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Für meine Eltern

Übersetzung aus dem Dänischen von Hanne Hammer

Vollständige E-Book-Ausgabe der im Piper Verlag erschienenen Buchausgabe

1. Auflage 2014

ISBN 978-3-492-96753-2

© Julie Hastrup & Rosinante & Co., Copenhagen 2013.

Published by agreement with Gyldendal Group Agency.

Titel der dänischen Originalausgabe:

»Portræt af døden«, Rosinante & Co 2013

Deutschsprachige Ausgabe:

© Piper Verlag GmbH, München 2014

Covergestaltung und Artwork: Cornelia Niere, München

Covermotiv: Christie Goodwin/Arcangel (Frau)

Datenkonvertierung: Kösel Media GmbH, Krugzell

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DONNERSTAGABEND

Ich stelle mir vor, wie sie vor dem Spiegel steht und sich fertig macht – für mich. Das Badezimmer dampft nach der heißen Dusche, und sie wischt mit der Hand über den beschlagenen Spiegel. Dann dreht sie den Deckel der Puderdose auf, greift nach dem dicken, kurzen Pinsel und pudert dezent ihr Gesicht. Sie weiß, dass der Puder sich nicht in die feinen Fältchen legen darf, denn das ließe sie älter aussehen, als sie ist. Sie legt Rouge auf, lässt es über den Wangenknochen verlaufen. Die Konsistenz der Schminke hat sich über die Jahre ebenso geändert wie die Farben. Die Modezeitschriften empfehlen ein jugendliches Pink oder Apricot, ich bevorzuge ein gedecktes Braun, einen Bronzeton. Sie beugt sich zum Spiegel vor, trägt entlang des Amorbogens eine fettige Schicht Lippenstift auf und verteilt ihn, indem sie die Lippen aufeinanderpresst. Dabei kneift sie die Augen leicht zusammen. Sie braucht eine Lesebrille, ist jedoch noch nicht so weit, dass sie sich eine Gleitsichtbrille verordnen ließe. So alt fühlt sie sich nun auch wieder nicht. Als Letztes kommt die Wimperntusche. Sie darf nicht klumpen, jede Wimper muss sich voll entfalten können. Es ist eine Kunst, Mascara perfekt aufzutragen – das weiß ich von mir selber.

Ich glaube, sie hält die Luft an, als sie ihre Hose anzieht. Sie fragt sich, ob die durchsichtige Spitzenbluse zu viel des Guten ist, zu verführerisch für ein erstes Treffen. Schließlich knöpft sie den Blazer zu und fährt sich durch die Haare, reißt die Augen auf, spitzt den Mund und lächelt vorsichtig ihr Spiegelbild an, probeweise.

Sie schaltet das Licht aus, ein Fenster nach dem anderen wird dunkel. Dann greift sie nach ihrem Mantel und einem großen Wolltuch, und einen Moment, einen kurzen Moment nur, überlegt sie, ob sie die Wollmütze aufsetzen soll, doch die Eitelkeit siegt.

Ich ziehe mich ganz in die Toreinfahrt zurück, als ich sie aus der Haustür treten sehe. Sorgfältig schließt sie die Tür, es soll kein Fremder ins Haus kommen. Sie fingert an ihrem Tuch herum, bindet es fester um den Hals und geht mit kleinen, schnellen Schritten die Straße entlang. Auf einmal fällt mir auf, dass ihre Größe nicht stimmt. Sie ist zu klein, sie kann unmöglich einen Meter fünfundsiebzig sein, wie sie behauptet hat. Ärger steigt in mir auf. Einen kurzen Augenblick ziehe ich in Betracht, den ganzen Plan aufzugeben, doch dann macht sie eine Bewegung, die so anmutig ist, dass ich sofort wieder Feuer und Flamme bin. Sie eilt die Straße entlang, so schnell das bei dem Matsch möglich ist. Es scheint ihr wichtig zu sein, dass sie sich vor unserem Treffen nicht schmutzig macht, weshalb sie beinahe trippelt. Ich lasse sie nicht aus den Augen. Ich genieße dieses kleine Ich-sehe-dich-Spiel. Sie ist die Beute, ich bin das Raubtier, und sie hat nicht die geringste Ahnung davon.

In den Straßen der Stadt liegt der Schnee hoch, er dämpft alle Geräusche – dämpft unsere Schritte. Die Leute behaupten, die Winter würden immer kälter und niederschlagsreicher. Dem stimme ich nicht zu. Die Winter sind genauso, wie ich sie aus meiner Kindheit kenne: kalt, dunkel und endlos, mit nackten, schwarzen Bäumen, die sich sehnsüchtig der bleichen Wintersonne entgegenstrecken, mit gelber Hundepisse im grauweißen Schnee und einer schneidenden Kälte, die den Körper noch gefühlloser macht, als er ohnehin schon ist.

Bald werden wir uns treffen. Sie wird mich interessiert ansehen. Nach ein paar Drinks werde ich ihr vorschlagen, zu mir nach Hause zu fahren. Ihr wird schwindelig, sie wird nicht sie selbst sein, und für einen Moment wird ihr Blick vor Unsicherheit flackern, doch ich werde ihr ein überzeugendes Lächeln schenken, ein Lächeln, von dem die Leute weiche Knie bekommen. Schon meine Mutter hat gesagt: »Mit diesem Lächeln bekommst du alles von den Leuten, mein Junge. Einfach alles.«


»Verdammt!«

Rebekka stieß einen lauten Fluch aus, während sie sich bemühte, zwischen den Schneehügeln zu parken, die sich wie eine Gebirgskette entlang des Straßenrands vor ihrer Parterrewohnung im Valbygårdsvej türmten. Die heftigen Niederschläge in diesem Monat hatten die Schneeberge steinhart und zu einer täglichen Herausforderung für die Autofahrer werden lassen. Nach einigen Minuten gelang es ihr schließlich, das Auto so nahe wie möglich an der derzeit unsichtbaren Bordsteinkante zu parken. Um aus dem Wagen zu steigen, musste sie auf den Beifahrersitz hinüberklettern, und als sie endlich auf der spiegelglatten Straße stand, wäre sie in ihren Stiefeletten beinahe ausgerutscht.

Die Dunkelheit lastete schwer auf dem Haus, und einen kurzen Moment machten die schwarzen, viereckigen Fenster sie melancholisch. Mit kalten, steifen Fingern hob sie ein paar Einkaufstaschen aus dem Kofferraum und ging zitternd vor Kälte auf den Hauseingang zu. Sie hatte den ganzen Tag gefroren, und wie viele Lagen sie auch anzog, ihr war nicht warm geworden. Aber morgen ...

