsvoll, wenn ich ihn zum Gutenachtsagen, um nicht hinter Sofie zurückzustehen, unter dem Kissen hervorholte. Ehe ich einschlief, versuchte ich, an ihn zu denken, sah ihn vor seinem Fahrrad hocken, die dünnen nackten Beine gespannt und sehnig, als wären sie ein Teil des Fahrrads. Er hieß eigentlich Robert und war der Sohn unseres Nachbarn. Seine Mutter berichtete meiner Mutter am Gartenzaun stehend immer wieder, was für eine schwere Geburt er gewesen sei, Steißlage, und das im Hochsommer. Davon erzählte ich Sofie nichts.
In diesem Sommer saßen Sofie und ich beim Essen am Tisch der Direktorin, das war ehrenvoll und wechselte im Turnus nach einem Plan, der an der Tür des Speisesaals hing. Ich saß nicht gern am Tisch von Frau Kammholz. Es war mir unangenehm, sie anzusehen. Mir graute vor ihrem süßlichen Duft, der einen anderen scharfen Geruch nicht übertönen konnte. Kampfer, vermischt mit Himbeerbonbons. Ihr breiter flacher Körper – »wie eine Blattwanze«, sagte Sofie, »wie eine Flunder«, sagte ich – steckte auch im Sommer in eng anliegenden Strickkleidern, die, über dem Busen und an den Hüften gespannt, den glänzenden rosa Unterrock ahnen ließen. Ihre Diätkost brachte eine Schülerin der Unterstufe auf einem Extrateller, unter einem gewölbten Aluminiumdeckel. Während sie das Gemüse mit der Gabel in mundgerechte Happen zerteilte, erzählte sie uns von ihren Theaterbesuchen in der Kreisstadt, von ihren Studien der romanischen Kirchenplastiken, von den Talgdrüsen an ihrem Kopf unter ihrem Haar, die sich immer wieder füllten und wie kleine pralle Polster an ihrem Hinterkopf zu tasten waren. Alles, was sie uns erzählte, verschwamm für mich zu einem ungenießbaren Eintopf, wie der auf meinem Teller. »Kabale und Liebe« kam aus ihrem kleinen unnatürlich rosigen Mund wie die Hühnerknorpelchen, die sie ausspuckte und am Tellerrand ordnete.
Frau Kammholz kannte die Welt, wie sie sagte. Damit meinte sie die Menschen, vor allem uns.
Sie las alle Briefe, die wir bekamen, sie stand unseren Eltern gerade für unsere Moral. Wir durften nie alleine hinunter ins Dorf, männliche Besucher wurden abgewiesen, wie weit sie auch herbeigereist sein mochten. Es gab eine Reihe eherner Gesetze, die wir befolgen mussten und die in dem kleinen Heft standen, das wir mit unserer Schuluniform erhalten hatten. Darunter gab es Vorschriften, über die wir lachten oder grübelten. Man durfte nicht ohne Nachthemd schlafen, man durfte die kleinen Schülerinnen, die sich oft wie Kletten an die größeren Mädchen hängten, nicht umarmen oder im Schlafsaal besuchen. Wenn wir uns morgens im Waschraum einseiften, hatte eine Aufsichtsperson dabei zu sein. Das war meistens Frau Sperling, die kleine verwelkte Gymnastiklehrerin, die in einem blauen Trainingsanzug so rührend und atemlos auf den Holzplanken des Turnsaals hin und her sprang und ihr Tamburin über dem Kopf schüttelte. Sie hatte einen Mann zu ernähren, der Cellospieler war, Schüler eines berühmten Cellisten. Sein Besuch und das Konzert, das er uns dann geben wollte, wurden immer wieder versprochen. Sofie und ich waren nicht sehr gespannt auf ihn, er hieß zwar Igor, aber, so sagte Sofie mitleidig, »was kann die schon für einen Mann haben«.
