Camilla Trinchieri

Toskanisches

Vermächtnis

Kriminalroman

Aus dem amerikanischen Englisch von Sabine Hedinger

Insel Verlag

Gravigna, eine kleine Stadt in den Hügeln des Chianti
 
= ‌Eins ‌=

Montagmorgen, 5:13 Uhr. Die Sonne würde sich noch mindestens eine Stunde lang nicht blicken lassen, aber Nico stand auf, streifte ein T-Shirt über, zog Shorts und Socken an und band sich die Sneaker zu. Das Bett war kein Hort der Heimeligkeit mehr, weder in dem Altbau in der Bronx, in dem Rita und er fünfundzwanzig Jahre lang gelebt hatten, noch hier in dem hundert Jahre alten kleinen Bauernhaus, wo er seit Mai zur Miete wohnte.

Er setzte einen Espresso auf und nutzte die Zeit, bis der Kocher zu gurgeln begann, um das Bett zu machen. Seit er mit drei oder vier Jahren zum ersten Mal sein Bett selbst gemacht hatte, ging er nicht vor die Tür, bis diese Aufgabe erledigt war. Ein ordentliches Bett brachte Struktur in den Tag, hatte ihm schon früh das Gefühl gegeben, dass alles in Ordnung war trotz der alkoholbedingten Launen seines Vaters und der Ängste seiner Mutter. Reine Illusion, wie er wusste, aber irgendwie hatte ihm das damals geholfen. Und es half ihm auch jetzt, wo er wieder Ordnung zu finden hoffte.

Ein schneller Schluck Espresso, gefolgt von einer verbotenen Zigarette, die er am offenen Fenster rauchte, und er war richtig wach. Früher, in der Wohnung in der Bronx, hatte er bereitwillig nach Ritas häuslichen Regeln gelebt. Jetzt verfügte er über die unerbetenen Freiheiten, die der Witwerstand mit sich bringt. Kraftausdrücke, wenn ihm danach zumute war, Schlabberklamotten, eine Zigarette nach dem Morgenkaffee. Ein, zwei Gläser Wein mehr zum Abendessen. Eine gute Zigarette vor dem Schlafengehen. Kleinigkeiten, die nie auch nur das Geringste wettmachen würden.

So früh am Morgen war die Luft immer noch kühl, was Nico nur recht war, als er zu seinem Vier-Kilometer-Lauf am Rand der kurvigen Straße nach Gravigna aufbrach. Es ging ziemlich steil bergauf, vor der Morgendämmerung keine ganz ungefährliche Strecke. Denn schon zu dieser Zeit sausten in beiden Richtungen Autos vorbei, deren Fahrer zur Arbeit mussten. Aber für Nico war das Laufen am Morgen genau wie das Bettmachen ein Ritual, das ihm das Gefühl gab, sein Leben unter Kontrolle zu haben, was er nach dem Verlust seines Jobs, gefolgt von Ritas Tod, umso nötiger hatte.

Als die kleine Stadt, auf ihrem eigenen Hügel thronend, in Sicht kam, hielt Nico an, um Luft zu holen und das Bild von Gravigna mit seinen mittelalterlichen Mauern, den beiden Burgtürmen, dem stolzen Kirchturm der Kirche Sant'Agnese auf sich wirken zu lassen. Die Erinnerung half ihm, im spärlichen Licht der Vordämmerung die zahllosen Reihen von Rebstöcken auf der Conca d'Oro auszumachen, dem goldenen Becken unterhalb des Städtchens, wo einst nur Getreide angebaut worden war. Er hatte den Anblick gleich beim ersten Mal bestaunt, in den Flitterwochen mit Rita. »Unser Märchenland«, hatte Rita damals gesagt, er hatte gelacht, beiden war schwindlig gewesen vor Liebe.

Alle drei, vier Jahre, sobald sie sich die Reise leisten konnten, waren sie zurückgekommen. Dies war Ritas erste Heimat gewesen. Ihre Eltern waren nach New Jersey ausgewandert, als sie sechs war, und schließlich heimgekehrt, um hier zu sterben und begraben zu werden. Rita hatte neben ihnen begraben werden wollen. Er war ihrem Wunsch nachgekommen, hatte sie an ihren Geburtsort gebracht und sich sofort auf die Rückreise gemacht. Aber in New York wartete niemand mehr auf ihn. Ein Einzelkind mit längst verstorbenen Eltern, ehemalige Arbeitskollegen, die ihm aus dem Weg gingen. Und er sehnte sich nach Rita und ihrem Märchenland. Er kam zurück, um ihr und ihren Hinterbliebenen nahe zu sein – ihrer Cousine Tilde und deren Tochter Stella.

Grau und rosa gefärbtes Licht kroch langsam, die Hügel der Umgebung hoch. Zeit, heimzukehren und die Tomaten zuzubereiten. Und heute nicht die Zeit, mit dem alten Fiat 500 in das einzige Café des Städtchens zu fahren, die Bar All'Angolo. Freundliche Betreiber, Schulkinder, Mütter, Handwerker, dicht gedrängt an der Theke, dazu die Touristen, die sich an allen Tischen ausbreiteten – in dieser Umgebung fühlte er sich weniger einsam, und die köstlichen Vollkorn-Cornetti frisch aus dem Backofen waren ein zusätzlicher Reiz.

