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ISBN 978-3-8270-7963-3
© Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 1991
© Berlin Verlag in der Piper Verlag GmbH, München 2003
Covergestaltung: Nina Rothfos und Patrick Gabler, Hamburg
Covermotiv: Gemälde »Maika«, 1992, von Christian Schad © VG Bild-Kunst, Bonn 2002
Datenkonvertierung: abavo GmbH, abavo
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Hay un lobo en mis entrañas
que pugna por nacer.
Mi corazón de oveja, lerda criatura
se desangra por él.
In meinen Eingeweiden
kämpft ein Wolf ums Geborenwerden
mein Schafsherz, träges Geschöpf
verblutet an ihm.
Dorle, über einen nassen Kopf gebeugt und die Hände tief im warmen Seifenschaum, dachte an einen Berg von glitschigen Seidenkissen, auf denen sie lag und der Musik zuhörte, ohne sich zu regen, ohne mehr zu tun, als sich vielleicht auf den Bauch zu drehen und zu seufzen.
Das grünliche Licht im Salon, die leise Musik den ganzen Tag, all das machte sie schläfrig und nachgiebig. Die Stimmen, das Klappern und Zischen um sie her verebbten, Wasser rauschte, Nebel von Haarspray standen im Licht der Neonröhren zwischen den Spiegeln.
Jemand sprach zu ihr, und sie schaute hinunter in die weit aufgerissenen Augen einer Frau, die den nach hinten gebeugten Nacken über den Rand des Porzellanbeckens hängen ließ.
»Zu heiß?«, fragte Dorle sanft, ihre Hände im seifigen Haar. »Nicht so fest.« Die Frau hatte Schaum auf der Stirn und zwinkerte vorwurfsvoll.
»Schlaf nicht ein, Dorle«, sagte jemand dicht neben ihr. Dorle griff rasch nach der kleinen Brause und prüfte die Wassertemperatur mit den Fingern, wie man es ihr gezeigt hatte.
Seit sie als Lehrling im Salon »Harlekin« arbeitete, hatte man ihr schon oft gesagt, wie langsam und ungeschickt sie sei, sie ließ sich nichts anmerken. Sie ging dann rasch aufs Klo, sperrte sich ein und zog ein paar Mal an der Spülung, ohne sich hinzusetzen.
Zu Hause erzählte sie nichts davon, wie lang ihr die Tage im Salon erschienen. Sie selbst war es gewesen, die Friseuse werden wollte. Ihre Freundin Hanna, die im Salon »Harlekin« angefangen hatte, schon vor einem Jahr, erzählte ihr viel von den guten Trinkgeldern und den netten Kolleginnen, die sich gegenseitig die Haare einlegten, mittags, wenn eine Pause entstand zwischen den Kunden.
Dorles Mutter ließ sich morgens von ihr die Haare zurechtföhnen, ehe sie ins Geschäft ging. Sie arbeitete in einem Kaufhaus, Abteilung Bademoden, und manchmal brachte sie Plakate mit nach Hause, auf denen Frauen in grellfarbigen Badeanzügen in der glasigen Gischt der Wellen standen, die Arme erhoben, als wollten sie gleich fortfliegen.
Dorles Vater, der mit einem großen Lastwagen gefrorener Fische durchs Land fuhr, mochte nicht, wenn Dorle sich schminkte. An den Tagen, an denen er zu Hause war, bemalte Dorle ihr Gesicht erst an der U-Bahn-Station, vor dem Spiegel des Fotoautomaten. Die anderen Mädchen hatten ihr gezeigt, wie man geschickt mit all den Pinseln und Farben umging. Sie hatten ihr auch eine Bürste geschenkt mit ihrem Namen auf dem Griff, »das hat hier jede von uns«, sagten sie.
Die Bürste trug Dorle in der Tasche ihres weißen Kittels und legte sie abends in das Fach neben der Spardose, in die die Kunden ihr Trinkgeld stecken konnten, auch die Dose trug ihren Namen.
Dorle gab sich viel Mühe, alles richtig zu machen. »Du musst die Augen überall haben, auch am Hinterkopf«, sagte ihr Chef. »Hier wird nicht herumgedöst«, sagte ihr Chef. »Flink muss man sein und überall zupacken, ganz wie von selbst.« Dorle versuchte, es ihm recht zu machen.
Abends, wenn sie mit den Mädchen zum Bus ging, sprachen sie von ihren Träumen. Elvira wollte nachts in einem Feinkostladen eingesperrt werden und alles essen, was sie nur konnte, aber Hanna lachte und sagte, sie träume von einem Mann – »ein Kerl, der ganz verrückt nach mir ist«.
Dorle stellte sich einen Mann vor, der verrückt nach ihr war. Es machte ihr ein wenig Angst, und sie schob die Vorstellungen von einem glotzäugigen, am ganzen Leibe zitternden Menschen rasch beiseite.
Sie erzählte den anderen nichts von ihren Träumen. Sie ruderte in einem Boot zwischen Eisschollen, auf denen Pinguine standen. Sie sprang durchs Fenster in ein brennendes Haus und rettete eine vierköpfige Familie. Sie hing am Trapez, hoch droben unter der Zirkuskuppel, und die Scheinwerfer glitzerten auf ihrem blauen Kostüm, als hätte man sie in Diamantstaub gewälzt.
Sie hielt die Nagelfeile gegen das Licht, aber wahrscheinlich war sie zu oft benutzt worden. Der Diamantstaub glitzerte nicht.