Frau Kammholz spielte zur Morgenandacht die Querflöte. Sie stand breitbeinig, und ihre schwarz-weiße Dogge Alexander lag zu ihren Füßen und blickte ergeben zu ihr auf. Später sangen wir. Ich, die Augen auf den blonden, halb nackten Jesus gerichtet, der mit ausgebreiteten Armen lächelnd seine Wundmale zeigte. Sein üppiger Mantel stieg in einer schweren samtroten Spirale aus dem geöffneten Steinsarg empor, über dem er schwebte. Gepanzerte Soldaten krochen am Boden um ihn her und schützten ihre Augen mit metallenen Händen vor seinem Glanz. Ich sah sein vorstehendes Schlüsselbein, die schattige Kuhle darüber, seinen Bauchnabel, die aprikosenroten Ohren, über denen das gewellte Haar sich wie vom Wind getragen auffächerte.
Ich hatte dem Mann, der an einem Nachmittag bei uns läutete, um ein Lexikon zu verkaufen, erlaubt, die Hand auf meine Brust zu legen. Nicht gleich und auch nicht wirklich erlaubt. Ich hatte ihn hereingelassen, und er hatte sich einfach an unseren Tisch gesetzt. Er hielt mir einen langen Vortrag über die Bildung, dabei hatten seine Hände sehr schnell und geschickt in den schönen bronzebraunen Büchern geblättert, die er aus seiner Tasche holte. Seine Finger, schlanke, sehr lange Finger mit roten Knöcheln, wiesen auf katzenköpfige Göttinnen, schwebende Frauen in tiefblauen Kleidern, die Schlangen im Haar trugen. »Hier Diana, die von der Jagd ermüdet ins Wasser steigt, eine Quelle des Hellespont, beachten Sie die Kühnheit des Lichtes auf ihren nassen Schleiern«, rief er und spreizte die Finger über dem Buch.
Am Ende konnte ich ihn kaum noch unterscheiden von den Tritonen, die auf Muschelhörnern bliesen. Er führte mich hinaus zu seinem Auto, um mir einen Kunstdruck zu schenken. Er fand ihn nicht gleich im Wirrwarr der Papiere und Bücher auf dem Hintersitz. Später, ich weiß nicht, wie er darauf kam, wollte er mir zeigen, wie man ein Auto lenkt, dabei umfasste er mich, um mir zu helfen. Es schien ganz einfach, sein Gesicht war so nahe vor dem meinen, seine Augen waren so voller Spott und Fröhlichkeit, er brachte mich zum Lachen. Irgendwann lag seine warme Hand auf meiner Brust, ich bemerkte es kaum, denn sein Mund kam mir entgegen, und er sagte etwas wie »du bist wie eine Blume« oder »meine kleine Rose«, ich fand das in diesem Moment nicht übertrieben. Aber da trommelten schon die Fäuste meiner Mutter an die Scheibe. In diesem Jahr musste ich eine Klasse wiederholen, meine Mutter konnte sich plötzlich alles zusammenreimen, nachdem sie mich ertappt hatte. Sie riss die Autotür auf und zerrte mich heraus. Ich stand neben ihr auf der Straße. Der Mann stieg wieder ins Auto, nachdem sie ihm eine Ohrfeige gegeben hatte, sein Haar hing von dieser Ohrfeige wirr um den Kopf. Er strich es nicht zurecht, als er wegfuhr.
Sofie hatte ich das alles nicht erzählt, aber Frau Kammholz wusste davon, das fühlte ich, wenn ihre Augen auf meinem Sommerkleid ruhten, als nehme sie Maß. Ich hatte beschlossen, mich zu bessern. Aber im Geheimen plagte mich das Gefühl, dass etwas mit mir nicht stimmte. Es erschreckte mich, mit welcher Bereitwilligkeit ich dem Mann mit seinen pomadisierten Haaren ins Auto gefolgt war; harmlos, hatte mein Vater versucht, mich zu verteidigen, aber meine Mutter wusste Bescheid über mich. »So eine, die an den Zaun rennt, wenn die Soldaten vorbeimarschieren«, sagte sie. Vielleicht hatte sie Recht. Etwas in mir machte mir zu schaffen, eine versteckte Stelle, an der ich anfällig war, »gefährdet«, sagte Frau Kammholz, eine widerborstige Gier nach Männerblicken, Berührungen, Worten – eine schwermütige Ahnung von etwas Undeutlichem, Ungeheuerlichem, das auf mich wartete. Jesus lächelte mich an. Der weiße Kopf des Kirchenrats beugte sich über das Heilige Buch, er hob die Hand, um uns mit dem heutigen Segensspruch zu versehen. Am schlimmsten war, dass ich meine Verwirrung genoss.