Sie stellte die Tüten in der Diele ab und betätigte den Lichtschalter. Der weiß gestrichene Flur offenbarte sich vor ihr, und sie seufzte erleichtert auf. Es war niemand da. Natürlich nicht. Trotzdem musste sie die Wohnung Quadratmeter für Quadratmeter abgehen und sämtliche Lampen und das Radio anschalten, um sich entspannen zu können. Sie begann im Esszimmer. Nein, niemand versteckte sich unter dem Esstisch, auch im Wohnzimmer mit dem weißen Sofa war kein Mensch – ebenso wenig wie im unmöblierten Arbeitszimmer. Ihr Rundgang endete im Schlafraum, der zum Garten hinausging. Sie stützte sich mit der Hand gegen die Schrankwand und öffnete schnell erst die eine und dann die anderen Schranktüren, bis schließlich alle offen standen. Kein Gewaltverbrecher versteckte sich zwischen den Kleidern und wartete auf sie. Sie atmete tief durch, bückte sich schnell und vergewisserte sich, dass auch unter dem Doppelbett nur Wollmäuse herumlungerten.

Zurück in der Diele, griff sie nach den Einkaufstüten, stieß die Tür zum Badezimmer auf – auch dort versteckte sich niemand – und ging in die hellgraue Küche. Das helle Licht und die Stimmen aus dem Radio verdrängten die Unruhe aus ihrem Körper. Mit routinierten Handgriffen packte sie die Lebensmittel aus und inspizierte ihren Einkauf: drei Flaschen guter Rotwein, ein knuspriges Landbrot, einige Stücke Käse, ein Glas Oliven und ein paar gesalzene Mandeln. Sie räumte alles ein und wärmte sich an dem Gedanken an Niclas, der bald von Stockholm nach Kopenhagen fliegen würde, um ein verlängertes Wochenende mit ihr zu verbringen. Wenn Niclas bei ihr war, fühlte sich alles sicher an, warm und geborgen, wie eine mollige Decke, die sie über ihre Angst ziehen und damit verschwinden lassen konnte.

Rebekka fuhr sich mit der Hand durchs Haar. Sie war sich sehr wohl bewusst, dass ihre Angst eine Reaktion auf das erschütternde Erlebnis vor einigen Monaten war, als sie in ihrem Sommerhaus um Haaresbreite von ihrem Mentor ermordet worden wäre. Dieses traumatische Geschehen hatte mit großer Wahrscheinlichkeit auch zu der Fehlgeburt geführt, bei der sie ihr ungeborenes Kind verloren hatte. Obwohl sie zunächst geglaubt hatte, die brutalen Vorfälle so gut wie möglich verarbeitet zu haben, musste sie nun feststellen, dass die Angst sich langsam bei ihr eingenistet und sich ihrer Abende und Nächte bemächtigt hatte. Sie musste nicht nur ihre Wohnung durchsuchen, um abschalten zu können, sondern sie brauchte außerdem jeden Abend ein paar Gläser Wein, und wenn es sehr schlimm war, konnte nur die Gesellschaft anderer Menschen ihre Angst eindämmen. Meistens kamen ihre Freundin Dorte oder ihr Kollege Reza vorbei. Insbesondere mit Reza konnte sie gut reden, wenn sie Angst hatte. Reza hatte ihr an jenem Morgen das Leben gerettet, und seitdem bestand ein enges Band zwischen ihnen.

Einen kurzen Augenblick erwog sie, ihn anzurufen, ihn zum Essen und zu einem Glas Rotwein einzuladen, doch dann verwarf sie den Gedanken. Sie musste lernen, alleine klarzukommen, verdammt noch mal. Als Ermittlerin bei der Mordkommission war sie doch diejenige, bei der man Schutz suchte.

Sie sollte sich etwas zu essen machen, dachte sie, öffnete den Kühlschrank und starrte in das halb leere Innere. Pasta mit Pesto und geriebenem Parmesan als Hauptgericht. Sie rümpfte die Nase und konnte sich nicht einmal dazu aufraffen, Teewasser aufzusetzen.

Ihr Handy klingelte. Sie war ein ganz klein wenig enttäuscht, als sie sah, dass es Dorte war. Sie meldete sich und bemühte sich darum, unbeschwert zu klingen. Dorte war trotz allem ihre engste Freundin, oder genau genommen ihre einzige, und in den fünfzehn Jahren, die sie sich kannten, hatten sie so gut wie alles miteinander geteilt. Das letzte halbe Jahr war für ihre Freundin wirklich hart gewesen. Dorte und ihr Mann Hans-David hatten sich entschlossen, in ihrer zehn Jahre langen Beziehung eine Pause einzulegen – eine Entscheidung, auf die ihre beiden kleinen Kinder, Alma und Anton, heftig reagiert hatten. Auch Dorte hatten angesichts ihres Entschlusses Zweifel befallen, und Rebekka hatte viele Stunden mit ihr geredet und alle anstehenden Fragen mit ihr erörtert.

»Sag mal, Bekka, bist du allein, oder ist Niclas schon da?«

»Er kommt erst morgen. Warum?« Rebekka kramte in ihrem Sekretär im Esszimmer herum und entdeckte schließlich eine halb zerknüllte Zigarettenpackung, aus der sie sich eine herauszog und anzündete – eine weitere schlechte Angewohnheit, die sie seit Jahren abzulegen versuchte. Sie sah sich als Gesellschaftsraucherin, das Problem war nur, dass in diesem Fall auch ihre eigene Gesellschaft zählte, weshalb sie mehrmals in der Woche allein rauchte. Genüsslich inhalierte sie den Rauch bis tief in die Lungen.

»Kann ich vorbeikommen? Ich muss dir etwas erzählen. Ich habe jemanden kennengelernt.«

Dortes Stimme zitterte vor Begeisterung.

»Nicht zu fassen! Erzähl!«

Rebekka freute sich aufrichtig für ihre Freundin. Dorte hatte in der letzten Zeit immer wieder betont, was für ein Glück Rebekka doch mit Niclas habe, und außerdem zugegeben, dass auch sie sich danach sehne, ihr Leben wieder mit jemandem zu teilen.

»Ist es okay, wenn ich kurz rüberkomme? Ich habe morgen Spätdienst und muss einfach mit jemandem reden.«

Rebekka war nach ihrem langen Arbeitstag müde, doch Dortes Vorschlag hatte eine belebende Wirkung, und sie willigte schnell ein, woraufhin Dorte in ein solches Jubelgeschrei ausbrach, dass Rebekka die Ohren klingelten.


Eine Tafel Marabou-Nussschokolade und ein paar selbst gebackene Vanillekränzchen. Ihre eigenen waren die besten, mürbe und mit Butter und echter Vanille gemacht. Sie hatte das Rezept von ihrer Tante geerbt. Astrid Hemmingsen ließ sich reichlich Zeit, die Leckereien in einer Porzellanschale mit dem bekannten blauen Muschelmuster anzurichten. Die Schokolade wurde in Stücke gebrochen, die Kekse wurden fächerförmig angeordnet – es sollte schließlich appetitlich aussehen. Im DVD-Spieler lag der Film bereit. Eine Liebeskomödie, ihr Lieblingsgenre. Geruhsam wippte sie mit den Füßen auf und ab, während sie wartete, bis der Tee lange genug gezogen hatte, eine Venenpumpübung, die sie in ihrer wöchentlichen Pilatesgruppe gelernt hatte. Ihr Blick fiel auf die leeren Seiten des aufgeschlagenen Terminkalenders, und plötzlich ergriff sie eine heftige Melancholie. Am 31. Januar würde sie ein halbes Jahrhundert alt werden. Es waren noch ein paar Wochen bis dahin, und allein der Gedanke daran ließ ihr Herz flattern. Fünfzig Jahre. Sie ließ die Zahl auf der Zunge zergehen, eine Zahl, die zementierte, dass sie die mittleren Jahre erreicht hatte. Mittelalt, ausgedient, fertig, Schluss.

