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© 2020 ZS Verlag GmbH

Kaiserstraße 14 b

D-80801 München

eISBN 978-3-96584-077-5

1. Auflage 2020


Projektleitung & Produktion: 31Media GmbH, Stephan Strauß

Text: Lisa Duhme & Birgit Schrowange

Covergestaltung, Grafisches Konzept, Layout, Satz: affaire populaire; Bianca Domula

Redaktionelle Mitarbeit: Kathrin Mayr

Fotos: Kevin Koelker

Herstellung: Frank Jansen

Producing: Jan Russok

ePub-Konvertierung: Datagrafix GmbH Berlin


Die ZS Verlag GmbH ist ein Unternehmen der Edel AG, Hamburg.

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Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved.

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des
Verlags wiedergegeben werden.

Ein paar Worte vorweg

Ein Buch ist wie ein Garten, den man in der Tasche trägt.

ARABISCHES SPRICHWORT

Jetzt ist meine beste Zeit – mit diesem Lebensgefühl hatte ich mich schon 1998 überzeugt auf der Rückseite meines ersten Buches verewigt. Heute, 20 Jahre später, muss ich dieses Statement korrigieren. Ich hab es damals weder wissen noch ahnen können, doch: Jetzt ist meine beste Zeit!

Nun mögen Sie sich fragen: Da lässt Birgit Schrowange die sattesten und blühendsten Lebensjahre und ein spannendes Berufsleben hinter sich, ist obendrein ja auch inzwischen grau und hat doch bestimmt wie jeder andere älterwerdende Mensch das eine und andere Zipperlein – und das Leben soll jetzt besser sein?

Ja, so empfinde ich es. Denn eines übersehen viele Frauen, wenn sie älter werden: Wir Frauen lassen nicht nur Liebgewonnenes los wie Jugend, Schönheit oder Beruf. Wir gewinnen auch Wertvolles hinzu, das wir zuvor so nicht in unserem Leben hatten: größere Gelassenheit, intensivere Achtsamkeit, höheres Glücksempfinden zum Beispiel. Und wer wie ich schon in jungen Jahren die finanzielle Altersvorsorge auf den Weg gebracht hat, gewinnt noch etwas sehr Wichtiges: Freiheit.

Auf diese Freiheit darf ich mich nun freuen. Mir ist dabei natürlich bewusst, dass ich heute privilegiert bin und mir nicht wie viele andere Frauen um meine Rente Sorgen machen muss. Richtig ist aber auch: Ich habe als junge Frau ganz klein angefangen und alles, was ich heute habe und bin, mit sehr viel Fleiß, Disziplin und Sparsamkeit erarbeitet. Daher kann ich mich trotz meiner heutigen komfortablen Situation sehr gut in Frauen hineinversetzen, die sich in schwierigen und herausfordernden Lebenslagen befinden. All diesen Frauen will ich Mut machen und sie inspirieren, ihrem Lebensentwurf eine neue Richtung zu geben. Es gibt natürlich nicht das Patentrezept für alle Frauen dieser Erde. Jede Einzelne von uns Frauen befindet sich in einer ganz individuellen Situation und Lebensphase mit ganz unterschiedlichen Träumen, Wünschen und Zielen. Doch eines eint uns alle immer: die Möglichkeit, etwas in unserem Leben zu verändern.

Ein sehr wichtiges Thema in diesem Zusammenhang, das zu meinen zentralen Antreibern für dieses Buch gehörte, ist das Thema Frauen und Finanzen. Es gibt angesichts der drohenden weiblichen Altersarmut kaum etwas Wichtigeres für eine Frau, als finanziell unabhängig zu sein, und das in jeder Lebensphase. Weil dies so wichtig ist, habe ich dem Thema im Buch viel Raum gegeben, um Frauen eine Art kleines Starterkit an die Hand zu geben mit Impulsen, die eigene finanzielle Situation zu reflektieren, einzuschätzen und schließlich zu verbessern. Für junge Leserinnen, die ihr ganzes Leben noch vor sich haben, können meine Gedanken zum Thema Finanzen ausgesprochen hilfreich sein, um jetzt Vorsorge für späteren Wohlstand zu treffen. Doch auch die Leserinnen älteren Semesters haben noch die Chance, mit kleinem Einsatz ein paar schöne Ersparnisse zu erlangen. Jede dritte Frau hierzulande ist über 50, und wenn man sich die heutige hohe Lebenserwartung vergegenwärtigt, liegt ja fast eine genauso große Lebenszeit noch vor uns, so dass sich langfristiges Sparen für ältere Frauen ebenfalls lohnen kann.

Mein Herzensthema Finanzen ist umrahmt von einer kleinen Reise durch die große Welt des Frauseins mit all ihren Facetten: amüsante Episoden aus meinem Leben vom Multitasking-Mythos über Perfektions- und Schönheitswahn, die Beziehung zu den Eltern, Herausforderungen alleinerziehender Mütter, Frauenfreundschaften bis hin zu Liebschaften mit Märchenprinzen und Machiavellis.