Igor Sperling kam.
Die Küchenmädchen erzählten es Sofie, morgens, als sie die Aluminiumkanne mit Kaffee aus der Küche holte. »Ein Mann von Welt«, sagte eine, »ein richtiger Künstler«, sagte die andere.
Am Brett vor dem Sekretariat hing am Mittag ein Zettel. Da war zu lesen, dass Igor Cavalcanti ein Konzert geben würde. Igor Sperling musste einen Künstlernamen haben.
Frau Sperling hatte sich verändert. Ich begegnete ihr auf dem Gang zwischen den Holzwaben. Sie trug ein Tablett mit einem Teller unter einem Topfdeckel, einer Flasche Bier und einem Stück Kuchen. Kuchen gab es sonst nur sonntags. In dem engen Gang konnten wir nicht aneinander vorbeikommen und tänzelten eine Weile voreinander hin und her, dabei sah ich, dass Frau Sperling ein weißes ausgeschnittenes Kleid trug und dass ihre Augenlider glitzerten wie blaues Email. »Erschöpft«, flüsterte sie, »diese Hitze, ganz erschöpft. So eine Strapaze.« Ich wusste, sie sprach von ihm. Ich kannte ihr Zimmer neben den Duschräumen. Ich kannte ihr schmales Bett, auf dem eine Batikdecke lag.
Ich kannte die Zimmer aller Erzieherinnen: Frau Tomsons mit türkischen Vorhängen behängtes Refugium im Turm, das sparsam möblierte schlauchförmige Zugabteil, in dem Frau Hecke, die Mathematiklehrerin, an einem Klapptisch ihre Himmelskarten berechnete. In Herrn Röhls Zimmer neben dem Speiseraum bedeckten seine Bücher die Wände, lagen in Stapeln neben seinem Bett. »Ich bin keine Bibliothek«, sagte er mir, als ich sein Buch zurückbrachte und mich nach einem neuen umsah.
In der vergangenen Stunde hatten wir einen Text über eine Germanenschlacht Cäsars gelesen, ich konnte ihm ansehen, dass er militanter Stimmung war. Während er mit dem Lineal auf den Tisch trommelte, richtete er sich auf, spannte die Schultern und machte die Augen schmal, als suche er nach Feinden draußen zwischen den Blumenrabatten des Gartens. In den langen Pausen, wenn ich in einem Satz herumstocherte, pfiff er lautlose Märsche und schlug mit den Absätzen den Takt dazu.
»Die Frau als Erzieherin des Kriegers, ja, aber nur für kurze Zeit, nicht wirklich maßgeblich.« Herr Röhl war vom Text abgekommen. Wir saßen uns gegenüber an seinem kleinen Tisch. Die vergilbten Zeitungsausschnitte waren mit Stecknadeln zu Bündeln zusammengesteckt. »Die Frau aber auch als Zuflucht, als Kraftspenderin, als der heilige Ort, an dem …« Herr Röhl stand auf. »Warum fragen Sie das hier?« Ich hatte nichts gefragt. Er setzte sich.
»Zeus nähert sich Hera, der spröden Göttermutter, als durchnässter frierender Kuckuck, ein Tier, für das sie besondere Zuneigung empfand.« Er warf mir einen Blick zu, den ich nicht deuten konnte. Ich versuchte, nicht zu lachen.
