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www.piper.de
ISBN 978-3-8270-7964-0
© Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 1984
© Berlin Verlag in der Piper Verlag GmbH, München 2005
Covergestaltung: Nina Rothfos und Patrick Gabler, Hamburg
Covermotiv: Gemälde »Die Mexikanerin« von Christian Schad © VG Bild-Kunst, Bonn 2004
Datenkonvertierung: abavo GmbH, Buchloe
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… Los lugares son confluencias
aleteo de presencias
es un espacio instantáneo
Silba el viento
entre los fresnos surtidores
luz y sombra casi líquidas voces de agua
brillan fluyen se pierden
me dejan en las manos
un manojo de reflejos
Camino sin avanzar
Nunca llegamos
Nunca estamos en donde estamos
No el pasado
el presente es intocable
… Die Orte fließen ineinander
Flügelschlag der Gegenwart
ein vergänglicher Raum
es pfeift der Wind
durch die Fresnosbäume
Ströme
von Licht und Schatten, fast flüssig
Stimmen des Wassers
blitzen auf, fließen, verlieren sich
in den Händen bleibt mir
ein Bündel gespiegelten Lichts
Ich gehe ohne vorwärts zu kommen
Nie kommen wir an
Nie sind wir dort wo wir sind
Nicht die Vergangenheit
die Gegenwart ist unberührbar
New York verschwand im Schnee. Die Weihnachtsmusik aber war nicht in den großen geschmückten Kaufhäusern zurückgeblieben, sondern war Cornelia über die Flughafenwartehalle bis ins Flugzeug gefolgt. Missmutig lehnte sie die Stirn an das Glas und sah hinaus. Am Himmel standen die Sterne so dicht gedrängt wie auf dem Papier, in das ihre Pakete gewickelt waren.
In New York hatte der Wind die Schneeflocken wie wogende Vorhänge durch die breiten Straßenschluchten getrieben. Cornelia hatte sich Mexiko vorgestellt, in den Cafés, ehe sie in die heißen Schmalznudeln biss, oder vor den Schaufenstern, in denen mechanische Elfen und Gnome Spielzeug für Santa Claus herstellten. Es war nicht leicht, ein eigenes Bild von Mexiko heraufzubeschwören. Marlon Brando grinste unter einer breiten Hutkrempe, unordentliche Palmenbüschel wucherten neben staubigen Straßen und fette kleine Terrakottafiguren hockten auf blauem Samt in den Museumsvitrinen.
Unter ihr lag nun das Tal von Mexiko.
Cortez hatte damals am Rand der Berge angehalten und hinuntergeschaut auf die blühende Stadt Tenochtitlán mit ihren Kanälen und Blumengärten. Sie hatte darüber gelesen.
Das Flugzeug senkte sich ächzend und schwerfällig. Cornelia sah die Stadt liegen, ein flimmerndes Lichternetz, das sich sanft hob und senkte wie unter den Atemzügen eines riesigen Brustkorbes. Einen Augenblick wusste Cornelia nicht genau, wo sie war, in welcher Stadt sie ankommen würde und in welcher Zeit. Sie kannte diese Verwirrung und wusste, dass sie Angst hatte. Sie schloss die Augen, als sie sah, wie ihr dicker schnauzbärtiger Nachbar sich wieder und wieder bekreuzigte.
Später blieb sie ganz betäubt in der Tür des Flugzeugs stehen und sog die warme, duftende Nachtluft ein. Es war eine Woche vor Weihnachten.
»Du kommst zur rechten Zeit zu uns«, sagte die Tante und legte ihre Hand auf Cornelias Hand. Die knittrige Haut fühlte sich an wie Seidenpapier.
Sie saßen im Auto, auf dem hinteren Sitz. Der Mann am Steuer hatte eine dunkelbraune Haut und trug eine rote Uniformmütze mit einem Schild, das tief über die Augen reichte. Schweigend hatte er den beiden Frauen die Tür geöffnet.
»Die ganze Stadt ist für dich geschmückt.« Cornelia sah aus dem Fenster. Girlanden bunter Glühbirnen hingen zwischen den Palmen. Sogar das Standbild des Indianerprinzen, an dem der Verkehr rechts und links vorbeiströmte, trug einen blauen riesigen Stern an der Stirn. »Cuaûhtémoc«, sagte die Tante und hob beim Lächeln die schweren Lider.