Apropos Märchenprinzen: Ein weiterer Antreiber zu diesem neuen Mutmach-Buch für Frauen war nach zehn Single-Jahren das sagenhafte Geschenk einer neuen Liebe. Die fast märchenhafte, aber auch witzige Geschichte, wie Frank und ich zusammenkamen, habe ich bisher noch nie komplett erzählt. In diesem Buch lesen Sie zum ersten Mal die ganze ‚Lovestory‘, die nicht nur für mich persönlich etwas Besonderes war. Sie zeigt auch sehr deutlich, wie wichtig es ist, dass ergrauende Frauen sich von dem Glaubenssatz befreien, sie seien nicht mehr attraktiv. Ich möchte Frauen von ganzem Herzen Mut machen und sie ermuntern, offen und neugierig zu bleiben für eine neue späte Partnerschaft.

Der dritte und letzte Antreiber für mein Buch ist der Abschied von meiner Fernsehkarriere. Im Dezember 2019 gingen 40 erlebnisreiche Jahre vor der Kamera zu Ende. Danke sagen – auch dafür möchte ich mein Buch nutzen!

Und schlussendlich: der Blick nach vorn. Ich schicke meine Gedanken natürlich jetzt vor allem in die Zukunft, reflektiere die vielen spannenden Möglichkeiten, die es gibt, um das weitere Leben im Rentenalter zu gestalten. Gute Gesundheit vorausgesetzt, gibt es eine Fülle an Aufgaben, Erlebnissen, Tätigkeiten, Abenteuern, Hobbys oder Angeboten für ältere Menschen. Ich wünsche mir sehr, dass das Buch vor allem Sie, liebe ältere Leserinnen, inspirieren kann, Ihrer reifen Lebensphase neuen Wert und neue Bedeutung zu geben und Ihr Leben, falls Sie es nicht bereits getan haben, aktiv nach ihren Wünschen und Träumen zu gestalten. Denn das wäre wirklich das Größte, wenn Sie nach der Lektüre genau das sagen, was pink auf schwarz auf meinem neuen Buch geschrieben steht: Das Beste zum Schluss!

Viel Freude bei der Lektüre!

Fast ein Märchen ...

Alles worauf die Liebe wartet, ist die Gelegenheit.

MIGUEL DE CERVANTES

Die große Liebe – ich hatte gar nicht mehr daran geglaubt. Und mich auch nicht wirklich mehr damit beschäftigt. Denn mein Leben als Single war schließlich nicht schlecht. Oder um es positiv auszudrücken, was ich ohnehin viel lieber mache: Es war gut. Das Leben fühlte sich einfach gut an. Auch nach zehn Singlejahren noch. Mein Leben hielt mich täglich in Bewegung, mein spannender Job, meine Aufgaben als alleinerziehende Mutter eines aufgeweckten Sohnes, die Pflege meiner wichtigen Freundschaften oder natürlich auch familiäre Pflichten. Klar hatte ich auch immer mal den einen oder anderen Bewerber. Nie jedoch war einer darunter, der meinen Herzschlag so beschleunigt hätte, dass sich infolgedessen ein paar vollreife Schmetterlinge doch noch mal unter meine ebenso vollreife Bauchpelle verirrten. Und das war in Ordnung. Genauso wie es in Ordnung gewesen wäre, wenn sich ebendies doch ereignet hätte. So oder so – ich war erfolgreich auf dem Weg zu jenem Ziel, mit dem ich mein letztes Buch vor einigen Jahren geschlossen hatte: eine coole Alte zu werden.

Eine eigenartige Wendung nahm mein Leben auf einmal, als ich den Entschluss gefasst hatte, mir nicht mehr die Haare zu färben. War in Sachen Amor jahrelang wirklich gar nichts gelaufen, so hatte ich plötzlich – mit Perücke auf dem Kopf, unter der mein kurzgeschorenes Echthaar im Verborgenen endlich freie Bahn zur Entfaltung hatte – sogleich einen Bewerber, der sich um mich bemühte. Seltsam, dachte ich. Es hatte sich ja, von außen betrachtet, zunächst nicht wirklich etwas verändert. Mein falsches Haupthaar war so kunstvoll gefertigt, dass es meiner alten Frisur, mit der ich mich nun schon so viele Jahre der Öffentlichkeit präsentierte, im wahrsten Sinne des Wortes haargenau glich.

Etwas anderes war passiert, das mit Äußerlichkeiten nichts zu tun hatte. Es war meine klare Entscheidung, einen Schlusspunkt unter das jahrelange Haarefärben zu setzen. Im Grunde war es immer mein Wunsch gewesen, das bereits frühe Ergrauen meines dunkelbraunen Schopfes ganz unverkrampft zuzulassen. Denn ich habe eigentlich nie verstanden, warum der Einzug des Silberstichs ins Herrenhaar mit gleichzeitig zunehmenden Rissen in der Fassade den Testosteron-Score des jeweiligen Haar- und Faltenträgers noch mal so richtig in die Höhe schnellen ließ – während für ergrauende Damen der Zug ganz unweigerlich abgefahren war, wenn es um Attraktivität, Weiblichkeit oder Sex-Appeal ging.

