JOHN JAKES
Brak, der Barbar -
Die komplette Saga
Apex-Verlag
Inhaltsverzeichnis
Das Buch
Der Autor
Vorwort von Hugh Walker (zur Erst-Ausgabe als Terra-Fantasy-Taschenbuch)
DAS UNSAGBARE HEILIGTUM
DIE STEINERNEN GEISTER
DIE BARKE DER SEELEN
DIE HEXE DER VIER WINDE
DAS MAL DER DÄMONEN
DIE GÖTZEN ERWACHEN
FLAMMENGESICHT
DAS SEIDENTUCH SCHAITANS
PALAST DER DÄMONEN
AM ABGRUND DER WELT
FLUCH DER DÜRRE
DER GARTEN DES ZAUBERERS
DAS MÄDCHEN IM MEERSTEIN
Er lebt in den nördlichen Steppen seiner Welt, bis seine Stammesgenossen ihn aus der Gemeinschaft der Krieger ausstoßen, weil er den Göttern seines Volkes die notwendige Ehrerbietung versagt.
Jetzt ist Brak, der flachshaarige, muskulöse Barbar, auf dem Weg in die südlichen Länder. Die Worte eines alten Schamanen, der von den Wundern und dem Reichtum des Südens sprach, haben den jungen Krieger zutiefst beeindruckt. Brak will selbst sehen, was es mit dem Goldenen Süden auf sich hat.
Brak fürchtet keine Gefahren, solange er das Schwert an seiner Seite weiß. Er hat ein Kämpferherz, und er ist im Kriegshandwerk geübt. Noch ahnt er nicht, dass es dunkle Mächte gibt, denen mit dem Schwert allein nicht beizukommen ist.
Doch er erfährt es inmitten von Not, Tod und unsäglichem Grauen, inmitten von düsteren Verliesen und Manifestationen schwarzer Magie.
Dennoch geht der Barbar unbeirrt seinen Weg − ihn lockt der Süden, das Goldene Khurdisan.
BRAK, DER BARBAR – die große Sword-&-Sorcery-Saga von John Jakes! Der Apex-Verlag veröffentlicht sämtliche fünf Bände um den legendären Barbarenkrieger – Brak, der Barbar (1969), Tochter der Hölle (1969), Das Mal der Dämonen (1969), Die Götzen erwachen (1978) und Am Abgrund der Welt (1980) sowie die Erzählungen Das Mädchen im Meerstein (1964), Der Garten des Zauberers (1974) und Fluch der Dürre (1977) – erstmals als aufwändige E-Book-Edition in einem Band, ergänzt um Landkarten von Dr. Helmut W. Pesch.
»Meine Gründe dafür, über einen Helden wie Brak zu schreiben, sind ganz einfach. Es gibt nicht genug Geschichten dieser Art. Nicht genug für meinen Geschmack wenigstens. Um diese Lücke zu füllen, wurde Brak geboren, mit dem langen blonden Zopf und dem Traum vom Süden.«
- JOHN JAKES
John Jakes, Jahrgang 1932.
John Jakes ist ein US-amerikanischer Schriftsteller, der vor allem durch seine historischen Romane bekannt wurde.
Sein dreiteiliger Roman über den Amerikanischen Bürgerkrieg – North And South (1982, dt. Die Erben Kains), Love And War (1984, dt. Liebe und Krieg) und Heaven And Hell (1987, dt. Himmel und Hölle) - wurde 1985, 1986 und 1994 jeweils in Form einer Miniserie unter den Titeln North And South, North And South II und Heaven And Hell (dt. Titel jeweils Fackeln im Sturm) verfilmt.
Daneben diente seine neunbändige Chronik der Kent-Familie als Vorlage für mehrere Fernsehfilme und Kurzserien: The Bastard (1978), The Rebels (1978) sowie The Seekers (1979).
Zuvor hatte Jakes sich bereits als Science Fiction- und Fantasy-Autor einen Namen gemacht. Besondere Bekanntheit erlangte z.B. ab den 1960er Jahren sein fünfbändiger Romanzyklus Brak The Barbarian (1968 – 1980), sein ironischer Roman Mention My Name in Atlantis (1972, dt. Tolle Tage In Atlantis) und sein Buch zum Film Conquest Of The Planet Of The Apes (1972, dt. Eroberung vom Planet der Affen) sowie der historische Roman Homeland (1993, dt. Licht und Schatten).
Lieben Sie das Phantastische?
Das heroische Abenteuer?
Hat Ihnen Robert E. Howards Conan gefallen?
Oder Fritz Leibers Schwerter-Zyklus?
Oder J. R. R. Tolkiens Herr der Ringe?
Oder Dragon, die erste deutsche Fantasy-Serie?
Wenn ja, dann wird unsere Fantasy-Taschenbuchreihe, von der Sie nun den ersten Band in Händen halten, sicherlich Ihr Herz höher schlagen lassen. Denn das ist es, was wir Ihnen hier und mit den kommenden Bänden bieten wollen: Türen in wilde, prunkvolle, glitzernde Welten der Phantasie.
Jeder Band öffnet Ihnen solch eine Tür in die Vergangenheit, in die Zukunft, in eine andere Dimension.
Sie brauchen nur umzublättern …
Fantasy ist nichts Neues.
Fantasy ist so alt wie die Menschheit selbst. Sie ist in den Sagen und Märchen aller Völker, in den Mythen und Überlieferungen, denn die Glorifizierung und Ausschmückung der Wahrheit ist bereits ein erster Schritt zur Fantasy. Manches Stück Jägerlatein oder Seemannsgarn wird Sindbads Abenteuer in den Schatten stellen.
Früher, als die Welt noch kleiner war, das Reisen beschwerlicher und die Bereitschaft zum Aberglauben größer, da waren ferne Inseln und Länder die Phantasiewelten, in denen magische und mystische Dinge geschahen, von denen Menschen träumten oder Barden und Gaukler an fürstlichen Höfen berichteten. Denken wir an die Abenteuer des Odysseus oder an Sindbads Seefahrten.
Aber wir dürfen diese Erzählungen auch nicht einfach als phantastische Geschichten abtun, denn es handelt sich dabei nicht um bewusst phantastische Dichtung. Die phantastischen Elemente resultierten weitgehend aus dem begrenzten Weltverständnis früherer Zeiten heraus.
Die Mystifizierung erfolgte durch ein uns heute magisch anmutendes Verständnis der Dinge. Erkenntnisse wurden mühsam gewonnen, die Wahrheit oft mit Blut bezahlt. Selbst die sogenannte Wissenschaft musste in jenen Zeiten wie Hexerei anmuten.
Nach und nach aber schrumpfte die Welt und wurde überschaubar. Das Phantastische konnte bald nur noch in wenigen Gegenden glaubhaft angesiedelt werden, im Inneren des Schwarzen Kontinents, in Indien und anderen Flecken im Herzen der großen Kontinente, woher es noch wenig Berichte gab, und sie waren bereits wundersam genug.
Anfang unseres Jahrhunderts, als es schien, als würden auch die letzten großen Geheimnisse fallen, als die Zeit der individualistischen Abenteurer vorbei schien, da öffnete eine junge, spekulative Literatur neue Wege, schuf neue Welten für das heroische, phantastische Abenteuer.