Sie öffnete den Küchenschrank, griff nach der Keksdose und legte noch etwas Gebäck ins Schälchen. Nachdem sie festgestellt hatte, dass der Tee noch nicht fertig war, griff sie nach einem Stück Schokolade und steckte es sich in den Mund. Die Nüsse knirschten zwischen den Zähnen, die Schokolade schmolz auf der Zunge, sie kaute eifrig, konnte es kaum abwarten, die Masse hinunterzuschlucken, um sich noch ein Stück zu nehmen. Wieder sah sie nach dem Tee, der inzwischen lange genug gezogen hatte, nahm das Teesieb aus der Kanne und balancierte das Tablett ins Wohnzimmer. Ihre weichen Pantoffeln erzeugten ein flappendes Geräusch auf dem Läufer in der Diele. Im Vorbeigehen sah sie sich selbst im Spiegel und blieb abrupt stehen, konfrontiert mit dem jämmerlichen Anblick einer fast fünfzigjährigen Frau, der ein weiterer einsamer Abend mit ihrem Fernseher und ihren Süßigkeiten bevorstand. Sie stellte das Tablett auf der alten Kommode ab, betrachtete sich kritisch und studierte jeden Zentimeter ihrer einen Meter zweiundachtzig großen Gestalt aufs Genaueste. Den kleinen Kopf, die tiefen Falten, die an den schmalen, blutleeren Lippen entlang verliefen. Die dunklen, großen Augen, die in jungen Jahren von einem strahlenden Braun gewesen waren, deren Farbe inzwischen aber verblasst war und aus denen sie ihre Umwelt mit einem matten Blick musterte. Ihr Haar war immer ihr ganzer Stolz gewesen. Es war lang und kräftig und fiel in hübschen Wellen, doch sie hatte es nie richtig gepflegt, sondern nur mit einer billigen Bürste aus dem Supermarkt gebürstet, die einem fast die Haare ausriss. In all den Jahren hatte sie es einfach nicht geschafft, sich nach einer anderen, besseren umzusehen. Sie hatte stets an Shampoos, teuren Haarkuren und Besuchen in schicken Friseursalons gespart, und jetzt sah sie, dass das Alter auch hier zugeschlagen hatte. Die meisten ihrer dunkelbraunen Haare waren struppigen grauen gewichen, die überall hervorsprossen und sie älter aussehen ließen, verbraucht. Ihr fülliger Busen versteckte sich unter einer wenig kleidsamen Hemdbluse, die ein wenig spannte. Ihr Bäuchlein war ihr Schwachpunkt, doch wenn sie die Luft anhielt, sah sie ganz okay aus, zwar nicht schlank und sportlich, aber immerhin einigermaßen normalgewichtig. Astrid schauderte dankbar bei dem Gedanken daran, wie viele Süßigkeiten sie aß, denn ihr war durchaus bewusst, dass sie gnädig davongekommen war. Es stand außer Frage, dass sie das ihrer Größe zu verdanken hatte. Wäre sie kleiner gewesen, hätte man sie als dick bezeichnen müssen. Doch das war auch der einzige Pluspunkt, den ihre Größe mit sich brachte. Als Kind und vor allem als Jugendliche hatte sie darunter gelitten – die Größe hatte ihrer Gestalt etwas Bedrohliches gegeben.

Sie trat einen Schritt zurück und kniff die Augen zusammen. Sollte sie sich selbst und ihr Leben, mit einem einzigen Wort beschreiben, wäre es das Wort »vertan«. Sie hatte ihr Leben verschwendet, ihre Chancen verspielt, und jetzt, da ihr runder Geburtstag sich unaufhaltsam näherte, traf diese Erkenntnis sie noch heftiger. Zugleich war die Hoffnung auf eine Änderung, der Glaube, dass sie etwas tun, den Kurs noch korrigieren konnte, ein für alle Mal verschwunden.

Tränen stiegen ihr in die Augen, und sie blinzelte sie schnell fort. Die Dunkelheit verdichtete sich vor den Fenstern, eine Dunkelheit, die sie normalerweise als beruhigend empfand und in der man sich unter warmen Decken und mit Süßigkeiten verkriechen konnte, die ihr jetzt jedoch die Luft zum Atmen nahm. Man konnte sie von draußen durch die erleuchteten Fenster sehen, wie einen Hamster in einem Käfig. Schnell zog sie die Gardinen vor.

Wie hatte sie so enden können? Als alte Jungfer mit einer Festanstellung als Bibliothekarin in der Zentralbücherei, einem schweren Damenfahrrad mit drei Gängen und einer Dreizimmerwohnung in der Nansensgade, in der sie gewohnt hatte, seit sie vor dreißig Jahren zu Hause ausgezogen war. Ihre Mutter hatte sie im nur hundert Meter entfernten Elternhaus in der Vendersgade zurückgelassen, von wo aus man einen Blick auf den alten Gemüsemarkt hatte, wo mittlerweile die neuen Markthallen standen, zwei gläserne Gebäude voller Delikatessen.

Damals war sie voller Lebensmut gewesen. Sie erinnerte sich, wie sie mit ihrem Koffer auf dem Bürgersteig gestanden hatte. Ein kleiner Möbelwagen hatte bereits ihre wenigen Möbel in die frisch gestrichene Wohnung gebracht, und sie wusste noch, wie sich die Sonne in ihrer großen honigfarbenen Sonnenbrille gespiegelt und Goldfäden über die Steinplatten gesponnen hatte.

Sie schnaubte. Was war sie naiv gewesen! Und in gewisser Weise war sie das immer noch. Sie hatte nicht viel erlebt in ihren fast fünfzig Jahren auf dieser Erde. Manchmal verglich sie sich mit einem übersehenen Paket, das man ganz hinten in dem verstaubten Postregal vergessen hatte. In jungen Jahren waren ihre Träume groß und hochtrabend gewesen. An der Sorbonne in Paris hatte sie studieren wollen. Immer wieder hatte sie sich ausgemalt, wie sie während der Kirschblüte mit einer Tasche voller Bücher an der Seine entlangspazierte und mit einem Café crème und einem Croissant in einem der vielen Straßencafés saß und die Leute studierte, die an ihr vorbeiflanierten. Sie hatte sich vorgestellt, dass die Franzosen sie auf eine geheimnisvolle Weise attraktiv fanden, dass sie die Muse irgendeines Künstlers wurde und vielleicht selbst eines Tages mutig genug war, etwas zu schreiben.