Nun hatte ich entschieden: Ich mach das jetzt. Ich lasse mein Naturhaar wachsen. Schluss mit dem seltsamen Schönheitswahn. Es war höchste Zeit, sich endlich darüber hinwegzusetzen – über die zahllosen Entsetzensschreie, den Um-Gottes-Willen-Unmut und das Unisono-Urteil: Das kannst du doch nicht machen! – Doch, kann ich!

Und es war klar: Diese eigenartige Wendung, die mein Leben dann also nahm, hing zweifellos damit zusammen, dass ich unter meiner Perücke endlich auf dem Weg zu mir selbst war. Die Haare waren die eine Sache. Aber auch in übrigen Lebensbereichen hatte ich begonnen Dinge zu tun, die mich erfüllen. Zuerst hatte ich den Hund in mein Leben geholt, dann nahm ich Gesangsunterricht, weil mir Singen so viel Freude macht. Dann kam das Haus auf Mallorca, das ich mir schon immer gewünscht hatte. Jeder Mensch sollte sich seine kleinen Glücksinseln erschließen. Es muss kein Haus auf Mallorca sein, es kann auch ein Schrebergärtchen oder eine kleine Blumenoase auf Balkonien sein. Oder ein ganz anderes ureigenes kleines Glück, wie bei mir schließlich noch die Entscheidung für meine natürliche Haarfarbe. Mit all diesen Veränderungen begann auch ich selbst mich zu verändern. Ich schaute anders in die Welt, fühlte mich rundum im Einklang mit mir. Es war das perfekte Gefühl, diesen ersten Schritt zum Ich gemacht zu haben. Der Schritt, der meine komplette Ausstrahlung verändern sollte, und dies bereits als mein Vorhaben eigentlich noch gar nicht nach außen hin sichtbar war. Zu dieser neuen Authentizität gehörte, dass die Männerwelt plötzlich vermehrt Interesse an mir zeigte. Ich will jetzt nicht behaupten, dass die Verehrer auf einmal wie Pilze aus dem Boden schossen, aber – es tat sich etwas, ich strahlte nach außen…

Ha Punkt

Das Leben ist wie ein Theaterstück.

Es kommt nicht darauf an, wie lang es ist, sondern wie bunt.

LUCIUS ANNAEUS SENECA

Das erste Date war nicht nur wegen der vielen Abstinenz-Jahre vom Liebesleben eine Herausforderung. Neben der Tatsache, dass ich mir wieder vorkam wie ein Schulmädchen, hatte ich ja noch ein anderes ‚Problem‘: die Perücke. Ausgesprochen lebhaft ist mir in Erinnerung, als mein erstes Date – nennen wir ihn Diskretion und Datenschutz zuliebe Ha Punkt – mich zum Rendezvous mit einem Oldtimer abholte: einem Cabrio! Ich war total entsetzt. Da stand ich kreidebleich und dachte nur noch an meine Perücke. An den Fahrtwind. An das Desaster, wenn ein Windstoß mein Haar in die Luft riss und ich dann da zurückblieb auf dem Beifahrersitz mit meinem abgebrannten Stoppelfeld auf dem Kopf. Ich schob die wildesten Filme, stand angewurzelt da, schnappte nach Luft und hielt selbige an.

„Magst du keine Oldtimer?“, fragte Ha Punkt irritiert.

„Doch, doch“, versuchte ich ihn gefasst zu überzeugen, „aber kann man das Verdeck auch zumachen? Geht das vielleicht auch?“

Es ging nicht. Ich versuchte, fröhlich zu lächeln, doch muss ich eher gequält ausgesehen haben, als ich zu ihm ins Auto stieg. Wir waren kaum gestartet, da griff ich schon hektisch nach meinen Haaren. Bei jeder Beschleunigung und stärkeren Windstößen klappte die Perücke so komisch nach oben auf. Was für ein Alptraum, ich war total im Stress.

Nun, es hat nicht geklappt mit Ha Punkt. Nicht wegen dieser toupet-
untauglichen Fahrt im Cabrio. Es fehlte einfach der entscheidende Funke zwischen uns. Da konnte er noch so nett sein – und das war er, ich habe ihn und unsere kurze Verbindung in sehr guter Erinnerung. Aber es zündete nicht, wie es sein sollte, und so beendeten wir schließlich die Sache.

Mann, ist der dünn!

Die Menschen, die in dein Leben gehören, werden immer wieder zu dir hingezogen. Egal, wie weit sie sich entfernen.

UNBEKANNT

Einige Zeit später ging es auf Reisen. Mit meinem Sohn Laurin, meinem besten Freund Gerrit und dessen Freund Kevin begab ich mich auf Kreuzfahrt. Übers Meer gleiten, den Blick und die Gedanken in die Ferne schweben lassen, einfach mal nichts tun, das ist für mich die perfekte Erholung. Ich liebe Wasser, Wind und Wellen – wunderbar.

Mit dem Wind war das natürlich diesmal so eine Sache. Ich dachte an das Cabrio. Und während ich sonst auf einer Schiffsreise die meiste Zeit an Deck verbringe, traute ich mich jetzt kaum raus. Der Gedanke daran, wie ich da draußen stehe und in einem eventuellen Moment der Unachtsamkeit ein Windstoß sich mein Haar zu eigen macht und die Perücke sodann durch die Lüfte trägt, wo sie schließlich als kleiner Punkt am Horizont verschwindet, trieb mich daher in die Isolation meiner Kabine. Ich hatte das Glück, eine sehr schöne Kabine mit einem kleinen eigenen Balkon zu bewohnen – die perfekte Zuflucht für paranoide Perückenträgerinnen.