Noch niemand hatte den Boden des Mondes oder der Planeten betreten. Über sie konnte man noch träumen. Daran vermochten auch immer größer und aufwendiger werdende Teleskope nichts zu ändern. Erst Mondflug und Raumsonden beraubten die phantastischen Spekulationen ihrer Grundlage.
Die moderne Fantasy ist weniger bedacht auf Glaubhaftigkeit und Realitätsbezogenheit. Wenn sie eine Welt braucht, so schafft sie eine. Vielleicht in der Vergangenheit, vielleicht in der Zukunft oder in einem parallelen Universum; vielleicht aber auch wissen wir gar nicht, wo sie ist.
Es ist auch nicht so wichtig. Wichtig ist vielmehr das Abenteuer, der freie Fluss der Phantasie und blutvolle Gestalten, die uns mitfiebern lassen.
Öffnen wir also die erste der Türen.
Vor uns liegt Braks einfache Welt mit den hohen kalten Steppen im Norden und dem tropischen Khurdisan im Süden. Brak ist der ewige Wanderer, der Barbar, der in die Zivilisation vorstößt.
Er ist damit ein naher Verwandter Conans, des Cimmeriers. Aber Braks Welt ist einfacher, sein Weg geradliniger. Nur eine Kraft treibt ihn, der Traum von den Wundern und Reichtümern und dem ewigen Sommer Khurdisans. Sein Weg bringt ihn in Konflikt mit Ungeheuern, mit Menschen und sogar mit den Göttern seiner Welt. Seine Abenteuer sind aufgereiht wie Perlen auf einer Schnur. Und manch kostbare ist dabei.
Ebenso wie die Conan-Stories gehören Braks Abenteuer einer Literaturgattung an, die Fritz Leiber, selbst ein erfolgreicher Autor des Genres, mit dem Etikett Sword-and-Sorcery versehen hat (Schwert-und-Magie-Erzählung). Eine Mischung von historischen bzw. pseudohistorischen Abenteuergeschichten und übernatürlichen Elementen, wie sie R. E. Howard erstmalig in größerem Stil mit seinen Storys um Kull von Atlantis und Conan von Cimmeria in den dreißiger Jahren für das Pulp-Magazin Weird Tales schrieb. Er fand damit nicht nur viele Anhänger, sondern auch eine ganze Reihe von Nachahmern, die berühmtesten wohl C. L. Moore mit ihren Geschichten von Jirel of Joiry, einer weiblichen Fantasy-Heldin (doch überwiegt hier das übernatürliche Element weitaus im Vergleich zu Howard), und Henry Kuttner mit Elak von Atlantis.
Ende der dreißiger Jahre erschien ein neues Fantasy-Magazin, Unknown Worlds, in dem die ersten Stories von Fafhrd und dem Grauen Mausling veröffentlicht wurden, die Wan-Tengri-Romane von Norwell W. Page und die Harold-Shea-Geschichten von L. Sprague de Camp und Fletcher Pratt, neben vielen anderen.
Mit der Veröffentlichung der gesammelten Conan-Bände bei Lancer Books begann in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre eine neue Fantasy-Welle. Neue Autoren wandten sich dem Genre zu: Lin Carter, Gardner F. Fox, Michael Moorcock, André Norton, Jack Vance, John Jakes und viele andere.
Heute ist das Fantasy-Angebot nur noch schwer überschaubar.
Wir werden uns jedoch bemühen, in unserer Reihe eine gute Auswahl zu bringen, von den dreißiger Jahren bis zu den siebziger Jahren, und mancher Reiz mag in dieser Gegenüberstellung liegen.
Die vorliegenden drei Novellen von Brak, dem Barbaren, erschienen erstmals gesammelt in der Ausgabe Brak The Barbarian bei Avon Books 1968. Nur eine Story, Geister im Stein, ist älteren Datums (1965). Brak The Barbarian ist der erste von nunmehr drei amerikanischen Bänden über Brak.
Schreiben Sie uns, wie Ihnen Brak gefällt, und ob Sie mehr über ihn lesen möchten. Wenn ja, so werden wir Ihnen das vorhandene Material nicht vorenthalten.
Als John Jakes in den sechziger Jahren seine ersten Brak-Geschichten schrieb, tat er es aus einem sehr persönlichen Motiv heraus: Er fand, dass es zu wenig Schwert-und-Magie-Erzählungen gab, dass mit Howards Tod und dem allgemeinen Trend zur Science-Fiction hin eine breite Lücke geblieben war. Diese Lücke wollte er füllen helfen, und so entstand Brak mit dem Löwenfell und dem gelben Zopf und dem Traum vom Süden.
John Jakes wurde 1932 in Chicago geboren und lebt heute als Werbeagent in Columbus, Ohio. Er schrieb Science Fiction, Fantasy- und Horror-Stories seit Anfang der fünfziger Jahre für die verschiedensten Magazine, vor allem Amazing Stories und Fantastic. In Fantastic erschienen seit etwa 1963 die meisten der Brak-Stories.
Durch seine Arbeit an der Brak-Saga wurde er auch Mitglied von S.A.G.A. (Swordsmen and Socerers’ Guild of America Limited), einer Gemeinschaft von (lebenden) Autoren des Genres der Schwert-und-Magie-Erzählung.
Die übrigen Mitglieder dieses exklusiven Zirkels sind: Fritz Leiber, Jack Vance, Poul Anderson, Lin Carter, L. Sprague de Camp, Michael Moorcock und Andre Norton.
Und nun viel Spaß. Vor Ihnen ist die erste der versprochenen Welten.
Hugh Walker -
Unterammergau, 1974
»Das Unheil zieht herauf
Während die Helden müßig träumen.
Die Priester beten, stammeln, fluchen,
Und donnernd stürzen Tempel ein
- es naht die Finsternis der Seelen.
Und Yob-Haggoth herrscht in seinem Schrein!«
Die Vision des Nestoriamus
»Gott ist tot!«, kicherte der Bettler, und Wahnsinn trübte seinen Blick. Speichel tropfte aus seinen Mundwinkeln, und von Schmutz verfilztes Haar hing ihm bis zu den Schultern herab. Von seinen Zähnen waren nur noch faulig-braune Stummel geblieben.
Er schüttelte seinen Kupferteller und versperrte die enge Gasse. Als ihm der breitschultrige muskulöse Fremde keine Beachtung schenkte, kreischte er nur umso schriller. »Gott ist tot, und gepriesen seien die Schrecklichen! Einen Dinscha für den würdigsten und demütigsten Diener des Schwarzen Gottes.«
»Eine Münze?«, brummte der Fremde. »Bettle anderswo!«
»Einen Dinscha nur, Barbar.«
»Geh' mir aus dem Weg!«
»Nur einen einzigen, oh, Herr!«
»Ich sagte, geh' mir aus dem Weg!«
Übelkeit ergriff den hochgewachsenen stämmigen Fremden, dem der Bettler den Weg versperrte. Der Gestank von faulendem Fisch vermischte sich mit dem Rauch
von schwelenden Fackeln und dem abstoßend süßen Duft von Rauschmitteln.
Selbst die frostige Winterluft vermochte diesen aufdringlichen Gestank nicht aus der engen Gasse zu vertreiben. So wusste der breitschultrige Barbar nicht, ob er sich nun übergeben oder fluchen oder einfach beides tun sollte.
