

Louis Sachar, geb. 1954 in East Meadow, New York, studierte Wirtschaftswissenschaften und anschließend Jura. Er arbeitete als Rechtsanwalt und schrieb in seiner Freizeit Kinderbücher, die bald so erfolgreich waren, dass er sich ganz dem Schreiben widmen konnte. LÖCHER erschien im Jahr 2000 bei Beltz & Gelberg und wurde in den USA mit gleich mehreren renommierten Literaturpreisen ausgezeichnet, u. a. mit der Newbery Medal und dem National Book Award. LÖCHER wurde für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.
Für Carla,
weil sie all meine Eigenheiten
und Schwächen erträgt.
1
Die Woodridge Academy, eine Privatschule in Heath Cliff im US-Bundesstaat Pennsylvania, war früher einmal das Zuhause von William Heath gewesen, der der Stadt ihren Namen gab. Inzwischen besuchten fast dreihundert Schüler das dreistöckige, aus schwarzen und braunen Ziegeln errichtete Gebäude, in dem William Heath von 1891 bis 1917 allein mit seiner Frau und seinen drei Töchtern gewohnt hatte.
Der Raum im dritten Stock, in dem man die fünfte Klasse von Tamaya Dhilwaddi untergebracht hatte, war einst das Kinderzimmer der jüngsten Tochter gewesen, der jetzige Kindergartenbereich hatte seinen Platz in den ehemaligen Ställen gefunden.
Die Schulkantine war früher ein prächtiger Ballsaal gewesen, wo elegant gekleidete Paare Champagner schlürften und zu den Klängen eines Orchesters tanzten. Noch immer hingen Kristalllüster von der Decke, doch inzwischen roch der Saal ständig nach abgestandenen Makkaroni in Käsesoße. Zweihundertneunundachtzig Schüler zwischen fünf und fünfzehn stopften sich dort ihre Münder mit Cheetos voll, machten die üblichen Popelwitze, verschütteten Milch und kreischten ohne ersichtlichen Grund.
Tamaya kreischte nicht, sondern schluckte nur leise und hielt sich die Hand vor den Mund.
»Er hat einen superlangen Bart«, sagte ein Junge, »total mit Blut besudelt.«
»Und null Zähne«, ergänzte ein anderer.
Die Jungen waren aus der Oberstufe. Tamaya war wahnsinnig aufgeregt, mit ihnen zu reden, auch wenn sie bisher noch keinen Ton herausgebracht hatte. Sie saß in der Mitte eines langen Tischs und aß mit ihren Freundinnen Monica, Hope und Summer zu Mittag. Das Bein von einem der älteren Jungen war nur Zentimeter von ihrem entfernt.
»Der Typ kann echt nicht sein eigenes Essen klein beißen«, sagte der erste Junge. »Deshalb müssen seine Hunde ihm alles vorkauen. Dann spucken sie’s wieder aus und er nimmt es und schluckt’s runter.«
»Ist ja eklig!«, schrie Monica, doch so, wie ihre Augen leuchteten, wusste Tamaya: Ihre beste Freundin war genauso aufgeregt wie sie selbst, von den älteren Jungs beachtet zu werden.
Die Jungs hatten den Mädchen von einem geistesgestörten Einsiedler erzählt, der angeblich im Wald hauste. Tamaya glaubte nicht die Hälfte von dem, was sie erzählten. Sie wusste, dass Jungen gern ihre Show abzogen. Trotzdem war es toll, sich davon begeistern zu lassen.
»Nur dass es nicht wirklich Hunde sind«, sagte der Junge, der neben Tamaya saß. »Es sind eher Wölfe! Groß und schwarz, mit riesigen Pranken und leuchtenden roten Augen.«
Tamaya schauderte.
Die Woodridge Academy war meilenweit von Wald und schroffen Bergen umgeben. Jeden Morgen lief Tamaya mit Marshall Walsh zusammen zur Schule, einem Jungen aus der Siebten, der drei Häuser entfernt auf der anderen Seite ihrer von Bäumen gesäumten Straße wohnte. Der Weg war fast drei Kilometer lang, wäre allerdings wesentlich kürzer gewesen, wenn sie nicht jedes Mal hätten außen um den Wald herumlaufen müssen.