»Du machst dich langsam«, sagte ihr Chef und sah zu, wie sie eine Strähne nach der anderen toupierte. Dorle hielt die Zunge zwischen den Zähnen.
Als sie Harry kennen lernte und ihm zum ersten Mal im Lift erlaubte, ihr seine Zunge in den Mund zu schieben, glaubte Dorle, nun werde sich alles verändern. Wie, das wusste sie nicht.
Nur manchmal noch, beim Haarefärben oder beim Nägellackieren, erlaubte sie sich eine kleine Abwesenheit. Harry schob sie sacht gegen den Spiegel, und sein Gesicht war so nahe, dass sie es nicht mehr erkennen konnte, der Aufzug zischte und bebte – ein Gefühl am ganzen Körper, als streichelten einen schneeweiße Straußenfedern.
Dorle hatte eine Straußenfeder in die Abendfrisur gesteckt, die sie bei der Prüfung vor den grämlichen Herren und Damen des Gremiums gekämmt hatte. Hanna, die sich zu diesem Anlass die Haare hatte blond färben lassen, diente als Modell. In blondem Haar sah man die komplizierten Haarbewegungen besser als in braunem. Dorle hatte eine gute Note erhalten.
Später war sie froh, dass sie Harry nichts von ihren Gefühlen gesagt hatte. Er kam ölverschmiert aus der Autowerkstatt, und weil sie nicht zu Dorle nach Hause durften und seine verwitwete Mutter kränkelte, konnten sie sich nur auf der Straße oder im Kino umarmen. Harry, ein übermütiger und behänder Mann, der gerne und laut lachte, brachte oft seine Freunde mit, wenn er sie abends vom Salon abholte. Im Biergarten auf einer Bank, die unter dem Gewicht der vielen Leute, die auf ihr saßen, zitterte, steckte er Dorle seine gelenkigen Finger hierhin und dorthin und atmete zärtlich Bierdunst in ihr heißes Ohr. All das genoss Dorle, und doch wusste sie nicht genau, wohin sie das führen würde. »Was erwartest du, Harry ist ein findiger Kopf«, sagte ihre Mutter, »und du hast Flausen im Kopf«, sagte ihr Vater.
Als sie ihre eigene Wohnung gemietet hatte, im Schlachthofviertel, und als sie im Salon »Harlekin« die Haare der Kundinnen ihres Chefs kämmen und schneiden durfte, wenn er nicht da war, kam sie immer seltener zum Träumen. Harry zog zu ihr und kaufte sich ein Motorrad, sie spielten mit dem Gedanken, sich einen Wellensittich zuzulegen. Ihre Mutter kam und saß auf dem kleinen gestreiften Sofa. Sie brachte eine Plastiktüte mit heruntergesetzten Badeanzügen mit und erzählte, dass Dorles Vater angefangen habe, Tauben zu züchten, die meiste Arbeit mit den Viechern laste allerdings auf ihr.
Dorle war zufrieden, so, wie ihre Oma es immer für sie gewünscht hatte, und doch dachte sie abends im Bett manchmal darüber nach, ob das schon alles sei und ob sie nicht als Friseuse auf einem Schiff anheuern oder einen Salon in Hawaii aufmachen sollte, wie Hanna es sich wünschte, seit sie im Urlaub dort gewesen war.
Herr Pawlak drang in ihr Leben so reibungslos und unauffällig wie ein Lied aus dem Radio. Zuerst schnitt sie ihm die Haare, dann manikürte sie ihm die Fingernägel. Er beobachtete sie dabei mit seinen runden, etwas traurigen Augen und ließ die Hand, an der sie arbeitete, warm auf ihr Knie rutschen. Als er Husten hatte im Herbst, machte sie ihm einen Tee und stellte die Tasse neben die Bürsten und Kämme vor den Spiegel. Herr Pawlak kam jetzt jede Woche, und wenn es nichts zu schneiden gab, ließ er sich eine Packung machen, und Dorle massierte ihm die Kopfhaut. Seine rötlichen feinen Haare lichteten sich am Hinterkopf, er musste um die fünfzig sein, und seine Haut sah an manchen Tagen so durchscheinend und knittrig aus wie nasses Seidenpapier.
Als Herr Pawlak sie bat, ihm für ein gutes Honorar die Haare zu Hause zu schneiden, stimmte sie zu. Seine Wohnung im Parterre war dunkel von den Bäumen vor dem Fenster und roch nach den drei Katzen, die träge auf den verschossenen Polstermöbeln herumlagen und alle fahl und rotfellig waren wie ihr Herr.
Herr Pawlak zog sich das Hemd aus, und sein nackter Oberkörper war haarlos und sah seltsam unfertig aus wie aus ungebackenem Brot. Später zog er auch seine Hosen aus und seine Unterhosen und legte sich auf das geblümte Sofa, nicht ohne mit einer sanften Geste die Katzen beiseite zu schieben. Dorle, als sei dies abgemacht worden, schlüpfte aus ihrem Kleid und legte sich neben ihn, eng an ihn gedrückt, denn das Sofa war nicht sehr breit.
»Ich bin ein wertloser Mensch«, sagte Herr Pawlak und drehte sein Gesicht zu ihrem Gesicht. Ein paar rote Haarstoppeln, die sie nach dem Schneiden nicht abgebürstet hatte, glitzerten auf seinen Nasenflügeln. Dorle kehrte sie mit den Fingerspitzen ab und hielt Herrn Pawlak ihren Mund hin, den er sich länger besah, ihn mit dem Handballen streifte und dann mit der Zunge. Dorle sah, wie seine Arme sich mit Gänsehaut überzogen, und schloss die Augen. Draußen begann es zu regnen, und Dorle dachte noch, dass sie keinen Schirm bei sich habe, aber Herr Pawlak seufzte und zog sie über sich, behutsam und ohne große Anstrengung, wie es ihr schien.
