
Nach ein paar Jahren Pause vom Text mit ganz normaler Arbeit begann es eines Tages wieder wie von selbst. Am Anfang eine wieder entdeckte Leidenschaft, dann schnell eine Sucht. Zunächst bezog sich die Sucht einzig auf das Führen von Tagebüchern und Journalen. Immer öfter ergaben sich Perspektiven und Räume. Es reihten sich Notate an Notate, Beobachtungen an Beobachtungen, Einträge an Einträge. Aus vielen unabhängigen Textfragmenten entstanden plötzlich Ideen und vor allem Themen. Eine Werkschau dieser ausgearbeiteten Texte liegt nun in diesem leidenschaftlichen Buch vor.
„Fortwährend Projekte zu machen, bedeutet bewusst fragmentarisch zu leben.“
(Stephan Porombka; 'Schreiben unter Strom';
Duden – kreatives Schreiben)
Michael Roland Sauer, geboren 1966 in einem verschlafenen, südniedersächsischem Dörfchens namens Kloster Oesede, zur Zeit Patchworker mit drei Söhnen, Medien- & Sozialpädagoge, freier Autor und Dozent für autobiografisches Schreiben. Sauer war zwischen 2001 und 2007 als Liveliterat, Poetry Slamer und Literaturveranstalter in der Republik unterwegs, prägte als ein Urgestein den Beginn der Bewegung im nord-west-deutschen Raum Er selbst, qualifizierte sich 2003/04 und 05 für den 'German National Poetry Slam' und veröffentlichte in verschiedenen Antologien und Zeitschriften, war neben Andreas Weber Mitgbegründer und Herausgeber des Szene-Magazins 'Zettelwirtschaft' in Münster..
m.r.s.
SELFPUBLISH 2015
Erschienen im Selbstverlag
bei Books on Demand GmbH
Dezember 2015
Alle Rechte beim Autor
michael.roland.sauer
Herstellung und Verlag
BoD – Books on Demand GmbH
Norderstedt
ISBN 978-3-7392-6598-8
m.r.s.
Self-published
©2015
Für:
Micha, Frodo, Elki und Andreas,
die mir das Gefühl gaben,
dieses Buch könnte
Sinn machen.
Herr Schuhm ist weit mehr das, was man einen Greis nennt, als das, was man mit einem Mann in den besten Jahren bezeichnet.
Es ist halb sieben am Abend und Herr Schuhm befindet sich in dem Badezimmer seiner Zwei-Raum-Wohnung mit Küche und Bad, ohne Balkon, im ersten Stock eines Mehrfamilienhauses, an einer zweispurigen Straße, im äußeren Kreis der Innenstadt, einer mittelgroßen Stadt in Niedersachsen.
Das Badezimmer ist ein länglicher Raum mit einer weißen Kloschüssel, gegenüber einer weiß lackierten Holztür, helle, aquamarinblaue Fliesen bis zur Decke. Zur Rechten der Tür befindet sich eine Badewanne, hellbraun, mit einem leichten Stich ins rötliche, emaillierte Armaturen. Über der Badewanne befindet sich eine Reihe Fliesen, die exakt in der Mitte mit einem Abziehbild geschmückt sind. Variationen stilisierter, chrysanthemenartiger Blüten, deren Farben an die 70er Jahre erinnern. Damals, eine Werbeaktion auf der Rückseite eines Spülmittels namens Pril.
Es riecht - ohne eine Spur von Exotikausschließlich nach reiner Citrusfrische.
Man hört das ungleichmäßige Brummen eines elektrischen Rasierapparates und das Knistern beharrlicher Stoppeln eines ehrwürdigen Bartwuchses.
Alles wirkt ordentlich und angefüllt mit Zeit.
Zeit, deren Tempo im Leben des Herrn Schuhm in den letzten Jahren deutlich nachgelassen hat.
Herr Schuhm macht sich fein. Er bezeichnet es als „fertig machen“. Fertig und fein für den kurzen Abend. Er summt eine Melodie. Eine Melodie, die einen wehmütig an die Ferne erinnert, die gleichzeitig irgendwo existiert.
