Tiger und Bär, es weihnachtet sehr!

 

 

 

Dies ist die Geschichte vom kleinen Tiger, vom kleinen Bären und von Weihnachten. In der Weihnachtszeit passieren viele schöne Dinge. Und wenn viele schöne Dinge passieren, ist das Leben gut. Oder klasse. Oder spitze. Oder alles zusammen!

Anfang Schnee und dieses Weihnachten

Der kleine Tiger und der kleine Bär wohnten in einem gemütlichen Haus am Fluss, und das Leben war schön. Tagsüber gingen sie in den Wald Pilze finden. Aber eigentlich fand sie nur der kleine Bär, denn der kleine Tiger lümmelte lieber ein wenig herum. Spielte mit der Ameise Verstecken und verlor immer. Oder schickte den Fuchs in die falsche Richtung und gewann immer. Herumlümmeln ist mindestens genauso schwer wie Pilze finden. Im Winter aber war es den Pilzen zu kalt zum Wachsen. Wie gut, dass der kleine Bär einen ganzen Schuppen voll gesammelt hatte.

 

„Puh, ist das kalt“, sagte der kleine Tiger an diesem Morgen und rieb sich die Tigerstreifen. Zuerst die schwarzen, dann die gelben.

„Stimmt“, sagte der kleine Bär und hielt sich die Tatze an die kalte Nase.

„Und so früh dunkel wird es auch“, beschwerte sich der kleine Tiger. Er zeigte aus dem Fenster.

„Stimmt“, sagte der kleine Bär.

 

Da klopfte es. Das war der Reiseesel Mallorca. Der Reiseesel Mallorca reiste gerne, und wer gerne reist, hat mehr zu berichten.

„Es ist so kalt“, sagte der Reiseesel Mallorca, „darf ich euch in der warmen Stube von meiner Reise erzählen?“

„Aber sicher“, sagte der kleine Tiger.

„Es gibt Pilzpfanne“, sagte der kleine Bär. Und das heißt auch so viel wie Aber sicher.

Brösel vom Tisch gewischt. Die Tischdecke für besondere Besuche geholt. Tisch gedeckt. Messer rechts, Gabel links. Pfanne auf den Tisch gestellt. Stühle gerückt. Guten Appetit.

 

„Ich war“, erzählte der Reiseesel Mallorca, „in einem fernen Land. Stellt euch vor: Dort feiern sie im Winter ein Fest.“

„Ein Kältefest?“, fragte der kleine Tiger und rieb sich seine Tigerstreifen. Zuerst die gelben, dann die schwarzen.

„Nein“, sagte der Reiseesel Mallorca, „ein Fest, an dem sich alle treffen. An dem man sein Haus schmückt und zusammen isst und singt und Freude hat.“

„Interessant“, sagte der kleine Bär und konnte vor lauter Zuhören keinen Pilz mehr verspeisen. Machte aber nichts, verspeiste der Reiseesel eben die doppelte Ration.

„Ein Fest“, erzählte der Reiseesel Mallorca, „an dem man in der Stube einen Tannenbaum aufstellt und schmückt.“

„Ein Baumfest?“, fragte der kleine Tiger. Jetzt konnte auch der kleine Tiger keinen Pilz mehr verspeisen. Machte aber nichts.

„Ein Pilzefest!“, rief der kleine Bär. „Stimmt’s?“

„Ich weiß es nicht mehr“, sagte der Reiseesel Mallorca.

„Baum-und-Pilze-Fest“, rief der kleine Tiger. „Stimmt!“

Und dann feierten der kleine Tiger und der kleine Bär ein Baum-und-Pilze-Fest. Wie man ein Baum-und-Pilze-Fest feiert?

Na, so, wie du es dir vorstellst.

„Hui, ist das warm“, rief der kleine Bär und ließ sich erschöpft auf einen Stuhl sinken.

„Sommerwärme im Kopf“, sagte der kleine Tiger.

„Jetzt ist es mir wieder eingefallen“, rief der Reiseesel Mallorca, der lange nachgedacht und dabei alle Pilze aufgegessen hatte. „Sie nennen es: Weihnachten!“

„Weihnachten?“, fragten der kleine Tiger und der kleine Bär gleichzeitig. Und wenn man etwas gleichzeitig fragt, ist das doppelt wichtig.

„Weihnachten!“, schwärmte der Reiseesel Mallorca. „Ist das nicht ein schönes Wort? An Weihnachten gibt es auch Geschenke.“

„Nein!“, staunten der kleine Tiger und der kleine Bär gleichzeitig.

„Doch“, sagte der Reiseesel Mallorca. „In der Weihnachtszeit schreibt man Wunschzettel. Mit Geschenkewünschen. Und die erfüllt dann der Herr Weihnachtsmann.“

Damit war alles klar. Oder alles paletti. Oder alles roger. Der kleine Tiger schaute den kleinen Bären an. Und nickte. Der kleine Bär schaute den kleinen Tiger an. Und nickte. Der Reiseesel Mallorca hatte einen vollen Bauch und verstand nur Bahnhof, nickte aber auch.