Herr Pawlak arbeitete nicht, er lebte von einer kleinen Erbschaft, er kochte nicht, sondern holte Tüten mit Aluminiumnäpfen aus dem chinesischen Restaurant an der Ecke. Er sprach wenig und schaute lange Stunden schweigend vor sich hin, Dorle gegenüber im Sessel sitzend, während sie eine Illustrierte las, die Katzen streichelte und ihre Nägel feilte. Er machte ihr nie Geschenke, und auch das Haareschneiden bezahlte er nicht mehr, und wenn Dorle einen Topf mit Gulasch von zu Hause mitbrachte, aß er ihn leer, langsam und mit einem kleinen Lächeln.
Dorle erzählte niemandem von Herrn Pawlak. Auch als der Meister fragte, wo er denn bliebe und ob er nicht zufrieden gewesen sei mit ihr, gab sie vor, nichts über Herrn Pawlak erfahren zu haben.
Harry wurde unruhig. Er ging abends nicht mehr mit seinen Freunden zum Kartenspielen und Fernsehen in die Kneipe und wollte plötzlich mit ihr in Urlaub fahren, obgleich er das vorher weit von sich gewiesen hatte.
Als er allein mit dem Motorrad nach Jugoslawien aufbrach, hinterließ er einen Zettel mit düsteren Andeutungen der Abenteuer, die ihn dort erwarteten.
Dorle nahm ihren Urlaub und zog mit einer kleinen Tasche zu Herrn Pawlak. Ihrer Mutter erzählte sie, sie fahre zu einem Fortbildungskurs über die Technik des Schminkens nach Bad Wörishofen.
Es war ein lauer Sommer, Herr Pawlak blieb den ganzen Tag in seiner dunkelroten Schlafanzughose, und auch Dorle, in Unterwäsche oder seinem Bademantel, hatte keine große Lust, hinauszugehen in die Sonne.
Manchmal spielten sie Monopoly, manchmal las Herr Pawlak ihr vor aus einem Buch, das von einem Walfisch handelte, und manchmal gingen sie Arm in Arm zwischen den Möbeln hin und her, und Herr Pawlak hörte zu, wenn Dorle ihm von ihrer Großmutter erzählte, von Hanna und von ihrer Kindheit.
Es gab Tage, an denen sie im Bett liegen blieben, die Katzen um sie her wie rote Fellkissen. Immer wenn Herr Pawlak sie umarmte, tat er es zögernd und wie erstaunt über ihre Einwilligung. Wenn Dorle ihn weckte mit Küssen und Geflüster, lächelte er, ohne die Augen zu öffnen, und atmete tief und seufzend, wie jemand, der bei großer Hitze nach einem langen Marsch Wasser trinkt und viel davon benötigt.
Herr Pawlak hielt nichts von der Liebe und nichts vom Glück. Er hielt nicht viel von den Menschen und am wenigsten von sich selbst, das sagte er Dorle traurig, aber nicht ohne Zufriedenheit. Manchmal, wenn es draußen dunkel wurde, weinte er ein bisschen, aber es war weder heftig noch schmerzlich. Er saß und schaute dabei zu Dorle hinüber, die runden Augen etwas gerötet, die Hände auf den Armlehnen des Sessels.
Dorle wusste nicht, was sie eigentlich bei Herrn Pawlak machte. Er sagte ihr nie, dass sie schön sei oder dass sie bleiben solle. Er fragte sie nie nach Harry, von dem sie ihm erzählt hatte, oder danach, wie es weitergehen solle, wenn ihr Urlaub zu Ende ging. Dorle fand Herrn Pawlak nicht wirklich schön und betrachtete seine rostfarbenen Wimpern, wenn er schlief, den Mund geöffnet und trocken, gleichmütig und ohne Zärtlichkeit. Sie sah seinen schmalen Rücken über das Waschbecken gebeugt, seinen hellen Bauch, der etwas über den Rand der Schlafanzughose stand. Wenn er sich die Augen rieb, was er oft tat, denn er hatte Heuschnupfen, schwollen seine empfindsamen Lider an, aber was störte Dorle das? Er sah sie an, nicht strahlend, nicht liebevoll, nicht so, als sehe er sie sich wirklich an, er sah sie an, und Dorle fühlte plötzlich mehr als vorher, fühlte die Haut ihre Glieder umschließen, fühlte die Haare sacht aus ihrer Kopfhaut wachsen, fühlte das Blut durch ihre Adern drängen, den Atem ihre Brust füllen und verlassen. Das war nicht unangenehm, nur ungewohnt. Sie hatte über dergleichen nie nachgedacht und ahnte, dass es ein bisschen verrückt war, solche Gefühle zu haben.
Herr Pawlak sah sie an, und plötzlich fiel ihr ein, dass es Sommer war, dass die Bäume draußen die Blätter bewegten und dass die Kirsche in ihrem Mund glatt war und verletzlich und gleich zwischen ihren Zähnen zerplatzen würde. Dorle machte es verlegen, darüber nachzudenken, sie verstand es nicht. Sie saß ausgezogen auf dem Bettrand, Socken an den Füßen und ungekämmt seit Tagen, und dennoch hatte sie ein rasch zerfließendes Bild von sich, sekundenschnell und klar: das Bild einer wunderschönen Frau, keiner Frau, die sie je zuvor gesehen hatte im Spiegel oder auf einem Foto, es war eine Frau, die in dieses Zimmer gehörte und über die sie, Dorle, keine Macht hatte, nicht einmal, um über sie zu lachen.
