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ISBN 978-3-8333-0355-5
© Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 1985
© Berlin Verlag in der Piper Verlag GmbH, München 2006
Covergestaltung: Nina Rothfos und Patrick Gabler, Hamburg
Covermotiv: Gemälde »Triglion« (1926) von Christian Schad © Christian Schad Stiftung Aschaffenburg/VG Bild-Kunst, Bonn 2006
Datenkonvertierung: abavo GmbH, Buchloe
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Amo las cosas que nunca tuve
con las otras que ya no tengo.
Ich liebe die Dinge, die ich nie hatte,
in den Dingen, die ich nicht mehr habe.
Nach den langen Regentagen kamen hellgrüne Spitzchen unter den Grasbüscheln vom letzten Jahr hervor. Die Ahornbäume aus der Baumschule sahen aus wie biegsame Stöcke, die in einem runden Rupfenkissen mit Erdreich steckten. Die hellroten Himbeerruten erkannte Teresa an ihren Stacheln, daneben lagen die geheimnisvollen Knollen der Iris, die dunkellila Tulpenzwiebeln und ein mit Draht verschnürter Torfballen. Im großen Erdhaufen neben dem Hühnerstall krochen Regenwürmer herum, als Teresa eine Kiste mit Setzlingen aufhob. Sie besah die grünen glänzenden Blättchen, eins neben dem anderen, wie eine winzige Plantage.
Der Gärtnerbursche kam aus dem Schuppen und ging mit geschultertem Spaten über die Wiese. Er grub am Zaun Löcher für die Himbeeren.
Teresa hatte ihn aus ihrem Schlafzimmerfenster beobachtet. Er warf die Steine, die er aus der Erde klaubte, so flink und fröhlich über den Zaun, als spiele er mit ihnen. Er war ganz anders als der alte Gärtner Ignaz, der immer müde aussah. Ignaz, der in seinen Gummistiefeln neben Teresas Vater schwerfällig durch den Garten gegangen war, als noch Schnee lag, und von Blumen gesprochen hatte, von denen Teresa noch nie gehört hatte. »Rudbeckia, gelbe Sterne mit schwarzem Auge, eine Margeritensorte, Ola Cola, die gelbe Iris, Adonisröschen und Ochsenzunge«, sagte er, hob etwas Erde auf und zerrieb sie zwischen den Fingern wie ein Gewürz. »Für Obstbäume ist es hier nicht einfach, die Kiesschicht kommt dicht unter der Humusschicht, wir müssen Buschbäume nehmen. Gute Birnen werden wir hier nicht bekommen, aber Apfel.« Teresas Vater sprach vom Rasen, und der alte Gärtner hatte gelächelt und gesagt: »Der muß ganz neu angelegt werden. Ich besorge Grassamen.«
Teresa bekam im hinteren Teil des Gartens ein kleines Stück Land neben den Gemüsebeeten. Sie grub es um und riß die Queckenwurzeln, die das Erdreich wie zähe Fasern durchzogen, heraus. Dann legte sie die kleinen bunten Kacheln um das feuchte dunkle Rechteck herum. Die hatte ihr Onkel Olaf geschenkt, er war Vertreter für eine Firma, die Badezimmer ausstaffierte. Keine Kachel glich der anderen, manche sahen aus wie Knäckebrote, auf denen Honig und Butter vermischt waren, andere wie ein Stückchen blauer Himmel mit Wolken drauf.
»Was kommt in deinen Garten?« fragte der Gärtnerbursche.
Teresa hockte auf dem Boden und wischte mit den Fingern die Platten sauber, auf denen der Regen vom Vortag eine dünne Staubkruste zurückgelassen hatte.
»Blumen«, sagte sie und sah zu dem Mann auf, der mit seinen schweren genagelten Schuhen behutsam zwischen den aufgeschütteten Erdrabatten hin und her ging. »Was für Blumen?« Er zupfte an seinem Hemdkragen. »Das verrat ich nicht«, sagte Teresa, weil ihr keine Blume einfiel.
Mittags aß er in der Küche.
Teresa mußte ihn rufen, und er kam nicht gleich, sondern spuckte noch einmal in die Hände und stach ein paar fettige Erdscheiben ab. »Warum tust du das?« fragte Teresa. Der Mann schaute sie an, als hätte sie ihn etwas Schwieriges gefragt, und er müsse sich die Antwort gründlich überlegen. Teresa gefiel sein schwarzes Haar, das über der Nase mit einer Spitze tief in die Stirne wuchs. Seine Brauen waren dicht und liefen wie ein schwarzer Balken ohne Unterbrechung über die Nasenwurzel hin. Erdkrumen hingen darin. »Was?« sagte der Mann und steckte den Spaten mit einem Ruck ins Erdreich.
»Du spuckst in die Hand.« Teresa sah, wie er den Kopf zur Seite drehte und über die Beete schaute.
»Damit ich nicht rutsche, mit den Händen am Holz«, sagte er langsam. »Sag deiner Mutter, ich komme gleich.«
Teresa wußte, daß er sich an der Tonne die Hände und das Gesicht wusch, ehe er in die Küche kam. Auch seine Schuhe zog er aus. Das hatte der alte Gärtner nicht getan. Teresas Mutter war verblüfft vor den Erdsternen gestanden, die seine Sohlen auf dem Teppich im Wohnzimmer hinterlassen hatten.