„Dann wollen wir auch Weihnachten feiern“, sagte der kleine Bär. „Mit allen unseren Freunden!“

„Mit einem Tannenbaum und Schmuck“, rief der kleine Tiger. „Mit Essen und Singen. Und mit Geschenken vom Herrn Weihnachtsmann.“

„Wann ist denn dieses Weihnachten?“, fragte der kleine Bär.

 

Jetzt ist es so, dass Reiseesel gute Geschichtenerzähler sind. Dafür können sie aber nicht gut rechnen. Können nicht einmal eins und eins zusammenzählen. Die Tante Gans könnte das. Dafür kann die Tante Gans nicht weit reisen, so ist das nun mal. Und wie soll der Reiseesel Mallorca jetzt wissen, in wie vielen Tagen Weihnachten ist? Ganz einfach: raten. So tun, als ob man es weiß. Das reicht leider oft.

„In ungefähr exakt vierundzwanzig Tagen“, sagte der Reiseesel Mallorca. Und dann machte er sich auf. Kurzreise. Hufe vertreten. Wichtig für die Seele.

Der kleine Tiger und der kleine Bär saßen noch lange am Tisch und dachten an ein schönes Fest und an viele Geschenke!

„Ach, Bär“, sagte der kleine Tiger, „ich freue mich so sehr auf dieses Weihnachten.“

„Und ich erst“, sagte der kleine Bär. Und dann sagten sie nichts mehr. Manchmal ist sich was vorstellen viel schöner als reden …

Kapitel 24 Der weltweit erste Countdown-Adventskalender

Am Nachmittag fegte der kleine Bär die gute Stube.

Wer fegt, kann besonders gut denken. Und der kleine Tiger? Malte ein Bild auf die beschlagene Fensterscheibe. Eisblumen. Eine ganze Wiese voll.

„Aber nicht, dass wir dieses Weihnachten verpassen, Bär“, sagte der kleine Tiger.

„Stimmt“, sagte der kleine Bär, „da müssen wir aufpassen.“

„Wie wäre es“, überlegte der kleine Tiger, „wenn wir jeden Tag einen Teller auf der Spüle von rechts nach links stellen? Bei vierundzwanzig Tellern links ist Weihnachten.“

„Geht nicht“, sagte der kleine Bär, „wir haben nur acht. Und du verwechselst rechts und links immer.“

Da klopfte es. An der Türe zur guten Stube.

„Das ist der schnelle Hase, der uns besuchen kommt“, rief der kleine Tiger.

„Ist es nicht“, sagte der kleine Bär. „Hasen klopfen anders.“

„Wetten?“, fragte der kleine Tiger.

Wette eingeschlagen. Um die Ehre. Es gewann: der kleine Bär. Wer aufmerksam lauscht, weiß, wie ein Hase oder eine Gans oder ein Esel klopfen. Unterschied wie Frühling und Winter. Wirklich wahr. Es war der Reiseesel Mallorca. Hatte sich auf seiner Kurzreise an etwas erinnert. Wollte es gleich seinen Freunden erzählen.

„Die Zeit bis Weihnachten nennt man Advent“, erzählte der Reiseesel Mallorca. „Und damit sie immer wissen, wie lange es bis Weihnachten noch dauert, haben sie sich etwas ausgedacht. Wisst ihr, was?“

„Wissen wir nicht“, sagten der kleine Tiger und der kleine Bär gleichzeitig.

„Einen Adventskalender!“

Nun, der kleine Tiger und der kleine Bär kannten den Kalender. Sie wussten, wann Sonntag war. Nämlich vor einem Montag. An Sonntagen schliefen sie immer ein wenig länger. Und faulenzten mehr. Manchmal machten sie auch den Montag zu einem Sonntag. Und den Dienstag. Und den Mittwoch, Donnerstag, Freitag und Samstag auch. Wann Sonntag ist, sollte sich jeder selbst aussuchen können.

Aber von einem Adventskalender hatten der kleine Tiger und der kleine Bär noch nie gehört. Niemals nicht. Also, du bist an der Reihe, Reiseesel Mallorca.

„Der Kalender beginnt bei vierundzwanzig“, erzählte der Reiseesel Mallorca, „und endet bei null! Jeden Tag reißt man ein Blatt ab. Vierundzwanzig, dreiundzwanzig, zweiundzwanzig … und dann ist Weihnachten. Ist das nicht gut?“

„Sehr gut“, sagte der kleine Bär.

„Na, dann los“, rief der kleine Tiger, holte Feder und Papier und bastelte den ersten Tiger-und-Bären-Adventskalender weltweit. Malte jede Zahl von vierundzwanzig bis null auf ein Blatt. Nähte die Blätter an der oberen Kante zusammen. Hängte den Kalender in die gute Stube.