Nachts im Bett, an Herrn Pawlaks Rücken gedrückt, fühlte sie ihren Körper nicht mehr, konnte ihn nicht unterscheiden von dem anderen Körper. Ein Wesen mit zwei Köpfen, dachte sie, aber es beunruhigte sie nicht, nichts beunruhigte sie. Alles, was hier mit ihr geschah, hatte kein Gewicht, kein gutes und kein beängstigendes. Alles, was hier geschah, war so alltäglich, dass die Tage ineinander flossen ohne Unterschied wie ein einziger langsamer Sommertag, irgendeiner, an den man sich später nie mehr erinnern konnte.
Herr Pawlak hatte Dorle nach langen und zähen Fragen gesagt, dass er früher Teekannen entworfen habe, Rührmaschinen und Klappstühle, Dorle konnte sich nichts Rechtes darunter vorstellen. Er habe mit Wein gehandelt, habe auch Sachen zusammengesucht, die man auf der Bühne brauchte, Möbel, Vorhänge und Lampen.
Dorle sah ihm zu, wie er im Zimmer herumging, die Katzen aufhob, mit Kehrwisch und Schaufel hantierte. Sie fühlte sich leicht dabei und angenehm sorglos. Wenn Herr Pawlak um sie war, brauchte sie nichts zu denken, nichts zu sagen, nichts zu tun.
Manchmal erschrak sie darüber, dass ihre Augen immerzu auf Herrn Pawlak ruhten, ohne dass sie das wirklich wollte. Es fiel ihr nur auf, wenn er aus dem Zimmer ging und sie aufstehen musste, um mit ihm zu gehen, auch aufs Klo, das störte Herrn Pawlak nicht.
Einmal hatte sie ihn lachen hören in der Küche am frühen Morgen. Sie lag noch im Bett, und als sie sein Lachen hörte, fiel ihr ein, dass sie ihn noch nie zuvor hatte lachen hören. Er stand mitten in der Küche, und zu seinen Füßen hockten die drei Katzen über ihre Näpfe gebeugt. Er hatte ein Unterhemd an, auf dem die Flecken des chinesischen Abendessens leuchteten wie ein rotes Muster. Er lachte hilflos, mit zurückgelegtem Kopf, die Augen geschlossen. Sie lehnte an der Küchentür, erstaunt, denn er sah aus wie ein Mann, den sie nicht kannte, ein junger und unbekümmerter Mann, ein Mann, der lachte, weil er sich in einer Küche wiedergefunden hatte, in die er nicht gehörte, mit drei Katzen und einer verschlafenen Frau, und der sich gewiss gleich anziehen würde, um aus der Wohnung zu stürzen, um seine Zähne draußen in eine kalte Wassermelone zu schlagen oder in eine Pfingstrose – was für seltsame Gedanken ihr kamen.
Als sie ihn fragte, warum er gelacht hatte, wusste er keine Antwort.
Sie schnitt ihm nicht mehr die Haare, und kleine Locken bildeten sich in seinem Nacken. Sie selbst betrachtete sich nie im Spiegel, warum, wusste sie nicht.
Als ihr Urlaub zu Ende ging, packte sie ihre Tasche. Mit dem Bus fuhr sie nach Hause. Herr Pawlak hatte sie zum Bus begleiten wollen, aber sie hatte ihn abgewehrt. Er stand ganz still, im offenen Hemd, und sah sie an, dann rückte er das Bild gerade, das über dem Sofa hing: ein grünes Pferd in einer bläulich vereisten Landschaft, an einen Schlitten gebunden. Bäume, die sich im Wind bogen, und Schnee auf Hausdächern. Dorle hatte es oft betrachtet.
Harry kam zurück. Er war braun und glänzte wie lackiertes Leder. Er trug sie auf seinen Armen ins Schlafzimmer. Er roch nach Motorrad und Sonnenöl. Er hatte ihr einen Ring mitgebracht, und als sie später atemlos und zerzaust nach der Limoflasche neben dem Bett tastete, sagte er ihr, dass nun ein anderes Leben beginnen solle, und Dorle fing an zu lachen und streichelte seine gebräunte Brust, seine gesträubten Brauen und seinen gespannten Nacken. »Du siehst toll aus«, sagte sie. »Haare hast du wie ein Italiener so schwarz«, und Harry, verlegen und erfreut, murmelte: »Unsere Kinder werden auch wunderschön, du wirst sehen.«
Herr Pawlak kam nicht in den Salon, und obgleich Dorle anfangs darauf gewartet hatte, ängstlich und neugierig zugleich, verschwand er doch bald aus ihren Gedanken. Er verschwand aus ihrem Kopf, so unauffällig und leise, wie er gekommen war.
»Was hast du gemacht im Urlaub?«, fragte Hanna. Dorle lachte und drehte Wickel in ein Haarteil. Hanna betrachtete sie prüfend, und Dorle wurde verlegen. »Du warst ja nicht mit Harry weg?«, fragte sie.
»Nein«, sagte Dorle.
»Du warst mit jemand anderem zusammen.«
»Mhm«, sagte Dorle.
»War’s schön?«
»Da hab ich nie drüber nachgedacht«, sagte Dorle, »es war irgendwie …«, aber sie fand kein Wort dafür, und Hanna schüttelte den Kopf und fing an, Haare zusammenzukehren.