»Und was isst er?«, fragte Summer.
Der Junge neben Tamaya zuckte mit den Schultern. »Was immer ihm seine Wölfe bringen«, antwortete er. »Eichhörnchen, Ratten, Menschen. Ist ihm egal, Hauptsache, es ist was Essbares!«
Der Junge nahm einen großen Bissen von seinem Thunfisch-Sandwich und machte den Einsiedler nach, indem er die Lippen schürzte, damit es aussah, als hätte er keine Zähne. Er klappte den Mund übertrieben weit auf, um Tamaya sein halb zerkautes Essen zu zeigen.
»Du bist so widerlich!«, schrie Summer, die auf der anderen Seite neben Tamaya saß.
Alle Jungen lachten.
Summer war die Schönste von Tamayas Freundinnen, mit strohblondem Haar und himmelblauen Augen. Tamaya nahm an, dass das wohl der Hauptgrund war, weshalb die Jungen mit ihnen redeten. Jungen benahmen sich immer bescheuert, wenn Summer dabei war.
Tamaya hatte dunkle Augen und dunkle Haare, die ihr nur halb über den Hals reichten. Früher waren sie wesentlich länger gewesen, aber drei Tage ehe die Schule wieder anfing, als sie noch in Philadelphia war, hatte sie die radikale Entscheidung getroffen, sie abzuschneiden. Ihr Dad hatte sie zu einem wahnsinnig noblen Friseur geschleppt, den er sich wahrscheinlich überhaupt nicht leisten konnte. Sobald die Haare ab waren, bekam sie gewaltige Zweifel, doch als sie nach Heath Cliff zurückkehrte, hatten ihre Freundinnen gemeint, sie sähe total erwachsen und stylish aus.
Ihre Eltern waren geschieden. Den Großteil des Sommers und während des Schuljahrs jeweils ein Wochenende im Monat verbrachte sie bei ihrem Dad. Philadelphia lag am anderen Ende von Pennsylvania, vierhundertfünfzig Kilometer entfernt. Wenn sie nach Heath Cliff zurückkam, hatte sie immer das Gefühl, während ihrer Abwesenheit etwas Wichtiges verpasst zu haben. Vielleicht war es ja nur irgendein Witz, über den ihre Freundinnen alle lachten, doch sie fühlte sich jedes Mal ausgeschlossen, und es brauchte eine Zeit, wieder so richtig dazuzugehören.
»Er war so nah dran, mich zu fressen«, sagte einer der Jungs, ein echt hart gesottener Typ mit kurzen schwarzen Haaren und vierschrötigem Gesicht. »Ein Wolf hat nach meinem Bein geschnappt, als ich gerade zurück über den Zaun wollte.«
Der Junge stand auf der Bank und zeigte den Mädchen sein Hosenbein als Beweis. Es war übersät mit Dreck, und Tamaya sah ein kleines Loch direkt über seinen Turnschuhen, aber das konnte von allem Möglichen stammen. Außerdem, überlegte sie, müsste das Loch eher hinten in der Hose sein, wenn er vor dem Wolf weggelaufen war, und nicht vorn.
Der Junge starrte auf sie herunter. Er hatte blaue, stählerne Augen, und Tamaya schien es, als ob er ihre Gedanken lesen könne und sie provozieren wolle, etwas zu sagen.
Sie schluckte, dann meinte sie: »Du darfst überhaupt nicht in den Wald.«
Der Junge lachte und plötzlich lachten die anderen Jungen alle mit.
»Was willst du dagegen tun?«, forderte er sie heraus. »Es Mrs Thaxton sagen?«
Sie spürte, wie sie rot wurde.
»Hör nicht auf sie«, sagte Hope. »Tamaya ist echt unsere Superbrave. Die weicht nie vom rechten Weg ab.«
Die Worte trafen sie. Noch vor ein paar Sekunden hatte sie sich so richtig cool gefühlt, dass sie mit den älteren Jungen sprach. Doch jetzt starrten sie auf einmal alle an, als wenn sie irgendein Freak wäre.
