Der neue Roman von Colleen Hoover ist die Bestseller-Sensation aus den USA – noch emotionaler, noch packender, noch tiefgründiger!

Die 17-jährige Sky ist starken Gefühlen bisher aus dem Weg gegangen. Wenn sie einem Jungen begegnet, verspürt sie normalerweise keinerlei Anziehung, kein Kribbeln im Bauch, nichts. Im Gegenteil: Sie fühlt sich taub. Bis sie auf Dean Holder trifft, der ihre Hormone tanzen lässt. Es knistert heftig zwischen den beiden, das könnte die ganz große Liebe werden. Doch dann tun sich Abgründe aus der Vergangenheit auf, die tiefer und dunkler sind, als Sky sich vorstellen kann.

Colleen Hoover

S003.tif

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch
von Katarina Ganslandt

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Für Vance

Es gibt Väter, die einem das Leben schenken, und Väter, die einen lehren, es zu leben. Danke, dass du mir beigebracht hast, meins zu leben.

Sonntag, 28. Oktober
19:29 Uhr

Ich stehe auf, sehe auf das Bett hinunter und halte die Luft an, weil ich Angst vor den Lauten habe, die aus meiner Kehle hinausdrängen.

Ich werde nicht weinen.

Ich werde nicht weinen.

Langsam sinke ich auf die Knie und streiche über die leuchtend gelben Sterne auf der dunkelblauen Bettdecke, immer und immer wieder, bis ihre Konturen hinter einem Tränenschleier verschwimmen.

Ich kneife die Augen zu, vergrabe mein Gesicht im Stoff und verkralle die Finger darin. Meine Schultern zucken, als jetzt doch ein Schluchzen mit aller Gewalt aus mir hervorbricht. Ich springe auf, stoße einen gellenden Schrei aus, reiße die Decke vom Bett und werfe sie auf den Boden.

Schwer atmend sehe ich mich im Zimmer um, bis mein Blick auf das Mädchen fällt, das ich nicht mehr kenne. Wutentbrannt greife ich mir ein Kissen vom Bett und schleudere es gegen den Spiegel. Sie sieht mich an und schluchzt erbärmlich. Ihre Schwäche und ihre Tränen machen mich nur noch wütender. Wir stürmen aufeinander zu und schlagen mit Fäusten aufeinander ein, bis das Glas klirrend bricht und ich zusehe, wie sie auf dem Teppich in eine Million funkelnder Scherben zersplittert.

Als ich die Wäschekommode packe und mit einem Ruck herumreiße, löst sich aus meiner Kehle ein weiterer Schrei, der sich viel zu lange darin aufgestaut hat. Ich zerre den Inhalt aus den Schubladen, wirble herum und kicke wahllos alles, was am Boden liegt, aus dem Weg. Ziehe an den dünnen blauen Vorhängen, bis das Stahlseil oben aus der Verankerung springt und der Stoff um mich herum zu Boden fällt. Ich nehme mir den obersten der in der Ecke gestapelten Kartons und schleudere ihn mit aller Kraft, die ich aufbringen kann, gegen die Wand.

»Ich hasse dich!«, brülle ich. »Ich hasse dich! Ich hasse dich! Ich hasse dich!«

Blindlings greife ich nach allem, was ich zu fassen bekomme, und werfe es durchs Zimmer. Jedes Mal, wenn ich den Mund zum Schreien öffne, schmecke ich das Salz der Tränen, die mir über die Wangen laufen.

»Hey.« Holder packt mich unversehens von hinten und hält mich so fest, dass ich mich nicht mehr rühren kann.

Mich windend versuche ich mich zu befreien und steigere mich in einen solchen Schreikrampf hinein, dass ich irgendwann nur noch besinnungslos reagiere.

»Beruhig dich«, sagt er in mein Ohr, ohne mich loszulassen. Ich höre ihn, aber es ist mir egal, was er sagt. Je mehr ich mich wehre und loszureißen versuche, desto fester packt er zu.

»Fass mich nicht an!«, schreie ich, so laut ich kann, und zerkratze ihm die Arme. Er hält mich unbeirrt fest.

Fass mich nicht an. Bitte fass mich nicht an. Bitte nicht.

Im Geist höre ich das Echo der hellen Stimme und erschlaffe mit einem Mal in seinen Armen. Mit den Tränen scheint alle Kraft aus mir herauszufließen und mich vollkommen hilflos zu machen. Ich fühle mich, als wäre ich nichts weiter als ein Behälter, randvoll mit Tränen, die unaufhörlich aus mir herausströmen.

Ich bin nicht stark genug. Ich komme nicht gegen ihn an und muss mich geschlagen geben.

Nach einer Weile lockert Holder seinen Griff und dreht mich sanft um. Ich bringe es nicht über mich, ihn anzusehen. Erschöpft sinke ich gegen seine Brust, klammere mich an seinem T-Shirt fest und lege hemmungslos schluchzend die Wange an die Stelle, wo ich sein Herz schlagen spüre. Meinen Hinterkopf umfassend, drückt er mich noch enger an sich.

»Sky«, sagt er dicht an meinem Ohr, und seine Stimme klingt ganz ruhig. »Du musst jetzt hier raus. Sofort.«

Samstag, 25. August
23:50 Uhr
Zwei Monate vorher

Ich bilde mir gern ein, dass ich in meinem siebzehnjährigen Leben hauptsächlich kluge Entscheidungen getroffen habe. Zumindest haben sie hoffentlich die dummen, die im Laufe der Zeit auch dabei waren, überwogen. Damit das so bleibt, werde ich als Nächstes allerdings ziemlich viele kluge Entscheidungen treffen müssen, um auf der Waage der Vernunft wieder auszugleichen, dass ich Grayson schon zum dritten Mal in diesem Monat nachts heimlich durchs Fenster in mein Zimmer klettern lasse. Ich fürchte nämlich, dass das auf der Dummheitsskala ziemlich massiv ausschlägt.