Er war bei Sonnenuntergang durch das Stadttor vom Kambda Kai marschiert und hatte sich stundenlang in den überfüllten Straßen der Stadt umgesehen. Doch hatte er nichts außer Schmutz und Betrug und Dekadenz gefunden. Wenn dies also die Pracht der großen zivilisierten Königreiche sein sollte, die zwischen ihm und dem sagenumwobenen Khurdisan lagen, dann hatte er vielleicht einen Fehler begangen, als er sich aus den hohen Steppen des wilden Nordlands auf den Weg in den Süden machte.
Allein: Der Bettler war hartnäckig.
»Nur einen einzigen Dinscha, Fremder. Eine ganz geringe Münze, dafür führe ich euch in ein gewisses Haus, wo zu Ehren Yob-Haggoths, des Gottes der Finsternis, der den Namenlosen Gott vertrieben hat, erfreuliche Dinge vollzogen werden. Wenn Ihr die rechten Worte wisst, lässt man Euch ein in dieses Haus, und Ihr werdet Erstaunliches zu sehen bekommen, wie verzauberte Bergziegen und dralle junge Dirnen, die sich verwandeln...«
»Mir liegt nichts an solchen Lastern«, knurrte der Barbar. Seine Rechte legte sich um den Griff des gewaltigen Breitschwerts an seiner Seite. »Gib den Weg frei!«
Die Wieselaugen des Bettlers sahen sich nach Unterstützung um. Die enge Gasse mit den paar geschlossenen Läden war leer. Geradeaus mündete sie in eine Steintreppe, die ein halbes Stockwerk hoch zu einem Platz führte. Das Licht von Fackeln erhellte ihn, und Nachtschwärmer schienen dort ihren Vergnügen nachzugehen.
»Ihr könntet nicht deutlicher offenbaren, dass Ihr keinen Respekt vor den Bürgern der Eismarschen habt, Fremder. Dies ist eine sehr unkluge Einstellung.«
»Ich weiß nichts von einem Land, das du die Eismarschen nennst«, erwiderte der Barbar. »Und ich will auch gar nichts davon wissen. Ich bin auf der Durchreise. Willst du mich nun endlich vorbeilassen?«
Er zog das Schwert halb aus der Hülle. Der Bettler trat eilig einen Schritt zurück, unsicher, ob der Fremde es nicht vielleicht ganz zog und ihm in den Bauch stieß.
Der kraftstrotzende Barbar entblößte die weißen Zähne zu einem Grinsen. »Wenn du es wahrhaftig wagen willst, mich aufzuhalten, Bettler, so sage es frei heraus. Ich werde dann entscheiden, ob ich deinen Entschluss nicht ändern kann.«
Der Bettler fluchte in einer Sprache, welche dem Barbaren unbekannt war. Aber ein grollendes Lachen kam aus der Kehle des Fremden, der sich bereits an dem Alten vorbeigeschoben und ihn in eine dunkle Nische zwischen zwei Häusern gedrängt hatte. Der Bettler kauerte sich zusammen, und mit vor Angst verzerrtem Gesicht blickte er auf zu der hochgewachsenen Gestalt mit dem gelben Haar, das zu einem dicken Zopf geflochten an dessen Rücken herunterbaumelte. Ein glänzender Pelzumhang, auf dem sich das Fackellicht spiegelte, hing von seinen mächtigen Schultern. Abgesehen davon - und abgesehen von einem Kleidungsstück aus Löwenfell um seine Hüften - war der Barbar nackt.
Der Fremde wartete ab. Der Gesichtsausdruck des Bettlers änderte sich zu einer schmeichlerischen Maske.
»Möge Yob-Haggoth sich meiner Zunge erbarmen«, winselte er. »Ich erkannte in Euer Ehren nicht einen Mann von derartiger Entschlossenheit. Selbstverständlich seid Ihr frei, Eures Weges zu ziehen. Ich werde mir einen anderen suchen, um meine armselige Schüssel zu füllen.«
Mit diesen Worten hob er den Kupferteller, als wolle er ihn dem Barbaren zeigen. Aber mit einer schnellen Bewegung schleuderte er den Inhalt in das Gesicht des Fremden, sodass dieser verwirrt den Kopf schüttelte. Der Bettler quiekte und eilte an ihm vorbei.
Der Barbar fuhr herum, als der Bettler auf die Stufen am Ende der Gasse zu rannte und schrill kreischte: »Es wird sich noch erweisen, wie weit Ihr mit Eurer Arroganz bei den zauberkundigen Blinden kommt, Tölpel.« Er schwenkte beide Arme und brüllte: »He, Werfer! Zur Zuckerbäckergasse! Ein Fremder!«
Aus der vom Licht der Fackeln durchbrochenen Dunkelheit des Platzes über der Steintreppe tauchte eine Gruppe schmächtiger, flinker Gestalten auf. Der gelbhaarige Barbar stellte sich mit dem Rücken gegen eine Hauswand und bereitete sich auf einen Kampf vor. Auf der anderen Gassenseite öffnete sich ein Fenster. Ein junges Mädchen blickte heraus auf das Dutzend oder mehr vom Schmutz starrender Burschen, die johlend die Treppe heruntersprangen. Gleichgültig schob sie ihre Rauschgiftpfeife zwischen die roten Lippen und schloss das Fenster wieder. Aus der Ferne drangen der rhythmische Schlag eines Tamburins und heftiges Klatschen und Gelächter zu ihm.
Ehe der Barbar die hohen Steppen verlassen hatte und über raue Hügel die Grenze zu jenem zerklüfteten Land, das man die Eismarschen nennt, überquerte und schließlich Kambda Kai erreichte, hatte er noch keine Bekanntschaft mit der Zivilisation gemacht. Doch schien es ihm so, als bestünde diese aus nicht viel mehr als aus Diebstahl, Blasphemie und Verderbtheit. Und nun hatte es deutete sogar alles darauf hin, als müsste er auch noch gegen eine Horde von Halbwüchsigen kämpfen. Diese Knaben bildeten weiter oberhalb einen Halbkreis. Es waren zerlumpte, unterernährte und völlig verdreckte Gestalten mit strähnigem Haar und spitzen Raubtierzähnen. Mit stillem Entsetzen stellte der Barbar fest, dass in ihren Gesichtern etwas fehlte: Wo die Augen hätten sein sollen, trug jeder der Jungen zwei knopfähnliche, silbrig-kristallene Scheiben, die irgendwie zwischen den Brauen und den Wangenknochen eingebettet waren. Auch ihre Fingerspitzen bedeckte Silberkristall, doch hier lief es in nadelscharfen Enden aus.
»Die kleinen Akolyten des Yob-Haggoth«, kicherte der Bettler aus dem Hintergrund, »sind recht geschickt, wenn es gilt, sich eines Fremden anzunehmen, der dem Finsteren Gott nicht die Ehre erweist. Auf ihn, Werfer!«
Einer der Jungen, der die anderen etwas überragte, machte einen Schritt vorwärts. Die Silberkristalle glitzerten, und der Schein der rauchigen blauen Fackeln brach sich darin. Die bemitleidenswert zerbrechlich aussehende Gestalt in ihren Beinkleidern aus Tierhaut verbeugte sich spöttisch. »Unsere untertänigsten Grüße, Fremder«, piepste der schmächtige Bursche. »Willkommen in Kambda Kai, der Hauptstadt der Eismarschen. Gibt es Schwierigkeiten hier?«
»Eine davon... habe ich bereits beseitigt«, brummte der Barbar. »Eine weitere nimmt möglicherweise ihren Anfang, wenn ihr euch mit mir anlegen wollt. Mach' dich aus dem Staub, Kleiner, ehe ich dir mit diesem Schwert den Hintern versohle.«
Die spitzen Zähne des Werfers blitzten. Einige seiner Kameraden hüpften von einem Fuß auf den anderen und stießen Zischlaute hervor. Die Silberkristallscheiben ihrer Augen strahlten ein eigenartiges Leuchten aus. Der Rücken des Barbaren kribbelte.