Als sie die Sorbonne-Phantasie hinter sich gelassen und Bibliothekarin geworden war, hatte sie davon geträumt, nach Alaska zu gehen. Natur und Stille hatten sie schon immer fasziniert, und schließlich musste es auch dort Bibliotheken und Buchhandlungen geben. Die Möglichkeiten lagen vor ihr aufgereiht, man musste nur die Hand danach ausstrecken wie nach den Waren in den Regalen im Supermarkt, doch aus Angst, nur Luft zu greifen, hatte sie die Hände nie ausgestreckt. Sie war ein wenig in Europa herumgereist, unter anderem nach Spanien, doch das war wirklich nichts Besonderes. Sie war nichts Besonderes. Sie erinnerte sich an einen Urlaub mit ihrer Mutter, als sie Ende zwanzig war. Sie waren in den kleinen nordspanischen Badeort Palamós gereist, und der Urlaub war von Anfang an eine Katastrophe gewesen. Sie hatten sich unablässig gestritten, und jeden Abend hatte Astrid mehrere Gläser Sangria in sich hineingeschüttet, während ihre Mutter abwechselnd die Kellner herumkommandiert und auf ihr herumgehackt hatte. Der letzte Abend des Ferienaufenthalts jedoch war ihr in Erinnerung geblieben, dabei war die Episode so unvorstellbar banal gewesen. Der Barkeeper Juan hatte hemmungslos mit ihr geflirtet, nachdem ihre Mutter ins Bett gegangen war und Astrid allein mit der Sangria zurückgelassen hatte. Juan hatte darauf geachtet, dass es ihr an nichts fehlte, und sie mit Komplimenten überschüttet, die sie mit einer Gier in sich aufgenommen hatte, die sie selbst überraschte. Im Grunde hatten sie nicht viel gemeinsam gehabt, und Juan hatte vermutlich keine anderen Bücher gelesen als die, zu deren Lektüre man ihn in der Schule gezwungen hatte. Doch es hatte so wundervoll im Bauch gekribbelt – von den süßen Worten in dem unbeholfenen, mit Spanisch vermischten Englisch, von den braunen Augen und den olivenfarbenen Händen, die sich nach ihr ausgesteckt hatten, erst nach ihren Schultern, dann nach ihrem Arm und schließlich nach ihrem Schoß. Als die Bar um Mitternacht schloss, hatte Juan darauf bestanden, sie zurück ins Hotel zu bringen. Keine Frau sollte nachts allein nach Hause gehen, hatte er gesagt, man wisse ja nie. Ihr war schwindelig gewesen von der Sangria, sie war es nicht gewohnt, so viel zu trinken, und sie war glücklich gewesen, sich auf ihn stützen zu können. Die Nacht war lau gewesen, und sie waren die Strandpromenade entlangspaziert, und plötzlich hatte Juan sie an der Taille gepackt und feurig geküsst. Ihre Zungen hatten sich ineinander verschlungen, sich zurückgezogen und wieder vereint, und bis heute erinnerte sich Astrid an den Geschmack von säuerlichem Alkohol und fremdem Mann. Die Küsse hatten sie überrumpelt, und wäre sie nicht so betrunken gewesen, hätte sie ihn weggestoßen, sie war beträchtlich größer als er, vermutlich auch stärker, doch der Alkohol hatte sie tollkühn gemacht, und sie hatte sich seinen Berührungen hingegeben, hungrig nach Liebkosungen, wie sie war, und sie waren im Sand zwischen vergessenen Eisstielen und Zigarettenkippen miteinander verschmolzen. Am kommenden Vormittag hatte sie abreisen müssen, und sie hatte ihr schönstes Kleid angezogen, eifrig darauf bedacht, eine gute Erinnerung bei Juan zu hinterlassen. Sie war in das noch geschlossene Lokal gestürmt, doch kein Juan hatte an der Bar gestanden, und eine etwas mürrische Kellnerin hatte ihr erklärt, dass der Mittwoch Juans freier Tag sei. Die Enttäuschung hatte Astrid wie ein Faustschlag getroffen, die Tränen hatten in ihren Augen gebrannt, doch sie hatte Geistesgegenwart genug besessen, schnell ihren Namen und ihre Adresse auf ein Blatt zu kritzeln, das sie aus ihrem Kalender gerissen hatte. Die Kellnerin hatte widerwillig versprochen, Juan den Zettel zu geben, sobald sie ihn sah, und Astrid war nach Hause geflogen. Monatelang hatte sie auf eine Nachricht von ihm gewartet, war nach der Arbeit schnell die Treppe hochgelaufen, um zu sehen, ob vielleicht ein Brief für sie auf der Fußmatte lag. Doch sie war jeden Tag auf Neue enttäuscht worden, und allmählich hatte sie erkennen müssen, dass sie nie etwas von ihm hören würde. Es tat noch immer ein wenig weh, wenn sie daran dachte, obwohl das Erlebnis mehrere Jahrzehnte zurücklag.

Sie riss sich zusammen, griff nach dem Tablett, ging ins Wohnzimmer und setzte sich auf das Sofa. Sie schenkte sich Tee ein, schob sich ein paar Kekse in den Mund und drückte auf Play. Der Film begann, sie spulte zu ihren Lieblingsszenen vor, den Anfang kannte sie längst auswendig. Ryan Gosling und Rachel McAdams erschienen auf dem Bildschirm, und Astrid spürte, wie ihr ein Schauer den Rücken hinunterlief. Sie führte die Tasse zum Mund und trank einen Schluck Tee, um im nächsten Moment festzustellen, dass er nur noch lauwarm war. Sofort spuckte sie ihn zurück in die Tasse. Auf der Mattscheibe küsste Ryan Gosling im strömenden Regen seine Rachel McAdams, und Astrid brach auf einmal in Tränen aus.


»Er ist einfach phantastisch, Bekka. Er ist der wunderbarste Mann, den ich je kennengelernt habe.« Dorte blickte träumerisch vor sich hin.

Sie saßen auf dem Sofa und hatten jede ein großes Glas Rotwein vor sich. Ein paar Stumpenkerzen waren die einzige Lichtquelle, und im Halbdunkel wurden die Silhouetten der beiden Freundinnen an die nüchternen weißen Wände geworfen. Der Wein und Dorte vollbrachten Wunder, stellte Rebekka fest, die sich eine weitere Zigarette anzündete und den Rauch langsam in kleinen Wölkchen ausblies.

»Fang von vorne an. Wo hast du ihn aufgetrieben?«

»Im Internet.«

»Wirklich?«, fragte Rebekka überrascht und verstummte angesichts von Dortes strengem Blick.

»Bevor du etwas sagst, möchte ich hervorheben, dass er sein Profil in keiner Weise beschönigt hat. Wir haben uns zweimal getroffen, und er entspricht voll und ganz meinen Erwartungen, im Grunde genommen übertrifft er sie sogar noch ...«

Dorte lachte vor sich hin, und Rebekka ließ sich anstecken, während die Sehnsucht nach Niclas sich in ihrem Körper ausbreitete, je detaillierter Dorte ihre Dates mit ihrer neuen Flamme beschrieb.