Jedenfalls wenn meine Mutter es mitkriegt.

Nicht dass hier ein falscher Eindruck entsteht: Ich bin keine Schlampe. Es sei denn, man wäre eine, nur weil man sich von Typen küssen lässt, ohne wirklich in sie verknallt zu sein. In dem Fall müsste man überlegen, ob es nicht vielleicht doch die passende Bezeichnung für mich wäre.

»Hey, was ist?« Grayson, der offensichtlich nicht versteht, warum ich mir so viel Zeit lasse, klopft ungeduldig an die Scheibe.

Ich lege den Riegel um und schiebe das Fenster so geräuschlos wie möglich nach oben. Karen ist zwar eine ziemlich untypische Mutter, aber wenn es um mitternächtliche Jungsbesuche geht, ist sie genauso streng wie andere Eltern auch.

»Schsch, nicht so laut«, zische ich.

Grayson schwingt ein Bein übers Fensterbrett und steigt ins Zimmer. Weil unsere Fenster so niedrig liegen, ist es beinahe so, als hätte ich einen Extra-Eingang nur für mich allein. Meine beste Freundin Six und ich nehmen deshalb auch meistens den direkten Weg und ignorieren die Haustür. Karen ist daran gewöhnt und wundert sich nicht mehr darüber, dass mein Fenster fast immer offen steht.

Bevor ich den Vorhang zuziehe, sehe ich zu Six rüber. Sie winkt mir zu, während sie die andere Hand Jaxon hinstreckt, um ihm zu helfen, in ihr Zimmer zu klettern. Sobald er drin ist, dreht er sich noch einmal um.

»In einer Stunde bei deinem Wagen, okay?«, ruft er Grayson leise zu, dann schiebt er mit einem Ruck das Fenster runter und schließt die Vorhänge.

Six und ich sind praktisch unzertrennlich, seit sie und ihre Eltern vor vier Jahren nebenan eingezogen sind. Dass sich unsere Zimmer direkt gegenüberliegen, hat sich als ausgesprochen günstig erwiesen.

Am Anfang war alles noch ganz unschuldig. Mit vierzehn schlich ich mich fast jeden Abend zu ihr rüber, und wir haben es uns mit einer Familienpackung Eis bei ihr im Bett bequem gemacht und DVDs geschaut. Als wir fünfzehn waren, kamen immer öfter heimlich Jungs aus ihrer Klasse zu Besuch, mit denen wir Eis gegessen und Filme geschaut haben. Mit sechzehn begannen die Jungs dann allmählich interessanter zu werden als das Eis und die Filme. Mittlerweile sind wir siebzehn, empfangen die Jungs getrennt in unseren jeweiligen Zimmern, und erst wenn sie wieder weg sind, gehe ich zum Eisessen und Filmeschauen rüber.

Six’ Herz ist extrem leicht entflammbar. Sie verliebt sich alle paar Wochen neu und wechselt ihre Freunde ungefähr so häufig wie ich meine Lieblingseissorte. Ihr aktueller Favorit heißt Jaxon, meiner Rocky Road von Ben & Jerry’s. Grayson ist Jaxons bester Freund, was auch der Grund dafür ist, dass er und ich uns näher kennen. Ich profitiere nämlich von Six’ Männerverschleiß, indem ich mir immer die hübschesten Exemplare aus der Clique ihres jeweiligen Freunds aussuche. Und Grayson ist definitiv hübsch. Er hat einen tollen, durchtrainierten Körper, zerzauste Locken, funkelnde dunkle Augen … mit anderen Worten: alles, was das Herz begehrt. Ich schätze, die meisten Mädchen würden sich schon geehrt fühlen, mit ihm in einem Raum sein zu dürfen.

Pech für ihn, dass sich meine Dankbarkeit in Grenzen hält.

Als ich die Vorhänge zugezogen habe und mich umdrehe, stoße ich fast mit ihm zusammen. Grayson ist offensichtlich bereit, gleich aufs Ganze zu gehen. »Hallo, Schönheit«, flüstert er, streicht mir über die Wange und schenkt mir sein erprobtes Verführerlächeln. Er gibt mir gar keine Chance, etwas zu sagen, sondern drückt sofort seine Lippen zu einer feuchten Begrüßung auf meine. Während er mich routiniert küsst, streift er die Schuhe ab und führt mich zum Bett, ohne seinen Mund auch nur einen Moment von meinem zu lösen. Die Lässigkeit, mit der er all das gleichzeitig tut, ist beeindruckend, aber auch leicht verstörend. Er drückt mich sanft aufs Bett. »Ist die Tür abgeschlossen?«

»Schau lieber noch mal nach«, murmle ich. Grayson gibt mir einen Kuss, bevor er aufspringt und sich vergewissert, dass der Schlüssel umgedreht ist. Ich will keinen Ärger mit Karen riskieren. In den dreizehn Jahren, die ich jetzt bei ihr bin, hatte sie noch nie Grund, mir Hausarrest zu verpassen, obwohl sie sehr streng sein kann. Wobei »streng« vielleicht nicht das richtige Wort ist, ihre Erziehungsmethoden sind ziemlich … widersprüchlich. Wir haben zum Beispiel kein Telefon und weder Fernsehen noch Internetzugang. Handys sind auch tabu, weil sie der Meinung ist, dass die moderne Technologie die Wurzel von so ungefähr allem Übel auf dieser Welt ist.