Es trug durchaus nicht zu seiner Belustigung bei, dass sich ein erwachsener Mann wie er mit einem Pack unterernährter Halbwüchsiger herumraufen sollte. Im Gegenteil, es erschien ihm als ein böses Omen. Er spürte das Lauern von Gefahr um sich.
Vielleicht war es die Fremdheit der Stadt, die er voll Wunder geglaubt hatte: Dies war die erste Stadt, die er in seinem Leben betreten hatte, doch sie erwies sich als ein Ort der Niederträchtigkeit, die hinter den Tausenden von eisernen Ziergittern zu Hause war.
»Wir werden Euch Eure Unhöflichkeit verzeihen, Fremder«, bedeutete ihm der Bursche und klickte zwei der silbernadligen Fingerspitzen zusammen, »wenn Ihr uns eine oder vielleicht auch zwei Fragen beantworten wollt.«
Der stämmige Barbar hielt es für klüger, sie mit Reden hinzuhalten, als einen Angriff mit seiner Klinge zu starten. Der Gedanke, mit dem Schwert gegen einen Haufen von Kindern vorzugehen, gefiel ihm nicht. »So fragt«, knurrte er.
»Woher kommt Ihr?«, erkundigte sich der Bursche und schob seinen Kopf vor, als könne er so besser verstehen.
»Aus dem Norden.«
»Und wo wollt Ihr hin?«
»Gen Süden.«
»Habt Ihr einen Namen.«
»Dort, woher ich komme, nennt man mich Brak.«
Er hielt es nicht für erforderlich zu erwähnen, dass er von seinen eigenen Stammesgenossen ausgestoßen worden war, denn schon vor diesem Ereignis hatte er den Entschluss gefasst, sie zu verlassen. Von einem wandernden Schamanen hatte er von den reichen warmen Ländern im Süden gehört, und von jenem Augenblick an hatte es ihn dorthin gezogen. Und als man ihn schließlich verbannte, weil er die kriegerischen Götter seines Volkes zu oft missachtet hatte, machte er sich auf den Weg in das Land seiner Träume.
In den warmen Breiten Khurdisans, weit im Süden, wollte er sein Glück machen. Und unterwegs würde er durch viele prächtige Städte und Königreiche kommen, hatte ihm der Schamane erzählt. Er war bereit, sich, sofern dies nötig sein sollte, mit dem Schwert einen Weg zu dem halbmondförmigen Khurdisan zu bahnen, das - wie der Schamane ihm versichert hatte - von den Pfeilern Ebons im Westen bis zu den Rauchbergen reichte, wo die Welt im Osten endete.
Khurdisan! Das goldene Khurdisan!
Der Name war ihm Musik und steter Begleiter. In Khurdisan, so hatte der Schamane gesagt, lag das Gold auf der Straße. Und es gab goldenen Sonnenschein und Frauen mit goldener Haut.
*
Und nun - kaum, dass er sich richtig auf den Weg gemacht hatte - wurde Brak bereits aufgehalten: Aufgehalten von einer Meute merkwürdiger Kinder, die zwischen spitzen Zähnen hindurchzischten und den Blick nicht von ihm wandten.
»Noch eine Frage, Brak«, und wieder klickte der Werfer mit den Fingerspitzen. »Vor welchem Gott verbeugt Ihr Euch?«
»Wie ich hörte gibt es zahlreicher Götter in den Königreichen zwischen hier und dem Süden«, erwiderte Brak. »Das finde ich sehr verwirrend. Ich kenne keinen einzigen von ihnen und beuge mich vor keinem.«
Mit einem bösartigen Knurren sprang der Bursche einen Schritt näher und hob das augenlose Gesicht zu ihm.
»Es gibt keinen Gott außer Yob-Haggoth, Fremder. Wir sind seine Diener.« Er fuchtelte mit seinen Nadelspitzenfingern vor Braks Nase herum. »Wenn Ihr auf die Knie fallt und Yob-Haggoth Treue schwört - dessen Macht sich nicht nur über die Eismarschen, sondern bald über die ganze Welt erstrecken wird -, dann dürft Ihr ungehindert weiterziehen.«
Braks Blut begann zu wallen. »Ich sagte dir doch, du spinnenbeiniger Aufschneider, dass ich mich vor keinem Gott beuge.«
»Yob-Haggoth ist allmächtig. Yob-Haggoth breitet seinen dunklen Mantel über die ganze Welt. Über jene, die ihn anbeten und über jene, die es nicht tun. Er hat den Namenlosen Gott verbannt. Er ist der Herrscher über jegliche gute Dunkelheit. Ihr werdet ihm den Treueeid leisten!«
Brak verlor die Geduld. Er hob seine Rechte und drückte die Handfläche auf die Stirn des Jungen, mit der Absicht, ihn wegzustoßen.
Aber kaum war er mit der Haut des Anführers in Berührung gekommen, da überfiel ihn ein scheußliches Prickeln, das in einem stechenden Schmerz in seiner Schulter endete, und dieser Schmerz ließ ihn keuchend zurückfahren.
Die silberkristallenen Scheiben im Gesicht des Burschen funkelten. Er lachte: »He, Freunde, ich glaube, wir haben unseren mystischen Dritten gefunden. Einen Gläubigen, einen Anhänger des Namenlosen Gottes und jetzt diesen Fremden, der keinen Gott anerkennt. Ehe die Sonne aufgeht, wird ihr Blut sich zu Ehren Yob-Haggoths vermischen.«
Während dieser ihm unverständlichen Rede stand Brak angespannt gegen die Mauer gelehnt. Der Schmerz pochte schier unerträglich in seinem Arm. Er versuchte, die Finger zu bewegen, um sein Breitschwert aus der Scheide zu ziehen.
Die Halbwüchsigen schlichen im dichten Halbkreis näher auf ihn zu. Ihr Zischen wurde aufgeregter. Der Bursche, den Brak mit der Handfläche berührt hatte, deutete mit dem Finger auf ihn.
»Holt ihn euch, Freunde!«, befahl er. »Holt ihn zur Ehre des Finsteren Gottes.«
Die Werfer sprangen vorwärts. Ihre Silberkristallscheiben funkelten.
Brak kämpfte gegen den betäubenden Schmerz in seinem rechten Arm an und zerrte sein Breitschwert hervor. Die Zeit für Skrupel war vorbei.
Todesstille senkte sich über die schmale Gasse. Mit einem Schrei sprang der Anführer der Werfer gewandt in die Höhe. Er bekam einen aus dem ersten Stock hervorstehenden Balken zu fassen und baumelte mit den Beinen hoch über Brak. Er lachte höhnisch und winkte seinen Kameraden mit einer Hand zu, jetzt anzugreifen.
Brak machte einen Schritt vorwärts.
Irgendwo kicherte der Bettler voll Schadenfreude.