Drei Tage bevor das Schiff nach einer wunderschönen Reise durch den Norden wieder anlegte, kam die Moderatorin der Abendshow mit dem Wunsch auf mich zu, ich möge doch vor dem Ende der Kreuzfahrt abends einmal in ihre Show kommen. Wenngleich ich eigentlich in sehr privater Mission auf dem Schiff war, nämlich ganz schlicht, um Urlaub zu machen – warum sollte ich der Kollegin diesen Gefallen abschlagen? Ich sagte zu, zumal ich eines auf der Showbühne ja nun wirklich nicht zu befürchten hatte: Wind.

Abends in der Show nach etwas Talk und Unterhaltung auf der Bühne fiel dann – ohne dass ich etwas davon ahnte – ein besonderer Startschuss in eine wunderbare Beziehung.

„Sag mal, wir sind ja ein Alter“, begann meine Kollegin die entscheidende Frage, „also, ich bin mit den Männern durch, ich brauch das nicht mehr. Aber wie sieht’s denn bei dir aus?“ Zu jener Zeit waren wir beide 59.

„Doch! Ich will noch einen! Klar doch! Vielleicht ist ja hier ein netter Single-Mann?“, entfuhr es mir im Brustton der Überzeugung. Auf der Suche war ich zwar nicht, doch fernab von allem, was mit Männern zu tun hatte, war ich nun auch wieder nicht.

„Ja, wenn hier Single-Männer sind, bitte melden!“, ermunterte die Moderatorin ohne Zögern das Publikum. Neugierig schaute ich ins Publikum und schob noch vorwitzig hinterher: „Hier kann man ja nicht weglaufen!“

Sogleich ging ein Arm hoch. Der Arm eines Single-Mannes, der sich kurz darauf bei uns auf der Bühne befand. Es folgten erwartungsgemäß Gelächter, Witze, Rumalbern – kurz: leichte Unterhaltung. Und ich stand dort mit diesem Single-Mann, schwitzte unter meiner Perücke und dachte nur: Ist der aber dünn – der ist ja ganz dünn.

Ich fand diesen Single-Mann in erster Linie dünn. Auch sein Arm, der zuvor aus dem Publikum in die Luft geragt hatte: dünn. Wie ich wohl neben ihm aussah? Je dicker der Mann, umso schlanker wirkt man neben ihm, das ist mein absolutes Credo. Neben ihm musste ich ziemlich dick aussehen. Ich war nicht wirklich überzeugt von dieser Partnervermittlung, doch als unterhaltsames kleines Intermezzo und Spaß für die Schiffsgäste war diese Episode in der Show natürlich herrlich. Als der Bewerber die Bühne wieder verließ, um sich zurück an
seinen Tisch zu setzen, fühlte ich mich auch schon wieder ein bisschen schlanker.

„Wow, der war aber toll!“, sprudelte es nach der Show aus meinem Freund Gerrit hervor. „Das war ein netter Typ, das war ein richtig Toller! Der isses!“

„Der war dünn!“, war mein kurzes Qualitätsurteil.

„Wie bitte???“ Gerrit war fassungslos. „Der war absolut super! Den suchen wir jetzt für dich!“

Während ich mit Autogrammen und Selfies beschäftigt war, konnte ich beobachten, dass der Single-Mann noch eine Weile an seinem Tisch saß. Mit einem jungen Mädchen, das vielleicht seine Tochter war. Dann war er plötzlich weg. Und ich fing an zu grübeln: Vielleicht war er ja doch ganz gut?

„Aber er war schon ziemlich dünn, oder?“, beharrte ich noch immer, als wir auf dem Weg in die Abendbar waren.

„Den kannst du doch füttern! Der muss ja nicht dünn bleiben!“ Gerrit amüsierte sich königlich.

Dann tigerten wir durch die Bars auf diesem riesengroßen Schiff, in der Hoffnung den Mann zu finden. Doch wir hatten kein Glück. Er blieb verschwunden. Dass er zur selben Zeit ebenfalls durch die Bars tigerte, um mich zu finden, wusste ich nicht. Wir liefen aneinander vorbei, die ganze restliche Zeit der Reise.

Drei Tage später legten wir in Kiel an. Die Reise war zu Ende. Der Zug von Kiel nach Hamburg für die erste Etappe unserer Heimfahrt nach Köln traf zehn Minuten früher ein. Zeit genug, bereits einzusteigen und schon mal in Ruhe das Gepäck zu verstauen. Laurin, im magischen Bann seines Smartphones, schien jedoch nicht ansprechbar. Gerrit stürmte ganz plötzlich wie von der Tarantel gestochen aus dem Zugabteil. Kevin war auch nirgends zu sehen. Was für eine Inszenierung, um nicht beim Kofferverstauen zu helfen, dachte ich! Ich schüttelte verständnislos den Kopf und wuchtete die Koffer energisch in die Ablage über mir. „Geht doch“, hörte ich Laurin triumphieren und hielt schon den Atem an über diese Unverfrorenheit. Dann sah ich, dass er mit seinem Smartphone sprach ...