»Der Walter ist noch ein Bub«, sagte Teresas Mutter in der Küche und reichte Teresa einen Teller mit Gemüse und einer Scheibe Leberkäse. Teresa stellte ihn auf den Tisch neben das Bierglas. »Du darfst ihm nicht so zuschaun beim Essen, ich glaube, du machst ihn verlegen.« Teresa strich sich mit ihren beiden Zöpfen abwechselnd über die Nase und setzte sich auf den Küchenhocker neben dem Herd.
Wenn er in der Küche saß, gefiel er ihr nicht so gut wie im Garten. Er machte ein dümmliches Gesicht, wenn ihre Mutter mit ihm sprach, und nannte sie immer Frau Demmler, viel öfter als andere Leute nannte er sie so. »Es schmeckt sehr gut, Frau Demmler, ja ich bin fertig mit den Stiefmütterchen, Frau Demmler, danke, Frau Demmler.« Es war, als fühle er sich nur im Garten wohl, und in der Küche wurden seine Bewegungen linkisch. Einmal hatte er sogar mit dem Daumen ein Fleischstück auf den Löffel geschoben. »Ich schau ihm nicht beim Essen zu, ich will nur sehen, wie er sich bekreuzigt«, sagte Teresa.
»Tut man das da, wo du herkommst?« hatte sie ihn einmal gefragt, als er sich die Stirn berührte und dann die Finger küßte.
»Tust du das nie?«
»Nein«, sagte Teresa, »aber es ist lustig, zeig es mir.« Aber er hatte das Brot langsam in die Suppe getaucht und sie nicht angesehen.
Walter war kleiner als Teresas Vater, aber Teresa kam er ziemlich alt vor. Er trank Bier aus der Flasche und wischte sich den Mund mit dem Handrücken ab. Er arbeitete den ganzen Tag, ohne sich zu beklagen und ohne zu Teresa herüberzusehen, wenn sie an der Hauswand Ball spielte und wartete, daß er mitspielen würde. Nur einmal!
Ich bin ein Student
Ich wasch mir die Händ
Ich trockne sie ab
Ich steck sie in Sack.
Dazwischen mußte man in die Hände klatschen, die Bewegungen vom Händewaschen und Abtrocknen nachahmen und schließlich die Hände in die Schürzentaschen stecken, ohne danach den Ball zu verfehlen. Teresa konnte das sehr gut. Wer weiß, wie er dabei abgeschnitten hätte.
»Er ist nur zehn Jahre älter als du, Teresa, und arbeitet wie ein Mann.« Teresas Vater ließ keine Gelegenheit aus, um ihr zu verstehen zu geben, wie gut sie es hatte.
»Aber ich hole doch auch Schafmist von den Wiesen und leere die Aschentonne aus.« Teresa kamen zehn Jahre vor wie eine unendlich lange Zeit. So lange lebte sie noch gar nicht. Ihr Vater streichelte ihr den Kopf und lachte. »Hol das Salz aus der Küche«, sagte er. »Ein fescher Bursche ist dieser Walter, nur sehr verschlossen.«
»Aber so höflich und so angenehm«, sagte Teresas Mutter und rührte im Gulasch. Teresa mochte es nicht, wenn sie so über Walter sprachen, aber sie wußte nicht genau, warum. Sie sprachen von ihm genauso wie von der neuen silbernen Teekanne, die so gut gießen konnte.
Walter hatte Teresas Mutter von dem Bauernhof seiner Eltern erzählt. Er liege auf einem Hügel, wie ein Vogelnest, hatte er gesagt, und seine Mutter stehe auf, wenn es noch dunkel sei, um die Tiere zu füttern. Nein, er wollte nicht Bauer werden. Es war so einsam auf dem Hof, man traf selten einen anderen Menschen, er wollte in die Stadt, und für Pflanzen habe er eine gute Hand, schon als Kind habe er den Garten der Mutter gepflegt. »Was wuchs da?« fragte Teresa. »Schnittlauch und Petersilie, Zwiebeln und Rüben«, sagte Walter und bekreuzigte sich schnell. Er schloß dabei kurz die Augen, und Teresa gefiel es gut, daß dabei am unteren Rand der Augen ein weißer glitzernder Streifen zwischen den Wimpern zu sehen war. Ob er auch, wenn er schlief, die Augen nicht ganz schloß?
»Und jetzt, wenn du weg bist, wer pflegt da den Garten?« Er hob die Schultern.
Als Teresa aus der Schule kam, ging sie sofort in den Garten hinaus, um nach Walter zu suchen. Sie zeigte ihm die beiden bunten Tütchen mit gemischten Blumensamen, die sie gekauft hatte.
»Das ist nichts wert«, sagte er. Schweißtropfen standen auf seiner Brust. Sein Pullover hing über dem Zaun.
»Schau doch die schönen Blumen auf dem Bild!« Teresa konnte ihn riechen, er roch wie der Hase, den Teresa im letzten Jahr in einem Körbchen gepflegt hatte, bis er gesund war und weglief. Das hatte jedenfalls Teresas Mutter gesagt, als Teresa über das leere Heunest weinte und die kleine Fellflocke an die Backe hielt, die dort zurückgeblieben war.
