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WINSTON LORD

Kissinger

über

Kissinger

KLUGE SÄTZE
ZUR WELTPOLITIK

Aus dem Amerikanischen von
Karoline Zawistowska

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Sämtliche Angaben in diesem Werk erfolgen trotz sorgfältiger Bearbeitung ohne Gewähr. Eine Haftung der Autoren bzw.

Die englische Originalausgabe erschien 2019 unter dem Titel Kissinger on Kissinger. Reflections on Diplomacy, Grand Strategy, and Leadership bei All Points Books, New York.

1. Auflage

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen Vortrags, der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen sowie der Übersetzung, auch einzelner Teile. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Gesetzt aus der Palatino, Filosofia Grand, Gotham

Medieninhaber, Verleger und Herausgeber:

Satz: MEDIA DESIGN: RIZNER.AT

Für Bette

Inhalt

Einleitung von Henry A. Kissinger

Vorwort

1Staatskunst

2Vorbereitungen

3Öffnung gegenüber China

4Das Gipfeltreffen von Nixon und Mao

5Bemühungen um eine stabile Beziehung zur Sowjetunion

6Auf dem Weg zum Frieden in Vietnam

7Durchbrüche und das Pariser Abkommen

8Erste Fortschritte im Nahen Osten

9Verhandlungsstile und Persönlichkeiten

10Außenpolitische Prozesse

11Strategie

Danksagung

Index

Einleitung

VON HENRY A. KISSINGER

»Alles hängt daher von einer Vorstellung
über die Zukunft ab.«

Zwei Jahre, nachdem ich mit diesen Worten das Prinzip beschrieben hatte, das meiner Meinung nach die Außenpolitik der USA bestimmen sollte, bat mich Präsident Nixon, als Nationaler Sicherheitsberater für ihn zu arbeiten. Wenn man bedenkt, in welcher Beziehung wir zueinander gestanden hatten, kam dieses Angebot für mich etwas überraschend. Doch wir beide waren uns einig, was die Notwendigkeit betraf, ein Konzept für die Außenpolitik zu entwickeln.

Im Jahr 1969 sah sich die Nixon-Regierung sowohl auf heimischem Boden als auch im Ausland einer riskanten Ausgangssituation gegenüber. Wir wollten diese Probleme mit strategischer Weitsicht angehen. Obwohl ich über unseren Weg bereits ausführlich geschrieben habe, ist diese Darstellung eine informelle und umgangssprachliche; es ist meine eigene erzählte Geschichte. Ihre weitere Entwicklung konnte ich nicht absehen. Winston Lord und K. T. McFarland gelang es, mich zu überzeugen, ein einstündiges Interview zu geben, um eine Reihe von Videos über Nixons Außenpolitik zu kommentieren. Ihre Vorbereitung und Entschlossenheit führten dazu, dass noch fünf weitere Sitzungen dazukamen.

Wie alle mündlichen Erzählungen ist dies eine subjektive Darstellung. Ich habe keinen großen Wert auf Selbstkritik gelegt. Meine Gesprächspartner sind über Jahrzehnte sowohl Kollegen als auch Freunde gewesen. Und doch hakten sie nach. Sie wollten meine Ansichten zu den größten außenpolitischen Themen der Zeit zwischen 1969 und 1974 auf den Punkt bringen, und zwar so, dass es auch die nachfolgende Generation interessieren würde, für die dieser Zeitraum schon zur fernsten Vergangenheit zählen mag.

Und doch handelt es sich hier keineswegs nur um Erinnerungen an wichtige Ereignisse. Im Folgenden werden sowohl Einblicke in meine Beziehung zu Präsident Nixon gewährt als auch in die hohe Kunst der Staatsführung, in Verhandlungsstrategien und die Gestaltung von Außenpolitik.