»Er barg sich in ihrem Schoß, sie konnte ihn nicht abweisen. Zu tief war sein … er bedurfte ihrer … da, das meine ich, die Frau, auch in der griechischen Götterwelt als …«
»Und Diana?«
Herr Röhl musterte mich. »Artemis, Artemis, bei den Griechen – bitte! Jetzt noch einmal«, er beugte sich über das Buch und trommelte mit den Nägeln über der Nase an den Steg seiner Brille.
»Eine grausame Jungfrau … androgyn.« Er sah mich an. »Keine wirkliche Frau.« Ich wusste, er wollte weitersprechen, und ich hoffte, er werde das Buch aus dem Regal holen, wie er es schon manchmal getan hatte. Meine Augen gingen hinüber und suchten den hellblauen Buchrücken.
»Hier spielt die Musik«, rief Herr Röhl und schlug mit dem Heft auf den Tisch.
Sofie ließ sich auf mein Bett fallen, ich hatte es gegen alle Gebote schon am Tage heruntergeklappt und war damit beschäftigt, Niveacreme auf meine Beine zu reiben. Sofie lachte. Sie hatte sich vor Frau Sperlings Zimmer herumgedrückt und gehört, wie drinnen gesprochen wurde.
»Was?«, fragte ich nach einer Pause, denn es ärgerte mich, dass ich nicht selbst auf die Idee gekommen war zu lauschen.
»Er sagte: ›Vorsichtig, nein – da drunter mehr rüber, da, hast du ihn?‹« Sofie lachte. »Sie sagte: ›Der ist ja ganz zerdrückt, schau dir das an, den muss ich bügeln.‹« Sofie langte nach der Cremedose und setzte sich eine weiße Flocke auf die Nase. »Dann kam sie raus und trug ein Stück Stoff in der Hand wie eine tote Ratte, rot, sag ich dir, so ein ganz gemeines Rot.«
Am Abend, in dem mit Stühlen voll gestellten Turnsaal, sahen Sofie und ich das gemeine Rot sofort. Es war ein breiter Tuchstreifen, der um seine Taille gebunden war. Er trug eine schwarze Hose mit aufgenähten Litzen wie bei einer Frackhose und ein weißes Hemd. Er sah sehr klein aus zwischen dem Stuhl und dem großen rotbraunen bauchigen Instrument, das er am Hals gefasst hielt. Sein Haar, schwarz und gekräuselt, formte einen Helm, der über der Stirn zu hoch aufstand, als wäre er etwas zu eng und säße nicht richtig auf dem Kopf. Das Gesicht mit der ragenden und über dem Mund breiten Nase schien zu rosig für dieses kohlschwarze Haar. Als er lächelte, schüchtern und langsam, ehe er sich verneigte, glitzerte in seinen schwarzen Augen etwas wie ein heimlicher Triumph auf. Die eingekerbten Linien von der Nase zum Kinn an beiden Seiten des Mundes gaben ihm, als er sich nun setzte und mit geschlossenen Augen das Gesicht zur Decke hob, einen wehmütigen Zug, als bereite er sich auf kommendes Leid vor.
Ich weiß nicht mehr, was er spielte. Wenn er dabei litt, so genoss er dieses Leid. Das dunkle Instrument zwischen seinen Knien gehörte plötzlich zu ihm und bewegte sich mit ihm. Er hielt es im Arm. Er brauchte nicht hinzusehen, seine Hände wussten, was zu tun war, die eine, die den Bogen führte, zärtlich, so schien es mir, und ehrfürchtig, zählte auf die andere, die am Hals des Instruments auf- und abstieg, innehielt und weitersprang wie eine behände Spinne. »Wie ein Stierkämpfer«, hatte Sofie geflüstert, als er eintrat. »Wie ein Kellner im Grandhotel«, hatte ich erwidert. Er wiegte sich, oder wiegte er den hölzernen Körper des Cellos hin und her? Sein Gesicht glänzte vor Schweiß, er reckte das Kinn und wendete es leise hierhin und dorthin, die Augen halb geschlossen. Seine Lippen pressten sich zusammen oder entspannten sich und wölbten sich der Luft über ihm entgegen, die zitterte vom Licht der Kerzen in dem großen Leuchter, der neben ihm stand. Dunkle Flecken breiteten sich auf der Brust seines hellen Hemdes aus. Einmal rutschte der Stift des Cellos in ein Astloch, und der Jammerlaut, der in der ersten Reihe aus Frau Sperlings Kehle stieg, mischte sich mit dem quälenden Misston des Instruments. Aber keiner lachte. Nur er lächelte kurz und nachlässig, fast ohne die Wimpern zu öffnen, und weiter ging’s.