»Ach, das machen sie einfach drauf, damit die Leute das kaufen.« Er kratzte sich und hinterließ eine braune Spur auf seiner hellen Schulter.
»Du hast dich schmutzig gemacht«, sagte Teresa feindselig, weil er ihre Blumensamen nicht mochte. Der kleine Hase hatte einen warmen Geruch gehabt, nach Klee und Fell. Walter drehte den Kopf zur Seite und rieb sein Kinn an der erdigen Schulter.
»Erde ist kein Schmutz«, sagte er. »Ich bring dir ein paar Pflänzchen aus der Gärtnerei.«
Teresa zog mit einem Stock Furchen in ihr Beet, bohrte mit dem Finger Löcher hinein und legte in jedes Loch einen Samenkern. Manche Samen waren so klein, daß sie mehrere in ein Loch steckte.
»Gut machst du das, Teresa«, rief Walter herüber und wickelte Bast auf seinem Arm auf. »Wirst du ein Gärtner werden, wenn du groß bist?«
»Vielleicht.« Teresa klopfte die Erde über den Rillen glatt. Sie wußte, daß sie kein Gärtner werden wollte, aber das sagte sie ihm nicht, vielleicht hätte es ihn gekränkt.
»Ein Obstbaum soll dir gehören«, sagte Teresas Vater, »such dir einen aus.«
An den Bäumchen mit ihren glatten Blättern hingen Papierzettel, auf denen ihr Name stand. Teresa wählte einen schönen Namen aus. »Er soll neben meinem Beet stehen«, sagte sie zu Walter.
»Du weißt ja, wo der Spaten steht«, sagte er. »Grab ein Loch, ich komme dann und schau nach, ob’s tief genug ist.« Der belustigte Blick, den er ihrem Vater zuwarf, machte Teresa ungeduldig.
»Kann sie das?« fragte Teresas Vater, und Walter senkte den Kopf, daß sein schwarzes Haar über sein Gesicht rutschte.
»Teresa ist eine gute Gärtnerin«, sagte er und lächelte mit abgewandtem Gesicht.
»Da hörst du’s.« Teresa sprang an ihrem Vater hoch und umarmte ihn. Eigentlich hätte sie gerne Walter umarmt.
Einmal hatte sie ihn schon umarmt. Sie hatte geprahlt, daß sie ihn hochheben könnte, und er hatte die Arme ausgebreitet und sich breitbeinig hingestellt, als verankere er sich mit seinen Nagelschuhen in der Erde.
Teresa hatte die Arme um ihn gelegt. Sie reichte ihm bis zur Achsel. Sie hatte ihr Gesicht an seine Brust gedrückt und die Arme um ihn gelegt. Unter den Händen hatte sie den rauhen Stoff seiner Arbeitshose gespürt. Die zog er abends im Schuppen aus, um die saubere Hose anzuziehen, die er ordentlich zusammengelegt über die Sprossen der Leiter hängte, wenn er morgens kam. Teresa wollte zusehen, wenn er sich umzog, aber das erlaubte er ihr nicht.
Walter häufte lockere Erde um die Wurzeln der Johannisbüsche. Er machte einen kleinen Graben um jeden Busch und stampfte ihn fest. Teresa goß mit der Gießkanne Wasser in den kleinen Graben. Wie vorsichtig und geschickt er die Stiefmütterchen in den großen irdenen Topf setzte, eins neben das andere, wie sanft er die Erde fest drückte, seine großen Hände hantierten zwischen den blauen Blumengesichtern. Er verletzte keine einzige. Sie schauten ihm alle zufrieden zu. Er machte es ihnen schön in dem fremden Topf. Dort wollten sie bleiben. Später steckte Teresa ihr Gesicht zwischen die samtigen Blütenblätter und küßte sie.
»Fällt Teresa Ihnen lästig?« hatte Teresas Mutter Walter am Abend gefragt. Er saß schon in sauberen Sachen und mit feuchtem gescheiteltem Haar in der Küche und aß einen Teller Suppe. Er sah Teresas Mutter an, wie Teresa es schon kannte, nachdenklich, als müßten seine Augen sich erst langsam, während er nachdachte, an den Anblick des Fragenden gewöhnen. Dann senkte er den Kopf und schüttelte ihn, daß ein paar feuchte Strähnen aus der schon vom Kamm geriffelten Haarkappe herausrutschten und über seiner Stirn abstanden wie die Fühler eines Käfers. »Nein«, sagte er. »Teresa versteht die Pflanzen. Nein.« Teresa, die sich bei der Frage ihrer Mutter in die Hand gebissen hatte, sah, daß er rot wurde, und sie fühlte ein seltsames Ziehen in ihrem Magen. Aber als sie sich ein Leberwurstbrot gestrichen hatte, konnte sie es nicht essen.
»Er ist so geduldig mit Teresa«, sagte Teresas Mutter am Abend. Teresas Vater, der in der Zeitung las, schaute sie verständnislos über seine Brille an. »Er ist ein reizender Mensch.« Teresas Mutter betrachtete ihre Tochter mit einem zärtlichen Blick, wer gut zu Teresa war, hatte auch ihre Zuneigung.