»Ich hätte einfach nicht gedacht, dass du der Typ für Internetbekanntschaften bist.«

»Nein, ich weiß. Das habe ich auch nicht gedacht. Doch vor ein paar Wochen habe ich an einem Abend allein zu Hause gesessen und Hans-David vermisst, das heißt, ich habe nicht ihn vermisst, sondern einfach irgendwen, und da ist mir die Idee mit dem Internet-Dating gekommen. Warum eigentlich nicht? Es kam mir so unkompliziert und in gewisser Weise auch erst mal ziemlich unverbindlich vor. Ich hatte überhaupt nicht damit gerechnet, dass etwas dabei herauskommt.«

»Okay, und jetzt zu den Fakten. Wie heißt er, was macht er, wie sieht er aus, hat er Kinder ...?«

Dorte lächelte.

»Du glaubst es nicht, aber er hat einen supercoolen Job. Er ist Fotograf und hat ein eigenes Studio. Mode, Porträts ... Er heißt Andreas Bruun. Es kann durchaus sein, dass du seine Fotos schon in irgendeinem Modemagazin gesehen hast.«

Rebekka schüttelte den Kopf. Der Name sagte ihr nichts, aber sie las auch nur selten Frauenzeitschriften.

Dorte trank einen Schluck Wein und fuhr fort: »Er sieht phantastisch aus, groß, muskulös, mit blauen Augen und wunderschönen Lachgrübchen ... Also, er sieht so gut aus, dass sein Aussehen fast schon ein Minuspunkt ist. Im Vergleich zu ihm fühle ich mich nämlich alt und dick.«

»Jetzt hör aber auf. Du siehst doch gut aus!«, rief Rebekka und meinte es auch so.

»Du solltest ihn erst mal sehen, Bekka. He is to die for. Und ja, er war noch nie verheiratet, hat keine Kinder, hat noch nie mit einer Freundin zusammengewohnt, sagt er. Und er ist jung.«

»Das ist doch nur ein weiteres Plus. Ich mag auch junge Männer«, sagte Rebekka und fügte grinsend hinzu: »Wie jung ist er, wenn man fragen darf?«

»Er ist siebenundzwanzig, bald achtundzwanzig.«

»Dann ist er zehn Jahre jünger als du. Das ist doch gar nicht so viel ...«

»Elf, um genau zu sein. Du vergisst, dass ich drei Jahre älter bin als du.« Dorte fingerte an ihrer dünnen Halskette herum, an der ein kleines, rundes Goldherz baumelte.

»Das Alter ist nicht so wichtig, Dorte, wenn er verrückt nach dir ist.«

»Schauen wir mal, wie sich das Ganze entwickelt. Wir haben uns ja erst zweimal getroffen. Es ist alles noch so frisch.«

Rebekka verstand genau, was Dorte meinte. Obwohl sie schon ein paar Monate mit Niclas zusammen war, fühlte sich ihre Beziehung noch immer neu und ein wenig zerbrechlich an. Das lag nicht nur an der Entfernung, sondern auch an ihren unkalkulierbaren Jobs und der ständigen Unsicherheit, wann sie sich wohl das nächste Mal sehen würden. Doch genau diese Unsicherheit brachte Spannung in ihre Beziehung, eine Sehnsucht und eine Form des körperlichen Begehrens, wie sie sie noch nie zuvor erlebt hatte.

Rebekka schenkte ihnen nach, während sich ganz leise das schlechte Gewissen bei ihr meldete. Sie musste endlich den Rotwein aus ihrem Leben verbannen. Tagsüber trank sie nie, denn sie hätte nicht im Traum daran gedacht, während der Arbeit unter Alkoholeinfluss zu stehen, aber abends ... Das musste ein Ende haben. Morgen ... Da fiel ihr Niclas ein und die Tatsache, dass zu ihren Treffen immer auch der Genuss von Wein gehörte. Dann eben am Montag, nahm sie sich vor. Sie schob ihr Glas zur Seite, zündete sich eine Zigarette an und zog nachdenklich daran. Der Rauch waberte zwischen ihnen wie eine sich windende Schlange.

»Ich habe es übrigens getan«, meinte Dorte und sah Rebekka an, die sich auf dem Sofa aufrichtete. »Ich habe die Scheidungspapiere unterschrieben und Hans-David gebeten, das auch zu tun. Wir haben es lange genug aufgeschoben, weil wir uns beide ganz sicher sein wollten, aber ich habe keine Zweifel mehr. Ich freue mich darauf, die Formalitäten geregelt zu bekommen, und ich freue mich darauf, wieder eine freie Frau zu sein.« Dorte lachte kurz auf.

Normalerweise hätte Rebekka mitgelacht, doch plötzlich überfiel sie eine seltsame Traurigkeit bei dem Gedanken, dass die Ehe von Dorte und Hans-David definitiv zu Ende war. Es gab so viele schöne Erinnerungen aus ihrer gemeinsamen Zeit. Im gemütlichen Genossenschaftshaus der beiden in Østerbro hatte sie sich immer willkommen gefühlt, sie war die Patentante von Anton und Alma, vor allem aber mochte sie Hans-David sehr, der auf den ersten Blick recht introvertiert wirkte, aber klug und lustig war, wenn man ihn besser kennenlernte.

»Wie hat Hans-David reagiert?«, fragte sie leise.

Dorte zuckte resigniert mit den Schultern. »Er war natürlich traurig. Ich bin überzeugt, dass er sich in seinem tiefsten Inneren wünscht, dass wir wieder zueinanderfinden, aber ...« Dorte holte tief Luft. »Ich will das hier. Ich will verliebt sein und spüren, dass ich lebe.« Sie griff nach ihrem Glas und prostete Rebekka zu, und sie stießen miteinander an.

»Wie geht es den Kindern?«, erlaubte Rebekka sich zu fragen.

»Ich weiß nicht so genau ...«

»Entschuldige, ich wollte dich nicht traurig machen.«

»Das tust du auch nicht«, unterbrach Dorte sie. »Es geht ihnen ganz gut, denke ich. Das Ganze verwirrt sie natürlich, und hin und wieder habe ich ein schlechtes Gewissen. Aber dann sage ich mir immer, dass die Kinder mit einer glücklichen Mutter besser bedient sind als mit einer, der es schlecht geht.«

Sie prosteten sich erneut zu. Dorte zündete sich ebenfalls eine Zigarette an, und sie rauchten schweigend im Halbdunkel. Rebekka fand, dass solche Momente die besten ihrer Freundschaft waren. Wenn sie einfach sie selbst sein konnten. Dorte aschte ab und sah Rebekka an.

»Was meinst du, wann ich Andreas wieder anrufen kann? Diese Spielchen zu Beginn einer Beziehung finde ich das Schlimmste daran. Ich bin wirklich verrückt nach ihm, und dann soll ich so tun, als wäre ich nicht so leicht zu kriegen.«

»Da bin ich wohl nicht die beste Ratgeberin – mir geht es mit Niclas noch immer so«, sagte Rebekka, und Dorte seufzte resigniert.