Herr Schuhm verlässt das Bad um viertel vor sieben. Er ist bekleidet mit einer braunen Kordhose, einem rosa Hemd ( Kaufhof 1980 / Restposten / breiter Kragen ) und einer dunkelgrünen Strickjacke mit V-Ausschnitt. ( Leffers / 1985 / Vierundreißig neunzig ).
Ihm ist nicht bewusst, dass die Strickjacke mehr als 20 Jahre alt ist, denn für ihn ist es immer noch seine 'neue' Hausjacke.
Er summt immer noch die wehmütige Melodie, als er um zwölf vor sieben an das Fenster seines Wohnzimmers tritt und auf die Straße blickt, eine belebte Straße:
Callshops, Biobäcker, Second-Hand-Spielwaren, Handy-Shop, Deutsche Bank, Samen- und Tierhandel, Reisebüro, Spielothek, Computerhandel, Busse, Autos, hektische Menschen, bunte Menschen, viele, die Herrn Schuhm fremd vorkommen, alte Menschen, sehr alte Menschen, junge Menschen, ein kleiner Junge auf einem silbernen Roller, ein entspannt schlendernder Mann, eine hektische, viel zu dünne Frau im Kostüm und in einer hüftlangen, gesteppten, schwarzen Jacke, klack, klack, klack, noch ein Mann, noch eine Frau, ein Paar. Sie bleiben stehen. Der Mann und die Frau, sie küssen sich.
Er, der Mann, studiert Mathematik und Physik auf Lehramt an Gymnasien. Sie, die Frau bedient in einer Kneipe, neben einem Kino. - Sie ist schwanger. Sie werden das Kind „Malte“ nennen und heiraten. Er wird mit einem Freund betrunken einer dummen Idee folgen und kurz nach dem Studium einen Überfall auf einen Geldtransporter begehen. Dabei wird ein Unfall passieren und sein Freund wird von dem Wachpersonal getötet werden. Darüber wird er nicht hinwegkommen und anfangen zu trinken. Zwölf Jahre später werden er und die Frau auf dem Gehsteig sich trennen. Jetzt aber, jetzt küsst er sie. Die Frau in die er sich vor vierzehn Tagen verliebt hat, in der Kneipe neben dem Kino. Küsst sie auf der Straße gegenüber dem Fenster von Herrn Schuhm. Es ist zehn vor sieben.
Die meisten Küsse im Leben des Herrn Schuhm würde er selbst als „flüchtig“ bezeichnen und „vergänglich“ damit meinen. Es waren nicht unbedingt wenige Küsse, aber nur wenige Frauen, an die er sein Herz vergeben hatte. Herr Schuhm hat gern geküsst und konnte es wohl gut, sagten sie, die wenigen Geküssten.
Zwei Küsse sind Herrn Schuhm bei all den „flüchtigen“ geblieben. Sein erster Kuss und der letzte. Den letzten Kuss gab er Frau Schuhm, vor vierzehn Jahren. Als Herr Schuhm ein Mann im besten Alter war und sie schon mal vorgegangen ist.
Von seinem ersten Kuss ist ihm nur eine Melodie geblieben, die, welche er gerade summt. Es ist sieben vor sieben und Herr Schuhm setzt sich in einen dunkelbraunen Ledersessel mit Kopfstütze.
Nicht mal an den Namen des Mädchens seines ersten Kusses kann er sich mehr erinnern. Marie oder Marianne, Marion, Marina, Mareike, Marlies - oder Melanie, Miriam, Mia, Monika, Mechthild oder doch Maria. Er weiß es nicht. Was ihm geblieben ist, ist einzig das „M“, aus dem sich herrlich diese Melodie formen lässt, die sie beide damals durchdrang, weitab vom Festplatz. Weitab, aber nah genug, um diese Musik zu hören.
Herr Schuhm kannte den Titel des Musikstücks – damals - nicht und er wird ihn auch für immer nicht kennen.
In seinem Kopf hat sich die Melodie in den Jahrzehnten soweit von seiner ursprünglichen Abfolge der einzelnen Töne entfernt, das sie nichts mehr mit ihrem Ursprung zu tun hat. ( Aus C-D-F-A-G ist Fes-Dis-ais-As-Ges geworden.) Aber sie war immer noch da, die Melodie. Sie war immer noch da und sie war seine, - seine Melodie.