Als alles untergebracht war und ich schon eine Weile auf meinem Platz saß, kam Gerrit zurück ins Abteil.

„Was sollte denn das?“, wollte ich nun doch wissen.

„Ach, nichts, ich dachte, ich hätte jemanden gesehen“, antwortete er und ließ sich auf den Sitz plumpsen. Als sich der Zug in Bewegung setzte, tauchte auch Kevin wieder auf.

Gerrit war nicht nur ein wunderbarer Freund und Gesanglehrer, er hatte offensichtlich auch ein verborgenes Schauspieltalent. So ganz die Wahrheit hatte er da nämlich nicht gesagt. Denn er hatte nicht nur gedacht, jemanden gesehen zu haben. Er hatte jemanden gesehen. Dieser Jemand war Frank, der Single-Mann. Kaum waren wir in unseren Zug gestiegen, als Gerrit ihn durchs Fenster unseres Zugabteils in der Menschenmenge erblickte. Jetzt durfte Gerrit keine Zeit verlieren, er musste raus aus dem Zug und ihn erwischen, bevor er uns wieder durch die Lappen ging wie an jenem Abend nach der Show. Wie nach einem Hochleistungssprint hatte Gerrit nur kurze Zeit später das Ziel erreicht. Sportlich atmend baute er sich vor Frank und seiner Tochter Daniela auf.

„Warte kurz, bitte, ich muss dir was sagen“, startete Gerrit voller Entschlossenheit seine Mission und schaute Frank mit dramatischer Miene an.

Frank war irritiert. Was wollte dieser Mann? Was war los mit ihm? Schweigend und staunend stand Frank da.

Gerrit holte tief und energisch Luft und entlud seine Botschaft:

„Ich bin Birgits Freund Gerrit und hab euch beide ja auf dem Schiff gesehen – und im Ernst, schon auf dem Schiff dachte ich, wenn ich dich dort oder sonst wo noch mal sehe, sag ich es dir. Ich muss euch einfach zusammenbringen – ich hab ganz einfach das Gefühl, ihr passt zueinander!“

Frank war noch immer irritiert. Hilfesuchend wanderte sein Blick zu seiner Tochter Daniela. Die Einschätzung der jüngeren Generation war bei solch exotischen Abenteuern Gold wert.

„Papa, dem kannste vertrauen“, beruhigte Daniela ihren verwirrten Vater amüsiert, „der ist in Ordnung, das seh ich.“

Gerrits Plan ging auf. Und als er zurück in den Zug kam und mich auf meine Frage, was sein plötzlicher Sprung aus dem Zug denn sollte, mit halben Wahrheiten versorgte, hatte er Franks Kontaktdaten sicher verwahrt in der Tasche.

In Hamburg mussten wir umsteigen. Ein großer Pulk Menschen drängte aus dem Zug nach draußen. Fahrgäste, die ihr Ziel erreicht hatten, und Weiterreisende wie wir, die nach ihren Anschlussverbindungen suchten. Wir standen auf dem Bahnsteig und orientierten uns. Und auf einmal sah ich ihn – den Single-Mann! In Begleitung des jungen Mädchens, das in der Show mit ihm am Tisch gesessen hatte. Es war Frank mit seiner Tochter Daniela.

Nachdem das Schiff ihn während der vergangenen Tage rückstandslos absorbiert hatte, musste es ganz klar Karma sein, dass derselbe Zug uns in Hamburg ausspuckte und er nun also wie aus der Asche gestiegen plötzlich vor mir stand. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass er mir später erzählen würde, wie Daniela an jenem Morgen in Kiel getrödelt hatte und sie den ursprünglich geplanten früheren Zug daher nicht mehr erwischen konnten.

Frank hatte mich ebenfalls bemerkt. Während ich da nur stand und starrte, kam er zielstrebig auf mich zu und begrüßte mich herzlich und ungezwungen. Küsschen links, rechts, links – mir wurde ganz warm, ich spürte, wie ich verlegen wurde, und vergaß vollkommen darüber nachzudenken, ob ich denn nun schlank oder mopsig neben ihm wirkte. Denn in meinem Kopf spukten natürlich zuverlässig die Gedanken um die Lage auf meinem Kopf: meine Perücke! Saß sie auch wirklich perfekt? Wie sah ich wohl aus? Frank indes trieben andere Gedanken um. Er dachte mit innerer Erheiterung an sein Gespräch mit Gerrit kurz zuvor. Er scannte unser Grüppchen aufmerksam. Besonders viel wusste er ja nun immer noch nicht über mich und meine Reisegesellschaft. Gerrit und Kevin, zwei kernige hochgewachsene junge Kerle – sie gingen glatt als meine Bodyguards durch. Dazwischen Laurin, der pausenlos auf sein Smartphone starrte. Die zehn Minuten, die wir dort standen und quatschten, kamen mir vor wie eine Ewigkeit. Doch als Frank sich dann verabschiedete, ging mir alles viel zu schnell. Warum fragte er mich nicht nach meiner Nummer oder gab mir seine? Sollte ich ihn fragen? Andererseits würde er doch fragen, wenn er Interesse hätte? Ich traute mich nicht, irgendetwas zu unternehmen, wir verabschiedeten uns und dann trennten sich unsere Wege.