»Ach, der Gärtnerbursche«, sagte Teresas Vater und faltete umständlich die Zeitung zusammen. »Der gefällt euch beiden besser als der alte Ignaz, was?« Er lachte. Ignaz hatte einen Kropf und erzählte Teresas Mutter immer von seiner zänkischen Frau. »Er ist ein Bauernbub aus St. Ottilien«, sagte Teresas Mutter nachdenklich. Was wußten sie schon von Walter? Teresa schloß die Augen und sah Walter auf einem Pferd durch einen Fluß reiten, das Wasser spritzte hoch um ihn auf. Er trug einen roten Rock, wie ihn Teresa an den jungen Männern in einem Buch gesehen hatte, die eine goldene Münze oder ein hohes Glas in den Händen hielten und ebenso unbeteiligt den Kopf zur Seite wandten wie Walter, wenn man ihn etwas fragte.
Sie wußte nicht, warum sie so verlegen wurde, wenn sie daran dachte. Sie mußte die Zähne zusammenbeißen bei diesem Gefühl. Sie hatte ihn nicht hochheben können. Wie fest sie die Arme um ihn geschlungen hatte, wie sie an ihm gezerrt und geschüttelt hatte, keinen Millimeter hatte sie ihn vom Boden heben können, und er hatte gelächelt über ihr, sein Kopf in der blauen Luft, seine Lippen blaßrot und gekräuselt wie eine seltene Gartenschnecke.
Teresa kämpfte mit den Schnecken, sie zogen silbrige Bänder über die Kacheln um ihr Beet, sie hockten wie braune Pilze im Erdreich und klebten an den winzigen Pflänzchen. Sie waren braun, manche hatten einen orangen geriffelten Rand. Sie konnte sie nicht töten, aber sie sammelte sie in einem Schuhkarton und fuhr mit dem Fahrrad abends zum Fluß, um sie dort unter die Weidenbüsche zu schütteln.
Walter hatte sich losgemacht und sie hochgehoben, so leicht, als wöge sie nicht mehr als das Knäuel von Bastfäden, mit denen er die Himbeerpflanzen an den Draht band. Er hatte sie hochgehoben, hoch über seinen Kopf, obwohl sie die Luft anhielt und ein böses Gesicht machte.
Teresa, die geglaubt hatte, sie wäre stark, fühlte sich gekränkt von der Leichtigkeit, mit der er sie hochgehoben hatte. Sie hatte seine harte Brust gefühlt, seine unnachgiebigen Arme, die nicht besonders kräftig aussahen, wenn sie aus den aufgekrempelten Hemdsärmeln kamen, abends, wenn er im Licht der Küchenlampe über seinen Teller gebeugt saß. Als er sie hochhob, hatte er sich nicht wie ein Mensch aus Fleisch und Blut angefühlt, sondern wie ein zäher Ledersack, wie der Ledersack, gegen den der Vater boxte und der in seinem Ankleidezimmer von der Decke hing.
Teresa zog ihre beiden Puppen, Lulu und Dede, warm an und trug sie in den Garten, sie setzte sie in ihr Beet. Sie hatte an einer Ecke einen kleinen künstlichen See aus Kacheln gemacht, aber jeden Morgen war das Wasser versickert, und Teresa mußte ihn neu mit der Gießkanne füllen, ehe sie um zehn zur Schule ging.
Lulu wollte nicht auf der Erde sitzen, und Teresa machte ihr ein Kissen aus altem Gras. Dede starrte mit ihren blauen Augen verzückt auf den roten Zelluloidfisch, der im Wasser schwamm. Teresa wollte Froschlaich aus dem See im Wald holen und eine Froschfamilie in ihrem See aufziehen, aber das Wasser versickerte in der Erde, und die Mutter versprach ihr einen alten Topf, den sie eingraben konnte. Teresa wußte nicht, ob ihr das gefallen würde. Einen kreisrunden See gab es nicht, und in der Tonne durften keine Frösche leben, hatte ihr Vater gesagt.
Teresa nahm einen Apfel und legte ihn auf ein Tablett, sie dachte nach, nahm noch einen Apfel und legte ein Messer dazu, daneben stellte sie einen Unterteller mit Erdbeermarmelade, überlegte, ob sie auch Gläser mit Milch dazustellen sollte. Sie kam davon ab, als sie sich das Tablett in den Garten hinaustragen sah.
Draußen riß ein kühler Wind an den Geranien in ihren Töpfen, und die frisch gepflanzten Rosen neben der Terrasse bogen sich.
Sie konnte Walter nicht sehen, aber sie hörte ihn singen, der Wind trug Fetzen einer Melodie herüber. Als sie nach ihm rief, tauchte er hinter den beiden Birken auf, die am Zaun standen. Er kam durch den Garten, machte einen Bogen um das frisch gesäte Stück Rasen und blieb, die schwarzen Brauen fragend erhoben, ein paar Meter vor Teresa stehen.
»Wir wollen Picknick machen«, sagte Teresa und ließ die Äpfel auf dem Tablett hin und her rollen.
»Es ist noch nicht Brotzeit«, sagte Walter und streckte sich. Er trug ein blaues verblichenes Hemd, Schweißflecken färbten den Stoff unter den Armen dunkel.
»Nur einen Apfel«, sagte Teresa und trug das Tablett vor sich her.
»Dein Vater bezahlt mich nicht fürs Faulenzen«, Walters Haare bewegten sich im Wind.