Seine Haare hatten sich aus ihrer starren Helmform befreit, ringelten sich zu Büscheln über seinen Ohren, fielen ihm in die Stirn und klebten an seinen Backen.
Es machte mich verlegen, ihn zu beobachten. Die Musik, nicht laut, aber eindringlich und lockend, zerrte an mir wie ein lauer Wind. Mir war, als beobachte ich einen Menschen, der sich allein glaubt, jemanden, der sehr glücklich, sehr traurig oder sehr krank ist und sich unter diesem Gefühl windet, verteidigt, nachgibt, glaubt, die Oberhand zu gewinnen, sich neu verliert und hingibt, forttreiben lässt, die Besinnung verliert, sich auflöst. Durfte man dabei zuschauen?
Ich versuchte, mich auf die Musik zu konzentrieren, zuzuhören und mich zu entspannen, aber eigenartige Bilder schossen durch meinen Kopf, ich konnte sie am ganzen Körper spüren, wie Hände. Ich schloss die Augen. Diana trat aus den Büschen, die Hunde sprangen um ihre Beine.
»Eine Frau könnte er sicher nicht zärtlicher behandeln«, zischte Sofie mir in der Pause zu. Ich hasste sie dafür, aber an dem besorgten, hohlwangigen Affengesicht, das sich mir zuwandte, konnte ich erkennen, dass auch sie mitgenommen war.
Frau Sperling stand nach einer Weile auf und wandte sich taumelnd zu uns um. Sie hatte geweint. Dann folgte sie ihm durch die hohe Flügeltür in den Gang hinaus. Er brauchte ein frisches Hemd, das wussten wir von den Mädchen aus der Waschküche.
»Das sind Ekstasen, die ein gewöhnlicher Mensch sich gar nicht vorstellen kann«, sagte Frau Sperling und sammelte die blauen Gummibälle in eine Pappkiste. Wir standen um sie herum in unseren Turnanzügen und schwitzten, aber sie wollte nicht weiter über ihren Mann sprechen, sondern hielt uns einen Vortrag darüber, dass der Mensch die Kunst hätte, um die fürchterliche Wahrheit des Lebens zu ertragen. »Das ist Nietzsche«, sagte Sofie unter der Dusche. »Manchmal hab ich das Gefühl, die bringen es fertig, einem hier alles zu verderben.«
Herr Cavalcanti zog mit seiner Frau in zwei Zimmer hinter der Spülküche. Nur kurz, versprach uns Frau Sperling. Ihr Mann brauche etwas Entspannung, sagte sie, er könne Spaziergänge machen und etwas reine Luft atmen.
Frau Immrich, die Köchin, erzählte zwar, er habe keine Bleibe mehr und müsse nun ausgerechnet hier unterkriechen. Sie hielt die Suppenterrine fest, ohne sie mir zu geben. »Etwas ist da faul«, sagte sie und betrachtete mich ausdruckslos mit ihren hellen Gänseaugen. »Was ist mit ihm?«, fragte ich, aber ohne große Neugier. Frau Immrich entdeckte fast jede Woche irgendwelche krankhaften Züge an Schülerinnen, die sie nicht mochte und von denen sie sich einbildete, sie beklagten sich heimlich über ihre Küche.
Frau Kammholz hatte angedeutet, er werde vielleicht Cellostunden geben, gegen ein Aufgeld, versteht sich, über das mit den Eltern verhandelt werden müsse.