Die Tante erinnerte Cornelia an einen alten Schimpansen. Die lange gewölbte Oberlippe war mit vielen Fältchen gefurcht und kräuselte sich beim Essen und Sprechen zu einer braunen Rüsche zusammen. Die Tante, von der Cornelias Familie in Deutschland munkelte, sie habe nicht nur Kaffeeplantagen in Guatemala, sondern auch Zinnminen in Bolivien und Zuckerrohrplantagen in Yucatán, sprach nie über ihr Geld oder ihre Geschäfte. Am ersten Tag kaufte sie Cornelia viele neue Kleider und erlaubte ihr nicht, den Parka zu tragen, in dem sie angekommen war.
Cornelia fühlte sich fremd in dem großen leeren Haus, in dem die Tante mit ihrer indianischen Dienerschaft wohnte. Die Köchin hatte schwarze Zöpfe und einen dicken Bauch. Sie kniff Cornelia in die Backe, als sie in die Küche kam, um die Tortillas zu versuchen, die nie auf den Tisch der Tante kamen. Die flachen runden Pfannkuchen waren grau und zäh und schmeckten Cornelia sofort. Das Mädchen Aureliana, das jeden Tag den Rasen vor dem Haus sprengte und eine weiße Uniform mit Spitzenhäubchen trug, kicherte, wenn Cornelia bei ihr stehen blieb und ihr zusah. Dabei hielt sie die Hand vor den Mund und verdrehte die Augen. Einmal am Abend hatte Cornelia gesehen, wie sie mit dem Chauffeur neben dem Waschhaus im Garten stand, ihn mit der Hand gegen die Mauer stieß und von ihm zurückgestoßen wurde, ziemlich fest, wie Cornelia beobachtete, immer wieder, wie im Spiel, das Cornelia nicht verstand. Der Bursche hob auch eine Hand voll Erde auf und warf sie nach dem Mädchen, und die antwortete mit einer Hand voll Gras. Dabei lachten sie.
Am Weihnachtstag fuhr Cornelia mit der Tante zu Freunden, die sie noch nicht kannte, um mit ihnen zu feiern. Das Nachmittagslicht war klar, und die Luft über der Stadt flimmerte. Seit man vor Jahren die Sümpfe um die Stadt trockengelegt hatte, um Ackerland zu gewinnen, blies der Wind den silbrigen Staub in die Stadt. Der gewonnene Boden hatte sich als unfruchtbar erwiesen.
Die Tante gab dem Chauffeur Anweisungen. Er wandte seine große melancholisch hängende Nase zu ihr um und antwortete leise und immer wieder »Si, Señora«, »Si, Señora«. Cornelia versuchte, seinen Blick aufzufangen, um ihm zuzulächeln, aber er hielt, wenn er sich halb umwandte, die Augen niedergeschlagen. Die alte Frau seufzte leise. Es ermüdete sie, mit den Dienstboten zu sprechen.
»Die Coronas sind eine sehr gute mexikanische Familie«, sagte sie und zupfte an Cornelias rotem Kleid, das unter der Pelzjacke hervorsah, die ihr die Tante aufgezwungen hatte.
»Ich habe die Einladung deinetwegen angenommen. Señor Coronas ist Chirurg, er hat sechs Töchter und sechs Söhne. Die Mädchen sind alle mehr oder weniger in deinem Alter. Sehr kultivierte Mädchen, sprechen alle englisch.« Cornelia fühlte sich gehemmt. Sie sah hinaus auf die Straße. Vor einem Park stand ein Luftballonverkäufer, er trug eine hohe Krone aus Stanniolpapier, sein dunkles Gesicht versteckte sich hinter einer Maske von rosa Schminke. An der Verkehrsampel trat eine Gruppe brauner Kinder an das hintere halb offene Fenster des Wagens und streckte schmutzige Hände durch die Öffnung. Sie trugen winzige Tonkrüge, Schüsseln, Holzlöffel, bunt bemalte Vögelchen und Sterne aus Wollfäden. »Wie süß sie sind«, sagte die Tante und reichte eine große silberne Münze hinaus. Das größte Mädchen griff danach und rannte weg, die anderen blieben stehen und warteten. Cornelia hätte gerne alles gekauft, was sie ihr hinhielten, aber sie schämte sich. Sie dachte an ihre Puppenküche unter dem Weihnachtsbaum zu Hause. Sie erinnerte sich noch gut an das Stück Zucker, das, mit Spiritus beträufelt, eine blaue Flamme in dem winzigen Ofen entfachte, auf der sie Butter schmelzen konnte und Einbrenne kochen, in den roten Pfännchen, die in allen Größen an der Wand über dem Ofen hingen. Einbrenne hatte sie am liebsten gekocht und gegessen. Zu Hause lag sicher Schnee.