Doch an diesem Morgen war Nico froh über die Unterbrechung seiner Routine. Weil er zu tun hatte. Statt seines üblichen gemächlichen Spaziergangs zurück begann er, nach Hause zu joggen. Zweizylinder-Motorräder zerrissen die morgendliche Stille mit ihren kaputten Auspuffen. Ein paar Autos kamen vorbei, eines laut hupend, um sich hinter ihm bemerkbar zu machen. Ein anderes, ein Panda, brauste im Abstand von wenigen Zentimetern vorbei. Noch einer dieser verrückten italienischen Fahrer. Nico erreichte die Treppe zu seinem neuen Zuhause mit wild klopfendem Herzen und ausgepumpten Lungen. Vielleicht war er wirklich schon zu alt für eine volle Joggingrunde. Während er seine Waden dehnte, schaute er zum Himmel hoch. Ein wolkenloses blaues Gewölbe, der Beginn eines herrlichen toskanischen Septembertages.

Der Hund erleichterte sich an einem Baum und wanderte in den Wald, nach Futter schnüffelnd, das Jäger oder Liebespaare vielleicht hatten liegen lassen. Plötzlich knackten ein paar Zweige, dann wurden die Geräusche lauter. Der Hund erstarrte, Ohren gespitzt.

»Wohin gehen wir?«, fragte eine Stimme

Der Hund kroch leise unter einen Busch.

»Ich kenne diese Wälder«, erwiderte eine andere Stimme. »Ich bringe Sie zum Treffpunkt.«

»Aber warum hier und warum zu dieser blödsinnigen Uhrzeit?«

»Sie wollten es doch privat haben, oder? Das geht nur im Wald, solange alles schläft. Wenn jetzt Jagdsaison wäre, könnten wir nicht mal hierherkommen.«

»Wir sind schon eine halbe Stunde unterwegs.«

»Betrachten Sie es als einen Schritt auf dem Weg zur Buße.«

»Es war nicht einfach, mit dem zu leben, was ich getan habe.«

»Sie haben wirklich lange gewartet, um Ihre Wiedergutmachung zu leisten, aber keine Sorge. Das Geld wird ausreichen, um sogar Ihre Sünden auszulöschen.«

»Sind Sie sicher, dass es klappt? Ich muss heute Abend zurückfliegen.«

»Psst. Nur die Ruhe. Sie werden das kriegen, wofür Sie hergekommen sind.«

Zehn Minuten unter der Dusche, und Nico war wieder in Form. Eine Cargohose, ein sauberes Hemd, barfuß – es konnte losgehen. Die Ernte des Vorabends aus dem Gemüsegarten, den er beackert hatte, sobald der Mietvertrag für das Häuschen unterschrieben war, erwartete ihn in dem Raum, der gleichzeitig als Küche und Wohnzimmer diente. Zwei Körbe reifer, üppiger Flaschentomaten standen auf dem robusten Kiefernholztisch. Er nahm eine in die Hand, erfühlte ihr Gewicht. Eine Menge Arbeit und Liebe hatte diese Köstlichkeit hervorgebracht. Nico stellte den Ofen an und begann, die Tomaten zu halbieren. Nachdem er sie gesalzen hatte, sprenkelte er kaltgepresstes Olivenöl aus der Produktion seines Vermieters darauf, gab gehackten Knoblauch hinzu und legte die Hälften mit der Schnittseite nach unten auf vier Backbleche.

In dem Moment, als Nico das erste Blech in den Ofen schob, ertönte ein Schuss. Der scharfe Knall ließ seinen Arm hochfahren. Ein paar Tomatenhälften rutschten zu Boden.

»Scheiße!«

Die Jagdsaison begann erst in einer Woche, aber ein paar Dickschädel waren zu scharf auf Wildschweinbraten, um sich nach dem Gesetz zu richten. Aldo Ferri, sein Vermieter, hatte ihn vorgewarnt, dass nun, da die Rebstöcke voll reifer Trauben hingen, massenweise Wildschweine erscheinen würden. Das Bauernhaus, das Nico gemietet hatte, lag in unmittelbarer Nähe zu einem Wäldchen, ihrem bevorzugten Revier. Es waren bösartige Biester, manche mehr als hundert Kilo schwer. Aldo hatte Nico geraten, zur Sicherheit eine Flinte mitzunehmen. Nein danke – er war fertig mit Schießeisen jeglicher Art. In der vergangenen Nacht hatte er zum ersten Mal Schüsse gehört. Sie waren in kurzen Abständen erfolgt, aber in großer Entfernung. Dieser hier war viel näher gewesen.

Ein einziger Schuss. Wenn der Jäger hinter Wildschweinen her war, musste er ein verdammt guter Schütze sein. Ein verwundeter Keiler würde niemanden verschonen.

Nico starrte die heruntergefallenen Tomaten an. Ein paar waren auf seinen Füßen gelandet. Verdammt noch mal, wie lautete die Regel? Dreißig Sekunden? Eine Minute? Tja, Rita würde ihm verzeihen müssen. Er hatte den Küchenboden vor zwei Tagen gewischt und brauchte jede einzelne Tomatenhälfte für das Gericht, das Tilde ihn heute Abend im Restaurant kochen lassen wollte.

Sobald die Tomaten wieder im Ofen waren, wurde es Zeit, den Rest dieses neuen Morgens zu genießen. Nico mahlte noch ein Häufchen Kaffeebohnen, stellte die Espressokanne auf niedrige Flamme und schnitt zwei Scheiben Brot ab, die er mit dünnen Scheiben Mortadella und Caciocotta aus Schafsmilch belegte. Sicher deutlich mehr Kalorien als zwei Vollkorn-Cornetti, aber dass ihm das egal war, gehörte mit zu seinen neuen Freiheiten. Er stellte Kaffee und Sandwich auf ein Tablett, streifte sich ein Mets-Sweatshirt über und trat hinaus auf seinen Lieblingsplatz: den ostwärts gerichteten Balkon mit Blick auf einen Teil der Ferriello-Weingärten und die Hügel dahinter.