Aufgrund ihrer ursprünglichen Konzeption behandeln diese Interviews lediglich den Zeitraum, in dem ich unter Präsident Nixon diente, der nach einer überzeugenden Wiederwahl einer vielversprechenden zweiten Amtszeit entgegensah. Dies galt besonders für die Außenpolitik. Wir hatten Beziehungen zu China geknüpft. Wir hatten Fortschritte im Verhältnis zur Sowjetunion gemacht. Im Nahen Osten gab es erste Hoffnungsschimmer. Doch Watergate, Nixons Rücktritt, die langsame Untergrabung der Autorität der Exekutive und ein Wiedererstarken des Kongresses erschwerten es der Ford-Regierung, die Glaubwürdigkeit der USA aufrechtzuerhalten. Unter Präsident Gerald Ford gelang es uns, in unseren Beziehungen zu Peking und Moskau weiter Stärke zu beweisen, im Nahen Osten Fortschritte zu erzielen, unsere Politik im südlichen Afrika neu zu gestalten und neuen Herausforderungen des Weltgeschehens zu begegnen.

Obwohl sich seit jener Zeit viel verändert hat, sind die meisten der damaligen Grundsätze auch heute noch von Relevanz. Einige sollte man überdenken. Die Außenpolitik der Vereinigten Staaten sollte strategischen Grundüberlegungen folgen, anstatt nur aus Reaktionen auf bestimmte Geschehnisse zu bestehen. Politiker müssen mutige Entscheidungen auf Grundlage von unvollständigen, oft zweideutigen Informationen treffen. In Verhandlungen muss der Ausgangspunkt der USA in einer deutlichen Darstellung ihrer Bedürfnisse bestehen, und die Geschichte, Kultur und Ziele des Gegenübers müssen verstanden werden.

Vor allem ist auch weiterhin eine amerikanische Führungsposition von unverzichtbarer Bedeutung. Sie verpflichtet uns dazu, unsere Interessen und Werte einzubinden – um, wie ich vor mehr als einem halben Jahrhundert in meinem ersten Buch Großmacht Diplomatie schrieb, »danach [zu] trachten, das […] für richtig Gehaltene an dem Möglichen zu messen«.

Henry A. Kissinger

Vorwort

Dieses Buch ist die Niederschrift von Henry Kissingers einziger Oral History, einer mündlichen Geschichtsdarstellung, und es entstand eher zufällig.

Vor einigen Jahren hatten K. T. McFarland und ich zugesagt, ab 2014 eine Reihe von Diskussionsrunden zur Außenpolitik im Rahmen der Nixon Legacy Forums zu leiten, einer gemeinsamen Unternehmung der Richard Nixon Foundation und des NARA, Nationalarchiv der USA. Erdacht hatte das Ganze Geoff Shepard, ehemaliger Mitarbeiter der Nixon-Regierung, der bereits Dutzende Diskussionsrunden mit früheren Regierungsvertretern organisiert hatte, um die Gedankengänge und Prozesse hinter den verschiedenen innen- und außenpolitischen Initiativen der Nixon-Regierung zu beleuchten. In gewissem Sinne sammelte er also kollektive Oral History.

Viele Diskussionsteilnehmer hatten bereits einzeln ihre Geschichten erzählt, aber noch nie miteinander darüber gesprochen. Der Ansatz war, dass die Gesamtheit größer als die Summe ihrer Teile sein würde; dass die Teilnehmer auf die Anregungen der anderen aufbauen würden und sich daraus ein vollständigeres Bild ergeben würde. Die Sitzungen wurden mitgeschnitten, im American History TV von C-SPAN ausgestrahlt und von der Nixon Foundation auf Video bereitgestellt.1

Zwischen 2014 und 2015 organisierten K. T. und ich vier Diskussionsrunden zu Themen der Außenpolitik: »Die Wiedererstarkung des Nationalen Sicherheitsrates«, »Annäherung an China«, »Sowjetische Entspannungspolitik und die SALT-Verhandlungen« sowie »Vietnam und die Pariser Abkommen«. Gemeinsam mit einer früheren Veranstaltung zum Nahen Osten deckten diese vier Themenbereiche die größten außenpolitischen Initiativen der Zusammenarbeit von Nixon und Kissinger ab.

Ich schrieb die Gliederungen für alle vier Diskussionen, die jeder Teilnehmer im Vorfeld zugesendet bekam, um die jeweiligen Erinnerungen noch etwas auffrischen zu können. K. T. leitete die Gespräche und brachte die ehemaligen Regierungsvertreter dazu, ihre eigenen Erfahrungen und Beiträge zu beschreiben. Der ursprüngliche Plan bestand darin, die Reihe mit einem einstündigen Interview mit Dr. Kissinger abzuschließen, der selbst noch einmal über die Themenschwerpunkte reflektieren sollte.