In anderen Bereichen ist sie dann wiederum extrem entspannt. Zum Beispiel darf ich mit Six jederzeit ausgehen, solange sie weiß, wo wir sind. Ich muss auch nicht zu einer festen Uhrzeit zu Hause sein. Allerdings war ich bisher immer vernünftig und habe ihre Großzügigkeit nie überstrapaziert, weshalb es durchaus sein kann, dass es diese Uhrzeit gibt und ich nur nichts davon weiß. Sie erlaubt mir sogar, zu besonderen Gelegenheiten Wein zu trinken, obwohl ich erst Ende September achtzehn werde.

Karen hat mich vor dreizehn Jahren adoptiert, trotzdem ähnelt unser Verhältnis eher dem von Freundinnen als dem zwischen einer Mutter und ihrer Tochter. Vielleicht hat das auch etwas damit zu tun, dass sie selbst noch relativ jung ist. Jedenfalls scheint sie bei meiner Erziehung einiges richtig gemacht zu haben, denn ich vertraue ihr hundertprozentig und habe (fast) keine Geheimnisse vor ihr.

Karen ist ein sehr spezieller Mensch. Bei ihr gibt es nur Schwarz oder Weiß, keine Grautöne. Mal ist sie supertolerant, dann wieder radikal streng. Ihre Erziehungsprinzipien sind so wenig nachvollziehbar, dass ich es mittlerweile aufgegeben habe, sie verstehen zu wollen.

Das einzige Thema, das bei uns immer wieder für hitzige Diskussionen gesorgt hat, ist die Schule. Sie hat mich von Anfang an zu Hause unterrichtet (staatliche Schulen sind ihrer Meinung nach nämlich auch ein Hort des Bösen), aber seit Six mir die Idee in den Kopf gesetzt hat, habe ich sie angebettelt, mich auf die örtliche Highschool gehen zu lassen. Ich könnte mir vorstellen, dass ich an meinem Wunsch-College bessere Chancen hätte, wenn ich die Teilnahme an Kursen nachweisen könnte, die sich zu Hause nicht unterrichten lassen. Nachdem Six und ich Karen jahrelang bearbeitet haben, hat sie endlich nachgegeben und mir erlaubt, mich für das zwölfte Schuljahr anzumelden. Von meinen Noten her hätte ich in zwei Monaten als Externe meinen Abschluss machen können. So wird es etwas länger dauern, aber das nehme ich gern in Kauf, wenn ich dafür endlich wie eine ganz normale Jugendliche zur Schule gehen kann.

Hätte ich allerdings geahnt, dass Six ausgerechnet in der Woche, in der wir gemeinsam unser letztes Schuljahr antreten wollten, als Austauschschülerin nach Italien gehen würde, hätte ich nie ernsthaft in Erwägung gezogen, mich anzumelden. Aber ich bin berühmt dafür, unglaublich störrisch zu sein, und würde mir eher eine Gabel in den Handballen rammen, als Karen gegenüber zuzugeben, dass ich meine Entscheidung bereue.

Den Gedanken, Six die nächsten sechs Monate nicht an meiner Seite zu haben, habe ich lange verdrängt. Ich weiß, wie sehr sie sich gewünscht hat, dass das mit dem Italien-Austausch klappt, und freue mich für sie. Aber wenn ich ehrlich bin, hat ein ganz kleiner, egoistischer Teil von mir insgeheim gehofft, sie würde doch hierbleiben. Die Vorstellung, ohne meine engste Vertraute durch die Schultüren gehen zu müssen, treibt mir den kalten Angstschweiß auf die Stirn. Jetzt dauert es nicht mehr lange, bis ich in die Welt hinausgestoßen werde, in der auch noch andere Menschen leben außer Six und Karen.

Bisher habe ich immer versucht, meine mangelnde Erfahrung mit der rauen Wirklichkeit durch Lesen wettzumachen – ich liebe Liebesromane –, aber auf Dauer kann es nicht gesund sein, im Märchenland zu leben. Vielleicht haben mich die Bücher ja wenigstens ein bisschen auf die (hoffentlich in der Realität nicht ganz so dramatische) Welt der Highschool vorbereitet, auf meine erste Zeit als »Neue«, auf die Cliquen und die fiesen Zicken, die dort womöglich lauern. Wobei natürlich erschwerend hinzukommt, dass ich durch meine Freundschaft mit Six schon einen gewissen Ruf habe. Sie ist nicht dafür bekannt, wie eine Nonne zu leben, und die Jungs, mit denen ich rumgeknutscht habe, haben auch kein Schweigegelübde abgelegt. Zusammengenommen könnte das bedeuten, dass mir ein ziemlich, na ja, sagen wir mal … spannender erster Schultag bevorsteht.

Nicht, dass mir das große Sorgen macht. Ich gehe ja nicht auf die Highschool, um neue Freunde zu finden; insofern werden mich irgendwelche Gerüchte, die womöglich über mich kursieren, ziemlich kaltlassen.

Hoffe ich jedenfalls.

Grayson kommt grinsend zum Bett zurückgeschlendert. »Wie wäre es mit einem kleinen Striptease?« Er wiegt sich in den Hüften, zieht sein T-Shirt hoch und enthüllt ein hart erarbeitetes Sixpack. Ich kenne das schon. Er ist wahnsinnig selbstverliebt und nutzt jede Gelegenheit, seinen nackten Bauch zu präsentieren.

Trotzdem muss ich lachen, als er das Shirt ganz auszieht, es wie ein Lasso über dem Kopf wirbelt und dann fallen lässt. Irgendwie ist er auch süß. Er kniet sich über mich und dreht meinen Kopf so, dass sich mein Mund in Kussposition befindet.