»O nein, was glaubst du, wie lange ich ihn noch schmoren lassen soll?« Sie sah ihre Freundin mit großen Augen an.

Rebekka musste lachen. »Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich mich furchtbar nach Niclas sehne, wenn er in Stockholm ist, und das ist er ja die meiste Zeit. Ich versuche, cool zu sein, und habe ja auch jede Menge zu tun mit meiner Arbeit und so, aber trotzdem muss ich mich zusammenreißen, ihn nicht mehrmals am Tag anzurufen, weil ich seine Stimme hören will, oder ihm eine heiße SMS zu schicken.«

»Ich glaube, es ist das erste Mal in all den Jahren, die ich dich kenne, dass es dich offenbar so richtig erwischt hat. Von Michael warst du nie so hin und weg.«

Rebekka wollte protestieren, doch Dorte fuhr unverdrossen fort: »Ich weiß sehr wohl, dass du Michael auch sehr gemocht hast, aber mit Niclas ist es etwas anderes. Das spürt man.«

Rebekka nickte widerwillig. Sie hatte im vergangenen Herbst eine Fernbeziehung mit einem Kollegen aus Jütland beendet, Michael Bertelsen. Sie war ihm in ihrer Heimatstadt Ringkøbing begegnet, als sie der örtlichen Polizei bei einer Mordermittlung zur Seite gestanden hatte. Michael und sie hatten sich auf Anhieb verstanden und waren eine Beziehung eingegangen, die knapp ein Jahr gedauert hatte. Schließlich hatte Rebekka das Ganze beendet: Ihnen beiden war klar gewesen, dass Michael sich mehr wünschte, als sie freiwillig zu geben bereit war. Sie hatte seine ruhige Art genossen, das Gefühl der Sicherheit, wenn sie in seinen Armen lag, doch schon wenige Monate nach Beginn ihrer Beziehung war die Leidenschaft versiegt. Außerdem hatte sie ihn mit Niclas betrogen. Jetzt, wo sie schon einige Monate mit ihm zusammen war, musste sie sich eingestehen, dass sie kaum noch an Michael gedacht hatte, seit Niclas im Herbst ihr Büro betreten hatte, um bei den Ermittlungen in einer Mordserie mitzuarbeiten. Da der Serienmörder nicht nur in Dänemark, sondern auch in Schweden sein Unwesen trieb, war eine Kooperation zwischen den Ländern erforderlich gewesen.

Rebekka nickte. »Du hast recht. Es ist das erste Mal, dass ich so empfinde. Ein kontinuierliches Ziehen im ...«

»Unterleib?« Dorte schnitt eine Grimasse, und Rebekka musste grinsen.

»Ja, da auch.«

»Genauso will ich das auch.« Dorte wurde wieder ernst. »Ich hoffe wirklich, dass sich das mit Andreas gut entwickelt. Ich sehne mich so nach Liebe.«

Als Dorte kurz darauf nach Hause ging, war Rebekka von Wein, Zigaretten und Müdigkeit ganz schwindelig. Sie putzte sich die Zähne, während sie durch die Wohnung lief und sich vergewisserte, dass sämtliche Türen und Fenster ordentlich verschlossen waren. Als sie unter der Decke lag, versuchte sie, Niclas heraufzubeschwören, seinen Duft, die schmale Narbe auf dem Nasenrücken, das helle, borstige Haar und den kräftigen Körper. Dennoch ergriff die Angst still und leise Besitz von ihr wie ein inneres Klopfen, ein leichtes Pulsieren in der Brust. Sie seufzte, drehte sich erst auf die eine und dann auf die andere Seite, doch ihr Körper fand keine Ruhe. Angespannt lauschte sie in die Dunkelheit, während ihr Herz unregelmäßig schlug, und lag stundenlang wach, bis sie schließlich in einen unruhigen Schlaf fiel.

FREITAG

»Auf einer Bank am Lyngbysee sitzt eine tote Frau und starrt auf das Wasser. Es sieht wohl ziemlich verdächtig aus, fast so, als hätte jemand sie dort hingesetzt.«

Reza Aghajan, Rebekkas Partner seit letztem Jahr, hatte aufgeregt die Tür zu ihrem gemeinsamen Büro aufgerissen. Rebekka hielt die Sprechmuschel des Telefonhörers zu und schaute ihn fragend an.

»Ein Mord«, formte er mit den Lippen, und sie beendete schnell das Gespräch, während ihr Puls sich beschleunigte. Ein Mord, und das ausgerechnet heute, wo Niclas kam, konnte sie noch denken, bevor die Mordermittlerin Rebekka Holm das Kommando übernahm und sämtliche Gedanken an ihn verbannte. Sie sah Reza neugierig an.

»Erzähl!«

»Also, man hat eine tote Frau am Lyngbysee gefunden, nicht weit von der Stelle entfernt, wo der Bootsverleih ist. Die Todesumstände kommen mir etwas seltsam vor, um es einmal vorsichtig auszudrücken, aber jetzt beeil dich bitte! Die Techniker sind schon da, und auch wir sollten möglichst bald hinfahren. Ein paar Streifenpolizisten sind am Tatort ...«

Rebekka runzelte missbilligend die Stirn, und Reza fügte schnell hinzu: »Keine Sorge, das Gebiet ist abgesperrt, und momentan werden gerade die Spuren gesichert. Die beiden jungen Polizisten haben versprochen, nichts anzufassen. Sie waren zumindest geistesgegenwärtig genug, uns anzurufen.«

»Was ist an dem Todesfall seltsam?«

Rebekka zog ihren Wintermantel an und schlang sich ihr Tuch mehrmals um den Hals. Draußen war die bleiche Wintersonne verschwunden, dafür zogen dunkelgraue Wolken über den Himmel und kündigten Regen an. Sie hoffte, dass die steigenden Temperaturen die massiven Schneemassen endlich zum Schmelzen bringen würden.

»Ich weiß nicht sehr viel mehr, ich habe nur ein kurzes telefonisches Briefing bekommen. Die Leiche sitzt auf einer Bank, als hätte jemand sie in Szene gesetzt. Sie hat keinen Mantel an, sondern nur einen Rock und einen dünnen Blazer und ist stark geschminkt. Ein älteres Ehepaar hat die Tote gefunden und sie erst für eine Schaufensterpuppe gehalten. Dann haben die beiden die Polizei gerufen, und die ersten Streifenpolizisten, die am Tatort eingetroffen sind, haben glücklicherweise erkannt, dass das ein Fall für die Mordkommission ist.«

Rebekka hörte aufmerksam zu, während sie zum Auto hinuntergingen. Die Szenerie kam ihr ungewöhnlich makaber vor, und während sie den Sicherheitsgurt anlegte, ließ sie ein paar amerikanische Mordfälle Revue passieren. Sie hatte vor ein paar Jahren eine viermonatige Weiterbildung beim FBI gemacht. Es war eine lehrreiche Erfahrung gewesen, und sie hatte erlebt, wie weit manche Menschen gingen, um anderen zu schaden.