Nur ein schmales Band aus Licht schwebte überm Horizont, genug, um zu sehen, dass die Dachsparren leer waren. Keine schlafenden Schwalben. Sonst flogen sie nie so früh weg. Der Schuss musste sie verscheucht haben. Oder vielleicht war es Anfang September auch einfach Zeit weiterzuziehen. Wenn das so war, würde er sie vermissen. An den Abenden, wo er Tilde nicht im Restaurant half, hatte er sich angewöhnt, draußen auf dem Balkon mit einem Glas Wein zu sitzen und darauf zu warten, dass die drei Schwalben herabstießen und sich über Nacht zwischen Sparren und Dach niederließen. Es machte ihm nichts aus, morgens ihren Dreck wegzuputzen. Sie taten sich gegenseitig gut.

Nico war mitten bei seinem Sandwich, als er ein Jaulen hörte. Einen schrillen, ohrenbetäubenden Laut, der nur von einem kleinen Hund stammen konnte. Vielleicht ja von dem Köter, der sich neben dem Tor zu seinem Gemüsegarten einquartiert hatte. Ein kleiner, verdreckter Rüde, der ihn immer mit einem einzigen Schwanzschlenker grüßte, sich dann hinlegte und einschlief. Beim ersten Mal hatte Nico noch nachgesehen, ob das Tier im Garten irgendwelches Unheil angerichtet hatte. Da er nichts fand, unternahm er auch nichts weiter.

Nico beugte sich über die Balkonbrüstung und pfiff. Das Jaulen hörte für eine halbe Minute auf und setzte dann wieder ein, sogar noch lauter. Nico pfiff erneut. Diesmal gab es keine Pause. Während das Gejaule weiterging, fragte sich Nico, ob der Hund verletzt war. Mehr als wahrscheinlich. Die Zäune um die Weingärten waren elektrisch geladen. Vielleicht war er aber auch in eine Falle geraten. Das Jaulen schien von links zu kommen, von irgendwo hinter dem Olivenhain. Was, wenn ein Wildschwein den Hund angegriffen hatte?

Mit Wanderstiefeln an den Füßen und dem größten Messer aus seiner neuen Küche in der Hand, ging Nico dem Jaulen nach. Es führte ihn vorbei am Olivenhain, einen kleinen Hang aus verbranntem Gras hoch und in ein Wäldchen voller verkrüppelter Bäume und Büsche. Die Geräusche wurden lauter, hektischer. Er war also dicht dran. Dann Stille. Selbst die Vögel verstummten. Nico verfiel in Laufschritt.

Fast wäre er über das Tier gestolpert. Da stand es, zwischen seinen Stiefeln, und grüßte mit einem Schwanzschlenker. »Was zum –« Der Hund schaute mit einem forschen Ausdruck zu ihm hoch, der deutlich signalisierte: Ich bin niedlich, also beachte mich. Toto, der Cockerspaniel, den er als Kind gehabt hatte, war mit genau demselben Blick angekommen, wann immer er einen Leckerbissen erwartete.

»Ich hab nichts dabei.«

Der Hund hob eine Pfote. Sie war rot.

Nico bückte sich, um besser sehen zu können. Blut. An allen vier Pfoten. Das dichte Unterholz hatte die Spuren verborgen. Er suchte den Hund nach Schnittwunden ab. Nichts. Er war verdreckt, aber unverletzt. Der Köter musste die Stelle gefunden haben, wo das Wildschwein oder ein anderes Stück Wild von diesem einen Schuss getroffen worden war.

»Na komm, lass dich mal gründlich sauber machen.« Nico klemmte sich den Hund untern Arm und wollte den Rückweg antreten. Das Tier wand sich, widersetzte sich dem Griff und begann zu knurren. »Na schön, dann mach, was du willst, Kleiner.« Nico setzte ihn ab und ging weiter. Der Hund blieb an Ort und Stelle stehen und bellte. Nico hielt nicht an. Der Hund bellte weiter. Schließlich machte Nico kehrt. Genauso hatte sich Toto verhalten, wenn er ihn auf etwas aufmerksam machen wollte. Einmal war es eine eklige Ratte unter der vorderen Veranda gewesen. Hier gab es zwar keine Ratten, aber vielleicht sollte er dem Hinweis nachgehen.

Er drehte sich also um. »Na gut. Was gibt's?«

Der Hund wetzte los, tiefer in den Wald hinein. Nico stapfte hinterher. »Wehe, das ist nichts Interessantes, du Kläffer.«

Am Rand einer kleinen Lichtung schnüffelte der Hund mit erhobener Schnauze ein paarmal den Boden ab und legte sich dann hin: Aufgabe erledigt. An der Stelle angekommen, stieß Nico einen langen Atemzug aus. Was der Hund ihm hatte zeigen wollen, war wirklich eine Überraschung.

Etwa vier Meter vor ihnen, am hinteren Ende der Lichtung, lag ein Mann auf dem Rücken, Arme und Beine unnatürlich gespreizt. Sein Gesicht war nur noch ein Brei aus Fleisch, Hirn und blutgetränkten Knochensplittern.