Das mit Grayson und mir geht jetzt schon seit etwa einem Monat. Er hat von Anfang an deutlich gemacht, dass er keine feste Beziehung will, was mir nur recht ist, weil ich daran auch kein Interesse habe. Andererseits wird er an der Schule einer der wenigen Menschen sein, die ich schon kenne. Ich hoffe mal, dass das kein Nachteil ist.

Es sind noch nicht mal drei Minuten vergangen, da zwängt er schon die Hand unter mein Top und macht mir damit eindeutig klar, dass er nicht hier ist, um tiefschürfende Gespräche zu führen. Als er die Lippen von meinem Mund zum Hals hinuntergleiten lässt, nutze ich die kurze Pause, um tief Luft zu holen und mich darauf zu konzentrieren, ob ich etwas fühle.

Irgendetwas.

Ich fixiere die fluoreszierenden Sterne, die über meinem Bett an der Zimmerdecke kleben, und bin mir vage bewusst, dass Graysons hungriger Mund sich zielstrebig Richtung meiner Brüste vorarbeitet. Insgesamt sind es sechsundsiebzig Sterne. Das weiß ich so genau, weil ich in den vergangenen Wochen genug Zeit hatte, sie zu zählen, während ich wie jetzt auf dem Bett lag und innerlich vollkommen ungerührt zuließ, dass Grayson mein Gesicht, meinen Hals und manchmal auch mehr mit seinen neugierigen, erregten Lippen erforschte.

Aber warum habe ich es zugelassen?

Die Sache ist die: Ich habe bisher noch nie irgendwelche Gefühle bei einem der Jungs empfunden, mit denen ich rumgemacht habe. Oder besser gesagt, die mit mir rumgemacht haben. Das Begehren ist nämlich leider immer einseitig. Nur ein einziges Mal habe ich es erlebt, dass ein Typ eine Reaktion in mir hervorgerufen hat, aber die entpuppte sich ziemlich schnell als Strohfeuer. Matt und ich waren erst ein paar Wochen zusammen, als seine Eigenarten anfingen, mir auf die Nerven zu gehen. Zum Beispiel, dass er es eklig fand, direkt aus der Flasche zu trinken, und immer einen Strohhalm brauchte. Oder wie er die Nasenflügel blähte, wenn er sich vorbeugte, um mich zu küssen. Und vor allem, dass er nach gerade mal drei Wochen schon »Ich liebe dich« zu mir sagte.

Ja. Das war der Satz, der unserer Beziehung den Todesstoß versetzte. Ciao, Matty, ich wünsche dir ein schönes Leben und dass du ein Mädchen findest, dass dich zurücklieben kann.

Six und ich haben nächtelang darüber diskutiert, woran es liegen könnte, dass mich Jungs so kaltlassen. Eine Zeit lang hatte sie die Vermutung, ich wäre vielleicht lesbisch und wüsste es nur noch nicht. Aber nach einem unbeholfenen und sehr kurzen Probekuss haben wir diese Theorie wieder fallen lassen. Es ist nicht so, als würde ich es nicht genießen, mit Jungs rumzuknutschen. Das tue ich – sonst würde ich es ja nicht machen. Ich genieße es nur nicht aus denselben Gründen wie andere Mädchen. Zum Beispiel habe ich beim Anblick eines Typen noch nie weiche Knie bekommen oder Schmetterlinge im Bauch gespürt. Ich weiß nicht, wie das ist, wenn man sich Hals über Kopf in jemanden verliebt. Der Grund, warum ich trotzdem gern knutsche, ist schlicht und einfach der, dass ich mich dabei innerlich auf eine sehr angenehme Weise wie betäubt fühle. Wenn ich wie jetzt mit Grayson im Bett liege, genieße ich es, dass mein Kopf sich dabei komplett ausschaltet.

Mein Blick ist auf die siebzehn Sterne in der oberen rechten Ecke der Decke gerichtet, als ich abrupt wieder in die Gegenwart katapultiert werde. Graysons Hände sind tiefer gewandert, als ich es ihm bisher erlaubt habe, und mir wird erschrocken bewusst, dass seine geschickten Finger bereits meine Jeans aufgeknöpft haben und sich jetzt zum Bund meines Baumwollslips vorarbeiten.

»Nicht, Grayson!«, flüstere ich und schiebe seine Hand weg.

Er drückt stöhnend die Stirn ins Kissen. »Ach komm, Sky.«

Ich spüre seinen warmen Atem an meinem Hals. Im nächsten Moment richtet er sich auf, stützt sich auf den Ellbogen und versucht mich mit seinem Verführerlächeln zu betören.

Habe ich schon erwähnt, dass ich dagegen immun bin?

»Wie lange willst du die Nummer noch durchziehen?« Seine Finger streichen über meinen Bauch und schieben sich wieder wie zufällig in die Jeans.

Mir läuft es kalt den Rücken hinunter. »Welche Nummer?« Ich versuche mich unter ihm hervorzuwinden.

Grayson stützt sich jetzt auf beide Arme und sieht mich an, als wollte ich mich über ihn lustig machen. »Na, die Nummer vom braven Mädchen. Spiel mir doch nichts vor, Sky. Ich finde, wir sollten langsam mal zur Sache kommen.«

Das bringt mich wieder darauf, dass ich – im Gegensatz zu dem, was vermutlich über mich behauptet wird – immer noch Jungfrau bin. Ich habe noch nie mit einem Jungen geschlafen, und Grayson, der jetzt wie ein Dreijähriger schmollt, wird garantiert nicht der Erste sein. Dabei würde es mir meine innere Gleichgültigkeit wahrscheinlich sogar einfach machen, wahllos mit irgendwelchen Typen ins Bett zu gehen. Aber genau aus diesem Grund ist es besser für mich, es nicht zu tun. Sobald diese Grenze einmal überschritten ist, werden die Gerüchte über mich nicht länger Gerüchte sein, sondern zur Wahrheit werden. Und ich will auf gar keinen Fall bestätigen, was sich die Leute über mich erzählen. Tja, so bin ich. Wahrscheinlich ist die Tatsache, dass ich mit fast achtzehn Jahren noch quasi unberührt bin, nur meinem unglaublichen Trotz zuzuschreiben.