»Hallo, Rebekka. Du antwortest gar nicht auf meine Frage.«

Beim Klang von Rezas Stimme zuckte sie zusammen und sah ihn verwirrt an.

»Entschuldigung, ich war in Gedanken ...«

»... an Niclas, richtig?« Reza blinzelte ihr zu.

Doch sie winkte ab. »Mache ich einen so verliebten Eindruck?«

»Verliebt trifft es nicht ganz«, meinte er und lachte. »Eher besessen.«

Rebekka musste einfach mitlachen. »Ich kann dich beruhigen. Ich habe nicht an Niclas gedacht, sondern an das Mordopfer. Die ganze Sache klingt irgendwie merkwürdig.«

Reza nickte, während er nach rechts abbog, und warf ihr einen Seitenblick zu. »Apropos Niclas. Wann besucht er dich eigentlich wieder?«

»Heute.« Rebekka konnte die Freude in ihrer Stimme nicht unterdrücken. »Es ist gut, dass er kommt. Im Moment fällt es mir nicht ganz leicht, allein zu sein.«

»Ich wollte dich gerade fragen, wie es dir geht mit dem Alleinsein«, sagte Reza besorgt.

Rebekka biss sich fest auf die Lippe, bevor sie antwortete. »Ach, geht schon irgendwie. Obwohl es manchmal schwer ist. Ich durchlebe das, was passiert ist, immer wieder und mache mir Vorwürfe – und das ist das Schlimmste daran. Ich mache mir Vorwürfe, dass ich ihn nicht durchschaut habe, bevor es zu spät war, und dass ich dich in Gefahr gebracht habe.«

Sie schwieg und spürte den Blutgeschmack in ihrem Mund. Wie üblich hatte sie sich zu fest auf die Unterlippe gebissen und die Haut aufgerissen, eine Unart, die sie hatte, solange sie zurückdenken konnte, und durch die ihre Lippe ständig aufgebissen war.

»Hast du noch immer Schlafprobleme?«

Sie nickte. Rezas Fürsorge rührte sie.

»Warum holst du dir keine professionelle Hilfe?«

Rebekka schnaubte. Ihr Bedarf an Psychologen war für dieses Leben gedeckt. Nach dem Tod ihres Bruders war sie bei einem Kinderpsychologen gewesen und hatte in jeder Stunde Bilder zeichnen müssen, während der Therapeut sie beobachtet hatte. Nach fünf Sitzungen hatte er erklärt, dass ihre Trauer um den kleinen Bruder bearbeitet sei. Seit damals nährte sie ein ernsthaftes Misstrauen gegen diesen Berufsstand.

»Ich – zum Psychologen? Ich dachte, du kennst mich gut genug, um mir so etwas nicht vorzuschlagen ... Lieber laufe ich eine Runde, als dass ich meine traumatischen Erlebnisse seziere.«

»Manchmal bist du wie ein verstockter alter Mann«, schimpfte Reza. »Du erinnerst mich an meinen Vater. Der Unterschied ist nur der, dass er bald siebzig wird und aus einem anderen Kulturkreis stammt. Verdammt, Rebekka, du gehst langsam vor die Hunde, und das ist ja auch kein Wunder. Ein guter Freund von dir hat versucht, dich umzubringen ...«

»Wir sind da«, unterbrach ihn Rebekka, erleichtert darüber, das Thema wechseln zu können.

Schon von Weitem sahen sie den abgesperrten Bereich. Der blaue Kombi der Techniker stand neben mehreren Streifenwagen. Rebekka und Reza stiegen mit konzentriertem Gesichtsausdruck aus dem Auto und gingen auf die Absperrung zu, vor der ein junger, blasser Streifenpolizist Wache hielt.

»Sie sitzt dort«, erklärte er, nachdem sie ihm ihre Ausweise gezeigt hatten, und machte eine Handbewegung nach rechts.

»Habt ihr etwas angefasst? Seid ihr etwa da rumgelaufen?«, fragte sie schroffer als beabsichtigt.

Der junge Polizist wurde noch blasser und schüttelte schnell den Kopf.

»Wir haben nichts angefasst. Wir haben sofort gesehen, dass das irgendwie merkwürdig war. Die Art, wie sie dasitzt und so ...« Er schluckte hörbar.

Rebekka nickte und empfand Mitleid mit ihrem jungen Kollegen, der sichtlich bemüht war, den Schock über den Anblick der Toten zu überwinden. Sie erinnerte sich an die ersten Leichen, die sie als junge Polizeianwärterin gesehen hatte. Es war jedes Mal gleich verstörend gewesen, und obwohl sie nach all den Jahren bei der Polizei gar nicht mehr wusste, wie viele tote Menschen sie gesehen hatte, war ein solcher Anblick für sie nie zur Routine geworden.

Rebekka und Reza legten den obligatorischen Schutzanzug inklusive Mundschutz und Schuhüberzüge an und traten durch die Absperrung. Vor ihnen lag eisgrau der See, auf dessen blanker Wasseroberfläche große Eisschollen schwammen. Der Frost biss ihnen in die Wangen, die Wintersonne stand tief und grell am Himmel und ließ ihre Augen tränen. Eine Möwe kreiste schreiend über ihnen, während sie zum Fundort gingen. Einige Techniker waren damit beschäftigt, das Gebiet abzustecken. Rebekka und Reza grüßten sie kurz und gingen weiter, während der Schnee unter ihren Füßen knirschte.

»Bei dem vielen Schnee dürften die Chancen, ein paar Fußabdrücke von einem eventuellen Täter zu bekommen, doch ganz gut stehen«, meinte Reza.

Rebekka sah sich um. »Das schon, aber sieh mal, wie viele Abdrücke es hier gibt. Der Schnee ist ziemlich festgestampft. Ich glaube, dass die Techniker ihre Schwierigkeiten haben werden. Aber lass uns das Beste hoffen.«

Als sie knapp fünfzig Meter weiter Richtung Ufer gegangen waren, sahen sie die Frau. An der Bank wurden sie von dem Rechtsmediziner begrüßt. Einen kurzen Moment betrachteten sie schweigend die Tote.

»Sie sieht wirklich so aus, als würde sie noch leben«, meinte Rebekka und schauderte.

Der Rechtsmediziner, ein Mann in den mittleren Jahren, dessen Namen sie vergessen hatte, nickte bedächtig.

»Das sieht alles sehr merkwürdig aus. Die Kleidung, das Haar, das Make-up und die Art, wie sie dasitzt, fast so, als würde sie posieren. Und riechen Sie mal.« Sie beugten sich vorsichtig vor und atmeten den charakteristischen Duft eines bekannten Parfüms ein.