Sie rückte von der Tante ab und kurbelte ihr Fenster herunter.
Auf dem Gehsteig hielten sich zwei Männer an den Aufschlägen ihrer Jacken fest. Sie standen ganz still. Ihre Profile, die sich an den Nasen fast berührten, ähnelten sich sehr. Cornelia sah auch, warum: Beide zeigten die Zähne, in beiden Gesichtern stand die Anstrengung dieser Grimasse, sie waren grau unter der braunen Haut, die Augen aber waren halb geschlossen, schläfrig unbeteiligt. Cornelia sah neugierig zu, wie die beiden Männer sich nun langsam mit kleinen Schritten hin und her schoben. Sie trugen beide Anzugjacken über schwarzen verknitterten Hosen. Jetzt sah sie die weiße Blume im Knopfloch des einen Mannes, wie sie zitterte und langsam an der fremden Hand, die das Revers schüttelte, entlangrutschte. Sie fiel zu Boden, ganz langsam, als wäre sie leicht und schwebe hinunter wie eine Schneeflocke. Der Mann, in dessen Knopfloch sie gesteckt hatte, sah ihr nach, rasch, ohne den Kopf zu bewegen. In diesem Augenblick ließ der andere ihn los, machte einen Sprung zurück und brachte den Mann, der ihn noch immer festhielt, aus dem Gleichgewicht. Er knickte mit dem Oberkörper nach vorne. Cornelia sah das Messer, es ragte aus der braunen Faust, dünn wie eine Stricknadel, und verschwand sofort hinter der Knopfleiste der grauen Jacke. Der Mann, der die Balance verloren hatte, hing noch immer am Revers seines Gegners. Sein Gesicht sah erstaunt aus. Die Stricknadel tauchte kurz aus dem Grau auf, war jetzt hellrot und verschwand wieder. Der Mann mit dem Messer schaute dem anderen ins Gesicht, ruhig und aufmerksam. Cornelia sah ihn jetzt von vorne, der andere hatte sich mit dem Rücken zur Straße gedreht, und Cornelia hörte einen eigenartigen Ton, wie ein erstauntes Rülpsen. Sie begriff noch immer nicht ganz, was die beiden Männer machten, aber dann sah sie den einen davonlaufen, er schlug Haken zwischen den Leuten. Ein paar waren stehen geblieben. Eine Frau mit einem Kind auf dem Arm schrie »Asesino – Mörder«, und da sah Cornelia den Mann in der grauen Jacke auf dem Boden liegen. Sein Kopf hing über den Randstein, seine Hände hielten den Stoff seines Hemdes über dem Bauch zusammengeknüllt. Sie waren blutig.
»Er hat ihn erstochen!«, schrie Cornelia. Sie wollte aussteigen, aber die Tante hielt sie fest.
»Was ist los, bist du nicht gescheit, Kind?« Die Tante sah ihr ins Gesicht. Cornelia bekam kaum Luft.
»Wir müssen ihm helfen, schnell.« Cornelia wollte die Hände der Tante abschütteln, aber sie drückten sie mit erstaunlicher Kraft auf den Sitz nieder.
Die Tante konnte den Mann von ihrem Platz aus nicht liegen sehen, aber an den Gesichtern der Leute, die sich nun um ihn drängten, erriet sie, was geschehen war.