»Wo sollen wir uns hinsetzen?« Teresa gefiel nicht, was er sagte. Sie glaubte nicht, daß ihr Vater Walter keine kleine Pause gönnen würde.
Sie hockten sich an die Holzwand des Hühnerstalls, die nach Carbolineum roch, mit dem Teresas Vater sie vor ein paar Tagen gestrichen hatte.
»Wo ist deine Mutter?« fragte Walter. Er sah zu, wie Teresa die Äpfel schälte. »Dünner mußt du sie schälen, du schneidest ja die Hälfte weg.« Er streckte die Hand nach dem Messer aus, aber Teresa gab es ihm nicht.
»Mama ist nicht da, ich weiß nicht, wo sie ist.« Teresa strich Marmelade auf einen Apfelschnitz und hielt ihn Walter hin. Er besah ihn, schielte dabei und nahm ihn schließlich entgegen.
»Wirst du später eine Gärtnerei haben, mit einem großen Glashaus, wie der Ignaz?« fragte Teresa. Walter kaute und senkte die Augen. Teresa beobachtete ihn. »Ich bin gerne in dem Glashaus, es riecht so gut dort, und vielleicht kann man darin auch wohnen. Stell dir vor, wenn es draußen regnet und blitzt, und man sieht alles, während man im Bett liegt.«
»Ich will keine Gärtnerei«. Walter sah Teresa an. »Ich will mir ausdenken, wie ein Garten sein soll, wo die Bäume stehen sollen und wo die Sträucher hinkommen und welche Blumen zusammenpassen, verstehst du. Es ist schon recht, wie Ignaz die Blumen auf eurem Beet vor dem großen Fenster haben will, aber er macht es immer so in gelb und braun und mit ein bißchen blau am Rand, der Rittersporn.«
Walter schaute hinüber, als sähe er die Blumen. Seine Augen waren sehr dunkel, vielleicht war er böse.
»Wie würdest du’s denn machen?« fragte Teresa schnell.
»Ganz anders. So blau und so verschieden hoch, wie Wasser, mit azurblauer Veronika, die über die Terrasse herunterhängt und sich bewegt, wenn der Wind … Es müßten verschieden hohe Büsche und Polster sein, blauer Mohn, Amethyst-Flamme, königsblaue Schwertlilien, und wenn der Wind darüber weht … Man müßte auch was hören, schöne Töne, ich habe gelesen, es gibt Instrumente, die heißen Windharfen, das müssen Drähte sein oder Glocken, ich weiß nicht … Die Japaner machen mit Wasser Musik in ihren Gärten, Wasser, das auf Bambusrohre hinunterläuft und dann die Bambusrohre zum Schwingen bringt, das habe ich gelesen.« So hatte Teresa ihn noch nie sprechen hören, sie wagte nichts zu sagen. Sie konnte sich das blaue Beet gut vorstellen und sah sich in einer Hängematte liegen, in einem blauen Kleid, und zu den Klängen der Windharfen leise hin und her schweben. Sie hatte offenes Haar und war älter als jetzt und sehr schön. Sie kratzte die drei roten Stiche an ihrem Bein.
Walter schob ihre Hand weg und besah die roten zerkratzten Hautstellen. Er drückte den Daumennagel in die Schwellung. Er preßte den Nagel zweimal fest in die Haut und hinterließ zwei kleine gekreuzte Rillen, und wirklich, sie hörten auf zu jucken, es schmerzte ein wenig, wenn er den Daumennagel ansetzte.
»Leck dran.« Teresa hob ihm das Bein entgegen. Einen Moment fühlte sie seinen warmen Atem auf ihrer Wade, dann stieß er das Bein weg und schüttelte den Kopf. »Du bist mir eine«, sagte er, und als Teresa ihm einen Stoß gab, um ihn umzuwerfen, sprang er behende auf und ging mit langen Schritten in seiner ausgebeulten Hose am Zaun entlang davon. Teresa wollte ihm nachlaufen und ihn festhalten, aber sie wußte, daß er sie hochheben und beiseite stellen konnte, ohne sich anzustrengen. Sie aß die Apfelschalen auf und wischte mit den Fingern den Rest der Marmelade vom Teller. Wenn ich groß bin, soll er mir meinen Garten machen, dachte Teresa.
Sie sprang über die Schnur, die am Rand der Terrasse gespannt war, zwei Handbreit über den Boden, damit das Beet gerade wurde. Walter legte einen Weg aus grauen Platten durch das aufgelockerte Erdreich. Jede lag einen kurzen Schritt von der nächsten entfernt.
Teresa hüpfte von einer Platte zur anderen. Sie bewegten sich und federten, wenn man auf ihnen landete.
»Verschieb sie nicht, Teresa.« Walter betrachtete den halbfertigen Weg mit zur Seite gewandtem Kopf.
»Wir sind im Wasser«, rief Teresa, »das Wasser ist tief. Man muß auf die Hupfsteine treten, sonst ertrinkt man. Paß auf! Paß auf! Du wirst weggeschwemmt!« Sie reckte sich soweit es ging zu ihm hinüber, ohne die Füße von der Platte zu setzen, auf der sie stand. Sie streckte die Arme nach ihm aus.
»Schnell, ich zieh dich raus«, schrie sie. Walter legte die Platte, die er mit beiden Händen trug, vorsichtig an die Stelle, an der er einen Strich in die Erde gezogen hatte.