Nico drehte sich der Magen um. Es war nicht der Anblick, der ihm naheging – während seiner neunzehn Dienstjahre in der Mordkommission hatte er Schlimmeres gesehen und sich schnell daran gewöhnt. Nein, es war der Schock, ausgerechnet hier auf eine Leiche zu stoßen. Er hatte seinen Job quittiert, sich von seinem alten Leben verabschiedet und war nach Italien gekommen, um Frieden zu finden. Er wollte Rita nahe sein, ihrer Familie, und weit weg von tödlicher Gewalt. In der idyllischen Hügellandschaft des Chianti schien Mord unvorstellbar.

»Na komm, verschwinden wir von hier.« Sein Handy hatte er im Haus gelassen. Nico bückte sich und nahm den Hund wieder auf den Arm. Diesmal gab es keinen Protest. Er sah sich den Toten noch einmal genau an, ohne sich ihm zu nähern. Dies war ein Tatort, und alte Gewohnheiten hielten sich hartnäckig. Um jemandem das Gesicht wegzupusten, brauchte man eine Schrotflinte, kein Gewehr. Aus Nahdistanz, schätzungsweise gut ein Meter. Also hatte das Opfer seinen Mörder wahrscheinlich gekannt. Das Blut musste nur so gespritzt sein. Wenn man die blutigen Klamotten fand, dann hatte man den Täter. Nicos Augen suchten den Boden rings um die Leiche ab. Keine Patronenhülse, soweit er sehen konnte. Entweder hatte der Mörder das Ding aufgehoben, oder es lag irgendwo im Gebüsch. Nicht sein Job, danach zu suchen. Sein Blick wanderte zurück zu der Leiche. Mindestens eins achtzig, der Länge des Rumpfes und der Beine nach zu schließen. Ein Wanst, der unter den Jeans und einem grauen, größtenteils blutgetränkten T-Shirt hervorquoll. Ein paar dunkelrote Buchstaben auf dem Stoff, aber das war vielleicht auch Blut. Nico beugte sich vor, so weit er konnte, ohne einen Schritt vorwärts zu tun. Kein Blut. Drei Buchstaben: APA. Blut verdeckte den Rest des Wortes oder Logos. Die Füße des Mannes steckten in goldenen Laufschuhen, ebenfalls blutbesprenkelt. Michael Jordan Sprinters. Wenn dieser Mann je gejoggt hatte, dann vor sehr langer Zeit. Weiße Socken guckten aus den Nikes heraus. An seinem Handgelenk weiteres Gold – eine sehr teuer aussehende Armbanduhr. Vielleicht auch ein Imitat. Schwer zu sagen, selbst aus der Nähe. Aller Wahrscheinlichkeit nichts, was den Täter interessiert hatte. Es sei denn, dass ihn etwas oder jemand verscheucht hatte.

Nico schaute auf den kleinen Köter, der in seiner Armbeuge kauerte. »Du?« Zu seiner eigenen Überraschung musste er grinsen. »Na sicher.« Er kehrte dem Toten den Rücken zu und machte sich, den Hund unterm Arm, auf den Heimweg. Etwa zwanzig Schritt tiefer im Wald merkte Nico, wie der Boden plötzlich nachgab, und senkte den Blick. Tatsächlich, er war auf einen Flecken nasser Erde gestoßen. Überall sonst war der Boden ganz trocken. Es hatte seit Tagen nicht geregnet. Nico trat einen Schritt vor und sah ein Laubblatt schimmern. Von Wasser. Hellrotem Wasser. Der Mörder musste sich gewaschen haben. Hier gab es keine Quelle, soweit er sehen konnte. Nico setzte den Heimweg fort. Mordfälle aufzuklären war nicht mehr sein Job.

Nico gab dem Hund, was von seiner Mortadella und dem Caciotta-Sandwich übrig war, und trug ihn auf den Balkon. Später würde er ihm ein Bad verpassen. Erst musste er einen Anruf tätigen: logischerweise die 112, die italienische Notrufnummer, aber er wollte lieber erst mit jemandem sprechen, den er kannte. Tilde war sicher schon im Restaurant, bei den Vorbereitungen für das Mittagessen. Sie ließ sich von nichts so leicht aus der Fassung bringen, aber diese Nachricht würde ihr vielleicht doch zusetzen.

Also besser Aldo, sein Vermieter, ein fröhlicher, sympathischer Mann, der einen sehr vernünftigen Eindruck machte. Es hatte keine große Mühe gekostet, ihn davon zu überzeugen, dass das abgewirtschaftete alte Bauernhaus, das seit dreißig Jahren nicht mehr bewohnt war, sich geradezu anbot, Nico als preiswertes neues Zuhause zu dienen.

»Gesú Maria! Auf meinem Land?«

»Das weiß ich nicht. Ich habe ihn im Wald hinter dem Olivenhain gefunden, etwa zwei Kilometer von hier.«

»Dann ist es nicht meins, dem Himmel sei Dank. Der Deutsche, dem es gehört hat, ist vor ein paar Jahren gestorben, und die Erben haben es zum Verkauf angeboten. Da ich mich vergrößern wollte, habe ich vor zwei Jahren Bodenproben machen lassen. Nein, da kann man keinen Wein anbauen. Zu lehmhaltig. Aus Lehmerde holt man keine gute Qualität raus. Es geht das Gerücht, dass ein –«

»Wer ist hier in der Gegend zuständig?«, unterbrach ihn Nico. Aldo redete gern und viel. »Polizia oder Carabinieri?« Er hatte keine Ahnung, wen man in welchem Fall rief. Er wusste nur, dass die Carabinieri zur italienischen Armee gehörten und die beiden Polizeiorganisationen einander nicht grün waren.