In diesem Herbst wurde Harry Teilhaber der Garage und Werkstatt, in der er arbeitete. Dorles Vater hatte einen kleinen Unfall und musste zur Kur. Ihre Mutter kam häufig an den Abenden und besprach die Vorbereitungen für die Hochzeit. Sie brachte Kataloge und Zeitungen mit und später Stoffmuster aus dem Kaufhaus. Hanna verlobte sich mit Enrico, dem Kellner der Pizzeria, und Dorle kaufte sich einen Wintermantel aus blau gefärbten Kaninchenfellen.
Als es im November zu schneien begann, überkam Dorle eine seltsame Unruhe. Sie wollte am Morgen nicht aus dem Bett steigen und nach der Arbeit nicht nach Hause gehen. Im Salon verdarb sie eine Dauerwelle und verwechselte die Termine. Sie hatte Lust, Süßes zu essen, und kaufte sich Tüten voll Mohnschnecken und Apfeltaschen, aber wenn sie in die Teilchen biss, trat Schweiß auf ihre Stirn, und sie konnte nicht schlucken.
»Du kriegst wohl ein Kind«, sagte Hanna, aber so war es nicht.
Harry, der in der Küche hantierte, weil sie nicht kochen wollte, machte viel Lärm, und Dorle hatte Lust, aus der Wohnung zu laufen und die Tür zuzuschlagen. Sie sehnte sich danach, an einem Fluss spazieren zu gehen, und war doch noch nie an einem Fluss spazieren gegangen.
An einem Montagnachmittag, auf dem Weg zur Schneiderin in einem fremden Stadtteil, überfiel sie ein seltsames Elend, wie ein Schüttelfrost. Die Sonne glitzerte in den Fensterscheiben der Häuser, Schnee schmolz und tropfte von den Dächern und von den Bäumen. Dorle blieb stehen wie mit einem Geschoss im Herzen. Sie wusste nicht, was ihr wehtat und warum. Sie konnte kein Bild finden für das, was über sie hereinbrach. Sie sah sich um, aber da kam keine Erinnerung in ihr auf, an diese Gegend, an die Tageszeit, die Jahreszeit, und doch schien alles durchtränkt von einer eigenartigen Bangigkeit, einem seltsamen Heimweh. Der Schnee an ihren Stiefeln, die kleinen heruntergekommenen Läden, die parkenden Autos. Es war kein Heimweh nach einem Ort oder einem bestimmten Menschen. Dorle sehnte sich, aber sie wusste nicht wonach, sosehr sie auch nachdachte. Es war ein Gefühl wie als Kind, wenn sie darauf gewartet hatte, dass ihre Mutter von der Arbeit heimkäme, aber sie wollte nicht zu ihrer Mutter gehen, und sie lächelte ein bisschen, weil sie sich so kindisch aufführte.
Das Gefühl, und Dorle lernte, sich vor diesem Gefühl in Acht zu nehmen, kam an manchen Tagen wieder, meist wenn es anfing, draußen dunkel zu werden. Sie versuchte es zu vergessen und arbeitete verbissen, die Schere in der Hand oder über das Haarwaschbecken gebeugt. Nachts wachte sie schluchzend auf, und Harry machte ihr eine Tasse Milch warm.
An einem Abend im Dezember, einen Korb voll Backzutaten am Arm, stieg Dorle aus dem Bus und lief an den erleuchteten Schaufenstern vorbei, hastig und atemlos zu Herrn Pawlaks Haus. Sie hatte sich nicht überlegt, was sie sagen würde, wenn er ihr die Tür aufmachte. Sie zweifelte keinen Augenblick daran, dass er zu Hause war. Zweimal wäre sie fast umgekehrt, einmal, als sie sich unvermutet in einem Schaufenster gespiegelt sah, die Haare unordentlich und im Wind wehend, mit einem Gesicht, das fremd aussah und gehetzt wie auf einem Kinoplakat. Später, als sie das Haus nicht finden konnte, den Korb abstellte und an einer Ecke wartete, keuchend und wütend, weil sie sich schämte und glaubte, verrückt zu sein bei dem, was sie tat, hatte sie versucht, nach Hause zu laufen, aber es gelang ihr nicht.
Sie ging die Straße dreimal auf und ab, ohne das Haus wieder zu erkennen. Sie erinnerte sich gut an die drei Ahornbäume, die davor gestanden hatten, auch die konnte sie nirgends finden, sooft sie auch die Augen die Straßen entlanggehen ließ.
In einer Tankstelle kaufte sie eine Tüte Nüsse und fragte den jungen Tankwart nach dem Haus Nr. 31, und er wischte sich die Hände an einem Büschel Putzwolle ab und sagte ihr, das alte Haus, in dem hätte ja kaum mehr einer gewohnt, das sei abgerissen worden, im Frühsommer schon, und da wäre jetzt im Moment der Laden mit den Möbeln drin, aber nur bis zum Frühling, dann plane man eine Art Zentrum mit Bibliothek und solchen Sachen.
»Und die Bäume?«, fragte Dorle. Aber der junge Mann wusste nichts von den Bäumen, und Dorle fuhr im Bus nach Hause, ohne den Mut zu haben, sich noch einmal nach dem Haus umzusehen.
Seit das Kind da war, arbeitete Dorle nur noch halbtags. Wenn das zweite käme, solle sie eine Weile ganz zu Hause bleiben, verlangte Harry, und Dorle stimmte ihm zu. Die Wohnung über der Garage machte viel Arbeit, und der kleine Benno war ein zartes und kränkliches Kind, das Dorle oft nachts aus dem Bett holte und so lange weinte, bis sie sich mit einer Decke zu ihm auf den Boden legte und dort weiterschlief.