»Heut spinnst du wieder.« Er blies sich von unten mit vorgestreckter Unterlippe das Haar aus der Stirn.
Für Walters Marmeladebrot, das Teresas Mutter am Nachmittag auf einen Teller legte und Teresa reichte, nahm sie drei der kleinsten und zartesten Schnecken aus dem Schuhkarton und schob mit dem Finger Marmelade über sie. Sie sahen aus wie die schlaffen getupften Beeren, die im roten klebrigen Sirup lagen.
Sie riß sich ein Haar aus und spannte es quer über das Brot.
Walter aß das Brot und die Schnecken. Er lehnte an der Hauswand. Seine Zähne rissen gezackte Stücke aus der dicken Brotrinde. Als er zu kauen aufhörte und mit den Fingern nach etwas auf seiner Lippe suchte, wußte Teresa, daß er an das Haar gekommen war.
Sie lief zufrieden ins Haus.
Der Rasen war ausgesät und die Erde glatt gestampft. Teresa hatte eine Vogelscheuche gemacht: eine unförmige Gestalt aus einem alten Regenmantel, den sie mit Heu ausgestopft hatte. Über dem Stoffgesicht mit den wilden rotgemalten Augen saß ein Hut mit einer Feder. Sogar Teresa war die Gestalt unheimlich, wenn sie abends aus dem Fenster sah, aber die Vögel kümmerten sich nicht um sie, sondern saßen auf ihren ausgestreckten Armen. Sie wußte, daß Walter bald fertig war, und ihr wurde bang bei dem Gedanken, wie leer der Garten ohne ihn sein würde. Vielleicht starben alle Pflanzen, die er gesät hatte, wenn er fortging. Vielleicht mußte er wieder kommen, von vorne anfangen. Die Weißdornbüsche blühten. Auf ihrem Beet war die Saat aufgegangen, und die kleinen Pflanzen standen dicht und hellgrün wie ein Blätterfell. Teresa goß sie am Abend vorsichtig mit der Gießkanne und holte Walter, um ihn zu fragen, welche davon Unkraut waren und ausgerissen werden mußten. »Das sieht man erst, wenn sie größer sind«, er hockte neben ihr, und sie atmete seinen Geruch ein. »Wie bei den Menschen ist das, alle Kinder sind schön, und dann werden oft böse Menschen draus«, sagte er traurig. Teresa wollte ihn fragen, ob er glaube, sie werde ein böser Mensch werden, aber er schaute über den Garten hin, als sei sie gar nicht da.
In dem Film, den Teresa gesehen hatte, wucherten die Pflanzen durch die Fenster ins Haus hinein. Es war der erste Film, den Teresa gesehen hatte, an einem Wintertag, mit Schnee in der Luft und Krähen, die im Park auf den Bäumen hockten, als sie nach Hause ging. In dem Film hatten auch Arme aus der Wand gegriffen, Hände, die Fackeln hielten, die Hände des großen Katzenmannes hatten geraucht, er hatte diese rauchenden Hände verstört betrachtet, im Garten stand er lange unter den blühenden Büschen. Später wurde ein Mann, ein Prinz aus ihm, der mit starrem Gesicht in den Himmel aufstieg, an der Hand des Mädchens. Teresa war enttäuscht gewesen. Der Prinz hatte ihr nicht gefallen. Sie hatte gehofft, das Mädchen würde sich in eine Katze verwandeln, ihre Mutter hatte gesagt, es sei eine ausgedachte Geschichte, ein Märchen, aber Teresa verstand vieles nicht, es war kein Märchen für Kinder. Einmal hatte das blonde Mädchen das Tier dabei überrascht, wie es am See im Garten kauerte und Wasser leckte. Da hatte sie ihre Hände wie eine kleine Schüssel mit Wasser gefüllt und das Tier aus dieser Schüssel trinken lassen.
Teresa hielt Wasser in den Händen. Sie hielt es Walter hin. An der Tonne summte es von Bienen, die im feuchten Gras und am Rand der Tonne saßen und tranken. Teresa mußte jeden Tag ein paar mit Blättern aus dem Wasser fischen.
Sie wollte Walter trinken lassen aus ihren Händen, aber er verstand sie nicht, und das Wasser lief durch ihre Finger. Er trank unter dem Wasserhahn, gebeugt, mit geschlossenen Augen und prustend. Teresa versuchte es ihm nachzutun und machte ihr Kleid naß.
Einmal, als sie am Abend in die Küche kam, saß ihre Mutter mit Walter am Tisch und hielt seinen Kopf in den Händen, hielt sein Gesicht in beiden Händen, so wie sie es manchmal mit Teresa tat, wenn sie traurig war und weinte. Aber Walter weinte nicht, und ihre Mutter hatte Teresa nachdenklich betrachtet, als wisse sie nicht genau, wer dies Mädchen im Nachthemd sei, das auf einem Bein in der Küchentür stand und sich mit dem anderen Fuß am Knie kratzte.