»Carabinieri. Ich werde Salvatore anrufen, den Maresciallo. Die Station befindet sich in Greve. Wenn er da ist, braucht er etwa zwanzig Minuten für die Fahrt.«

»Danke. Ich warte hier auf ihn.«

»Ich bringe ihn her. Gut, dass Sie mir Bescheid gesagt haben. Oje, wenn ich das Cinzia erzähle. Die wird ausflippen! Gerade heute, wo wir ausgebucht sind. Siebzehn Deutsche –«

»Es muss schnell jemand vor Ort sein. Bei einem Mordfall zählt jede Sekunde.«

»Sie hören sich an wie ein Fernsehkommissar.«

»Ich möchte die Sache für mich abschließen können.«

»Ich rufe sofort bei Salvatore an.«

»Danke.« Nico beendete das Gespräch Er durfte nicht vergessen, dass Tilde der einzige Mensch war, der überhaupt wusste, dass er im Polizeidienst gewesen war. Und zwar als Streifenpolizist, denn zu Anfang seiner Beziehung mit Rita war er genau das gewesen. Sie hatte ihre Cousine zur Verschwiegenheit verpflichtet, aus Sorge, die Einheimischen könnten ihm sonst aus dem Weg gehen. Die Bilder von Rodney King als Opfer brutaler Polizeigewalt waren noch frisch in den Köpfen gewesen.

Auf einem steinernen Trog an der Eingangstür sitzend, rauchte Nico die Extrazigarette für unerwartete Notfälle. Ihm zu Füßen lag der Köter, die Schnauze zwischen den immer noch blutigen Pfoten. Die große Waschaktion musste warten. Der Hund war Teil des Tatorts. Genau wie Nicos Wanderstiefel. Er hatte mittlerweile Sneakers an; seine Stiefel standen neben dem Hund. Es war erst kurz nach acht. Die Sonne wärmte, nicht der Hauch eines Wölkchens am Himmel, und die Tomaten waren schön bräunlich geschmort und aus dem Ofen genommen. Er nahm noch einen Zug und spürte, wie die Spannung nachließ. Was er heute Morgen erlebt hatte, würde bald ein Ende finden. Eine kleine Tour, ein Gespräch mit diesem Maresciallo, und er konnte zu seinem neuen toskanischen Leben zurückkehren.

Eine dunkelblaue Limousine mit markanten Streifen auf der Motorhaube erschien am oberen Ende des Feldwegs, der zu Nicos Bauernhäuschen führte. Schnell drückte Nico seine Zigarette aus, ohne daran zu denken, dass kein Italiener ihm vorhalten würde, er sei im Begriff, sich umzubringen. Der Hund setzte sich auf und begann, schrill zu kläffen.

»Ruhe!«

Nico hätte schwören können, dass das Tier mit verwirrtem Ausdruck zu ihm hochschaute.

»Du hast mich gehört.«

Ein letztes Bellen aus Protest, und der Hund legte sich wieder hin.

»So ist es brav.«

Oh Gott! Da war jemandem vor wenigen Stunden das Gesicht weggepustet worden, und er benahm sich, als wäre er wieder acht und seine Mutter hätte gerade Toto nach Hause gebracht. Nico hob eine Hand, um Aldo zu grüßen, den er auf dem Rücksitz erkannte. Vorne saßen zwei Männer. Ein blonder Fahrer, dessen Kopf fast ans Wagendach stieß, und ein Beifahrer, dessen Kopf gesenkt war.

Als Erster stieg Aldo aus, ein massiger Mann Ende vierzig mit einem runden, immer fröhlichen Gesicht und einem Bauch wie ein Weinfässchen. Er trug eine hellbraune Hose und ein leuchtend laubgrünes T-Shirt mit dem lila Logo seines Weingutes darauf. Er rief in Richtung Auto: »Wer hätte gedacht, dass uns heute ein Mord in die Hände fällt, was, Salvatore?«

Ein dunkelhaariger Mann in hellbraunem Hemd und Jeans stieg auf der Beifahrerseite aus. Um seine Hüften hatte er eine schwarze Nylonjacke gebunden. »Ich nehme den Fall in meine Hände, Aldo. Ihre sind dazu da, guten Wein zu produzieren.«

Auf den paar Schritten zum Haus erkannte der Maresciallo den Mann von seinem letzten Besuch in der Bar All'Angolo. Er hatte ihn für einen amerikanischen Touristen gehalten, niemanden von Interesse. Jetzt sah er einen schlaksigen Kerl vor sich, breitschultrig, mindestens zwei Köpfe größer als er selbst, auf die sechzig zugehend, mit schütteren graubraunen Haaren. Er hatte nicht den offenen, optimistischen Gesichtsausdruck, der dem Maresciallo an so vielen Amerikanern auffiel. Freundliche, naive Gesichter, schlecht dafür gerüstet, Gefahren zu erkennen. Leute, die ihre Geldbeutel oder Kameras so sorglos herumtrugen, dass jeder Dieb bloß hinzulangen brauchte, und dann mit hoffnungsvoller Miene zu den Carabinieri kamen. Hoffnungen, die der Maresciallo selten erfüllen konnte. Das Gesicht dieses Mannes war verschlossen, doch in seinen Augen, die die Farbe von aufgebrühten Teeblättern hatten, blitzte etwas Scharfsinniges auf. Hatte er heute Morgen bloß eine Leiche entdeckt oder hatte er mehr mit der Sache zu tun?

