Die Welle

In Einfacher Sprache

Morton Rhue

Die Welle

In Einfacher Sprache

Schwierige Wörter oder Ausdrücke sind unterstrichen. Die Erklärungen stehen in der Wörter-Liste am Ende des Buches.

Inhalt

Vorwort

Der Film

Warum

Das Experiment

Ein ganz normaler Morgen

Macht durch Disziplin!

Ein tolles Gefühl

Nur ein Spiel?

Macht durch Gemeinschaft!

Die Welle schwappt über

Wie bei der Armee

Macht durch Handeln!

Coole Sache

Es geht voran

Ein ganz neuer Mensch

Alles unter Kontrolle

Der Leib-Wächter

Der Brief

Es gibt Ärger

Erster Widerstand

Bedenkliche Entwicklung

Beim Football

Ein mutiger Schritt

Streit

Die Schüler-Zeitung

Die Schule in Aufregung

Du musst es beenden

Angst

Begegnung mit Folgen

Später Besuch

Nur noch einen Tag!

Eine neue Bewegung

Der Preis der Freiheit

Zweifel

Das ist euer Führer!

Nachwort

Wörter-Liste

Vorwort

Dieses Buch handelt von einem Experiment.

Das Experiment hat wirklich so stattgefunden.

Nicht alles ist genau so passiert.

Manche Personen und Ereignisse sind erfunden.

Aber so ähnlich hat sich das alles ereignet.

Es war im Jahr 1967: An einer amerikanischen

High-School beginnt ein junger Lehrer ein ungewöhnliches Experiment.

Er gründet mit seinen Schülern eine Gruppe: die „Welle“.

Er will den Schülern damit etwas zeigen:

Was hat die Menschen in Nazi-Deutschland bewegt?

Wieso haben sie die Verbrechen mitgemacht?

Wieso haben sich die Menschen nicht geweigert?

Warum gab es so viele Mitläufer?

Die Schüler sollen verstehen,

wie solche Bewegungen die Menschen verführen.

Doch aus dem Spiel wird Ernst:

Das Experiment „Die Welle“ gerät außer Kontrolle.

Noch heute ist dieses Experiment berühmt.

Und es ist immer noch aktuell.

Es zeigt, wie leicht wir uns verführen lassen.

Denn wir alle wollen dazugehören.

Wir alle wollen Teil einer Gemeinschaft sein.

Dafür sind wir sogar bereit, unsere Freiheit und unser eigenes Denken aufzugeben.

Das macht die Menschen so anfällig für Bewegungen wie den Faschismus.

Damals wie heute.

Der Film

In der zehnten Klasse der Gordon High-School ist es ganz still. Ein Film läuft.

Schwarz-weiße Bilder flimmern über die Leinwand.

Es ist ein Film über die Konzentrations-Lager der Nazis. Ben Ross hat ihn mitgebracht, der Geschichts-Lehrer.

Thema im Unterricht ist der Zweite Welt-Krieg.

Die Schüler sollen begreifen, was damals geschehen ist. Deshalb zeigt Ben heute diesen Film.

Es sind schreckliche Bilder.

Menschen, die aussehen wie Skelette.

Sie sind fast verhungert, nur noch Haut und

Knochen. Die Augen sind groß und ausdruckslos.

Es sind Gefangene im Konzentrations-Lager.

Männer in Uniform bewachen die Gefangenen.

Man sieht lange Reihen von Baracken.

Weiter hinten Gebäude, aus denen Rauch aufsteigt.

Ein Ort ohne Hoffnung.

Ben sieht in die Gesichter seiner Schüler.

Die meisten sind entsetzt.

Während der Film weiterläuft, erklärt Ben:

„Was ihr da seht, ist in Deutschland passiert.

Und zwar in den Jahren 1933 bis 1945.

Damals regierte in Deutschland Adolf Hitler.

Hitler glaubte fest an die Überlegenheit der Deutschen.

Er hielt sie für eine besondere Menschen-Rasse, besser als andere.

Deutschland sollte die ganze Welt beherrschen.

Das war Hitlers Ziel. Seine Partei hieß

‚National-Sozialistische Deutsche Arbeiterpartei‘.

Oder kurz: NSDAP.

Ihr kennt sie unter dem Namen ‚Nazis‘.“

Ben macht eine kurze Pause.

Im Film sieht man Häftlinge die toten Körper

ihrer Mitgefangenen übereinanderstapeln.

SS-Männer beaufsichtigen sie dabei.

„Die meisten Gefangenen auf diesen Bildern sind Juden“, sagt Ben.

„Für Hitler waren die Juden Feinde des deutschen

Volkes. Er machte sie für alles Schlechte

verantwortlich. Er ließ riesige Lager bauen,

in denen man die Juden einsperrte.

Auch Hitlers politische Gegner kamen in die Lager.

Und noch viel mehr Menschen.

Zum Beispiel Sinti und Roma. Homosexuelle.

Menschen mit Behinderung.

In den Lagern mussten sie alle sehr hart arbeiten.

Es gab wenig zu essen, Schläge und auch Folter.

Wer nicht mehr arbeiten konnte, wurde getötet.“

Auf der Leinwand sind jetzt die Gebäude mit den Verbrennungs-Öfen zu sehen.

„Seht ihr die Gebäude im Hintergrund?“,

fragt Ben. „Dort waren die Gas-Kammern.

Dort töteten die Nazis die Menschen mit Gas.

Die toten Körper wurden verbrannt.

Viele überlebten im Lager nicht einmal eine Woche.“

Der junge Lehrer kämpft gegen Übelkeit.