Lebertran, empfahl ihre Mutter, aber Dorle konnte es nicht über sich bringen, Benno dazu zu zwingen, den Löffel zu nehmen, den sie ihm hinhielt. Er würgte, und sein Gesichtchen wurde rot und fleckig. Harry liebte seinen Sohn über alles und fing jetzt schon an, eine Eisenbahn für ihn im Speicher aufzustellen.
Die Ehe bekam ihm gut. Dorle hatte ihn überredet, sein prächtiges schwarzes Haar länger wachsen zu lassen, und jetzt als Chef konnte er sich das leisten. Er sah nicht aus wie ein Automechaniker, fand Dorle, eher wie jemand vom Fernsehen. Sie selbst kämmte sich noch immer jeden Morgen mit großer Sorgfalt, und Hanna kam und färbte ihr rote Strähnen in den Pony. Hanna war schwanger und ziemlich dick, sie brachte Pizzas mit, und am Abend kam manchmal Enrico, um sie abzuholen, und er und Harry unterhielten sich über alle möglichen Sachen, über Motorräder und Kochrezepte, während Hanna und Dorle in der Küche abspülten und sich über Harry und Enrico unterhielten. Beide fanden, dass sie es gut getroffen hätten, und lachten sich triumphierend zu über den blinkenden Weingläsern, wie Leute, die eben geschickter vorgegangen sind als andere.
An einem Januarnachmittag setzte Dorle den warm verpackten Benno auf einen Schlitten und zog ihn bis zur Bushaltestelle. Sie fuhren zum Zoo und gingen dort, zwischen den Schneehaufen und Tauben, an den verschneiten Käfigen entlang. Als Benno eingeschlafen war, in seinem schafwollenen Sack auf den Schlitten gebunden wie ein Eskimobaby, zog ihn Dorle behutsam ins Amphibienhaus, um sich aufzuwärmen.
In den Glaskästen drängten sich üppige Blätter und Schlingpflanzen an die Scheiben. Dorle betrachtete mit leisem Grauen die reglosen bläulichen Warane, die auf den porösen Steinen kauerten, die Schlangen, die von den Zweigen der Gummibäume hingen, in schweren gesprenkelten Schlingen, die Schildkröten, die an Salatblättern kauten und ihre dicke schwärzliche Zunge zeigten.
Am Ende des Schlangenhauses lag ein großes verglastes Gehege, in dem Dorle kein Tier entdecken konnte. Sie suchte nach einem Schild, fand aber keins. Drinnen breitete sich schön geharkter silbriger Sand um ein türkises Wasserbecken aus, länglich geformt wie ein großes Blatt und voll schimmerndem Wasser. Ein paar runde Kiesel, groß wie Kinderköpfe, lagen um das Becken herum, einer hatte eine rosa Ader, die ihn in zwei Hälften teilte. Die Büsche rings um die Sandfläche streckten fleischige gefingerte Blätter aus. Eine kleine Palme, wohl eine Banane, mit fein geriffelten Zungen, schob ein junges, noch eingerolltes Blatt aus ihrer Mitte, an dessen Spitze ein glasklarer Tropfen hing.
Dorle lehnte die Stirn an die warme Scheibe und suchte angestrengt nach einer Bewegung im Dickicht der Blätter, suchte nach verräterischen spinnwebfeinen Spuren im Sand. Sie wusste nicht, warum es ihr so wichtig war, einen Bewohner dieser in warmes gelbes Licht getauchten Landschaft zu entdecken. Ihr Herz wurde schwer, und so an die Scheibe gelehnt und schwitzend in der Wärme und dem stechenden, fremden Geruch des Schlangenhauses, fühlte sie plötzlich eine große heillose Müdigkeit, als verlasse sie mit einem Mal alle Kraft. Eine Trauer, für die sie keine Worte, keine Bilder finden konnte, verzog ihr den Mund und stieg heiß in ihre Augen. Es schien ihr eine ungeheure Erleichterung, jetzt weinen zu können. Aber sie glaubte dabei nicht stehen bleiben zu können, glaubte, sie würde sich zusammenkauern wie ein Tier, am Boden neben Bennos Schlitten. Alle Leute würden sich zu ihr hindrehen.
Sie fasste das Seil von Bennos Schlitten und zog ihn knirschend über den Betonboden zur Tür und hinaus in die kalte Winterluft, die ihr entgegenschlug.
Draußen hatte es zu dämmern begonnen. Die Leute strebten in Scharen dem Ausgang zu. Dorle lief mitten unter ihnen wie betäubt.
Erst an der Bushaltestelle fiel ihr das gläserne Zimmer mit seinen grünen Wänden und dem Sandboden wieder ein.