Der Offizier war etwa Mitte vierzig, keine eins siebzig groß, mit einem vollen Haarschopf, so schwarz, dass er aussah wie gefärbt. Ein stämmiger, muskulöser Körper und ein scharf geschnittenes Gesicht, attraktiv, mit großen schimmernden Augen, wulstigen Lippen, einer Adlernase. Ein Gesicht, das Nico schon mal gesehen hatte, aber nirgends unterbringen konnte. Der Mann lächelte.

»Salvatore Perillo, Maresciallo dei Carabinieri. Ich sollte in Uniform sein, aber dafür war keine Zeit.« Aus der Nähe sah Nico, dass Perillos Haare zu sehr glänzten, um gefärbt zu sein. Der Mann streckte ihm eine Hand hin. »Piacere.«

Wohl eher kein Vergnügen, lag Nico auf der Zunge, aber er bremste sich. Der italienischen Höflichkeit entsprechend schüttelte er die ausgestreckte Hand. »Nico Doyle.« Perillos Händedruck war kräftig genug, um Knochen zu zermalmen. Nico erwiderte den Druck.

Perillo nickte, wie um einen Gleichstand anzuerkennen, und zog seine Hand zurück. »Ich habe Fragen, aber Entschuldigung, mein Englisch nicht so gut.«

Bevor Nico reagieren konnte, trat Aldo dazwischen und sagte auf Italienisch: »Nicos Italienisch ist gut. Italienische Großmutter, italo-amerikanische Mutter und toskanische Ehefrau. Amerikanischer Akzent.« Er grinste, offensichtlich froh, Informationen beisteuern zu können, über die der Maresciallo nicht verfügte. Nico erkannte denselben stolzen Ton, den Aldo annahm, wenn er den Busladungen von Touristen, die zu seinen Weinbergen kamen, die Geheimnisse der Winzerkunst erklärte.

Dass Nico seine Sprache ziemlich flüssig beherrschte, schien Perillo so oder so nicht besonders zu berühren. »Und der Vater?«, fragte er auf Italienisch.

»Ire«, antwortete Nico auf Italienisch.

»Eine explosive Mischung, wie ich gehört habe.« Der Maresciallo hatte einen starken südlichen Akzent.

»Da haben Sie richtig gehört.«

»Gewöhnlich höre ich die Wahrheit, wenn ich in Zivil unterwegs bin. In Uniform eher nicht.« Perillo sah zu dem Hund hinunter, der ihm an den Stiefeln herumschnüffelte. »Ist das Blut an seinen Pfoten?«

»Ja, von dem Toten. Der Hund hat mich zu der Leiche geführt.«

»Ihrer?«

Nico rutschte ein Ja heraus.

Perillo bückte sich und kraulte dem Hund den Kopf. Zum Dank für seine Mühe bekam er den einen Schwanzschlenker. »Wie heißt er?«

Toto war die erste Idee, die Nico durch den Kopf schoss. Bloß nicht. Und sie vertrödelten die Zeit. »Ich nenne ihn OneWag.« Er nannte den Namen auf Englisch. Um dasselbe auf Italienisch auszudrücken, würde man zu viele Buchstaben brauchen: Der immer nur einmal mit dem Schwanz schlenkert. »Ich zeige Ihnen gleich den Weg.«

Perillo beobachtete ihn einen Moment lang. Nichts war von seinem Gesicht abzulesen, aber der Maresciallo mochte durchaus erstaunt darüber sein, dass Nico die Initiative ergriffen hatte. »Ja, bitte bringen Sie mich zum Tatort. Mein Brigadiere wird hier beim Wagen bleiben. Ist es weit?«

»Etwa zwei Kilometer in den Wald hinein.«

»Ah, in den Wald!« Perillos Blick glitt zu seinen Füßen hinunter. Er trug braune Wildlederstiefeletten, die nagelneu aussahen. »Immerhin hat es nicht geregnet.« Er deutete Richtung Wald. »Bitte sehr. Ich werde Ihnen unterwegs Fragen stellen.«

»Vielleicht geht es schneller«, sagte Nico, der nicht daran gewöhnt war, selber befragt zu werden, »wenn ich erst erkläre und Sie dann Fragen stellen.«

Perillo wirkte amüsiert. »Die Amerikaner sind Gefangene der Schnelligkeit. Die Toskana, ja ganz Norditalien, ist der amerikanischen Denkweise näher, aber ich komme aus der Campania.« Und dann machten sie sich auf den Weg, Aldo hinterherzottelnd, während OneWag vorneweg rannte. Es überraschte Nico, dass der Maresciallo Aldo mitkommen ließ. Je weniger Leute an einem Tatort, desto besser, doch schließlich, rief er sich in Erinnerung, war das ja nicht seine Untersuchung.