Er steht einfach nicht auf dich, ging mir durch den Kopf, und ich dachte dabei an den gleichlautenden und unterhaltsamen Single-Frauen-Ratgeber: Er steht einfach nicht auf dich. So war es halt.

Als Frank wieder in der Menge der Reisenden verschwunden war, fuhr am Gleis gegenüber unser Anschlusszug nach Köln ein. Wir suchten unsere Plätze, Gerrit, Kevin und Laurin versorgten unser Gepäck. Ich ließ mich am Fenster auf meinen Platz sinken, beobachtete das Treiben draußen auf dem Bahnsteig und dachte an Frank.

„Mensch, das war aber wirklich ein Netter, oder?“ Ich ließ meinen Blick von einem zum anderen meiner drei Männer wandern und suchte nach Zustimmung. „Aber der steht einfach nicht auf mich, er hat mich ja nicht mal nach meiner Nummer gefragt.“

Laurin verdrehte genervt die Augen. Kevin schwieg. Gerrit grinste.

„Was grinst du so? Das ist doch nicht lustig!“ Ich fühlte mich unverstanden. Laurin war vollkommen desinteressiert und spielte schon wieder mit seinem Smartphone. Kevin schaute zu Gerrit und der grinste noch frecher. Ich war enttäuscht von ,meinen‘ Männern, wandte mich ab und schaute wieder aus dem Fenster. Gerrit knuffte mich freundschaftlich einlenkend in die Seite.

„Hab die Nummer ...“, flüsterte er geheimnisvoll.

„Waaas???“ Mir rutschte das Herz nicht nur in die Hose, sondern es plumpste in freiem Fall geradewegs bis in meine Schuhe.

„Ja, also, Franks Nummer“, triumphierte Gerrit, „ich hab sie.“ Und er erzählte, wie er Frank in Kiel gesehen hatte, als wir in den Zug gestiegen waren. Ich wollte zunächst gar nicht wissen, wie Gerrit das alles auf die Beine gestellt hatte. Jedenfalls hatte er die Nummer.

„Du kannst ihn nun anrufen.“

„Niemals! Das kann ich nicht!“, wehrte ich ab. „Gib ihm meine E-Mail-Adresse. Wenn er wirklich Interesse hat, kann er mir schreiben.“

Als ich zu Hause eintraf, hatte ich E-Mail.

Kaffee in Karlsruhe

Das eigentliche Mysterium der Welt ist das Sichtbare, nicht das Unsichtbare.

OSCAR WILDE

Die darauffolgenden Wochen habe ich mindestens so viel meiner freien Zeit am PC oder Smartphone verdaddelt wie mein Sohn Laurin. Frank und ich schickten einander E-Mail, WhatsApp und manchmal telefonierten wir auch. So lernten wir uns immer besser kennen. Ich hatte gute Laune, viel Energie und war total tiefenentspannt bei Dingen, die mir sonst auf den Geist gingen. Man könnte auch sagen: Ich war verliebt, oder sagen wir so: auf bestem Wege dorthin, denn wir hatten uns ja noch nicht wirklich richtig getroffen. Bevor wir uns zum ersten Mal trafen, musste Frank beruflich noch viel reisen und auch ich hatte viele Termine. Dann endlich lockten die ersten Zeitfenster zur Begegnung. Wir zögerten nicht und machten Nägel mit Köpfen.

Das erste Date stand schließlich fest. Wir hatten uns auf die wunderschöne und für frisch Verliebte geradezu prädestinierte und weltbekannte romantische Stadt Karlsruhe geeinigt. Na gut, das war ein Witz – doch war Karlsruhe tatsächlich die auserwählte Stadt, der erste Kompromiss in unserer sich anbahnenden Romanze. Meinem Vorschlag nach Köln zu kommen, wollte Frank nämlich aufgrund einer dort nicht ganz so glücklich verlaufenen verflossenen Liebschaft nicht folgen (nie wieder nach Köln, hatte er sich eigentlich geschworen). Und seinen Vorschlag, ich möge stattdessen doch in seine Geburtsstadt Offenburg kommen, lehnte ich ebenfalls ab. Wenn er nicht nach Köln wollte, würde es natürlich auch keinen Offenburger Heimvorteil für ihn geben. So war Karlsruhe unser Kompromiss – die goldene Mitte.

Dann war es soweit, bei brüllender Hitze saß ich im mäßig klimatisierten Zug nach Karlsruhe. Unter der Schale, in die ich mich geworfen hatte, verdampfte ich buchstäblich. Wie sagt man doch? Wer schön sein will, muss leiden. Ich litt. Und hoffte, dass ich in Sachen Schönheit wenigstens die richtigen Register gezogen hatte mit meiner engen Lederhose, mit der ich bei meiner Ankunft in Karlsruhe gefühlt für immer unlösbar verschmolzen war.