Im Dezember 2015 trafen wir uns mit Dr. Kissinger in seinem Büro. Sein Erinnerungsvermögen war phänomenal, trotz seines hohen Alters von über neunzig Jahren, und obwohl wir ihn zu Dingen befragten, die Jahrzehnte zurücklagen. Nach Ablauf der vereinbarten Stunde war uns klar, dass wir noch nicht einmal ansatzweise alle Themen besprochen hatten. Also überzeugten wir Dr. Kissinger, uns ein zweites Interview zu gewähren, und dann ein drittes und so weiter. Er erzählte von strategischen Zielsetzungen und großen Durchbrüchen und immer wieder auch von persönlichen Erinnerungen. So wurden die Interviews schnell zu einer Unterhaltung unter alten Freunden und Kollegen, und Dr. Kissingers Geschichten schienen so frisch und aktuell, als wären sie gerade erst geschehen.

Gleich zu Anfang unserer Gespräche vertraute Dr. Kissinger uns an, dass er noch nie eine Oral History erzählt hatte, was uns überraschte, da er im Verlauf der Jahrzehnte Hunderte Interviews gegeben hatte und eindeutig zu den Hauptakteuren der nationalen Sicherheit der Nachkriegszeit gehört. Also erweiterten wir unsere Unterhaltung inhaltlich und sprachen nicht nur über Kissingers Zeit in der Nixon-Regierung, sondern auch über seine Ansichten zu Diplomatie, Gesamtstrategie und letztlich auch Führungsstilen. Insgesamt führten wir im Verlauf eines Jahres sechs Video-Interviews mit Dr. Kissinger, die im Dezember 2016 abgeschlossen waren.

Wir beide, K. T. und ich, waren uns der historischen Bedeutung unseres Projektes bewusst – eines ausführlichen, mehrteiligen Interviews mit Kissinger, in seinen eigenen Worten, spontan aus dem Gedächtnis und in seiner eigenen Sichtweise erzählt. Aber auch für uns persönlich waren die Interviews wichtig. Ich war in der fraglichen Zeit ständig an Kissingers Seite gewesen, zuerst beim Nationalen Sicherheitsrat und anschließend im Außenministerium. K. T. war jüngstes Mitglied des Nationalen Sicherheitsrates gewesen, wo sie als Studentin zuerst in Teilzeit Nachtschichten als Sekretärin absolvierte und dann Kissingers wissenschaftliche Mitarbeiterin wurde. Unsere Freundschaft mit Dr. Kissinger dauert nun schon fast ein halbes Jahrhundert an.

Die Dinge, die wir während unserer Arbeit von Dr. Kissinger gelernt hatten, haben über die Jahrzehnte in unserer Arbeit zur nationalen Sicherheit sowohl innerhalb als auch außerhalb von Regierungsgeschäften unsere eigenen Ansichten geprägt. Ich wurde Präsident des Rates für Auswärtige Beziehungen (CFR), US-Botschafter in China und Berater des Außenministers. K. T. hatte führende Positionen im Senatsausschuss für das Verteidigungswesen und im Pentagon inne, arbeitete als Analystin und Kolumnistin für das Fernsehen und in jüngster Zeit als Stellvertreterin des Nationalen Sicherheitsberaters. Wie viele andere profitierten wir beide jahrzehntelang von Dr. Kissingers Klugheit und Erfahrung.

Unsere Gespräche mit Dr. Kissinger verdeutlichten, warum er auch noch nach vierzig Jahren ohne Regierungsposten einen so großen Einfluss als erfolgreicher Autor, Experte und Mentor hat. In jenen Jahrzehnten hat er fast jede wichtige US-amerikanische und internationale Führungspersönlichkeit getroffen, und viele wenden sich immer wieder mit Fragen an ihn. Er verfügt über eine erstaunliche Mischung aus Geschick, Ausdauer und Einfluss.