Wie war es nur möglich, dass Menschen so etwas taten? Es war einfach unvorstellbar.

„Hitler wollte ursprünglich Kunstmaler werden“, erklärt er den Jugendlichen.

„Nach dem Ersten Welt-Krieg ging er in die Politik.

Es war eine schwierige Zeit für Deutschland.

Die Deutschen hatten den Krieg verloren.

Die Sieger-Mächte verlangten von Deutschland hohe Zahlungen.

Der deutsche Kaiser war zurückgetreten.

Die neue Demokratie war noch schwach.

Ständig gab es neue Wahlen.

Viele Menschen hungerten, es gab keine Arbeit.

Hitler versprach ihnen ein besseres Leben und hatte damit Erfolg.

1933 kam seine Partei an die Macht.

Unter Hitler begann für die Juden in Deutschland

und Europa eine schreckliche Zeit.

Über zehn Millionen Männer, Frauen und Kinder

starben in den Konzentrations-Lagern.“

Wenige Minuten noch, dann ist der Film zu Ende.

Ben atmet auf. Er ist froh, diese schrecklichen Bilder nicht länger sehen zu müssen. Er schaltet das Licht ein und schaut sich in der Klasse um.

Ernste, bedrückte Gesichter.

Amy Smith und Laurie Sanders haben Tränen in den Augen.

Nur Robert Billings hat den Kopf auf die Arme gelegt und schläft.

Warum

Nach einer kurzen Pause wendet sich Ben an die Jugendlichen.

„Es wundert mich nicht, dass der Film euch schockiert hat“, sagt er.

„Habt ihr Fragen zu dem, was ich euch erzählt habe?“

Amy Smith meldet sich sofort.

„Waren alle Deutschen Nazis?“, fragt sie.

Ben schüttelt den Kopf. „Das wohl nicht.

Viele Menschen fanden Hitler gut.

Bei den letzten Wahlen zum Parlament bekam die NSDAP immerhin 44 Prozent der Stimmen.

Doch die Mehrheit hat Hitler damals eben nicht gewählt.“

„Warum hat dann niemand die Nazis aufgehalten?“

„Gute Frage“, sagt Ben.

„Ich denke, viele Leute hatten Angst.

Die Nazis waren sehr gut organisiert.

Sie waren bewaffnet und rücksichtslos.

Und sie gingen mit Gewalt gegen ihre Gegner vor.

Zu Anfang traten sie als Schläger-Trupps auf.

Als die Partei an der Macht war, wurden viele

Menschen verhaftet.

Dafür musste man nichts Schlimmes angestellt

haben. Es genügte, eine andere Meinung zu haben

und diese offen auszusprechen.

Deutschland erlebte damals eine schwierige Zeit.

Die Leute waren ängstlich und verunsichert.

Viele hofften, dass es mit Hitler wieder aufwärts gehen würde.

Hitler führte Arbeits-Dienste ein.

Dadurch hatten die Menschen wieder Geld und litten weniger Not.

Es gab Freizeit-Organisationen,

Wohnbau-Programme und mehr.

Immer mehr wurde vom Staat und von Hitlers Partei geregelt. Die Menschen mussten sich um nichts kümmern.

Wer sich an die neuen Regeln hielt, dem ging es gut.

Für Kinder und Jugendliche gab es eigene Organisationen wie die Hitler-Jugend.

So wuchsen die Kinder und Jugendlichen von klein auf mit den Ideen von Hitler und der Partei auf.

Nach dem Ende von der Nazi-Herrschaft haben viele Deutschen gesagt:

Von den Verbrechen der Nazis haben wir nichts gewusst.“

Das können die Schüler nicht glauben.

Millionen von Menschen sterben in Lagern.

Und dann will niemand davon gewusst haben?

„Ach, so ein Quatsch!“, ruft Eric wütend.

„Das ist doch gelogen!“

„Haben die Leute das wirklich behauptet?“

Laurie schüttelt ungläubig den Kopf.

„Sie müssen doch gemerkt haben, was für schreckliche Dinge in ihrem Land geschehen.

Wie können sie sagen, dass sie nichts wussten!“

Ben nickt. „Ja, das kann man sich wirklich kaum vorstellen“, sagt er.

„Nach dem Krieg haben auch viele Nazis gesagt: Wir haben nur Befehle ausgeführt.

Wenn wir nicht mitgemacht hätten,

hätte man uns selber eingesperrt und getötet.“

„Aber das sind doch Ausreden!“,

ruft Brad ärgerlich dazwischen.

„Ich verstehe nicht, dass die Leute sich nicht gewehrt haben.

Man hätte die Nazis doch aufhalten können.

Ich hätte da nicht mitgemacht!“

„Bei uns in Amerika wäre so etwas nicht passiert“, sagt Brian überzeugt. „Ganz bestimmt nicht.“

Immer noch melden sich Schüler zu Wort.

Da ertönt die Glocke zum Ende des Unterrichts.

„Wir sprechen in der nächsten Stunde weiter darüber“, sagt Ben Ross.

Nachdenklich sieht er zu, wie die Jugendlichen

ihre Sachen zusammenpacken und hinausgehen.

Er ist unzufrieden mit der Stunde.

Er hätte die Fragen der Mädchen und Jungen

gern ausführlicher beantwortet.

Er hätte ihnen gern besser erklärt,

was Menschen dazu bringt,

bei so etwas mitzumachen.

Und warum die Menschen nicht fragen,

ob das alles in Ordnung ist.

Wieso die eigene Sicherheit bei so vielen mehr zählt als die Mitmenschen.