»Sie behandeln Walter schlecht bei Ignaz«, sagte sie zu Teresa, als sie später auf ihrem Bett saß. »Er möchte weg dort, sie nutzen ihn aus, und sein Zimmer ist feucht.«
Teresa schrieb ihm einen Brief und legte ihn unter den Stein neben dem Schuppen, unter dem der Schlüssel aufbewahrt wurde. »Wenn du gehst, nimm mich mit«, schrieb sie. Sie wußte gut, daß das nicht möglich war, aber es tat ihr wohl, den Satz aufzuschreiben. Sie wickelte einen Zahn in das Papier. Den kleinen weißen Zahn, der ihr an einem Nachmittag ausgefallen war, als sie in Walters Pullover gebissen hatte, das war in der Küche gewesen, und sie war, als die Mutter in den Keller ging, um ein Glas Pfirsiche zu holen, rasch auf Walters Schoß geklettert. Er hatte sich steif gemacht, und sein Gesicht hatte seltsam ausgesehen, so nah vor ihrem, als wäre er traurig und werde vielleicht sogar weinen. Sie atmete seinen Hasengeruch ein und wollte sich an ihn schmiegen, wie sie es auf dem Schoß ihres Vaters tat. Aber er half nicht mit. »Teresa«, sagte er, »du bist schon ganz schön schwer für ein kleines Mädchen.« Da biß sie ihn in die Schulter. Der Zahn hatte schon lange gewackelt, und sie hatte ihn mit der Zunge bewegt und unter ihm schon den neuen gefühlt, der aus dem Zahnfleisch drängte wie ein glatter kleiner Kieselstein. Blut lief über ihr Kinn, und Walter wischte es ab mit weit geöffneten Augen. »Das ist nicht schlimm, warte.« Er hatte die Finger befeuchtet und in ihrem Gesicht herumgewischt, so ungeschickt, als wäre sie ein Pfosten oder ein Stein. Aber es gefiel ihr, wie er das tat, so wie ihr vorher der juckende Schmerz gefallen hatte, wenn sie den lockeren Zahn hin und her schob mit ihrer Zunge. So wie sie gerne an den Mückenstichen kratzte, bis sie brannten wie Feuer. Sie hielt den Zahn hoch und ließ noch etwas Blut nachfließen, das sie im Mund spürte, und drückte ihr Gesicht an Walters Backe. Der Blutfleck saß neben seinem Mund wie ein roter Schmetterling. Er atmete, als sei er schnell gelaufen. Teresa hatte eine schreckliche Verzweiflung gefühlt, wie sie ihn ansah und seine Brust sich dicht an ihr hob und senkte. Sie war weinend von seinem Schoß gesprungen.
Ihre Mutter hatte später ein Eiswürfelchen in ihren Mund geschoben und ihr einen Löffel Zucker gegeben, aber der Schmerz in ihrer Brust ließ nicht nach, und sie ging schluchzend zu Bett, ohne zu essen, den Zahn fest in der Faust.
Am Tag, als Walter in die Küche kam, um sich zu verabschieden, regnete es. Die blaue Schildmütze veränderte ihn sehr, sie verbarg sein Haar, und das Stück Gesicht zwischen Mantelkragen und Mütze sah fremd und nackt aus. Teresas Mutter hatte ein Paket mit Kleidern für ihn gemacht. Alte Hemden und Pullover von Teresas Vater und Kleider für seine Mutter, denn er wollte nach Hause fahren, um seine Leute wiederzusehen, wie er sagte. Teresa hielt sich nahe an der Mutter, war ihr im Wege, wenn sie zwischen Herd und Tisch hin und her ging, um die Teekanne abzustellen. Die Kekse im Schrank fand sie nicht, obwohl das Paket ganz vorne lag, und später, als Walter mit der Mutter über den Komposthaufen sprach, ging sie hinauf in ihr Zimmer und spielte mit ihren Puppen.
Sie zog alle schön an und setzte sie um den Tisch, stellte Tassen und Teller vor sie und ließ sie sich unterhalten. Wie immer war die blonde Lulu hochnäsig und boshaft mit der kleinen Dede, sie brachte sie zum Weinen, und Teresa mußte ihr die Röcke heben und ihr eine Tracht Prügel geben, daß es staubte. Sie aber blieb starrköpfig und trotzig, und Teresa warf sie in die Ecke und schrie: »Ich will dich nie mehr liebhaben – nie mehr. Ich gehe fort und du kannst in deiner Ecke bleiben. Dede nehme ich mit.«
In dem Jahr, als Teresa fünfzehn wurde, bekam sie einen Brief von Walter. Sonst hatte sie zum Geburtstag immer einen Blumentopf von ihm bekommen. Immer rote Blumen, Fuchsien, Geranien und Päonien, die wunderschön verpackt waren. Kleine Holzstäbe waren rings um den Topf in die Erde gesteckt, auf der ein rundes Stück Leinen festgebunden war. Teresa hatte sich nicht so gefreut wie ihre Mutter, die jedesmal ein großes Aufhebens von den Blumen machte und es ganz »entzückend« von Walter fand, daß er so treu an Teresas Geburtstag dachte. Es war Teresa, als bekomme nicht sie, sondern die Mutter die Blumen geschickt. Auf ihrem Beet im Garten hatte sie schon lange Gemüse angepflanzt, und die Schnecken, die sie von den Salatköpfen klaubte, ertränkte sie in der Regentonne.