Der Barbar schwang das Schwert mit aller Kraft. Plötzlich schnellten die Hände der Werfer vor. Aus ihren Fingerspitzen schossen winzige Silberstrahlen. Einer der geschmolzenen Tropfen traf Braks Klinge und explodierte in einem Regen von grünen und roten Funken. Ein anderer schlug auf seiner Schulter auf und verursachte einen brennenden Schmerz, der Brak die Zähne zusammenbeißen ließ.
Er schwang das Breitschwert vor sich. Doch da prasselte ein Hagel der silbernen Geschosse herab. Jedes, das auf seiner Klinge aufprallte, verursachte ein Feuerwerk gleißender Funken und blendete ihn.
Weitere der geschmolzenen Tropfen verbrannten seine Haut, und der Schmerz wurde unerträglich. Brak warf seinen Kopf zurück und brüllte.
Er ließ das Schwert zu Boden fallen und riss sich den Pelzumhang von den Schultern, damit er sich ungenierter bewegen könne. Dann bückte er sich, um die Klinge wieder aufzuheben. Er starrte auf glühende Funken, die immer greller wurden und ihn schließlich so blendeten, dass er den glitzernden Knauf seines Schwertes kaum noch zu erkennen vermochte. Doch dann gelang es seinen Fingern, ihn zu umklammern; die Klinge schien unendlich schwer, und es kostete ihn alle Kraft, sie hochzuheben. Der immer intensiver werdende Hagel der Silbergeschosse trieb ihn die Gasse zurück. Er fluchte in der Sprache seiner Heimat und schwang das Schwert durch den Feuersturm explodierender Tropfen, die unermüdlich aus den Fingerspitzen der Werfer schossen. Wie durch einen Schleier hindurch bemerkte er, dass der Halbkreis um ihn immer enger wurde.
Silberkristallscheiben gleißten durch das Funkenfeuerwerk.
Sie trieben ihn wie ein Stück Vieh an den Häusermauern entlang. Jedesmal, wenn er mit schmerzendem Arm das Schwert schwang, drang es durch nichts weiter als sprühende Funken. Und das zischende Gelächter der Werfer peinigte seine Ohren. Er taumelte durch eine offene Tür in einen Innenhof. Er stolperte ein paar Schritt weiter, immer noch geblendet von den feurigen Geschossen. Beinahe wäre er in ein schmutziges Becken gestürzt, auf dem ein toter Fisch mit dem Bauch nach oben schwamm.
Mit letzter Kraft wirbelte er herum, sprang und warf seine gewaltigen Schultern gegen die riesige Lindentür. Einer der Werfer stürmte gerade hindurch. Die zuschlagende Tür warf ihn zurück. Er schrie auf.
Brak stemmte sich gegen die Tür, aber sie ließ sich nicht völlig schließen, weil der Werfer den Arm dazwischen geschoben hatte. Aus den Fingerspitzen flammten Silbergeschosse, die den Hof erhellten.
Brak biss die Zähne zusammen und musste sich nun eingestehen, dass die Werfer keine Kinder waren, sondern Höllenkreaturen in der Gestalt von Kindern. Er hob seinen Schwertarm, während er mit der anderen Schulter weiter gegen die Tür presste. Erbarmungslos hackte er den hereinhängenden Arm ab. Dieser fiel zu Boden, aber kein Blut quoll heraus, nur eine Wolke faulig riechenden gelben Rauchs.
Von der Straße drangen wütendes Zischen und ein Mark und Bein erschütternder Schmerzensschrei herein. Brak drückte noch einmal fest mit der Schulter gegen die Tür und vermochte sie nun zu schließen. Hastig legte er den gewaltigen Riegel vor.
Keuchend lehnte er sich kurz gegen die Tür und schloss die Augen. Sein Körper schien nur noch aus Schmerz zu bestehen. Die unzähligen Geschosse, die ihn getroffen hatten, hatten ihm übel mitgespielt.
Welche Art von Wahnsinn mochte das sein?
Wie verrucht war diese sogenannte Zivilisation? Wie verderbt waren die fabelumwobenen Königreiche und Städte, durch die er auf Suche nach Reichtum zu ziehen beschlossen hatte? Welche Ausgeburten der Hölle trieben hier ihr Unwesen? Plötzlich bereute er es bitter, dass er es bis zu seiner Verbannung hatte kommen lassen und seinem Drang nach dem Süden gefolgt war.
Aber schon einen Augenblick später gewann seine im Grund genommen unkomplizierte Natur wieder die Oberhand, und er erkannte, dass er gar nicht anders konnte, als seinen geraden Weg zu gehen. Er packte den Schwertgriff fester und schritt über den Hof. Nur die kalten Sterne des Nordens, oben am samtschwarzen Himmel, spendeten ihm ein wenig Licht. Er musste aus diesem Haus und aus dieser Stadt herauskommen.
Immer noch ertönte wütendes Zischen von der Straße. Brak umschritt das Becken mit dem fauligen Wasser. Er war halbwegs bei den Innenmauern des Hauses angekommen, als plötzlich perlmuttglitzernde Helle heraus drang. Geblendet blieb er stehen.
Das Licht umflutete ein Mädchen von unbeschreiblicher Schönheit. Seide von der Farbe der Mitternacht umhüllte sie. Ihre Augen waren von der gleichen Schwärze, genau wie das lange Haar, das sie wie eine Wolke umgab. Sie lächelte mit roten Lippen, die in ihrem liebreizenden Gesicht glänzten.
War das eine neue Teufelsfalle?, fragte sich Brak.
Die Perlmuttwolke schien über ihr zu schweben. Beide Hände hatte sie gegen die Kupfer-Ornamente der Tür gedrückt. Brak nahm an, dass sie sie von innen geöffnet hatte und dass dadurch das Perlmuttlicht herausgedrungen war. Aber obwohl er in die Richtung geblickt hatte, hatte er das eigentliche Öffnen dieser Tür nicht bemerkt.
Sein Schädel pochte.
Sein Körper schmerzte von den Geschossen der Werfer.
Und über ihm schienen die Sterne zu wirbeln.
»Kommt hierher, Fremder«, lud das Mädchen ihn mit betörendem Lächeln ein.
Hoffnung regte sich in Brak. Vielleicht hatte er in diesem wunderschönen Mädchen endlich unter all der Schlechtigkeit dieser Stadt eine gütige Seele gefunden. Er nickte, um ihr zu zeigen, dass er verstanden hatte. Er schritt auf die offene Tür zu, hinter der er noch immer nichts zu erkennen vermochte - nur das Perlmuttlicht, das ihn blendete. Plötzlich tauchte hinter dem wallenden Gewand des Mädchens ein wohlbekannter Kopf auf. Silberkristallscheiben funkelten. Wie vom Blitz gerührt blieb Brak stehen. Der Anführer der Werfer sprang hinter dem Mädchen hervor, wo er bis jetzt im Verborgenen gelauert.
»Gut gemacht, schöne Tochter der Hölle«, lobte er und streckte seine Nadelspitzenfinger aus.
»Ich Narr!«, brummte Brak und zog sein Breitschwert.