Ich stieg aus dem Zug, zupfte meine lockere Seidenbluse zurecht und stöckelte in meinen hohen Schuhen den Bahnsteig entlang. Dann erblickte ich Frank. Jeans und T-Shirt, Sportschuhe. Das war ganz klar die Männer-Backmischung nach meinem Geschmack – so wie ich es immer beschrieb, wenn die Frage nach meinem Traummann-Backrezept kam: eine Mischung aus Marlboro-Mann und Cowboy wollte ich immer. Genau das war Frank. Sich verbiegen? Niemals. Entweder nimmt sie mich, wie ich bin, war sein Gedanke. Oder eben nicht. Das gefiel mir sehr an ihm.

Mein Glück war auch, dass er mich ganz unvoreingenommen kennenlernte, da er in den 90er Jahren beruflich viel Zeit in Kolumbien verbracht hatte, später in die Schweiz zog und mich daher nur ganz vage aus früheren ZDF-Zeiten kannte. Meine RTL-Jahre hatte er überhaupt nicht mitbekommen. Wahrlich ein Geschenk des Himmels, denn so hatte er nicht gleich eine vorgefasste Meinung. So oft nämlich habe ich erlebt, dass Männer sich aufgrund meiner Prominenz schon vor einer Begegnung ein Bild von mir gemacht haben. Doch dieses Bild und die Realität hatten eigentlich nur selten etwas gemeinsam. So kommt es oft vor, dass Menschen mich kennenlernen und erstaunt sagen, dass ich im Fernsehen anders wirke. Seriös und perfekt nehmen sie mich wahr. Die nackte Wahrheit aber ist: Ich bin alles andere als das! Chaotisch bin ich, lebensfroh und lustig, ja, ich kann wahnsinnig albern sein. Und ich glaube, mir ist während meines ganzen Lebens tatsächlich in dieser Hinsicht etwas wirklich gut gelungen: Ich habe mir immer noch ein bisschen Kind bewahrt. Heute kann ich sagen: Das tat und tut mir damals wie heute richtig gut. Es ist so, Fernsehen verfremdet, und je nachdem, welches Format man präsentiert, gestaltet sich auch die eigene Außenwirkung.

Jedenfalls gefiel mir die Art und Weise, wie Frank hier ins Rennen ging, ausgesprochen gut. Letztlich spiegelte sein Auftritt zu 100 Prozent auch meine Einstellung und Wünsche wider: so angenommen zu werden wie ich bin und daher auch vollkommen authentisch zu sein. Wenn ich diese Haltung aber doch teilte, wieso zum Himmel stand ich dann selbst so overdressed vor ihm? Offensichtlich hatten die Schmetterlinge in meinem Bauch sämtliche Funktionszentren für klaren Geist und sinnhaftes Handeln lahmgelegt. Wie auch immer, da musste ich nun durch. Welch ein Glück, dass Frank so eine sagenhafte Ruhe und Souveränität ausstrahlte und die totale Inkongruenz meiner Erscheinung wohlwollend übersah. Seine Gegenwart tat gut, seine unaufdringliche, herzliche Begrüßung fühlte sich gut an, ganz mühelos kamen wir ins Gespräch und setzten uns schließlich in Bewegung, ein Café zu finden.

Natürlich setzte ich alles daran, mir nicht anmerken zu lassen, dass ich mein Schuhwerk für einen Spaziergang vollkommen ungeeignet fand – mit mäßigem Erfolg, denn bereits nach kurzer Stöckel-Strecke am Bahndamm entlang sah Frank mich besorgt an.

„Kannst du noch laufen?“

„Klar. Kein Problem!“, log ich. Mir taten die Füße weh in diesen blöden Schuhen, die Knie schmerzten, es war eine Bullenhitze in der knallengen Lederhose, und es gab ja auch noch ein anderes verborgenes Saunaparadies: mein Kopf unter der Perücke! Ich schwitzte extrem ... doch auf keinen Fall wollte ich mir was anmerken lassen – alles super, redete ich mir hartnäckig ein, alles super ...

Als wir nach einer Weile in einem unspektakulären Café gelandet waren, spürte ich riesige Erleichterung. Endlich sitzen, dachte ich. Doch als mein Körper schließlich entspannen konnte, ging das Kopfkino wieder los. Denn je mehr Frank mir in seiner natürlichen Art gefiel, desto mehr dachte ich über meine eigene Natürlichkeit nach. Mein übertriebenes Outfit, meine schlanke Figur – ich befand mich zu jener Zeit in einem Werbevertrag mit Weight Watchers und hatte 8 Kilo weniger als sonst – und dann die Perücke, unter der nun seit ein paar Monaten mein neues Ich entstand. So sehr ich auch ein Fan der Natürlichkeit war – im Moment war ich ein richtiger Fake. Ich musste ihm die Sache mit der Perücke sagen. Aber wie? Ich bekam es nicht raus. So lange saßen wir in dem Café, so kurzweilig und wunderbar verging die Zeit, wir redeten und redeten, wirklich über Gott und die Welt, aber – ich bekam es nicht raus. So hatte ich, als es dann Zeit für den Zug nach Hause war, mein Geheimnis immer noch im Gepäck. Was jedoch sowohl für ihn als auch für mich immer transparenter wurde: Wir hatten uns ineinander verliebt. Als am Bahnhof mein Zug einfuhr, hatten sich zu den Schmetterlingen im Bauch schon Flugzeuge gesellt. Und wir wussten, dass wir uns wiedersehen würden.