»Unsere Herangehensweise ist anders«, sagte Perillo, »aber in diesem Fall haben Sie Recht. Zeit bringt Hitze, Fliegen, Maden. Ich bin sicher, dass es überhaupt ein sehr unangenehmer Anblick war, einer, den Sie vielleicht nicht unbedingt wiederholen wollen, weshalb Sie sich wünschen, dass die Sache bald ausgestanden ist. Am besten schnell weg damit. Aber um die Geschichte hinter diesem Tod zu verstehen, fürchte ich, wird es mit Schnelligkeit nicht getan sein. Unsere Untersuchungen laufen nicht wie in Law & Order oder CSI ab. Also verraten Sie mir, Signor Doyle«, sagte Perillo, »welche Fakten Sie so dringend loswerden wollen?«

»Heute Morgen, kurz nach sieben Uhr, hörte ich einen einzelnen Schuss. Es klang, als käme er ganz aus der Nähe. Ich dachte an irgendeinen Jäger, der es nicht erwarten konnte, dass die Jagdsaison beginnt. Aber es könnte der Schuss gewesen sein, der diesen Mann getötet hat.«

»Wir werden sehen. Ihre Spekulationen bringen uns nicht weiter.«

»Natürlich nicht.«

»Bitte fahren Sie fort, Signor Doyle.«

»Bitte nennen Sie mich doch Nico.«

»Lassen Sie uns vorerst lieber die Formalitäten wahren.«

Sie gelangten an den Waldrand. Es gab keinen Weg. Nico war dankbar dafür, dass OneWag ihnen vorauslief. Unter anderen Umständen hätte dies ein netter Spaziergang sein können. Die morgendliche Stille war jetzt von Vogelgezwitscher durchbrochen, das dunkle Unterholz gesprenkelt mit Sonnenlicht, das durch die Zweige drang. Eine leichte Brise ließ das Laub rascheln. Während Perillo die Augen zu Boden gerichtet hielt, um zu sehen, wohin er mit seinen neuen Wildlederstiefeln trat, erklärte Nico, dass ihn das verzweifelt klingende Jaulen des Hundes zu der Leiche geführt hatte. »Ich dachte, er sei verletzt.«

»Wo waren Sie, als Sie den Hund hörten?«

»Auf meinem Balkon, beim Frühstücken.«

»Wenn sich die Leiche in zwei Kilometern Entfernung befindet, haben Sie sehr scharfe Ohren.«

»OneWag hat eine sehr scharfe Stimme. Es war früh am Morgen und still. Möglich, dass ich wegen des Schusses auf der Hut war. Ein einziger – das hat mich echt überrascht. Als ich den Hund hörte, folgte ich seinem Gejaule und entdeckte die Schweinerei. Auf dem Rückweg fand ich ein nasses Fleckchen Erde mit ein bisschen hellrotem Wasser. Ich würde vermuten, dass der Mörder sich dort etwas Blut abgewaschen hat. Leider weiß ich nicht mehr genau, wo das war.«

»Wir werden es schon finden. Sind Sie reingetreten?«

»Ja. Sie werden meine Stiefel mitnehmen wollen.«

»Ganz recht.« Perillo musterte Nico mit frisch gewecktem Interesse. OneWags Bellen hielt ihn davon ab, weiter nachzuforschen.

»Es ist gleich da vorn«, erklärte Nico. »Auf der Lichtung hinter den Lorbeerbüschen. Der Tote liegt am anderen Ende.«

»Bleiben Sie hier, alle beide, und halten Sie den Hund fest«, befahl Perillo. Er straffte die Schultern und ging mit entschlossenem Schritt voran.

Zuerst erwischte den Maresciallo der heftige metallische Geruch nach Blut und die wild herumschwirrenden Fliegen. Dann sah er die Leiche am Rand der Lichtung. Er zuckte einen Schritt zurück, schloss die Augen und bekreuzigte sich. Dies war tatsächlich ein hässlicher Anblick. Was hatte er vorhin noch gesagt? Zeit bringt Hitze, Fliegen, Maden. Jetzt bedauerte er seinen wichtigtuerischen Ton. Es war eine unangenehme Eigenschaft, die sich immer bei Fremden bemerkbar machte. Was Signor Doyle entdeckt hatte, war ein scheußlicher Akt des Hasses. Das Gesicht des Toten und sein halbes Gehirn weggeschossen, im Gras verstreut wie Schweinefutter.

Wer war diese arme Seele? Was hatte dieser Mensch getan, um solche Gewalt zu verdienen? Es war niemand aus der Gegend, nicht mit solchen Schuhen. Perillo zog seine neuen Stiefeletten aus, seine Socken. Er hatte die Schuhüberzüge vergessen. Nackte Füße ließen sich schnell waschen. Er zog ein Paar Gummihandschuhe aus seiner Gesäßtasche und streifte sie über.

Langsam wanderte er im weiten Bogen um die Beine des Toten herum, bemüht, auf unberührtem Gras zu bleiben. Dann trat er zu den Beinen vor und blieb in Höhe der Hüfte stehen. Perillo griff in die Hosentasche. Sie war leer. Er bückte sich und versuchte es mit der anderen Tasche. Es gab nichts darin, was ihm die Identität dieses armen Mannes verriet, aber ganz unten in der Hosentasche ertastete er einen harten Gegenstand. Er zog ihn heraus, darauf bedacht, den Leichnam nicht zu bewegen, und besah ihn in der hohlen Hand. Mit ein bisschen Glück würde der Fund ihn zu ein paar Antworten führen. Mit Glück und mit harter Arbeit.

Perillo ließ das Fundstück in eine Asservatentüte gleiten und holte sein Handy heraus. Er drückte die Nummer der Zentrale in Florenz.

Nico bückte sich und packte OneWag unter den Arm, was ihm ein Lecken übers Kinn für seine Mühen eintrug. Aldo wartete ein Weilchen, bevor er auf Zehenspitzen voranschlich.

»Oh mein Gott.« Aldo knickten die Knie ein, als er hinter die Büsche spähte.

»Ich habe Sie gewarnt«, sagte Nico.