Herr Pawlak hatte ihr einmal erzählt, dass er als Junge geglaubt habe, das Paradies sähe aus wie die Käfige der tropischen Vögel im Zoo seiner Heimatstadt. Noch nie zuvor hatte Dorle sich daran erinnert. Er hatte gelächelt, neben der Lampe stehend, die Hände in den Taschen. Ja, so habe er sich das Paradies vorgestellt. Nur viel größer natürlich, mit Flüssen, dicht bewachsenen Ufern, an denen man sitzen konnte, mit Wasserfällen und herrlichen Blumen, Vögeln und Libellen …
Benno wachte auf, und Dorle hob ihn aus dem Sack und stieg in den Bus. Er schlief gleich wieder ein, an ihre Brust gelehnt, und Dorle setzte sich vorsichtig zurecht und gab sich den Bewegungen des Busses hin. Sie hatte ein eigenartiges Gefühl, wie als Kind, wenn sie auf dem Weg zur Großmutter – in den Sommerferien – aus dem Fenster des D-Zuges hinausgeschaut hatte in die vorbeifliegende Landschaft. Sie hatte immer eine seltsame Wehmut gefühlt, weil sie wusste, dass sie nie würde gehen können auf diesen Wegen, die zwischen den Apfelbäumen dahinführten und zwischen den Feldern und Heumanderln, dass sie nie auf dieser Brücke stehen würde, die sich über den Bach wölbte, und dass sie nie die Blumen in jenem Garten riechen würde, der vorbeiglitt, sich ihr zeigte und unaufhaltsam verschwand.
Und dann hatte sie, um sich zu trösten, ein bisschen gewinkt, mit der Hand gewinkt, was hätte sie sonst auch tun können.
Der Mann setzte sich neben mich aufs Sofa und hielt sein Glas in die Höhe, um nichts zu verschütten. Das Sofa gab nach unter ihm. Ich rückte mich zurecht und sah ihn an. Er trug einen safranfarbenen Kaschmirpullover. Dass es Kaschmir war, erkannte ich an den weichen Umrissen der drei Löcher auf seiner Brust, aus denen sein weißes Hemd leuchtete. Er trug diese Löcher wie Orden und schien auf eine Bemerkung von mir zu warten.
All die anderen Männer, die ich sehen konnte – und es waren viele, die in kleinen Gruppen, ihre Gläser in der Hand, zwischen den helleren Frauengestalten herumstanden –, trugen Anzüge, meist dunkle, dazu Krawatten und blanke Schuhe.
Als ich nichts sagte, trank er aus seinem Glas, und auch ich trank aus meinem Glas und gähnte. So schauten wir eine Weile den Leuten zu, die in dem großen, matt erleuchteten Raum, zwischen den Blumensträußen und den locker verteilten Thonetstühlchen auf dem blanken Parkett herumgingen, sprachen und lachten. Mein Nachbar wippte mit dem Bein, das konnte ich spüren, er rauchte Gauloises und stieß zwei symmetrische Rauchsäulen aus seiner Nase.
»Ich möchte wissen, warum es sich Frauen, wenn sie anfangen, alt zu werden, nicht nehmen lassen, tiefe Ausschnitte zu tragen«, sagte er, ohne mich anzusehen, und lehnte sich zurück. »Sehen Sie nur, diese Oberarme, gestautes Fleisch, diese runden Rückenlinien vom Nacken zum Steiß, diese Furchen, die man nicht verdecken kann mit Kettchentand und Perlen …«
Ich schaute zu ihm hinüber und sah, dass er um die vierzig war. Haare, die sich an den Kopf schmiegten, ein feiner, etwas schmaler Mund, empfindsam und beweglich, eine alltägliche Nase.
Er drehte sich mit einem Ruck mir zu und musterte mich, wie man jemanden über eine Brille mustert, aber er trug keine Brille.
»Sie langweilen sich«, sagte er. »Ich habe Sie von der Terrasse her gähnen sehen, wie eine Hyäne.« Ich lachte.
»Ich bin gekommen, um Ihnen eine Geschichte zu erzählen … Wenn Sie wollen.«
Ich kaute noch an seinem gehässigen Satz über die Frauen und arbeitete an einer Erwiderung, aber er hatte Recht damit, dass ich mich langweilte, und ich beschloss, mir seine Geschichte anzuhören und ihn womöglich anhand dieser Geschichte zurechtzuweisen. Ich nahm mir vor, seine Geschichte nicht zu mögen, auch er gefiel mir nicht, aber ich versprach mir ein gewisses Vergnügen davon, ihm zuzuhören.
Er goss Wein in mein Glas, und ich lehnte mich zurück und versuchte, nicht allzu neugierig auszusehen. Das fiel mir nicht schwer.
»Sie ist mir zugelaufen …«, sagte er und schaute in sein Glas. »Sie hat bei mir geklingelt, am Morgen, noch früh, ich war gerade aufgestanden und, na eben … Ich mache auf, sie steht da, wird rot, und die Tränen schießen ihr in die Augen, und sie ist so verlegen wie …, also, ich hatte ganz vergessen, wie verlegen man sein kann in diesem Alter. Eine Studentin von mir, was weiß ich, aus Ingolstadt oder Memmingen … aufgefallen war sie mir jedenfalls nicht, vorher. Wir hatten Semesteranfang. Ich war gerade dreiundvierzig geworden, ja, zwei Jahre ist es her.«
Er legte den Finger an sein Kinn, und ich konnte sehen, dass er gewohnt war zu sprechen und gewohnt, die Pause richtig einzulegen. Er forschte in meinem Gesicht. »Nein, es ist nicht die übliche Geschichte«, sagte er. »Es war Sommer, und meine Frau und die Kinder …« Ich lachte und schaute ihm dabei in die Augen.
»Ihre Frau war verreist mit den Kindern«, sagte ich, »und Marilyn Monroe stellt sich über den U-Bahn-Schacht und … Wie hieß der Film?«
»Halt!«, rief er und schüttelte den Kopf. »Entweder Sie lassen mich Ihre tierische Langeweile verscheuchen, wie ich es möchte, aber dann unterbrechen Sie mich nicht, oder wir gähnen eine Weile zusammen hier und halten den Mund.«
Das war nicht schlecht gesagt, und ich hob die Hände und lächelte. Er war keineswegs aus dem Konzept gekommen, hatte nichts anderes erwartet, machte die Augen schmal und hob das Kinn.