(Damals, weitab vom Festplatz, spielte eine fesche Geige allen Instrumenten voran. Die Erinnerung von Herrn Schuhm wird bestimmt vom Klang einer klagenden Klarinette.)
Es ist fünf vor sieben und Herr Schuhm bedient eine schwarze Fernbedienung, ca. 7 mal 25 Zentimeter groß, 4 cm tief. (Löwe Opta, Baujahr 1981).
Von der gleichen Bauart existiert in ganz Deutschland kein weiteres Modell gleichen Baujahrs. In ganz Europa gibt es noch in einer kleinen Stadt namens Rota, ca. 50 km westlich von Cadiz eine alte Dame namens Evita Eleonora Sanchez, die eine Fernbedienung gleicher Bauart benutzt. Den Fernsehapparat dazu hatte ihr ihr 1999 verstorbener Mann Carlos Marino Sanchez kurz vor seinem Tod aus Luxemburg mitgebracht. Dort war er auf Montage für eine Löwenkäfigfirma namens Lionesco Jaula para Leones.
Der Fernsehapparat stand tatsächlich mit Fernbedienung als Sperrgut in Luxemburg Stadt, Rue de la Fleur, an der Straße.
Seiner Frau Evita erzählte Carlos, dass er 12. 101 luxemburgische Franc (ca. 300 Euro) für das Gerät ausgegeben habe, um genau 49.915 spanische Peseta ( Der Gegenwert von 12.101 Luxemburgischen Franc) vor seiner Frau zu unterschlagen. Das war genau die Summe, die er für Bordellbesuche bei einer gewissen “Olga” ausgegeben hatte, um einmal eine Nacht ohne Rücksicht auf die Liebe, ohne Rücksicht auf ein Gegenüber, ohne Rücksicht auf seine geliebte Evita, hemmungslos sein zu dürfen und ganz ordinär zu vögeln.
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Evita hingegen ließ sich stets, während Carlos auf Montage war, von dem Schlachter des Ortes, Herrn Emilio Martin Martinez, besuchen.
Da ihr die zärtliche Feinfühligkeit ihres geliebten Carlos nicht die berauschende Erfüllung brachte, die sie selber von sich kannte, ließ sie sich gerne von Martinez völlig rücksichtslos und wild verehren.
Evita und Carlos schämten sich achtzehn Jahre lang voreinander für Erinnerungen, die ihnen allein, jedem für sich ein Lächeln auf das faltige Gesicht zauberten bzw. im Falle Evitas immer noch zaubern, distanziert fein, aber doch deutlich wahrnehmbar.
Auch Herr Schuhm lächelt in seinem Sessel, leise vor sich hin summend. Der Fernseher, dem die Fernbedienung, angezeigt durch eine kleine grüne Diode, Signale sendet, ist ein Röhrengerät aus dem Jahre 1981, ebenfalls von Loewe Opta, mit einer Bildschirmdiagonale von 80 cm und einer defekten Kathodenstrahlröhre, was bedeutet, dass dieser Fernseher kaputt ist.
Einzig der Ton erklingt in einer ungewohnten Sattheit und Präsenz. Das Bild bleibt schwarz.
Es ist sieben Uhr abends und die Fanfare der “aktuellen Stunde” auf NDR 3, Regionalfernsehen, schallt durch das Zimmer. Herr Schuhm schließt die Augen. Er hat sich abgewöhnt, die Nachrichten um acht zu hören. Es interessiert ihn nicht mehr, ob die Grünen Prämien für Elektroautos wollen, dass die Deutschen bislang 86 Millionen für Haiti gespendet haben, die deutsche Handball-Nationalmannschaft in Innsbruck weitergekommen ist, oder dass die Regierung noch ohne ein Konzept für die Afghanistan-Konferenz in London ist.
Ihn interessiert wie die Stimme des Hauptmanns der freiwilligen Feuerwehr in Cloppenburg klingt, die gestern eine Papierfabrik gelöscht hat, die Artenschutzbetreuungsstation bei Pye, eine Ausstellung im Marienhospital, die an Zwangsarbeiter in der Region erinnert und ihn interessiert vor allem das Wetter.
Es ist fünf nach sieben. Die aktuelle Stunde berichtet gerade von einem Autor aus Kloster Oesede, der sein neues Buch „Liebe in Zeiten gepflasterter Hofeinfahrten“ im Rahmen einer Lesung vorstellen möchte, in der Lagerhalle, Osnabrück, heute abend.