Als Grayson mich wieder küssen will, fällt mir plötzlich auf, dass er nach Alkohol riecht. »Hey, du bist ja betrunken!« Ich schiebe ihn angewidert weg. »Hab ich dir nicht gesagt, dass du nicht noch mal herkommen sollst, wenn du betrunken bist?« Sobald er sich von mir heruntergerollt hat, stehe ich auf, knöpfe meine Jeans zu und ziehe mein Top zurecht. Ehrlich gesagt bin ich fast erleichtert, einen Grund zu haben, ihn rauszuschmeißen.

Grayson sitzt auf der Bettkante, packt mich an den Hüften und zieht mich an sich. Er schlingt die Arme um meine Taille und legt seinen Kopf an meinen Bauch. »Tut mir leid«, sagt er kleinlaut. »Es ist nur, dass ich dich so unwiderstehlich finde. Ich weiß nicht, ob ich es ertragen würde, noch mal herzukommen, wenn ich dich nicht ganz haben kann.« Er lässt seine Hände nach unten gleiten, packt meine Pobacken und presst die Lippen auf den schmalen Streifen Haut zwischen Jeans und Shirt.

Ich verdrehe die Augen. »Dann wird es wohl das Beste sein, wenn du nicht mehr herkommst.« Ohne seine Reaktion abzuwarten, gehe ich zum Fenster. Als ich den Vorhang aufziehe, steigt Jaxon gegenüber gerade aus dem Fenster. Six steht mit verschränkten Armen hinter ihm und wirft mir ihren »Zeit für einen Neuen«-Blick zu, den ich so gut kenne.

Sie klettert hinter Jaxon hinaus und kommt zu mir rüber. »Ist Grayson auch betrunken?«

Ich nicke. »Mir reicht es jetzt mit ihm. Endgültig.« Aber als ich mich zu ihm umdrehe, sehe ich, dass er sich wieder hingelegt hat. Offensichtlich hat er nicht mitgekriegt, dass er hier nicht mehr willkommen ist. Ich gehe zum Bett, hebe sein T-Shirt vom Boden auf und werfe es ihm hin. »Würdest du bitte gehen?«

Grayson sieht mich verblüfft an, dann wird ihm klar, dass ich keine Witze mache. Mürrisch rutscht er vom Bett und zieht sich Shirt und Schuhe an.

Ich trete einen Schritt zur Seite, um ihn vorbeizulassen.

Six wartet, bis Grayson draußen ist, und kommt dann zu mir ins Zimmer geklettert.

»Blöde Nutten«, brummt einer der Jungs im Gehen abfällig.

Six seufzt entnervt und streckt den Kopf zum Fenster hinaus. »Echt lustig, Nutte genannt zu werden, weil man nicht für euch die Beine breit macht. Arschlöcher.« Sie schiebt das Fenster zu und lässt sich aufs Bett fallen. »Und wieder einer, der von der Liste gestrichen werden kann«, sagt sie grinsend und verschränkt die Hände hinter dem Kopf.

Ich lache, verstumme aber sofort, weil es an der Tür klopft.

Kaum habe ich aufgeschlossen, kommt Karen ins Zimmer und schaut sich suchend um. »Ihr seid allein?«, sagt sie, als sie nur mich und Six sieht. »Schade. Ich hätte schwören können, eben Jungenstimmen gehört zu haben.«

Ich setze mich zu Six aufs Bett und versuche mir nicht anmerken zu lassen, wie geschockt ich bin. Um ein Haar hätte sie mich erwischt. Mein Herz hämmert so laut gegen die Rippen, dass ich Angst habe, Karen könnte es hören. »Und dass keine Jungs hier sind … enttäuscht dich?« Habe ich es nicht gesagt? Karens Erziehungsmethoden sind undurchschaubar.

»Na ja, du wirst bald achtzehn, und mir bleibt nicht mehr so viel Zeit, dir wenigstens ein Mal im Leben Hausarrest aufzubrummen. Ich dachte, heute wäre es endlich mal so weit. Du solltest wirklich allmählich mal anfangen, über die Stränge zu schlagen, Liebes.«

Ich atme erleichtert auf und bekomme gleichzeitig ein schlechtes Gewissen, weil sie mir so blind vertraut. Niemals käme sie auf den Gedanken, ich könnte noch vor ein paar Minuten tatsächlich mit einem Jungen hier im Bett gelegen haben.

»Würdest du dich besser fühlen, wenn wir dir gestehen, dass wir gerade mit zwei heißen Jungs rumgeknutscht haben, Karen?«, fragt Six. »Aber kurz bevor du reingekommen bist, haben wir sie rausgeschmissen, weil sie uns zu betrunken waren.«

Ich wirble herum und werfe ihr einen flammenden Blick zu, der ausdrücken soll, dass ich ihren schrägen Humor in diesem besonderen Fall ganz und gar nicht witzig finde.

Karen lacht. »Dann habt ihr ja alles richtig gemacht. Aber vielleicht sucht ihr euch für morgen Abend doch lieber zwei heiße nüchterne Jungs.«

Jetzt mache ich mir keine Sorgen mehr, dass Karen meinen Herzschlag hören könnte, weil er nämlich ganz ausgesetzt hat.