Offenbarung in Stuttgart

Der Schleier, der eure Augen umwölkt,
wird gehoben werden von den Händen, die ihn webten.

KHALIL GIBRAN

Bevor wir in Stuttgart in die zweite Runde der Begegnung gingen, hatte mein Haar wieder etwas Zeit zu wachsen. Ich war total überzeugt von meinem neuen Ich, das ich im geschützten Raum meiner Wohnung meist unversteckt präsentierte, wo es immer mehr und immer besser zur Entfaltung gelangte. Als Stuttgart näherrückte, wuchs meine Anspannung wieder. Ich musste es nun schaffen, mein Perückengeheimnis zu lüften. Mindestens genauso wichtig war natürlich ein Downgrading meiner Garderobe. Wenn schon die Gefahr bestand, dass ich an meinem Perückenthema verkantete, wollte ich wenigstens lässig-locker gekleidet sein.

In Jeans mit modischen ‚Designer-Löchern‘, Lederjacke, T-Shirt befand ich mich schließlich auf dem Weg zum zweiten Date. Und während ich optisch wahrscheinlich total lässig daherkam, schob ich innerlich den absoluten Film.

Ich saß im Zug und merkte, wie ich total neben mir war. Wie sollte ich es ihm denn überhaupt sagen? Was hatte ich da bloß angefangen! Alles schön und gut, mit meiner ‚Reise zum Ich‘, aber wieso musste ich unbedingt jetzt die Liebe meines Lebens treffen, während ich mit dieser dämlichen Perücke rumlief, unter der das graue Grauen wuchs? Das Teufelchen in mir war aus meinem Kopf herausgeklettert und hatte sich auf meiner Schulter niedergelassen. Hämisch drang sein Flüstern in mein Ohr: Er wird schockiert sein ... ne olle graue Schabracke ... die will doch keiner ... das war ja wohl nix ... vergiss es, Birgit, er wird an seine Oma denken und sich totlachen ... ja, du warst mal attraktiv, aber in Wahrheit bist du es nicht mehr! Birgit, vergiss es ... dein Zug ist abgefahren. Dieses böse Flüstern schwoll in meinem Kopf an und wurde lauter. Ich hielt die Luft an und kniff die Augen zusammen. Ja, es war wohl so, ich war auf dem Weg in meine peinlichste persönliche Katastrophe. Doch der Zug rollte. Und ich war an Bord. Da musste ich wohl durch und Aufgeben war für mich sowieso im Leben noch nie eine Option. Und was immer auch geschah: Ich war doch nicht unglücklich all die Jahre in meinem Single-Leben. Ich würde es auch weiterhin nicht sein.

Als wir dann zusammenhockten beim Stuttgarter Rendezvous in einem Café, war ich sogleich wieder hin und weg. Diese Leichtigkeit, in die wir eintauchten vom ersten Moment des Zusammenseins, kam mir so unwirklich vor. Wie konnte man mit 59 Jahren noch einmal so verliebt sein? Es war fast wie im Märchen.

Und nun war es mein Job, aus diesem Märchen einen Alptraum zu machen. Ich musste es jetzt sagen. Jetzt.

„Frank, hör mal, ich muss dir was sagen ...“

Frank setzte irritiert seine Kaffeetasse wieder ab, aus der er gerade hatte trinken wollen. Er schaute mich fragend an.

„Ich muss dir was gestehen – ich bin nicht die, für die du mich hältst.“

Seine Augen wurden größer. Dann musterte er mich genau und grübelte. Was stimmt nicht mit ihr? Was verheimlicht sie mir? Ist sie bi? Oder verheiratet? Oder gar keine Frau? ...

Seine Fantasie erschuf die wildesten Filme, schnell stoppte ich es, behielt die Perücke zwar auf dem Kopf, aber lüftete mein Geheimnis. Ich richtete meinen Zeigefinger auf meine Haare.

„Die sind nicht echt. Ich trage eine Perücke, da drunter bin ich ... grau.“

Jetzt war es raus. Ich hatte eine Riesenangst, dass er sauer war, aufstand und ging. Doch saß er nur da – natürlich schon irritiert – und wartete, was noch kam.

„Ich würde dir das jetzt am liebsten zeigen, aber ich darf es noch niemandem sagen, das ist absolut geheim“, erklärte ich und erzählte ihm die ganze Story rund um die bevorstehende Enthüllung. Er schwieg, hörte mir zu, sah mich an. Und ich redete und redete.

„Ich kann dir ein Foto zeigen, das ich zu Hause ohne die Perücke gemacht hab. Es sieht wirklich gut aus. Es steht mir. Ich zeig es dir, ja?“

Er sagte immer noch nichts.

„Willst du es sehen, das Foto?“

Er schüttelte den Kopf.

„Nein, ich will es nicht sehen.“

Ich schluckte. Doch dann fuhr er fort:

„Ich will es in natura sehen bei unserem nächsten Treffen. So wie du strahlst, kann es nur gut aussehen.“

Ich war platt. Das wird schon gut aussehen