... und Herr Schuhm? ...
Herr Schuhm ist eingeschlafen. Eingeschlafen mit tiefem, ruhigem Schnarchen, “Frieden schließen” nennt er das. Das macht er jeden Abend.
In fragiler Anordnung sind die Dinge des Alltags gestapelt.
Finde mich im Tiefenrausch wieder, wiedermal, wieder Bedeutungsverschiebung.
Vaginale, dezent rot-gelb-orangene, langstielige Calla, einzeln in einer zylindrischen Vase, zusammen mit einem schmalen, farnartigen Grün, direkt links vor mir auf dem Brett der kleinen Bar.
Das ist eine Aufforderung, ein unerwünschter Akt der Subversion:
Vor mir das eine Objekt, als Gegenstrategie zu einer doktrinären Wirklichkeitsvorstellung:
Die Theke.
Die Theke, als ein lang gezogenes Siebeneck zieht sie sich weitläufig durch die kleine Afterworks-Bar, von mir aus gesehen ca. 10 Meter nach rechts und 3 Meter nach links. Von dort aus schließt sich ein kleines Séparée von ca. 20 m2an.
Nach rechts gruppieren sich hinter dem Rücken derer, die an der Theke sitzen, Zweiertische, entlang einer bis zum Boden reichenden Fensterfront.
Die Dinge entwickeln sich langsam. Eine Szene gleitet in die nächste über.
Von meinem Platz aus kann ich fünf weitere Personen an der langen Theke ausmachen, alle rechts von mir.
Dabei sind Grenzüberschreitungen und Tabuverletzungen Ausdruck des jeweiligen Zeitgeistes.
Mir gegenüber, am weitesten entfernt, halb verdeckt durch das orange beleuchtete Regal, in dem sich die Flaschen, mit den Rausch versprechenden Elexieren befinden, sitzt eine Frau Mitte 40.
Wer noch weiter rechst von ihr sitzt, kann ich nicht erkennen. Sicher ist, dass sie sich mit jemandem oder welchen unterhält, am Scheitelpunkt der Bewegungen, kurz vor dem Zusammenbrechen.
Ein paar Meter links von ihr sitzen zwei junge, gepflegte, bärtige Nerds, wahrscheinlich Studenten.
Ihre Bärte: im Alltag und in der Kunst durchzitierte Kulturfolger, von der Kultur verfolgt.
"Wenn deine Mutter das so möchte, was soll das denn dann?", hinter mir am Tisch, drei, zufällig vom Shoppen Hereingetragene: Zwei Frauen, ein Mann, alle drei über 50, sonnenstudiogebräunt und im flüchtigen Blick zu viel Gold tragend.
Verstörender Humor.
Es stellen sich Fragen nach Normalität und Eindeutigkeit.
In diesem ungegenständlichen Gitter werden Worte bedeutungslos und belanglos.
Schwarz, weiß und grau.
Fein gesprenkelter PVC-Boden im Marmorimitat.
Die Barhocker massiv, vintage, mit braunem, klassischem Lederkissen.
70er Jahre Hängelampen, zylinderförmig, im orangenen Lavadesign, ziehen sich fein säuberlich im Abstand von ca. 1,20 m entlang der Theke.
Exit Art.
Die Notwendigkeit, Vergangenes in der Erinnerung lebendig zu halten.
Die Bedienung hinter der Theke, wasserstoffblond, kurz geschnittener Pony. Sie könnte in einem alten Jim Jarmusch Film gut in einer Bar wie dieser eine Bedienung wie diese spielen.
"Ein Heim ist nicht zwangsläufig ein Zuhause und andersherum."
Wenn sie näher kommt, verraten ein klein wenig zu viele Sommersprossen um ihre Nase herum, dass sie lange nicht so cool ist, wie ihr Alltagsavatar darstellt.
Laut klackert sie mit der Eisschaufel durch die Eisbox hinter einer massiven Kühlschranktür.
Mit ihrem kühnen, naiv-frechen Blick zeigt sie die existentielle Fragestellung eines nichtexistenten Wesens. Wie wird ein Objekt zu einem lebenden Ding?
Zwei junge Mädchen um die zwanzig, setzen sich an einen Zweiertisch am Fenster, bestellen Cola, Afri Cola.