»Wo war ich? Also. Sie hat von nichts ’ne Ahnung. Sie hat … Alles bringe ich ihr bei, wie man Spaghetti isst, wie man Wein aussucht, wie man in der Bibliothek das findet, was man braucht, alles, wie man Kaffee macht, Espresso … alles. Und es ist Sommer und heiß, und wir liegen in meinem Bett, und ich zeig ihr auch dort, was ich weiß; nicht, dass ich ein besonderer Erotomane wäre oder so, nein, es gibt aber doch im Bett auch so etwas wie Manieren …« Er warf mir einen Blick zu, und ich schwor mir, ihn später noch einmal zu fragen, was er damit meinte, aber er sprach weiter.
»Wohlgemerkt, ich habe sie nicht belogen, und sie weiß, dass ich eine Frau habe, mit der ich wunderbar auskomme, eine verschwisterte Seele von Frau, ich bin ganz offen zu ihr …, aber sie, sie bildet sich ein, mich zu lieben. Natürlich weiß ich das einzuschätzen, sie muss glauben, mich zu lieben, sonst würde Memmingen Amok laufen in ihrem Köpfchen … Und dann, ein Dozent, ein älterer, erfahrener Mann, einer, der zu leben weiß, der in Paris war, in Amsterdam … Wohlgemerkt, ich lass das nicht raushängen, nichts lass ich raushängen, man hat ja immer den anderen, der lacht und sagt, na, hast du das nötig, vor diesem lieblichen Kind? Aber sie glaubt, sie liebt mich wie von Sinnen und ich, ich …, also, man muss ja an den Irrsinn des anderen glauben bei der Liebe, sonst kann man ja nicht mit, man bleibt ja zurück. Nennen wir’s so, ich mache mit und glaube ihr das, und sie wirft sich so richtig rein und sagt, sie kann nicht sein ohne mich und sagt so Sachen wie: Ich soll sie zeichnen für immer, als mein Eigentum, mit meiner Zigarette, ich bitte Sie.
Und sie ruft an und sagt, sie muss jetzt kommen, sonst krepiert sie oder bringt mich um, oder was weiß ich, und wenn wir zusammen sind, wenn wir uns … lieben, Carezza und alles, denk ich, sie wird verrückt unter mir, über mir, neben mir, und sie, also … sie sagt stundenlang nur ›ich liebe dich, liebe dich, liebe dich‹. Sie singt das vor sich hin, bis sie heiser ist, und sie weint und …, ja, das klingt jetzt so, wenn ich das so sage, als … Also schade, dass man so was nicht besser beschreiben kann, aber für so was fehlen uns eben die Worte, im Deutschen schon überhaupt.«
Ich sah zu, wie er uns Wein nachgoss, seine Hände unruhig und fahrig. Ich schaute ihm ins Gesicht und versuchte ihn mit den Augen jener Frau zu betrachten. Er erriet das sofort und lächelte, seine Eckzähne waren kräftig, glitzerten sekundenlang und gaben seinem Gesicht eine Unberechenbarkeit, die ihm nicht schlecht stand.
Ich konnte sehen, dass er zufrieden war mit seiner Zuhörerin und es nun wagte, etwas poetischer zu werden.
»Stellen Sie sich vor: eine große Welle, haushoch, eine Welle mit einer Krone aus schneeweißer Gischt. Nein, denken Sie nicht an die Hokusai-Welle, denken Sie, warten Sie mal, an Breughel oder von mir aus an Böcklin – sehen Sie die Welle? Geschwindigkeit, Kraft, blinde Energie, und sie rast auf den Strand zu, man sieht, wie sie den Sand emporsaugt, die Steine freilegt, und ich oben, die Welle kann jede Sekunde kippen und sich in einen Strudel verwandeln, einen riesigen tosenden Weltuntergang, aus Gischt und Salzwasser, der einen auf den Sand klatscht wie ein Häufchen Plasma …« Er prüfte meine Aufmerksamkeit und zündete sich eine Zigarette an.
»Also, Sie waren nicht mehr unbeteiligt«, sagte ich.
»Ja und nein«, sagte er. »Die Welle ist ein Bild … war ihr Bild, nicht, dass sie das sagte, aber sie brachte das mit, und ich musste einsteigen darauf, verstehen Sie, und ich musste es glauben, sonst wären wir nicht zusammengekommen. Ich wusste, dass es ein Bild war, und doch ließ ich mich darauf ein, dachte erst, ich tu mal so, als glaubte ich’s, tauche ein, komme wieder raus, ganz, wie ich’s brauche, aber dann …, also, ich hatte Augenblicke von großem Schmerz, nicht, weil ich liebte, sondern weil ich glaubte, nie wieder wird dich eine Frau so lieben.«
Jetzt war er zu weit gegangen. Er drückte die Zigarette viel zu fest in dem Aschenbecher aus, sie war erst halb geraucht.
»Also, es wurde mir zu heiß …« Seine Stimme hatte sich verändert. »Und ich rede mit Pilsner, sie hat Archäologie im Nebenfach, und Pilsner will diese Exkursion machen in die Türkei, und er hat schon genug Leute beisammen, und sie, sie will nicht mit, und ich überrede Pilsner und mache mich lästig und unangenehm bei ihm und überrede ihn und zwinge sie, zwinge sie praktisch mitzufahren, und sie fährt.«