»Wohl gesprochen!«, pflichtete das Mädchen ihm spöttisch bei. Ihre schwarzen Augen glitzerten jetzt heller als zuvor, aber mit einem kalten, gnadenlosen Licht. »Die Werfer riefen mich von weit, weit entfernt herbei, denn die mystische Dreieinigkeit muss bei Sonnenaufgang auf Yob-Haggoths Altar geopfert werden, um seine Macht zu erneuern.«
Der Anführer der Werfer hüpfte ungeduldig von einem Fuß auf den anderen. »Darf ich ihn jetzt mitnehmen, Ariane? Darf ich?«
»Ja. Und eile dich! Die Sterne erblassen. Ich höre meines Vaters Ruf. Wir dürfen keine Zeit verlieren.«
Die Fingerspitzen des Werfers flammten in bisher unerreichter Helligkeit auf. Hunderte, ja, Tausende geschmolzener Silbertropfen schlugen auf Braks Haut auf, durchdrangen seine Schädeldecke, trieben ihn in ein Chaos von Schmerz.
Mit aller Willensstärke versuchte er das Schwert festzuhalten. Aber jegliche Kraft verließ ihn. Seine Beine wurden weich, gaben nach. Langsam sank er durch ein Feuerwerk sprühender Funken auf den feinen Sand. Und während er fiel, drehte er sich. Durch den silbernen Glitzerregen bemerkte er etwas, das ihn mit Grauen und Verzweiflung erfüllte. Er erkannte die wahren Ausmaße ihrer Schwarzen Magie: Wo er vorher durch die Lindentür in diesen Innenhof geflohen war, erhob sich jetzt nur noch eine festgefügte Mauer aus Stein...
Brak sank in tiefen Fieberwahn und wusste nicht mehr, was um ihn herum geschah.
Hin und wieder erwachte er für Augenblicke. Er hing mit dem Bauch über dem stinkenden Rücken eines Kamels, das mit flinken Beinen über den gefrorenen Schnee der offenen Eismarschen lief. Vereinzelte Sterne blinkten noch vom heller werdenden Himmel. Die Meute der Werfer rannte mit dem Kamel um die Wette. Als er erneut erwachte, war ihm, als läge er mit dem Rücken auf klammen Pflastersteinen.
Noch immer war sein Blick wie verschleiert.
Er starrte in die Höhe. Gewaltige Steine bildeten ein hohes Gewölbe, das von Spinnweben bedeckt war. Aber es waren ungewöhnlich dicke Fäden, die es bildeten, und sie waren von einem Scharlachrot, das pralle Tropfen herabregnen ließ. Ein widerwärtiger Gestank drang in seine Nase, wenn sie in seiner Nähe aufschlugen.
Es dauerte eine lange Weile, bis seine Augen klarer wurden und er im Netz eine Kreatur erkannte, deren rote Facettenaugen sich weit öffneten. Eine menschliche Gestalt spiegelte sich hundertfach in den einzelnen Facetten wider. Sie war nackt und geschlechtslos, und sie wand und krümmte sich, als würde sie auf glühenden Kohlen geröstet.
In seiner unmittelbaren Nähe murmelten Stimmen. Brak versuchte seinen Kopf zu drehen, vermochte es jedoch nicht. Kalte Zugluft streifte seine bloße Brust. Nun sah er auch weit entfernt die hohen Wände des Gewölbes. Sie waren von den Flammen eines Feuers, das er nicht sehen konnte, rot umspielt. Und irgendwie wusste Brak: Dieses Feuer hielt das Böse noch zurück, das überall lauerte und älter als die Menschheit war.
Plötzlich verschwanden die Augen des Beobachters dort oben in den Fäden des riesigen Netzes. Nein, sie wurden nur undeutlicher, erkannte Brak. Plötzlich hing eine opalisierende Barriere zwischen der Spinnenkreatur und ihm. Sie wurde zu einer riesigen schillernden Kugel, schwarz am Rand, neblig-grau in der Mitte. Sie war doppelt so groß wie ein Mann, und in ihr befand sich eine menschliche Gestalt: Ariane, das Mädchen im mitternachtfarbenen Gewand.
Brak knurrte wie ein wildes Tier. Ihre roten Lippen verzogen sich zu einem interessierten Lächeln, und die dunklen Augen in ihrem kalkweißen Gesicht brannten mit unirdischer Neugier. Er versuchte sich zu erheben, aber eine schreckliche Übelkeit ließ es nicht zu.
Die Kugel schwebte näher heran. Ariane hob ihre rechte Hand und drückte die Fingerspitzen, ihm einen Kuss zuwerfend, an die Lippen. Ihre Augen leuchteten. Dünne Rinnsale frischen Blutes sickerten an ihren Handgelenken herab. Irgendwie wusste Brak, dass es nicht ihr eigenes Blut war. Ariane lächelte, lockte ihn mit roten Lippen, winkte ihn herbei. Brak schauderte, erstarrte. Seine Augen verschleierten sich erneut. Wild pochte der Schmerz in seinem Kopf. Eine namenlose Angst erfüllte ihn.
Die Kugel schwebte höher und entfernte sich. Arianes immer kleiner werdende Gestalt verschwand. Brak biss in seine Unterlippe und stöhnte. Er war schweißgebadet.
Wortfetzen drangen zu ihm.
»Wer? Wer?«, flüsterte eine Stimme.
»Verrät deine Gänsehaut es dir denn nicht?«, hörte Brak eine andere. Sie klang heiser, angespannt. »Seine Tochter ist es. Der Fremdling interessiert sie. Sie bewundert seine Kraft, wie ich vermute.«
Die erste Stimme, älter und zittrig, erklang aufs Neue. »Aber die Dämmerung naht, Bruder! Sie hat keine Zeit mehr, ihn zu lieben.«
»Kennst du denn ihre Kräfte nicht, Alter? Diese Kreatur der Hölle kann mit ihrer Zauberkunst einen Herzschlag in Äonen verwandeln. In dieser Zeit vermag sie tausend Liebhaber zu nehmen - oder auch nur einen einzigen -, die sich danach wünschten, nie geboren worden zu sein.«
Über Brak schlossen sich nun die roten Augen der Spinnenkreatur.
Die zweite Stimme, irgendwo außerhalb seiner Sicht, murmelte weiter. »Sollte sich Ariane in der Tat für diesen Fremdling interessiert, Alter, dann wird nichts mehr von seiner Seele für Yob-Haggoth übrigsein, wenn das Ritual beim ersten Licht des Morgens beginnt.«
Die Stimme verklang. Brak fragte sich voll Grauen, was mit ihm geschehen würde, nun, da er die Neugier der Hexe in der Kugel erweckt hatte.
Er musste sich erheben!
Doch er war hilflos, als der Schmerz ihn erneut durchzuckte. Er stöhnte laut auf, dann fiel sein Kopf zur Seite. Die Schatten des Feuers tanzten die Wände des gewaltigen Gewölbes empor.
Dann... verließen ihn die Sinne.
*
Das Erwachen kam mit brutaler Plötzlichkeit.
Der klamme harte Stein war Wirklichkeit unter seinem nackten Rücken - ebenso der zusammengeballte Löwenschwanz seines kurzen Beinkleides, der gegen sein verlängertes Rückgrat drückte. Seine Augen öffneten sich weit. Er wusste, dass der Zauber erloschen war.
Über ihn gebeugt standen zwei fremdartig aussehende Männer. Einer war in schmutzige Lumpen gehüllt. Er hatte einen zerzausten Backenbart, einen langen Schnurrbart und strähniges, ungekämmtes Haar. Früher einmal mochte er groß und stattlich gewesen sein, aber das Alter hatte ihn gebeugt.
Seine Zunge benetzte ruhelos seine aufgesprungenen Lippen.
Er war blind.