»Nüchterne Jungs?«, sagt Six. »Ja, mal sehen, ob die sich finden lassen.« Sie zwinkert mir zu.

»Übernachtest du heute hier?«, erkundigt sich Karen bei ihr, bevor sie aus dem Zimmer geht.

Six überlegt kurz, dann schüttelt sie den Kopf. »Nein, ich gehe nach Hause. Ich möchte die letzten Nächte in meinem eigenen Bett schlafen, bevor ich dann bald sechs lange Monate in der Fremde übernachten muss.«

Ich drehe mich besorgt zu Karen um, weil ich ahne, was gleich passieren wird.

»Nicht, Mom!« Ich springe auf, als ich es in ihren Augen schimmern sehe. »Bitte nicht.« Doch es ist zu spät. Schon rollt die erste Träne über ihre Wange. Gott, ich hasse das. Nicht, weil es mich rührt, sondern weil es mir total unangenehm ist. Ich ertrage es einfach nicht, Leute weinen zu sehen.

»Komm her«, sagt Karen und geht mit ausgebreiteten Armen auf Six zu, obwohl die beiden sich in den letzten Tagen bestimmt schon zehnmal umarmt haben. Six lässt den Liebesbeweis geduldig über sich ergehen und zwinkert mir über Karens Schulter hinweg zu. Ich muss die beiden praktisch voneinander wegzerren, um Karen aus dem Zimmer zu schieben.

An der Tür dreht sie sich noch einmal um. »Vielleicht lernst du ja einen netten italienischen Jungen kennen.«

»Hoffentlich nicht bloß einen«, antwortet Six trocken.

Nachdem sich die Tür hinter Karen geschlossen hat, werfe ich mich aufs Bett und knuffe Six in die Rippen. »Du bist so ein Aas!«, schimpfe ich. »Ich hab fast einen Herzinfarkt bekommen!«

Six greift lachend nach meiner Hand und zieht mich vom Bett. »Kommst du mit rüber? Ich hab uns einen Film mit Channing Tatum und einen Becher Rocky Road besorgt.«

Das lasse ich mir nicht zweimal sagen.

Montag, 27. August
7:15 Uhr

Ich habe eine Weile mit mir gerungen, ob ich im Morgengrauen joggen gehen soll, und mich dann dagegen entschieden. Eigentlich laufe ich jeden Morgen, außer an Sonntagen, aber ich schaffe es einfach nicht, mich deswegen heute noch früher als sonst aus dem Bett zu quälen. Es ist schon hart genug, dass gleich mein erster »richtiger« Schultag beginnt. Ich kann auch nach dem Unterricht noch eine Runde einschieben.

Zum Glück habe ich seit einem Jahr ein eigenes Auto, weshalb ich nicht auf jemand anderen angewiesen bin, um pünktlich zu kommen. Ich bin sogar so überpünktlich, dass erst zwei andere Wagen vor dem Gebäude parken und ich die freie Platzwahl habe.

Die Dreiviertelstunde bis Unterrichtsbeginn nutze ich, um mir den Sportplatz anzusehen. Ich will mich fürs Leichtathletik-Team bewerben, und da kann es nichts schaden, sich schon mal über die Örtlichkeiten zu informieren. Außerdem habe ich keine Lust, im Wagen sitzen zu bleiben und die Minuten zu zählen.

Auf der Aschebahn zieht ein einsamer Läufer seine Runden. Ich steige die Tribüne hinauf, setze mich und sehe mich um. Von hier oben aus kann ich das gesamte Gelände überblicken, das trotz der Größe der Schule längst nicht so einschüchternd wirkt, wie ich befürchtet hatte. Six hat mir zur Vorbereitung einen Lageplan gezeichnet und zusätzlich ein paar Verhaltenstipps aufgeschrieben, die ich mir allerdings noch nicht durchgelesen habe. Vielleicht sollte ich das jetzt nachholen. Obwohl es süß ist, dass sie sich so viel Mühe gibt, finde ich ihre Fürsorge fast schon übertrieben. Wahrscheinlich hat sie ein schlechtes Gewissen, weil sie nicht bei mir sein kann.

Als ich die Skizze betrachte, habe ich das Gefühl, dass ich mich schnell zurechtfinden werde. Der große Kasten rechts von mir ist das Hauptgebäude mit den Klassenräumen, im Anbau links daneben befindet sich die Cafeteria und hinter dem Sportplatz liegt die Sporthalle.

Auf der Rückseite des Zettels stehen ihre Tipps.

Die Liste geht noch weiter, aber ich fühle mich schon jetzt ziemlich überfordert. Der Satz »Sie können deine Angst riechen« macht mich nervös. In Momenten wie diesen bedauere ich es besonders, kein Handy zu haben. Sonst könnte ich Six anrufen und sofort eine Erklärung verlangen. Ich falte den Zettel zusammen, stecke ihn in den Rucksack zurück und richte meine Aufmerksamkeit auf den Typen, der jetzt mit dem Rücken zu mir auf der Aschebahn sitzt und Dehnübungen macht. Er ist entweder in der Oberstufe oder ein noch ziemlich junger Sportlehrer, jedenfalls hat er einen unglaublich durchtrainierten Körper. Ich wünschte, Grayson wäre hier und könnte ihn sehen, das würde ihn ein bisschen Demut lehren und er würde vielleicht nicht mehr bei jeder Gelegenheit mit seinen Bauchmuskeln protzen.

Der Typ steht auf und schlendert an der Tribüne vorbei, ohne zu mir aufzusehen. Er geht durchs Tor auf einen der Wagen zu, öffnet die Tür, greift sich ein T-Shirt vom Sitz und zieht es sich über den Kopf. Danach setzt er sich hinters Steuer und fährt vom Parkplatz, der sich in der Zwischenzeit merklich gefüllt hat. Immer mehr Wagen biegen in die Einfahrt und Grüppchen von Schülern strömen auf das Hauptgebäude zu.