Dieses Buch ist eine Niederschrift der oben dargestellten sechs Video-Interviews. K. T. stellte den Großteil der Fragen, und die Kommentare stammen fast ausschließlich von mir.

K.T. hat ihre eigene Sicht der Dinge verfasst, die sie von Dr. Kissinger gelernt hat. Ich überlasse ihr im Folgenden das Wort.

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Bevor ich als Stellvertreterin des Nationalen Sicherheitsberaters der Regierung Trump beitrat, beriet ich mich mit nahezu zwei Dutzend ehemaligen Mitarbeitern des Nationalen Sicherheitsrates, um ihre Ratschläge zu Strategien und Verfahren einzuholen. Obwohl ich mich dabei eher auf die Außenpolitik in moderneren Zeiten konzentrierte, war es unvermeidbar, Vergleiche mit den Herangehensweisen früherer Regierungen anzustellen. Nixon und Kissinger waren ein ganz besonderer Fall.

Die meisten neuen Regierungen beginnen damit, die bestehenden Strategien zur nationalen Sicherheit unter die Lupe zu nehmen, um ihnen gegebenenfalls ihren eigenen Stempel aufzudrücken. Manchmal kommt es zu grundlegenden Richtungsänderungen, und manchmal werden nur geringe Schönheitsreparaturen vorgenommen. Doch die meisten Regierungen haben die Außenpolitik stets als eine Reihe in sich geschlossener, direkter Beziehungen zwischen zwei Partnern betrachtet, unabhängig von unseren Beziehungen zu anderen Ländern.

Nixon und Kissinger betrachteten die Außenpolitik als Grand Strategy, eine Gesamtstrategie, in der die bilateralen Beziehungen zueinander in Verbindung und im Verhältnis stehen. Es war wie ein dreidimensionales, globales Schachspiel, bei dem jeder Zug auch in anderen Ländern Auswirkungen auf zweiter und dritter Ebene hatte. Ich kenne Kissinger seit Jahrzehnten, aber während unserer Gespräche war ich aufs Neue beeindruckt von der Schärfe seiner Gedankengänge. Er sprach von einer Entscheidung, die sie Ende der 1960er-Jahre getroffen hatten, um dann zu erläutern, mit welchen Auswirkungen sie vielleicht erst Jahre später in einem weit entfernten Land hatten rechnen müssen. Indem sie solche Blicke in die Zukunft warfen, schafften es Nixon und Kissinger, Möglichkeiten und Gefahren wahrzunehmen, die anderen vielleicht gar nicht bewusst gewesen wären, und sie zum Vorteil der USA zu nutzen.

Viele Staatsoberhäupter betrachten die Außenpolitik nur als Mittel zum Zweck, und die Bedürfnisse anderer Länder werden hintangestellt. Nixon und Kissinger versuchten, die Dinge aus der Perspektive der anderen Länder zu betrachten und deren Vorurteile, Ängste und Zielsetzungen einzukalkulieren. Es war ihnen bewusst, dass selbst der geübteste Diplomat kein dauerhaftes Abkommen erreichen kann, wenn nicht beide Seiten Interesse an dessen Erfolg haben.

Nixon und Kissinger haben die Gesamtstrategie nie aus den Augen verloren, und all ihre Handlungen waren darauf ausgerichtet. Es gelang ihnen, sich auf dieses Ziel zu konzentrieren und sich von alltäglichen Problemen und Krisen, die unvermeidbar sind, nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Die Falle, in die die meisten Regierungen tappen, wenn nämlich aktuelle Probleme die wirklich wichtigen Ziele in den Schatten stellen, vermieden sie. Deshalb ist die Regierung Nixon-Kissinger noch immer ein Maßstab für alle darauffolgenden Regierungen.

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Ich habe für jedes Kapitel eine kurze Einleitung verfasst, die den Inhalt in den Kontext einbettet und wichtige Punkte andeutet. Die Abschriften der Video-Interviews sind im Hinblick auf Wiederholungen, Genauigkeit und Erzählfluss bearbeitet worden, doch Inhalt und Atmosphäre wurden beibehalten. Und so liest es sich jetzt wie ein tiefgreifendes, spontanes Gespräch, und nicht wie ein ausgefeiltes Traktat. Wir sind der Meinung, dass die Abschrift nicht nur als historische Aufzeichnung von Wert ist, sondern auch nachfolgenden Generationen Anregungen liefern kann. Und außerdem liest es sich einfach gut.