»Man riecht es bis in die Küche, diese Zigarren oder was der raucht«, sagte Frau Immrich und gab endlich die Terrine frei. »Der riecht … wie sag ich’s … wie …«, aber sie fand das Wort nicht, und ich trug die Suppe aus der Küche.
Sofie machte ein hochmütiges Gesicht und fand es nicht so aufregend, dass man Herrn Sperling nun eigentlich zu jeder Minute auf dem Gang begegnen konnte. »Er spielt brav. Ich habe das schon besser gehört, der Schumann war mittelmäßig.« Als sie meinen Blick auffing, fuhr sie sich ins Haar und raunte »und so übertrieben!«, und doch wusch sie diese Haare jetzt jeden zweiten Tag und steckte Spangen hinein, auf denen sie alte Papierblumen vom Müttergenesungswerk festmachte.
»Was ist er für ein Tier?«, fragte ich, ohne Sofie anzusehen. Sie dachte nach, das wunderte mich und beruhigte mich. Mir fiel auch kein Tier ein, das Herrn Sperling glich. Ich musste ihn näher betrachten.
Aber es war nicht leicht, Herrn Sperling zu begegnen, und er kam auch nicht zum Essen in den Speisesaal. Manchmal sah ich ihn, aus dem Fenster drüben hinterm Haus, in dem Buchengehölz herumgehen, die Hände in den Hosentaschen, ein flatterndes Tuch um den Hals.
»Seine Hände sind kostbare Werkzeuge«, sagte Frau Sperling und wickelte sich ein Handtuch ums Haar. »An Skifahren und sonstigen Sport ist nicht zu denken, man muss seine Hände behüten, undenkbar, wenn er stürzen und sich verletzen würde, wie das bei Possowski passiert ist vor drei Jahren.« Auch Sofie kannte Possowski nicht.
Frau Hecke stand vor der Tafel, die Arme ausgebreitet. Es war ein heißer Tag, und die braunen Flecken auf ihrer blassen Stirn leuchteten wie aufgemalt. Sie zitterte mit dem Kopf vor Anstrengung. Ihre ausgebreiteten Arme mit den erhobenen Fäusten stellten Mond und Erde dar, sie kreisten um den grauen Kopf, die Sonne. Fliegen summten am Fenster.
Draußen sah ich Herrn Sperling über den Hof gehen, er hatte sich eine Geranie angesteckt, und seine Haare waren mit Wasser gekämmt und kräuselten sich eng am Kopf. Sofie wandte sich zu mir um, und unsere Blicke trafen sich, wir lachten nicht.
Die Tage vergingen, ohne dass wir viel von Herrn Sperling zu sehen bekamen.
Am Nachmittag während der Lernzeit übte Herr Sperling manchmal auf seinem Cello. Er saß allein auf einem Stuhl im leeren Turnsaal, in dem auch unsere Morgenandachten abgehalten wurden. Er hatte den Stuhl ans Fenster gerückt und schaute hinaus, während er spielte. Ich war unterwegs zu einer Nachhilfestunde in Latein und hatte den Umweg über den Turnsaal gewählt, um Herrn Sperling zu sehen. In der Lernzeit durfte man nicht im Haus herumgehen, und wenn, dann nur mit gutem Grund. An der Tür hatte ich zwei der kleineren Mädchen getroffen, die am Türblatt lehnten. Die eine schluchzte und die andere hielt sie umarmt. »Was macht ihr hier?«, fragte ich. »Er spielt so schön, ich kann es nicht aushalten.« Das weinende Mädchen schluckte und würgte übertrieben, am liebsten hätte ich ihr eine Ohrfeige gegeben. Ich machte die Tür zum Turnsaal auf, sah hinein. Herr Sperling auf seinem Stuhl am anderen Ende des großen Raumes wirkte klein im Sonnenfleck des Fensters. Wie ein aufgerichteter Waran, hätte Sofie gefunden.