Wo einst seine Augen gewesen waren, befanden sich jetzt nur noch die Lider, mit schwarzem Zwirn an die Wangen genäht. Der dicke Faden war teilweise mit wildem Fleisch überwuchert oder von hässlichem Schorf bedeckt.
Das Äußere des anderen war weniger abstoßend, und doch erschreckte er Brak weit mehr als der Blinde. Er war ein stämmiger, kahlköpfiger Mann von kleiner Statur. Er trug eine graue Kutte mit Kapuze. Eine Schnur aus Holzperlen war um seine Körpermitte geschlungen. In seiner Rechten hielt er ein kleines Kreuz aus gespaltenem grauem Stein, dessen horizontales Stück genauso lang war wie das vertikale. Er hatte es am unteren Ende des vertikalen Teiles umklammert und schwenkte es über Braks Kopf durch die Luft.
Das fremdartige Symbol und das Gefühl, dass etwas Finsteres sich über ihm zusammenbraute, ließ Brak auf die Füße taumeln.
»Nimm das Ding fort von meinen Augen, Zauberer!«, schrie er aufgebracht. Seine gewaltigen Pranken legten sich um den Hals des Mannes mit der Kapuze, der sich verzweifelt zu befreien suchte und keuchend nach Luft schnappte.
»Er will Euch nichts Böses! Nichts Böses!«, schrillte der blinde Alte, dem die verräterischen Geräusche nicht entgangen waren.
Noch immer übermannt vom Grimm blickte Brak in das rote Gesicht des gedrungenen Mannes. Es waren freundliche, offene Züge ohne Schuld. Brak ließ ihn los und schnaufte heftig.
Das Steinkreuz war auf den Boden gefallen.
Brak deutete darauf. »Ich weiß nicht, was es mit diesem Ding auf sich hat, Kuttenbruder. Aber ich dulde nicht, dass Ihr versucht, damit einen Zauber über mich zu verhängen.«
Der Mann in der grauen Kutte bückte sich. Er hob das Kreuz auf und drückte es inbrünstig an sich. »Woher kommt Ihr, Barbar?«, fragte er sanft. Dann zogen seine Augen sich zusammen, als er riet: »Aus dem Norden? Von den Steppen?«
»Aye«, erwiderte Brak wachsam.
»Dann habt Ihr demnach nie ein Kreuz des Nestoriamus gesehen?«
»Nestoriamus-Kreuz? Nein, nie. Zeigt es mir.«
Er streckte die Hand danach aus. Der Kapuzenmann presste es noch fester an sein Herz und machte keine Anstalten, es Brak zu geben. Nach einem kurzen Schweigen erklärte er Brak: »Dies ist das Kreuz des Namenlosen Gottes, dessen Gesicht niemand kennt, und dessen Name für immer ein Geheimnis bleiben wird. Ich bin der Hüter dieses Kreuzes. Ich bin ein Priester des Nestorianer-Ordens. Man nennt mich Bruder Jerome.«
Brak schien ihn gar nicht gehört zu haben. Er blickte sich in dem riesigen Gewölbe um und stieß einen Pfiff aus. Es war tatsächlich so gewaltig, wie er es in seinem Alptraum gesehen hatte. Eine ganze Armee hätte hier Platz gefunden. Es gab keine Fenster und offensichtlich nur einen Ausgang ein riesiges Portal, das fünfmal so hoch wie er selbst war.
Das einzige Licht in diesem düsteren Riesenkerker kam von einer nicht sehr tiefen Grube in der Mitte des gepflasterten Bodens. Buchenscheite speisten das prasselnde Feuer, das gespenstische Schatten gegen die hohen Wände warf. Der würzige Rauch vermochte jedoch nicht den abscheulichen Gestank der roten Tropfen auszulöschen, die gleichmäßig von dem titanischen Spinnennetz unter der Decke herabsickerten und den Boden färbten.
»Ich weiß nicht, aus welchem Grunde man mich hierhergebracht hat«, brummte Brak und stapfte auf das Feuer zu. »Nur, dass Zauberwesen mich in der Stadt Kambda Kai überwältigten, die ich in friedlicher Absicht besuchte.« Das Feuer erwärmte kaum seine Hände. Eine klamme Kälte erfüllte das ganze Gewölbe. Seine Stimme dröhnte hohl, als er den Mönch und den blinden Alten finster musterte. »Ich weiß nicht, wer Ihr seid. Und ich lege auch keinen Wert auf Eure Gesellschaft.«
Der Nestorianer hob eine plumpe Hand. »Friede, Fremdling. Warum sollten wir streiten? Keiner von uns kann mehr tun, als auf den Untergang der Sterne zu warten. Mit dem ersten Tageslicht wird der Priester dieses Ortes...«
»Was ist dies für ein Ort?«, fragte Brak und ließ sich auf dem Mauerwerk nieder, das die Feuergrube umgab. »Ist es eine Gruft? Ein Palast?«
»Oh, es ist viel mehr - ein Heiligtum«, flüsterte der Blinde. »Ein Bauwerk von dreifacher Manneshöhe. Es hebt sich bis zu den Sternen empor und wirft Dunkelheit um alles um sich herum.« Die Lippen des Greises verzogen sich, als bisse er auf etwas Bitteres. »Wir befinden uns im nördlichsten Tempel Yob-Haggoths, Barbar, im größten seiner Abbilder überhaupt. Denn wisse, von gleicht dieser Ort einer gewaltige Statue mit gar entsetzlichen Zügen. Es wacht über jene Grenze, wo die Eismarschen enden und die endlose Öde des Nordens beginnt.«
Es gelang Brak, ein trockenes Lachen auszustoßen. »Endlose Öde? Ich bin dort geboren und aufgewachsen. Ich habe dort gelebt und gekämpft, bis man mich ausstieß, weil ich nichts von ihren alten Göttern hielt. Und nun bin ich hier, ein argloser Pilger...«
Bruder Jerome musterte Brak ein wenig skeptisch, schwieg jedoch.
»Ein argloser Pilger«, wiederholte Brak, dem die Skepsis des Mönchs nicht entgangen war, »gefangen im Tempel eines obskuren Gottes, dem ich geopfert werden soll. Ich will nichts mit diesen blutrünstigen Ritualen zu schaffen haben!«
Der Blinde ließ sich neben Brak auf der Brüstung nieder. »Wie Bruder Jerome bereits sagte, wir können nichts dagegen tun.«
Der Mönch nickte. »Auch uns haben die Werfer in Kambda Kai aufgelesen. Auch wir sind Gefangene. Im Morgengrauen werden sie uns in einer Zeremonie opfern, die zu grauenhaft ist, als dass ich sie beschreiben könnte.« Hoffnungslosigkeit sprach aus Jeromes Zügen. »Diese Rituale finden zweimal im Jahr statt. Durch sie überträgt Yob-Haggoth demjenigen seine Macht, der sie vollzieht.«
Fragend blickte Brak den Mönch an. »Und wer ist das?«
»Septegundus«, flüsterte Jerome fast unhörbar und schwenkte das Kreuz.
Kalter Schweiß strömte Braks Rücken hinab.
Dunkle Schatten schienen durch das riesige Gewölbe zu streifen. Hoch oben in dem bluttropfenden Netz öffneten sich die Facettenaugen und starrten herunter.