»Diesen Duft kennt man, oder?«

Sie nickten beide, doch keiner von ihnen kam auf den Namen. Der Rechtsmediziner schüttelte den Kopf und fügte hinzu: »So etwas habe ich wirklich noch nie gesehen.«

Die Frau saß aufrecht auf der Bank, das Gesicht dem See zugewandt. Ihre Augen standen weit offen, als würde sie das Wasser und die Vögel betrachten, die sich auf dem Eis wie schwarze, flatternde Striche sammelten. Erst wenn man näher kam, konnte man feststellen, dass sie nichts sah, weil ihre Iris von einer matten, weißlichen Schicht bedeckt waren. Die gefalteten Hände der Frau lagen in ihrem Schoß, das rechte Bein war angewinkelt und über das linke geschlagen. Sie trug tatsächlich keinen Mantel, sondern einen geblümten bordeauxfarbenen Blazer mit dicken Schulterpolstern, einen engen, staubgrünen Rock, Nylonstrümpfe und dunkelrote Pumps, die zu den Blumen auf dem Blazer passten. Am auffälligsten jedoch war das starke Make-up. Das Gesicht der Frau war mit einer dicken Schicht Puder versehen, und ihre offenen Augen wurden von kräftigem grünem Kajal eingerahmt. Die Wimpern waren schwarz getuscht, und ihre hohen Wangenknochen traten durch das bronzefarbene Rouge noch stärker hervor. Das halblange, braune Haar war von zahlreichen grauen Strähnen durchzogen und sah so aus, als wäre es mit einem Lockenstab bearbeitet worden. Rebekka spürte den Blick des Rechtsmediziners auf sich ruhen.

»Sie sehen schockiert aus, Rebekka.«

»Ich bin überrascht«, entgegnete sie ruhig. Sie konnte den Blick kaum von der Frau abwenden. Schließlich zwang sie sich, den Rechtsmediziner anzusehen. »Kann sie auch eines natürlichen Todes gestorben sein?«

»Nichts ist ausgeschlossen, doch wenn sie zum Beispiel an einem Herzstillstand gestorben wäre, dann wäre ihr Kopf natürlich nach vorn gefallen. Außerdem ist es bei diesem Wetter höchst ungewöhnlich, ohne Mantel nach draußen zu gehen.«

»Das stimmt. Doch theoretisch könnte sie einiges getrunken haben, nach draußen gegangen sein und sich hierhin gesetzt haben, um sich auszuruhen, und dann erfroren sein. Es könnte sich auch um Selbstmord handeln – sie könnte eine Handvoll Pillen geschluckt und hier auf der Bank auf den Tod gewartet haben, oder?«, schlug Rebekka vor.

Der Rechtsmediziner nickte. »Wie gesagt: Nichts ist unmöglich.«

»Können Sie denn schon etwas zur Todesursache sagen?«

Der Rechtsmediziner zuckte mit den Schultern. »Derzeit noch nicht. Ich habe gerade ihre Temperatur gemessen, sie beträgt sechzehn Grad. Das spricht dafür, dass sie seit gut zehn bis zwölf Stunden tot ist, und das würde bedeuten, dass sie irgendwann gegen Mitternacht gestorben ist. Wie lange sie hier gesessen hat, weiß ich nicht. Wir werden erst nach der Obduktion genauere Angaben machen können. Auf den ersten Blick weist sie keine äußerlichen Verletzungen auf – bis auf die Flecken an den Knöcheln, die wie Blut aussehen.«

Rebekka und Reza folgten seinem Blick. Bei näherem Hinsehen stellten sie fest, dass die grünen Nylonstrümpfe bräunliche, eingetrocknete Flecken aufwiesen. Rebekka ging in die Hocke, um sie sich genauer anzusehen, als sie von raschen stapfenden Schritten gestört wurde. Sie drehte den Kopf in die Richtung, aus der das Geräusch kam, und sah den Leiter der Mordkommission, Gundersen, mit hochrotem Gesicht auf sie zukommen.

Allein sein Anblick verursachte Rebekka Unbehagen. Gleich würde er wieder Befehle erteilen und sich in ihre Arbeit einmischen, was der frühere Leiter der Mordkommission, Henrik Brodersen, nie getan hatte. Er hatte sich immer auf seine Mitarbeiter verlassen, ihnen wichtige Aufgaben anvertraut und sie mit der Verantwortung wachsen sehen. Rebekka hielt große Stücke auf Brodersen, der sich vor ein paar Monaten vorzeitig hatte pensionieren lassen, weil seine Frau, mit der er seit vierzig Jahren verheiratet war, an Krebs erkrankt war und im Sterben lag. Eine kurze Zeit lang hatte Rebekka gehofft, seine Nachfolgerin zu werden, doch als Brodersen stattdessen Gundersen zu seinem Nachfolger bestimmt hatte, musste sie akzeptieren, dass Gundersen über einiges mehr an Erfahrung verfügte als sie. Jetzt hoffte sie, wenigstens den Posten als seine Stellvertreterin zu bekommen. Obwohl Gundersen bereits seit ein paar Monaten im Chefsessel saß, hatte er noch keinen Stellvertreter ernannt, sondern lediglich verkündet, dass er sich Zeit lassen wolle, die Stärken und Schwächen der Abteilung zu studieren, bevor er eine so wichtige Entscheidung traf.

MRT

»Ja, ja«, unterbrach ihn Gundersen ungeduldig, »aber es muss doch zum gegenwärtigen Zeitpunkt auch schon irgendwelche Erkenntnisse geben, oder?« Seine Schuhspitzen klopften rhythmisch auf die gefrorene Erde und hinterließen verzweigte Risse in dem vereisten Boden.

»Wir wollten uns gerade die Füße genauer ansehen.« Rebekka zeigte auf die eingetrockneten bräunlichen Flecken an den Nylonstrümpfen.

»Die Füße? Was zum Teufel sind das für Flecken?« Gundersen sah den Rechtsmediziner fragend an, der mit den Schultern zuckte.

»So weit bin ich noch nicht gekommen, mir ist nur das Blut aufgefallen. Aber sehen wir es uns doch mal genauer an.«

Er breitete einen Leichensack unter den hochhackigen Pumps aus und zog der Frau den einen Schuh aus. Der Fuß wirkte seltsam rund, registrierte Rebekka. Anschließend wurde der zweite Schuh sorgsam entfernt. Der Fuß hatte die gleiche runde Form wie der erste. Der Rechtsmediziner zog den linken Nylonstrumpf aus, und alle starrten wie paralysiert auf den Fuß, während die Wahrheit sich langsam setzte. Dort, wo die Zehen hätten sitzen sollen, befanden sich nur noch Stümpfe von faserigem Fleisch und eingetrocknetem Blut und hier und da ein paar weiße Knochenstücke.

»Man hat ihr die Zehen abgehackt!«, rief der Rechtsmediziner. Seine Augen über dem Mundschutz waren weit aufgerissen, und er zog der Frau schnell den anderen Strumpf aus. Auch am rechten Fuß fehlten die Zehen.

Es sauste in Rebekkas Ohren, und sie registrierte, dass Reza sich in den Schnee erbrach. Eine bräunliche Masse in all dem Weiß.