Gleichzeitig ist mir bewusst, was das Buch nicht sein kann. Es ist weder eine umfassende noch eine kritische Betrachtung der Regierungszeit von Nixon und Kissinger. Da es im Rahmen der Nixon Legacy Forums entstanden ist, werden Kissingers Amtsjahre unter Präsident Ford nicht behandelt, in denen so wichtige diplomatische Fortschritte erzielt wurden wie beispielsweise das syrische und das zweite ägyptische Waffenstillstandsabkommen mit Israel und die Unterstützung des Mehrheitsprinzips durch Südafrika, das den Weg zur Unabhängigkeit von Rhodesien und Namibia ebnete.

Wie in jeder Oral History wird in diesem Werk nur aus einer Perspektive erzählt. Kissinger selbst hat mehrere ausführliche Geschichtsdarstellungen über die fragliche Zeit verfasst. Nixon hat in der Zeit nach seiner Präsidentschaft viel geschrieben. In den Archiven wimmelt es nur so von Berichten, Niederschriften von Treffen und Aufzeichnungen von Gesprächen, und viele davon sind erst seit Kurzem für die Öffentlichkeit zugänglich. Historiker und Journalisten haben zahllose Seiten zum Thema verfasst. Es gibt Dutzende ausführliche Biografien über Kissinger und Nixon, sowohl wohlwollende als auch kritische.

Obwohl in diesem Buch einiges Neues zum Vorschein kommt, geht es nicht darum, all jene früheren Werke in den Schatten zu stellen. Stattdessen möchten wir den Leser zu uns in den Raum holen, wo Kissinger – in seinen eigenen Worten und vier Jahrzehnte später – die Gründe und Entscheidungen rund um einige der größten Herausforderungen jener Zeit darstellt. Außerdem bietet es die Möglichkeit, einem unserer ältesten Staatsmänner bei seinen Betrachtungen zu den ganz großen Themen zu lauschen.

Wir haben bei alldem stets an die Geschichte gedacht, und auch an die jüngeren Generationen. Wir sind nun selbst Großeltern und sehen ein, dass all jene Ereignisse für die Generation der Millennials und noch jüngerer Menschen schon zur verstaubten Geschichte gehören, die in alten, unbeachteten Büchern schlummert und im Trubel ihres Lebens untergeht.

Für mich gab es zu jener Zeit nichts Wichtigeres. Dieses Projekt hat es auch mir erlaubt, ein wenig über die Vergangenheit nachzudenken.

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»Agonie und Ekstase«: So könnte man meine lange Reise mit Henry beschreiben. Egal wie schmerzvoll es manchmal war, habe ich doch immer Camus’ Ansicht geteilt: »Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen.« Ich bin Henry nicht nur für die Aussicht unendlich dankbar, sondern auch für den Aufstieg.

Es bleibt mir nur Raum für eine kurze Skizze.

Er hat die Grenzen meiner Perspektiven und Möglichkeiten genauso erweitert, wie er die Grenzen meiner Geduld und Nerven immer wieder überstrapazierte. So stichelte er etwa: »Und besser ging es wohl nicht, oder?«, bevor er meinen Text dann mit einem verschmitzten Grinsen wirklich las. Er hatte für sentimentale Plädoyers rein gar nichts übrig. Er rief sonntags kurz vor dem Anstoß der Washington Redskins an und wollte, dass ich an einer Rede arbeitete. Er verwarf meine vierzigseitige Informationsschrift über Kambodscha zwei Tage vor dem Abgabetermin. Achtzig-Stunden-Wochen, verpasste Feiertage, Geburtstage und Hochzeitstage.

Ja, Henry verlor seinen Angestellten gegenüber manchmal die Geduld. Bedenkt man aber die Bedeutung und den Druck der Ereignisse, so kann man das nachvollziehen. Und schließlich gelang es ihm meist, ein wenig verlegen zurückzurudern und der Situation die Schärfe zu nehmen.