»Liebe Teresa«, schrieb Walter mit steiler Schrift und dunkelvioletter Tinte. »Ich habe dich gestern mit deiner Mutter im Kino gesehen. In ›Der Mann mit der roten Maske‹. Ich saß in der Reihe hinter dir. Ich hatte ein helles Jackett an. Du bist sehr groß geworden. Auch ich habe mich sehr verändert.« Er schrieb sehr groß, und die Zeilen senkten sich zum rechten Blattrand wie Äste, an denen schwere Blüten hingen. »Ich bin jetzt Gartenbauer und mein eigener Herr«, stand da. Teresa las den Satz noch einmal. Das klang wie aus einer Lesebuchgeschichte: »mein eigener Herr«. Er schrieb von französischen Filmen und italienischen Schuhen. Sie sah die Nagelschuhe, an denen dicke Erdklumpen hingen. Vor ihrem Bett standen ein Paar hohe weiße Schuhe aus dünnem Leder. Das waren italienische Schuhe. »Milano« stand auf einem Schildchen, das an der Sohle klebte. Er schrieb von einer Ausstellung in der Stadtgärtnerei. »Vielleicht kommst du einmal mit mir hin. Die Passionsblume blüht.« Teresa setzte sich aufs Bett. »Ich habe oft an dich gedacht.« Sie fühlte, wie sie rot wurde, und ärgerte sich über die italienischen Schuhe und die lila Tinte. »Damals, als ich vom Haus deiner Eltern Abschied nahm« – Abschied nahm, schrieb er –, »bist du auf den Koffer geklettert und wolltest, daß ich dich küsse. Das hätte ich gerne getan, heute kann ich dir’s sagen, aber damals dachte ich, du wärst zu klein dafür.«
Teresa stand auf und betrachtete sich im Spiegel. Ihre kurzgeschnittenen Haare ließen die Ohren frei wie bei einem Jungen. Sie schaute sich in die Augen und versuchte darin die Augen des Mädchens zu sehen, des kleinen Mädchens, das in jenem Frühling geweint hatte, im Schuppen neben der leeren Leiter, und das manchmal Zettelchen in die Erde gesteckt hatte, neben den Himbeeren, auf denen stand »Ich liebe dich, Walter«. Einmal hatte sie geträumt, Walter hatte sie auf seinen Armen durch ein riesiges Feld blauer Blumen getragen und gesagt: »Das ist für dich, ich habe es für dich gemacht, siehst du?« Daran, daß sie auf den Koffer geklettert war, um ihn zu küssen, konnte sie sich nicht erinnern, und sie warf den Brief zusammengeknüllt hinters Bett.
Teresas Mutter kam herein und blieb mitten im Zimmer stehen. Sie sah Teresa an und dann den Briefumschlag, der auf dem Boden lag. Sie verschränkte die Arme, hob die Schultern und sagte mit einem kleinen Lächeln: »Was schreibt denn unser Walter?«
»Wieso unser Walter. Mein Walter ist er nicht, vielleicht deiner.«
Die Mutter lächelte nun mit breitem Mund. Sie stupste den Umschlag mit der Fußspitze an. »Du warst doch so verschossen … wie eine Klette warst du.« Sie schüttelte lachend den Kopf. »Einen daumendicken Haarbüschel hast du dir abgeschnitten für ihn. Er hat’s mir damals gegeben und gesagt, ich soll’s aufheben für dich, später. Erst neulich hab ich’s gesehen, bei den Spielsachen in der Truhe.«
Teresa sprang vom Bett.
»Du sollst anklopfen, wenn du in mein Zimmer kommst.« Sie kniff die Augen zu, es tat weh, so laut zu schreien. »Anklopfen sollst du, anklopfen. Hast du gehört.«
Als ihre Mutter wortlos hinausgegangen war, versuchte Teresa, sich zu beruhigen. Sie ging im Zimmer hin und her, stieß das Mobile aus bunten Glasblättchen an, nahm einen Apfel vom Tisch, biß hinein und legte ihn wieder hin. Draußen lag der Garten im Schnee. Die Rosenbüsche waren in unförmige Rupfensäcke verpackt. Über das glatte Weiß der Terrasse liefen Fußspuren.
Sie ekelte sich vor dem kleinen Mädchen und seinen Tränen, seinen Zöpfen und Mückenstichen.
Sie stand am Fenster und schaute hinunter in den Garten. Ihre Augen streiften über die verschneite Wiese, jenseits des Zauns über die Äcker, und folgten den kahlen Bäumen der Allee bis hin zum dunklen Waldrand.
Walter hockte da, die Knie angezogen, und schnürte sich die Stiefel auf. Er lockerte die Schnürsenkel und keuchte, als er den Schuh an der Ferse festhielt und zog. Ein weißer nackter Fuß schlüpfte aus dem dunklen Leder wie aus einer Schale. Auf seinem Rist hatten sich die Schuhbänder eingedrückt wie eine rote Naht, auch die Zehen waren gerötet. Er bewegte die Zehen, spreizte und streckte sie. Das kleine Mädchen, das neben ihm auf den Stufen der Terrasse saß, sah ihm dabei zu. Jetzt kam der zweite Fuß zum Vorschein. Er stellte die Stiefel nebeneinander. Teresa beugte sich vor, um mit den Händen nach seinen Füßen zu fassen. Sie wollte sie berühren. Sie sahen kalt aus. Walter aber streckte die Beine und stand auf.