Septegundus. Septegundus. Wie Glockengedröhn hallte der Name in Brak wider, erfüllte ihn mit eisiger Kälte. Plötzlich sprang er auf die Beine. Er stieß einen wilden Schrei aus. Mit fliegendem gelbem Zopf schoss er auf die mächtige Tür zu und warf sich mit den immer noch schmerzenden Schultern dagegen.
Die Tür erzitterte nicht einmal.
Brak legte den Kopf zurück und stieß einen tierischen Schrei aus. Er hämmerte mit den Fäusten gegen das Portal, bis sie bluteten. Doch es gab nicht nach.
Erst jetzt wurde er seiner hoffnungslosen Lage gewahr. Keuchend taumelte er zur Feuergrube zurück. Der augenlose Alte mit den festgenähten Lidern starrte blicklos zur grauenerregenden Spinnwebdecke empor. Seine Wangen zuckten spasmodisch. Bruder Jerome schüttelte milde den Kopf.
»Ich brauche Euer Mitleid nicht!«, schrie Brak. »Ich brauche kein Mitleid von dem Priester eines körperlosen Gottes.«
Ein Schauder der Angst, des Unglaubens, des Schreckens vor jenen Mächtigen, die zu gewaltig waren, um sie zu verstehen, rieselte Braks Rücken hinab. Als Jerome ihm zuwinkte, sich zu ihm zu setzen, gehorchte er widerstandslos.
Tief im Innern ärgerte er sich über sich selbst.
Diese Männer waren keine Feinde, sondern Verbündete. Sicher, er hatte sie sich nicht als Kampfgefährten ausgewählt. Nicht einmal als flüchtige Bekanntschaften, mit denen er bei einer zufälligen Begegnung auf einem einsamen Bergpfad ein paar Worte gewechselt hätte.
Aber nun hatte das Schicksal sie zusammengeführt, darum wollte Brak zu begreifen versuchen, wer sie waren und welche Bedeutung ihre Anwesenheit hatte.
Etwas ruhiger fragte er: »Ich verstehe nichts davon, wenn Ihr von Eurem Namenlosen Gott oder von diesem Yob-Haggoth redet.« Er wollte gerade den Namen Septegundus aussprechen, aber wieder schien eine Glocke drohend in seinem Inneren - oder im Innern jenes anderen - zu dröhnen.
Der Mönch nickte. Er erhob sich und begann hin und her zu schreiten. Seine Sandalen tappten leise über die Pflastersteine. »Das kommt daher, weil Ihr aus einem fernen Land stammt. Darf ich fragen, was Euch hierher brachte?«
Stockend erzählte Brak, was er über die Wunder Khurdisans weit, weit unten im Süden gehört und wie er beschlossen hatte, dorthin zu ziehen, um sein Glück zu finden. Es fiel ihm schwer, sich den beiden anzuvertrauen, denn seine Sprache erschien ihm unbeholfen, und er fühlte sich nackt und hilflos in ihrer Gegenwart. Es war, als habe man ihm nicht nur sein Breitschwert sondern auch seine Selbstsicherheit genommen.
»Euer Unwissen, was diesen Ort betrifft, ist verständlich, Freund Brak. Doch der Schamane belog Euch nicht. Es gibt viel Pracht und Schönheit in der Welt der Menschen und ihrer Königreiche, die zwischen dem hohen Norden und dem heißen Halbmond Khurdisans im Süden liegen. Doch lauern hier auch viele Gefahren. Die Welt ist voll unglaublich mystischer Kreaturen und Götter. Die meisten von ihnen neigen zur Grausamkeit. Vielleicht jedoch... ist der Mensch die grausamste Kreatur.«
Das Echo der Worte wurde unheimlich von den Wänden des leeren Gewölbes zurückgeworfen. Ein Scheit barst knackend in der Grube. Funken sprühten. Unwillig wischte Brak sie von den nackten Schenkeln. »So erleuchtet mich, Bruder Jerome. Erzählt mir von diesen Göttern. Wenn ich richtig verstehe, will einer von ihnen uns bei Sonnenaufgang ans Leben.«
»Jedes Königreich, ja, jede souveräne Stadt auf dieser Welt, Freund Brak«, erklärte Jerome schleppend, »verfügt über einen eigenen Gott. Manche sind mächtig und wissen sich vieler Zaubersprüche und wirkungsvoller Magie zu bedienen. Doch die mächtigsten von allen sind jene zwei, die einander unerbittlich um die Alleinherrschaft über die Welt bekriegen. Die wenigsten der Könige und Prinzen und einfachen Bürger und Magier ahnen auch nur etwas von ihnen, denn sie sind zu sehr mit ihren unbedeutenden Göttern beschäftigt. Vor vielen Jahrhunderten, ehe das Blatt der Geschichte sich mit den ersten Zeilen füllte, herrschte einer von ihnen bereits über die ganze Welt, Yob-Haggoth.« Jeromes Lippen verzogen sich, als schmerze es ihn, diesen Namen auch nur auszusprechen. »Wie Ihr bereits vernommen habt, ist dieses Heiligtum eines seiner unheilvollen Abbilder, ein Relikt jener vergangenen Zeiten, als er offen in blutigen Riten verehrt wurde. Yob-Haggoth und sein Kult sind seit unzähligen Jahren verbannt. Aber er selbst hat kein Ende gefunden. Er schläft nur. Doch seit einiger Zeit erwacht ein Teil seiner Macht von neuem. Vielleicht, weil dieser Glaube...« - Jeromes Finger tasteten nach dem Steinkreuz, das er sich in die Perlenschnur um seine Mitte gesteckt hatte - »...hier und dort so manche bekehrt hat. Die Welt, müsst Ihr verstehen, ist ein schwer verständliches, wunderliches Gefüge. Eine Kraft erweckt gewöhnlich eine Gegenkraft. Bis vor kurzem vermochte Yob-Haggoth sorglos zu ruhen, denn wenn die kleinen Magier für ihre unbedeutenden Götter zauberten, so taten sie es doch im Sinne des einen Dunklen Gottes. Es mag sein, dass dieses Symbol hier...« - wieder deutete er auf das graue Kreuz - »...die Waagschale ein wenig ins Lot zu bringen vermag und der Finstere Gott ein unerfreuliches Erwachen erlebt.«
»Und dieser Septegundus?«, fragte Brak und musste sich anstrengen, den Namen auszusprechen, »ist wohl ein Priester dieses Höllengottes?«
Jerome nickte und schüttelte sich ungewollt. »Es heißt, er sei der mächtigste Zauberer seit Anbeginn aller Tage. So alt ist er, und doch kennt er kein Altern. Er ist Yob-Haggoths Hohepriester und sein irdischer Bote. Er ist kein Mensch - und ist es doch. Seine Gestalt ist die eines Irdischen, aber da er aus dem Wesen des Gottes erschaffen wurde, ist der Tod ihm unbekannt. Als ich in der Stadt gefangengenommen wurde und man mich hierherbrachte, musste ich zu meinem Entsetzen feststellen, dass er wieder auferstanden ist. Und so kommt es, dass wir in jenen Ritualen geopfert werden sollen, die Yob-Haggoth zweimal im Jahr von seinen Anhängern verlangt. Und Yob-Haggoths Amyr, Septegundus, wird sie überwachen.«
Jerome beugte den Kopf und fügte flüsternd hinzu: »Der Amyr des Bösen auf der Erde.« Schnell machte er vor Braks erstaunten Augen das Zeichen des Kreuzes auf seiner Brust.