»Das machen sie hier immerzu«, sagte die Tante gelassen. »Wie Tiere«, und als sie Cornelias aufgerissene Augen sah, fügte sie hinzu: »Schau gar nicht hin, Kind.« Der Wagen fuhr an. Der Chauffeur lachte, wandte sich zur Tante um und sagte ein paar Worte. »Was sagt er?«, rief Cornelia verzweifelt. »Er sagt, zu Weihnachten bringen sie sich gerne um!«, sagte die Tante und tätschelte Cornelias Hand. »So ist das eben.« Cornelia schloss die Augen, rutschte tief in den Sitz und legte ihren Kopf auf den weichen Wulst der Rückenlehne. Ein Messer senkte sich in den gespannten Stoff ihres roten Seidenleibchens, sie fühlte nur, dass es kalt war wie Eis.
Der Mann hatte eine Blume im Knopfloch getragen.
Im Januar kam Cornelias Vetter Mario aus Argentinien, um für ein Jahr bei der Tante zu wohnen. Abends spielte er auf dem Flügel, der in der großen dunklen Eingangshalle stand. Bei Chopin weinte Tante Alberta. »Sein Vater ist ein Unmensch, er wollte ihn zwingen, in einer Bar zu spielen«, flüsterte sie Cornelia zu, die ungemütlich in ihrer Umarmung neben ihr auf dem Sofa saß. Marios Vater hielt sich für Ludwig XIV. und hatte mit verschiedenen Frauen verschiedener Nationen etliche Kinder in die Welt gesetzt. Er war ein Tunichtgut und Sadist. Tante Alberta musste ihm Geld schicken und hatte, da sie selbst kinderlos war, nacheinander die Kinder der weißen Frauen bei sich aufgenommen. Rachel, die so alt war wie Cornelia, studierte nun in Zürich, und Inez, die Tochter einer Russin, lebte verheiratet in Kanada. »Ein wunderbarer Mann, Deutscher«, sagte Tante Alberta zufrieden. »Den hat sie hier in meinem Haus kennen gelernt. Er hat ein Sägewerk. Gute Familie.«
Mario machte der Tante Sorgen. Er spielte wunderbar Klavier und war sanft und anschmiegsam, aber er konnte es an keinem Arbeitsplatz lange aushalten. Er hatte in Buenos Aires Maschinenbau studiert und erzählte Cornelia, als die Tante zu Bett gegangen war, wie ungern er als Ingenieur arbeite und wie sehr er sich vor seiner neuen Anstellung bei einer mexikanischen Konstruktionsfirma fürchte. »Tante Alberta ist mit dem Besitzer befreundet, ein ekelhafter kleiner Mann, der immer Abszesse am Nacken hat«, sagte Mario und blätterte abwesend in den Schallplatten. Sie lehnten beide an der großen polierten Kredenz im »Kleinen Salon«, wie Tante Alberta ihn nannte. Dort stand auch der Fernseher, in einem Schrank verborgen, hier führte Tante Alberta ihre Diapositive vor, wenn Gäste kamen. Sie war eine begeisterte Fotografin. Cornelia hatte schon zwei Serien angesehen, die das Ergebnis dieser Leidenschaft waren. Der Kurgarten von Baden-Baden in voller Blüte und etwa 30 Sonnenuntergänge in Acapulco. Dort gehörte der Tante ein Haus am Meer. Cornelias Familie hatte bei ihrem Besuch in Deutschland den dicken Stapel hochglänzender Fotos ehrfürchtig von Hand zu Hand weitergereicht. »Mein Pool«, »Meine Terrasse«, »Mein Strand«, »Mein Garten«, »das Weiße dort hinten bei der Palme ist Ignazio, mein Gärtner«.