Okay, es ist so weit.

Ich greife nach meinem Rucksack, schlüpfe absichtlich mit beiden Armen durch die Riemen und marschiere dann entschlossen die Stufen hinunter direkt auf den Schlund der Hölle zu.

*

Habe ich Hölle gesagt? Das war untertrieben. Die Highschool ist so, wie ich sie mir in meinen düstersten Fantasien ausgemalt habe, bloß noch schlimmer. Mittlerweile bin ich seit vier Stunden hier und fange an, meine Entscheidung ernsthaft zu bereuen. Im Unterricht komme ich locker mit, das ist nicht das Problem, aber ich bin aus Versehen doch auf das Klo neben dem Chemiesaal gegangen (woher soll ich denn auch wissen, welches der Chemiesaal ist?) und habe Dinge gesehen, die mich wahrscheinlich für den Rest meines Lebens traumatisiert haben. Sky hätte ihre Warnung ruhig etwas deutlicher formulieren können.

Noch unangenehmer ist die Tatsache, dass ständig irgendwelche Mädchen im Gang hinter meinem Rücken »Schlampe« zischen. Und als ich gerade meinen Spind aufgeschlossen habe, fielen mir ein Haufen zerknitterter Dollarnoten und ein Brief entgegen, der meinen Eindruck verstärkte, dass ich hier nicht sonderlich willkommen bin. Das Schreiben war zwar mit dem Namen unseres Schulleiters unterzeichnet, aber ich kann mir nur schwer vorstellen, dass er »Herzlich wilkommen« mit nur einem l schreiben würde. Der mit Rechtschreibfehlern gespickte Satz »Leider konten wir aus Plazgründen keine Pol-Dancing-Stange in deinen Spint einbauen, Schlampe« klingt irgendwie auch nicht nach Schulleitung.

Aber das ist alles meine eigene Schuld. Niemand hat mich gezwungen, auf die Highschool zu gehen, weshalb mir nichts anderes übrig bleibt, als die Zähne zusammenzubeißen und mich in mein Schicksal zu fügen. Eigentlich hätte ich gedacht, solche ausgeklügelten Mobbingaktionen würde es nur in Büchern und Filmen geben, aber das war wohl ein Irrtum. Wobei ich zugeben muss, dass ich den Stripperinnen-Gag gar nicht so übel finde. Von mir aus können die ruhig so weitermachen. Im Ernst, wie dämlich muss man sein, damit man jemandem Geld schenkt, um ihn zu demütigen? Antwort: Sehr dämlich. Und definitiv zu reich.

Ich bin mir sicher, dass die gackernden Mädchen in den Designerklamotten, die ein paar Meter weiter weg stehen, erwarten, dass ich das Geld liegen lasse und mich hysterisch weinend aufs nächste Klo flüchte. Leider muss ich sie enttäuschen.

Denn erstens weine ich nicht. Nie.

Zweitens war ich bereits auf diesem Klo und werde garantiert nicht noch mal reingehen.

Und drittens kann ich Geld immer gut gebrauchen. Warum sollte ich darauf verzichten?

Also stelle ich stattdessen meinen Rucksack ab und sammele die Scheine auf. Es sind mindestens zwanzig Dollar, die auf dem Boden liegen, und im Spind finde ich noch einmal zehn. Ich lege die Bücher zurück, die ich nicht mehr brauche, nehme die Unterlagen für die nächsten Kurse heraus und schließe den Spind ab. Danach schiebe ich die Arme (beide!) durch die Riemen meines Rucksacks, drehe mich lächelnd um und flöte: »Richtet euren Daddys bitte aus, dass ich mich sehr über die kleine Anerkennung freue. Danke.« Mit diesen Worten gehe ich an den (jetzt nicht mehr gackernden) Mädchen vorbei und ignoriere ihre hasserfüllten Blicke.

*

Als es zur Mittagspause gongt und ich mit einem Blick aus dem Fenster feststelle, dass es in Strömen regnet, ist klar, dass sich die Schicksalsgöttin an irgendjemandem rächen möchte. Ich weiß nur nicht, an wem.

Aber ich stehe das durch.

Mutig lege ich beide Hände an die Schwingtüren zur Cafeteria und stoße sie auf. Ich wäre nicht überrascht gewesen, wenn ich von Feuerschein und Schwefelgestank empfangen worden wäre, aber das Einzige, was mich erwartet, ist Höllenlärm. Solche schrillen Dezibelgrade habe ich in meinem ganzen Leben noch nie gehört. Es kommt mir vor, als würde jeder einzelne Schüler in dieser Cafeteria versuchen, alle anderen zu überbrüllen. Six’ Tipp folgend, gebe ich mir größte Mühe, selbstbewusst zu wirken, um nicht die Aufmerksamkeit von Zickencliquen, Prolltypen, Psychopathen – oder womöglich Grayson – auf mich zu ziehen. Es gelingt mir, mich ohne irgendwelche Zwischenfälle immerhin bis zur Essensausgabe durchzukämpfen, als sich eine Hand um meinen Oberarm schließt. Ich fahre herum.

»Da bist du ja endlich. Ich hab schon auf dich gewartet«, sagt ein Typ, von dessen Gesicht ich nur einen kurzen Eindruck erhasche, weil er sich sofort umdreht und mich an der Hand hinter sich her durch die riesige Cafeteria zieht. Unter normalen Umständen würde ich mich losreißen und ihn fragen, was ihm einfällt, aber ich muss zugeben, dass ich neugierig bin.