Kurzum, Henrys Gebrüll war oft nicht mehr als ein Fauchen.

Unter der harten Schale verbirgt sich ein großherziges Gemüt. Er war nicht nur mein Lehrer und Peiniger, sondern auch ein geschätzter Freund.

Von Jasagern hielt Henry nichts. Er machte mich zu seinem Berater, nachdem er mehrere meiner Aufsätze gelesen hatte, in denen ich die Vorgehensweisen des Präsidenten und auch seine eigenen kritisiert hatte. Danach schützte er mich vor dem Ärger des Präsidenten, als ich zum ersten Mal im Alleingang loslegte und einen ausführlichen Bericht über Laos verfasste.

Er öffnete mir die Türen zum geheimen Treffen in der Verbotenen Stadt. Er lud mich persönlich zum Frühstück ein, während gleichzeitig ein halb verhungerter Demonstrant am Tor zum Weißen Haus hockte. Ich gehörte zu den wenigen Gästen, als er seine geliebte Nancy heiratete. Er verlieh mir, stellvertretend für alle meine Mitarbeiter, die höchsten Ehren des Außenministeriums.

Henry erweiterte meinen Horizontund ich sah Großes. Einen Händedruck nach dem Durchbruch bei den Verhandlungen zum Frieden in Vietnam, inmitten der Herbstfarben eines üppigen Pariser Parks. Schwierige Verhandlungen, die über ein Trinkgelage in einer Datscha zu einem Nuklearvertrag im Kreml führten. Eine bahnbrechende Rede zum Mehrheitsprinzip, die zu einer tränenreichen Umarmung eines afrikanischen Präsidenten führte. Das ständige Hin-und-her-Reisen im Nahen Osten, um zwischen Feinden in einem der größten Krisenherde der Welt zu vermitteln. Eine Reise um den zweithöchsten Berg der Welt, um im Geheimen den Durchbruch zur Öffnung Chinas einzuleiten.

Lassen Sie mich dazu auch kurz Henrys Charakter beschreiben.

In seiner Suite im Waldorf-Hotel schreibt er gelassen eine Rede, während um ihn herum das Chaos tobt, das der Jom-Kippur-Krieg ausgelöst hat. An Bord der Air Force Two, über Atlantikwolken, spielt er Schach, Kissinger gegen Kissinger, und denkt über die bevorstehenden Geheimgespräche mit Nordvietnam nach. In seinem keineswegs prunkvollen Büro in einer Ecke des Westflügels im Weißen Haus strahlt er angesichts der verschlüsselten Zusagen des Reiches der Mitte, seine Tore zu öffnen. Bei einem rasanten Hubschrauberflug nach Camp David beklagt er eine mögliche Absage des Gipfels in Moskau.

Er schlägt Pingpongbälle unter goldenen Dächern, die sich gen Himmel strecken. Er zeigt auf einen Kronleuchter und fragt den sowjetischen Außenminister kameradschaftlich verschmitzt, ob dort die Kameras versteckt seien. Er sieht schnell noch nach den Fußballergebnissen der deutschen Bundesliga, bevor er sich dem Morgenreport für den Präsidenten zuwendet. Er wandert mutig mit meinem noch nicht ganz windelfreien Sohn auf den Schultern durch Disneyland.

Fast alle Augen im repräsentativen Ostsaal des Weißen Hauses glänzen, nur die der Holocaust-Überlebenden mit der Bibel in der Hand nicht, denn ihr Sohn hat ihr verboten zu weinen, während er zum ersten jüdischen Außenminister ernannt wird.

Dank Henry fühle ich mich wie Sergeant Kissinger, als er seinen Eltern aus Nachkriegsdeutschland schrieb: »Wir dachten, wir hätten Welten bewegt und unsere Jugend für etwas gegeben, das größer war als wir selbst

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Es ist mir eine Ehre, zu diesem Projekt mit einem der herausragenden Charaktere der amerikanischen Diplomatie beigetragen zu haben.

Auch Henry hat Fehler. Aber wer hat die nicht? Leonard Cohen drückt es in »Anthem« folgendermaßen aus: »Forget your perfect offering. There is a crack in everything. That’s how the light gets in.« Ich bin der Meinung, dass die Geschichte sein Vermächtnis gutheißen wird.