Ende März reiste die Tante nach Deutschland. Cornelia nahm den lachsrosa Satinüberwurf von ihrem Bett und legte eine grob gewebte indianische Decke darauf. Sie hängte die Bilder von den Wänden und machte ihre eigenen Aquarelle mit Reißnägeln fest. Aureliana lachte wie nicht bei Sinnen, als sie das Bett machte. Die Decke gefiel ihr nicht, aber sie hob die Schultern und legte den glitschigen rosa Überwurf sorgsam zusammen. Mario und Cornelia bestellten sich schon morgens Tortillas bei der Köchin, die nun immer lange am Tisch stehen blieb, um sich Cornelias noch etwas mühsames Spanisch anzuhören. Sie kochte, was sie wollte, und es gab keine deutschen Gerichte mehr. Der Chauffeur war heim in sein Dorf gereist, und Mario fuhr mit dem Auto zur Arbeit. Cornelia nahm den Bus zur Universität. Sie fuhr durch die Straßen, sah Häuser vorbeigleiten, Plätze mit grünen Rondells, in deren Mitte sich Statuen erhoben. Sie sah die Palmen am Straßenrand und das wimmelnde Leben der Menschen auf den Gehsteigen und der Autos auf den breiten Periféricos. Es fiel ihr schwer, die Stadt an sich heranzulassen. Irgendwie wartete sie darauf, dass jemand sie an der Hand nehmen würde, um ihr das wirkliche Mexiko zu zeigen, sie hielt gleichsam den Atem an. Sie wünschte sich, dass ihr jemand die Stadt anbot und sie aufblätterte wie ein Bilderbuch. In der spanischen Klasse kamen ganz unterschiedliche Leute zusammen. Das freundliche Missionarspaar aus Utah, das hinter Cornelia saß, tat sich sehr schwer beim Lernen, und immer wieder musste der junge mexikanische Lehrer sie ermahnen, wenn sie sich gegenseitig flüsternd vorsagten. Cornelia ging seltsam fremd zwischen ihren Klassenkameraden herum. Sie war schüchtern und immer noch verwirrt von der riesigen Stadt.
Aureliana saß in der Küche und putzte das Silber. Aus dem Radio donnerte Unheil verkündende Musik, und eine Frauenstimme, von Tränen erstickt, sprach beschwörend auf eine Männerstimme ein, die nur ab und zu Sätze wie »Zu spät« oder »Nicht mit mir« einwarf. Diese Sätze konnte Cornelia gut verstehen. Mario hatte ihr erzählt, dass es einen Sender gab, der den ganzen Tag Hörspiele brachte, nur von Reklame unterbrochen. Grässliche Dramen spielten sich in der Küche ab. Das Radio spielte nun den ganzen Tag, und manchmal konnte Cornelia, wenn sie auf ihrem Bett lag und las, durchs Fenster Schreie und das Knallen von Schüssen hören. Die Papageien im Garten stimmten oft mit ein, und Pablito, der zahm war und den Cornelia oft mit Bananenscheiben fütterte, kreischte dann: »Legt an! Feuer! Brrrr«.
Mario spielte abends stundenlang Klavier. Cornelia, die sich langweilte und mit ihm ausgehen wollte, wagte nicht, ihn darum zu bitten. Sie fühlte sich getrennt vom Leben draußen, wusste nicht, wie sie die fremde Stadt kennen lernen sollte, fürchtete, sich zu verlaufen. Mario bemerkte nichts davon und kam pünktlich und müde nach Hause, um wie ein Ehemann unter der Lampe ihr gegenüber an dem großen Tisch zu sitzen und in der Zeitung zu lesen. Die Tage vergingen langsam und waren alle gleich.
Cornelia setzte sich auf den Küchentisch und aß von den Erbsen, die in einer Schüssel für das Abendessen bereitstanden. Aureliana polierte einen Schöpflöffel. Die Frauenstimme aus dem Radio flüsterte Frage auf Frage, aber nun antwortete niemand, nur die Musik untermalte ihre Worte mit leisem Geigenschluchzen. Als Cornelia den Kopf hob, sah sie, dass Aureliana weinte. »Was hast du?«, fragte sie und sprang vom Tisch. Aureliana legte den Löffel weg und heulte los. Ihre Korallenohrringe zitterten. Sie öffnete den Mund weit und legte dann den Kopf auf den Tisch. Sie murmelte etwas, aber Cornelia verstand nur immer wieder das Wort »Niño – Kind«. Vor Mitleid und Aufregung konnte sie keine Worte finden, aber sie streichelte Aurelianas Arm und blieb neben ihr stehen, ohne zu wissen, was sie tun sollte.