Aldo zog sich langsam zurück und wischte sich das Gesicht mit einem Taschentuch ab. »Glauben Sie, man hat ihm ins Gesicht geschossen, damit er nicht identifiziert werden kann?«

Nico hatte sich das schon selbst gefragt. »Vielleicht hat er ja einen Ausweis in der Hosentasche.«

»Sie haben nicht nachgesehen?« Aldos Hände kneteten weiter auf dem Taschentuch herum.

»Ich will doch keinen Tatort durcheinanderbringen.«

Aldo schaute auf seine Uhr. »Ich muss zurück. Siebzehn Deutsche, die zu einer Weinprobe mit Mittagessen kommen, und vierzig Amis mit dem Bus aus Florenz zum Abendessen. Es wird ein schwerer Tag.«

»Ein schwerer Tag für mich, Aldo.« Perillo erschien zwischen den Lorbeerbüschen, Stiefeletten samt Socken unterm Arm. »Dieser Mord wird Ihnen einen guten Tag bescheren. Da können Sie Ihren Gästen eine viel bessere Geschichte erzählen als die, wie man Wein produziert.« Sein Ton war leutselig, seine Miene alles andere als das. »Betören Sie sie mit ein paar Details, sie werden Durst auf mehr kriegen und Sie werden ein paar Flaschen mehr verkaufen. Also gehen Sie jetzt nach Hause und genießen Sie ein paar Gläser von Ihrem Riserva. Damit können Sie den hässlichen Anblick auslöschen, den Sie sich ja unbedingt antun wollten.« Er wandte sich an Nico, der seine nackten Füße anstarrte. »Blut und Wildleder ergibt eine verheerende Kombination, Signor Doyle.«

Aldo fragte: »Haben Sie einen Ausweis bei ihm gefunden?«

»Nein. Er ist mit weißen Sportsocken und goldenen Joggingschuhen bekleidet, weshalb ich vermute, dass es sich um einen Amerikaner handelt, aber an Ihrer Stelle würde ich darauf verzichten, das Ihren Gästen zu erzählen. Außerdem trägt er eine goldene Armbanduhr, eine Breitling, zirka fünftausend Euro wert.«

»Das schließt Raub als Motiv aus«, sagte Aldo.

»Möglicherweise, wenn er der Typ Mann war, der ohne Handy, Geldbeutel, Kreditkarte oder Führerschein herumlief«, erwiderte Perillo, »obwohl man vieler Dinge verlustig gehen kann, mal abgesehen von teurem Schnickschnack. Seines Lebens zum Beispiel.« Er wandte sich an Nico. »Vielen Dank, Signor Doyle, dass Sie bei diesem schrecklichen Anlass mein Cicero waren. Ihre Erwartungen an die Toskana haben sicherlich keinen grausigen Mord beinhaltet. Ich muss Sie allerdings bitten, Ihre Stiefel meinem Brigadiere zu geben, der beim Auto wartet. Außerdem brauche ich Sie heute Nachmittag auf der Carabinieri-Station in Greve für eine Aussage. Bei der Gelegenheit werden wir Ihre Fingerabdrücke abnehmen und einen DNA-Test durchführen.«

»Meine Fingerabdrücke finden Sie auf meiner Aufenthaltsgenehmigung, und ich bin der Leiche nicht einmal nahe gekommen.«

»Das bezweifle ich nicht, aber trotzdem: Der DNA-Test ist eine relativ neue Vorschrift und dient dazu, Verwechslungen auszuschließen. Ausnahmsweise mal eine gute Idee. Wir Italiener schaffen manchmal mehr Durcheinander als unbedingt nötig. Was Ihre Fingerabdrücke angeht, so sparen wir nur Zeit. Es dauert eine Weile, bis die Carabinieri Zugang zu Aufenthaltsgenehmigungen erhalten. Lassen Sie den Hund bitte bei mir. Es könnte sein, dass wichtige Spuren an seinen Pfoten und im Fell hängen geblieben sind. Unsere Spurensicherung und der Gerichtsmediziner sind schon unterwegs. Also nicht vergessen, Signor Doyle. Heute Nachmittag um vier. Die Ausschilderung in der Stadt ist deutlich. Sie werden keine Mühe haben, die Wache zu finden.«

Nico warf einen Blick auf den Hund, der diesen mit schräggestelltem Kopf erwiderte, als wüsste er, dass etwas Ominöses vor sich ging. »Ich habe keine Leine für ihn.« Es fiel ihm schwer, sich von dem Tier zu trennen. »Ich könnte hierbleiben, bis Ihre Leute da sind.«

»Wir können Sie nicht dabeihaben, während wir unsere Arbeit tun. Machen Sie sich keine Sorgen. Wir werden ihn mit Samthandschuhen anfassen.« Perillo nahm die umgebundene Nylonjacke ab und breitete sie auf dem Boden aus. »Setzen Sie ihn hier drauf.«

Nico tat wie geheißen. Perillo zog den Reißverschluss um den Hund zu, band die Ärmel zusammen und nahm das Bündel hoch. OneWag spähte aus der Öffnung und bellte Nico an.

»Gehen Sie nach Hause, Aldo. Und Sie auch, Signor Doyle.«

Nico kraulte OneWag kurz hinterm Ohr und wandte sich zum Gehen. Der Hund bellte lauter.

»Versuchen Sie zu vergessen, was Sie hier gesehen haben. Es ist nicht typisch für unser schönes Land.«

Nico musste unwillkürlich an all die Camorra-Morde in Perillos Heimat denken, über die er gelesen hatte, aber der Maresciallo war im Recht, was seine Erwartungen an die Toskana betraf. Sie schlossen weder Mord noch einen herrenlosen Köter ein.