Soweit ich es von hinten beurteilen kann, hat er einen ziemlich eigenen – um nicht zu sagen eigenartigen – Geschmack. Er trägt ein pink-schwarz kariertes Flanellhemd, leuchtend pinke Chucks und eine enge schwarze Jeans, die seine Figur sehr gut zur Geltung bringt … auch wenn die in seinem Fall eher dürr und knochig ist. Die dunklen Haare sind an den Seiten rasiert und oben länger. An einem der Tische bleibt er stehen und dreht sich grinsend zu mir um. Meine Hand hat er mittlerweile losgelassen.

»Freut mich, dich kennenzulernen. Ich hab gehört, dass du so ungefähr die größte Hure der Welt bist.« Sein freundliches Lächeln steht in krassem Gegensatz zu dem, was er gerade gesagt hat. Er nimmt am Tisch Platz und bedeutet mir mit einer Handbewegung, mich ihm gegenüber zu setzen. Vor ihm stehen zwei Tabletts mit Essen, aber außer ihm und mir ist niemand da. Auf meinen erstaunten Blick hin schiebt er das zweite Tablett in meine Richtung. »Setz dich. Ich möchte mich mit dir verbünden.«

Statt mich zu setzen, bleibe ich erst mal stehen und analysiere die Situation. Ich habe keine Ahnung, wer dieser Typ ist und weshalb er behauptet, er hätte mich erwartet. Ganz zu schweigen davon, dass er mich eben Hure genannt hat und anscheinend zum Mittagessen einladen möchte. Während ich ihn skeptisch betrachte und zu ergründen versuche, was das alles soll, fällt mein Blick auf den Rucksack, der neben ihm auf einem Stuhl steht und aus dem ein Buch herausschaut. Eindeutig kein Schulbuch, sondern ein Roman. Eigentlich dachte ich, die meisten Jungs in meinem Alter würden nur im Internet surfen oder vor der Spielkonsole sitzen. »Du liest?«, frage ich überrascht. Ich ziehe das Buch, dessen Titel mir nichts sagt, aus dem Rucksack und setze mich ihm gegenüber. »Was für ein Genre? Bitte sag jetzt nicht Dystopie …«

Er lehnt sich breit grinsend zurück, als hätte er gerade im Lotto gewonnen. Vielleicht fühlt er sich wirklich so. Immerhin sitze ich ihm gegenüber. »Was spielt das Genre für eine Rolle, solange das Buch gut ist?«, fragt er.

Irgendwie sieht das Cover verdächtig nach Liebesroman aus. Sagte ich schon, dass ich absolut süchtig bin nach Liebesromanen?

»Ist es das denn?« Ich sehe ihn fragend an. »Gut, meine ich?«

»Sogar sehr gut. Du kannst es dir gern ausleihen. Ich hatte gerade Informatik, da hab ich es fertig gelesen.«

Ich sehe ihn an. »Gerne. Danke.« Nachdem ich das Buch in meinen Rucksack gesteckt habe, beuge ich mich vor und inspiziere mein Tablett. Als Allererstes drehe ich die Milch um und checke das Verfallsdatum. Alles in Ordnung. »Und was, wenn ich Vegetarierin bin?«, frage ich und deute auf den Salat mit gebratenen Hühnerbruststreifen.

»Dann kannst du alles drum herum essen«, antwortet er.

Ich nehme die Gabel, spieße ein Stückchen Hühnerbrust auf und stecke es mir in den Mund. »Glück gehabt«, sage ich.

Er lächelt und beginnt ebenfalls zu essen.

»Gegen wen soll ich mich denn mit dir verbünden?« Ich würde gern wissen, warum er sich ausgerechnet mich ausgesucht hat.

Er blickt auf und macht eine Geste, die die gesamte Cafeteria umfasst. »Schau dich doch um. Gegen die Arschlöcher, die Dummschwätzer, die Heuchler und die Zicken.« Als er die Hand wieder sinken lässt, fällt mir auf, dass seine Nägel schwarz lackiert sind. Er bemerkt meinen Blick und sieht stirnrunzelnd auf seine Finger. »Ich fand, dass Schwarz meine aktuelle Stimmung gut widerspiegelt. Wenn du mich in meinem Kampf unterstützt, lackiere ich sie vielleicht in einem etwas sonnigeren Farbton. Was hältst du von Gelb?«

Ich schüttele den Kopf. »Gelber Nagellack sieht eklig aus. Bleib lieber bei Schwarz, das passt zur Farbe deines Herzens.«

Er lacht. Es ist ein aufrichtiges, echtes Lachen, das mich zum Lächeln bringt. Ich muss sagen, dass mir dieser Typ, dessen Namen ich noch nicht einmal weiß, spontan sympathisch ist. »Wie heißt du eigentlich?«, frage ich.

»Breckin. Und du bist Sky. Jedenfalls hoffe ich, dass du es bist. Wahrscheinlich wäre es klüger gewesen, mir erst mal deinen Ausweis zeigen zu lassen, bevor ich dich in meinen teuflischen Plan einweihe, mit deiner Hilfe die Herrschaft über diese Schule an mich zu reißen.«

»Keine Sorge, ich bin Sky. Und noch hast du mir ja keine Einzelheiten deines teuflischen Plans verraten. Aber es würde mich trotzdem interessieren, woher du weißt, wer ich bin. Ich kenne an dieser Schule gerade mal vier oder fünf Jungs und mit denen habe ich persönlich rumgeknutscht. Du warst nicht dabei. Also: Woher kennst du mich?« Für den Bruchteil einer Sekunde bilde ich mir ein, so etwas wie Mitleid in seinen Augen aufblitzen zu sehen. Er hat Glück, dass es nur ein ganz kurzer Moment war.