Und der kleine Bär und der Reiseesel Mallorca? Staunten die größten Pilze, als der kleine Tiger das erste Blatt abriss.

„Jetzt sind es nur noch dreiundzwanzig Tage“, verkündete der kleine Tiger stolz. Fast wäre dabei ein Tigerstreifen geplatzt. Ein gelber.

„Oh, Tiger“, sagte der kleine Bär, „jetzt dauert es nicht mehr lange!“

„Noch dreiundzwanzig Mal Pilzpfanne zubereiten“, sagte der kleine Bär. „Oder dreiundzwanzig Mal mit der Tante Gans schnattern“, rief der kleine Tiger. „Oder dreiundzwanzig Mal verreisen“, sagte der Reiseesel Mallorca.

„Warum schläfst du nicht bei uns?“, fragte der kleine Bär. „Auf dem weichen Sofa aus Plüsch? Dann kannst du uns immer von diesem Weihnachten erzählen, und ich koche dir leckere Pilze.“

Jetzt ist es so, dass Reiseesel gute Geschichtenerzähler sind. Entscheiden können sie sich nicht so schnell. Als der Reiseesel Mallorca jedoch das weiche Sofa aus Plüsch und in der Küche den Korb voller Pilze sah, musste er exakt ein Mal mit den Augen blinzeln, um zu antworten. Und das ist wirklich schnell.

„Ich nehme das Angebot an“, sagte der Reiseesel Mallorca.

Da freuten sich der kleine Tiger und der kleine Bär. Und ein Tag, an dem man sich freut, ist auch ein Sonntag. Jetzt hatten sie nicht nur einen Adventskalender und in dreiundzwanzig Tagen Weihnachten, sie hatten auch noch guten Besuch.

„Was ist das?“, rief der kleine Tiger, der zum Fenster gelaufen war und nach draußen schaute. „Es wird ja alles ganz weiß.“

„Schnee“, sagte der Reiseesel Mallorca. „Es schneit.“

Und tatsächlich: Während der kleine Tiger, der kleine Bär und der Reiseesel Mallorca schliefen und von Weihnachten träumten, schneite es wie verrückt. Wie irre. Wie blöde. So viel, dass am nächsten Morgen alles Gewohnte ganz anders aussah. Ehrlich wahr. Wenn es schneit, macht die Welt eine tolle Reise!

Kapitel 23 Spuren im Schnee

„Hui!“ Das war der kleine Tiger, als er aufgestanden war, seine Streifen sortiert und aus dem Fenster geguckt hatte.

„Alles weiß!“ Der Schnee hatte auf das Haus vom Tiger und vom Bären, auf die Wiese und den Wald eine weiße Decke gelegt. Nur den Fluss kann der Schnee nicht zudecken. Der Fluss frisst die Schneeflocken ratzeputz.

Mit einem Hasensprint rannte der kleine Tiger nach draußen. Sprang munter in den Schnee. Wälzte sich hin und her. Hüpfte hoch und runter. Kreuz und quer.

„Aber Tiger“, rief der kleine Bär, als ein weißer Schneetiger zurück in die gute Stube kam, „wo sind denn deine Tigerstreifen?“

Doch der kleine Tiger hörte ihn nicht.

Hatte Schneeflockenfieber!

„Komm“, sagte der kleine Tiger, „wir laden unsere Freunde zu diesem Weihnachten ein.“

Und schon war er wieder draußen. Wälzte sich munter hin und her. Hüpfte hoch und runter. Kreuz und quer. Und der kleine Bär? Stand in der Haustür und guckte zu.

„Schau nur“, rief der kleine Tiger und zeigte auf Spuren im Schnee. „Die Tante Gans war heute auch schon unterwegs.“

Tatsächlich. Die Spur führte den kleinen Tiger und den kleinen Bären schnurstracks zum Lager der Tante Gans. Gänsespuren zu folgen ist ganz leicht.

 

„Wir laden dich zum Weihnachtsfest ein“, sagte der kleine Bär.

„In zweiundzwanzig Tagen“, sagte der kleine Tiger und schenkte der Tante Gans einen Adventskalender. Damit sie es nicht verpasste.

„Was passiert beim Weihnachtsfest?“, fragte Tante Gans und sortierte ihren Wintervorrat. Die runden Körner nach rechts, die eckigen nach links. Ordnung muss sein.

„Am Weihnachtsfest gibt es das leckerste Essen“, rief der kleine Tiger. „Und wir singen!“

„Man darf sich Geschenke wünschen“, sagte der kleine Bär. „Und die bringt dann der Herr Weihnachtsmann.“

„Oh“, sagte die Tante Gans und verwechselte vor lauter Aufregung ein rundes und ein eckiges Korn. „Ich habe noch nie etwas geschenkt bekommen. Das ist aber nett vom Herrn Weihnachtsmann.“

„Was wünschst du dir denn?“, fragte der kleine Tiger.