Die Ereignisse – genau wie ihre Protagonisten – in diesem Buch künden von einer einflussreichen Zeit in meinem Leben und einer ganz besonderen Etappe auf dem Weg unserer Nation.

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Treffen zwischen Nixon und Mao, Februar 1972. Von links nach rechts zu sehen: Zhou Enlai, Nancy Tang, Mao Zedong, Richard Nixon, Henry Kissinger, Winston Lord, Wang Hairong.

Dies ist das offizielle Foto der chinesischen Regierung vom Treffen zwischen Nixon und Mao am 21. Februar 1972, einem der denkwürdigsten Ereignisse der vergangenen fünfzig Jahre. Und trotzdem haben es bis jetzt nicht viele Menschen zu Gesicht bekommen. Nixon bat die Chinesen, über die Anwesenheit von Winston Lord zu schweigen, damit Außenminister Rogers, den er nicht eingeladen hatte, nicht noch weiter gedemütigt würde. Folglich wurde Lord aus dem Foto und den Meldungen über das Treffen herausgeschnitten. Während eines späteren Besuches von Kissinger in Peking überreichte Zhou Enlai Lord das Foto, zum Beweis seiner Anwesenheit beim Gipfeltreffen.

1 https://www.c-span.org/organization/?66230/Nixon-Richard-Foundation, https://www.nixonfoundation.org/nixon-legacy-forums/

EINS

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Staatskunst

Staatskunst bedarf sowohl der Vision von langfristigen Zielen als auch des Mutes, die oftmals qualvollen Entscheidungen zu treffen, die zu jenen Zielen hinführen.

Geht es um Taktik, so sind es nur die wirklich knappen Entscheidungen, die bis zum Präsidenten gelangen – ansonsten trifft man sie auf niedrigerer Ebene. Was Strategien betrifft, so hat es Kissinger beschrieben, kommt es zur weitaus schwierigeren Herausforderung, mit Mutmaßungen umzugehen, die verhängnisvolle Auswirkungen haben können. Wo der Handlungsspielraum am größten ist, ist das Wissen um die Einzelheiten begrenzt oder unklar. Je mehr man weiß, desto weniger Spielraum bleibt. Und je mehr die Einschätzung von der Lehrmeinung abweicht, desto schneller steht man allein da.

Präsident Nixon wandte sich einer feindlichen Macht zu, ohne genau zu wissen, wie sie oder das amerikanische Volk darauf reagieren würden. Er riskierte einen dramatischen und erfolgreichen Gipfel, indem er militärische Einsätze anordnete. Ungeachtet des militärischen Gebarens eines Rivalen hisste er Amerikas diplomatische Flagge auf unbeständigem Boden.

Und immer war es ein Grundsatz des Präsidenten, dass große Sprünge lohnender sind, wenn man für kleine Schritte den gleichen Preis zu zahlen hat.

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Dr. Kissinger, Sie haben auf der Weltbühne umfassende Erfahrungen sammeln können. Sie kennen im Wesentlichen alle wichtigen Staatsoberhäupter, Führungspersönlichkeiten und Diplomaten seit Jahren, sowohl in den Vereinigten Staaten als auch im Ausland. Sie haben die guten wie die schlechten, die erfolgreichen und die erfolglosen beobachten können. Welche Qualitäten sind rückblickend Ihrer Meinung nach am wichtigsten, wenn es um Staatsführung geht?

Man muss sich als Erstes fragen, was eine Führungspersönlichkeit überhaupt machen soll. Jedes Oberhaupt sieht sich mit drängenden praktischen Problemstellungen konfrontiert, die aus den jeweiligen Umständen erwachsen; ich würde das als taktische Ebene bezeichnen. Darüber hinaus muss jene Person die eigene Gesellschaft von ihrer jetzigen Situation in eine völlig neue überführen. Das ist die Herausforderung, die Führungsqualitäten erfordert: aus den sich ergebenden Umständen eine Vision für die Zukunft zu gestalten.

Was die erste Aufgabe betrifft, hängt das zum einen von der bestehenden Gesellschaftsstruktur ab und zum anderen von einer gewissen taktischen Begabung.