Diese Variationen beziehen sich auf verschiedene Strategien, Frau werden zu können.
Links von mir hängt ein sehr altes Schulplakat, wahrscheinlich aus den 50er Jahren, über Atomkernspaltung. Das war eine Zeit, in der das alles dem Reich der Imagination angehörte. Rechts zwischen den Fenstern ein Blechschild von Martini.
Wie leben?
Diese Frage der menschlichen Existenz, eine verführerische Animation aus Wasserfarben.
Die Frau um die 40 mir gegenüber, halb verdeckt durch die Regale der Bar, sieht müde aus, sie raucht und trinkt Bier aus einem großen Glas.
Sie eignet sich nicht als Performance Generator.
Vor dem Fenster treffen drei Straßen aufeinander, Fußgängerzone, Außenbezirk.
Zwei sehr junge Lesben, Mitte 20, stehen vor dem Geschäft gegenüber. Eine legt der anderen sehr vorsichtig und zärtlich eine Halskette aus Leder um.
Dieser ist die Szene, die Öffentlichkeit, die offensichtliche Intimität und Liebe der Berührung, der angedeutete erotische Moment, peinlich.
"Ich verdiene gehört zu werden."
Sie weiß, dass ich da bin und ihr zuschaue. Jeder Schritt, jedes Wort, jeden noch so kleinen Laut nimmt sie wahr und wenn es dunkel wird, verarbeitet sie in ihren Träumen die Erlebnisse des Tages als humorvolle Darstellung des mittleren Ostens.
Einer der Bärtigen ist in der Zwischenzeit gegangen. Der andere beugt sich zu einem komischen Bogen und neigt seinen Kopf einer Zeitschrift auf seinen Knien entgegen. Erinnerung, Fantasie und der Körper waren schon immer zentrale Themen.
"Ja, die wissen so etwas im Baumarkt. Hey ehrlich.", tönt es hinter mir, von den zu Goldenen aus dem Sonnenstudio.
Verlasse die Komfortzone des reinen Betrachtens.
70 Jahre Soul verbreitet sich im Hintergrund. Gerade steigert sich ein psychedelisches Guitarrensolo, ohne wirklich aufdringlich zu werden.
Der andere Bärtige kommt nicht wieder, er inszeniert eine Fake-Strategie.
Das ältere Pärchen hat sich noch zwei Halbe hinstellen lassen und befindet sich mittlerweile in einem fiktiven Registrationszentrum.
Eine der beiden jungen Mädchen vom Zweiertisch links zündet sich eine Zigarette an. Anspruchsvoll gestylt, aber trotzdem die Billigere von beiden. Sie redet nicht über eine internationale Kapitalverschiebung.
Links, ganz hinten, hängen, in einer Art Séparée, großformatige, schwarzweiße Photos afroamerikanischer Models aus den 70ern, in Großaufnahme.
Obwohl alles Retro ist, wirkt es authentisch, abgerockt und liebevoll zusammengestellt, semi-natürlich, eine zunächst kaum wahrnehmbare, später sich verstärkende Aura umgibt die Menschen hier im Raum.
Sehe in der Stadt seit vierzig Jahren immer wieder die selben Gesichter, glücklose und etwas kummervolle Vertreter für Scherzartikel.
Eins dieser Gesichter, männlich, taucht auf und spricht die halb Verdeckte mir gegenüber an und geht zwei Minuten später wieder, ein bewusst dilettantisches Stilmittel.
Die Frau wirkt total genervt. Spuren davon schon eingegraben in das alternde Gesicht, diese Tatsache schafft für sie eine zunehmend prekäre Lage.
Ein Bewegungsbild völlig abseits der ursprünglichen Funktionalität.
Das Agieren und Reagieren im Sinne von Relationen entsteht nicht durch direkte Ähnlichkeiten, sondern wird eher in unseren menschlichen Gefängniskulissen ausgelebt.
"Ja! Dann machst du das so voll in Arsch, so!", die Sprache des Paares wird flapsiger und lauter.
Der Bärtige hustet mehrmals hintereinander laut. Durch diese Reduktion auf die Mechanik werden abstrakte Vorgänge in Gang gesetzt, die eine befreite bildhafte Wirkung entfalten.