Sie versuchte, die Situation mit einem Witz aufzufangen. »Wer weiß?«
Keiner lachte.
»Du bist echt hyperbrav«, sagte Monica.
Tamaya biss sich auf die Unterlippe. Sie verstand gar nicht, wieso das, was sie gesagt hatte, so verkehrt war. Monica und Summer hatten die Jungs eklig und widerwärtig genannt, aber das war offenbar völlig okay. Wenn überhaupt, machte es die Jungen höchstens noch an, dass die Mädchen sie für eklig und widerwärtig hielten.
Seit wann haben sich die Regeln geändert?, fragte sie sich. Seit wann ist es schlimm, nicht vom rechten Weg abzuweichen?
Auf der anderen Seite des Speisesaals saß Marshall Walsh mitten unter einem Haufen Leuten, die alle lachten und lauthals tönten. Links von ihm eine Gruppe, rechts von ihm eine andere. Und dazwischen aß Marshall allein und stumm vor sich hin.
2
In einem abgeschiedenen Tal, knapp sechzig Kilometer von der Woodridge Academy entfernt, lag die SunRay Farm. Dass es eine Farm war, sah man ihr nicht an. Es gab keine Tiere, keine grünen Weiden, keine Kornfelder – jedenfalls nichts, was groß genug wurde, um es mit bloßem Auge zu erkennen.
Stattdessen sah man – wenn man es an den bewaffneten Wärtern, dem Elektrozaun mit dem Stacheldrahtschutz obendrauf, den Sirenen und Überwachungskameras vorbei schaffte – Reihen um Reihen riesiger Speichertanks. Was man auch nicht sehen konnte, war das Geflecht aus Tunneln und unterirdischen Rohren, die die Speichertanks mit dem Hauptlabor verbanden, das sich ebenfalls unter der Erde befand.
So gut wie niemand in Heath Cliff wusste von der SunRay Farm, und ganz sicher nicht Tamaya und ihre Freundinnen. Die, die schon davon gehört hatten, hatten nur vage Vorstellungen, was dort geschah. Vielleicht war ihnen irgendwann mal das Wort Biolen zu Ohren gekommen, aber vermutlich wusste niemand genau, was sich dahinter verbarg.
Vor etwas mehr als einem Jahr – das heißt ungefähr ein Jahr bevor sich Tamaya die Haare abschneiden ließ und in die fünfte Klasse kam – hatte der Senatsausschuss für Energie und Umwelt eine Reihe von geheimen Anhörungen in Sachen SunRay Farm und Biolen abgehalten.
Die folgende Aussage ist ein Auszug aus diesen Untersuchungen:
Senator Wright: Sie haben zwei Jahre bei SunRay Farm gearbeitet, ehe Sie entlassen wurden, ist das korrekt?
Dr. Marc Humbard: Nein, das ist nicht korrekt. Ich bin nie entlassen worden.
Senator Wright: Tut mir leid. Mir wurde gesagt –
Dr. Marc Humbard: Also, es wurde vielleicht versucht, mich zu entlassen, aber da hatte ich bereits selbst schon gekündigt. Ich hatte es nur noch niemandem erzählt.
Senator Foote: Aber Sie arbeiten dort nicht mehr?
Dr. Marc Humbard: Ich habe es keine Minute mehr länger mit Fitzy in einem Raum ausgehalten! Der Mann ist verrückt. Und wenn ich verrückt sage, dann meine ich absolut gaga.
Senator Wright: Sprechen Sie von Jonathan Fitzman, dem Erfinder des Biolen?
Dr. Marc Humbard: Alle halten ihn für eine Art Genie, aber wer hat denn die ganze Arbeit gemacht? Ich. Ich war das! Oder jedenfalls wäre ich es gewesen, wenn er mich nur gelassen hätte. Er ist im Labor auf und ab gelaufen und hat vor sich hin gemurmelt und mit den Armen gerudert. Für alle anderen war es unmöglich, sich dabei zu konzentrieren. Er sang! Und wenn man ihn bat, damit aufzuhören, schaute er einen an, als wenn man selbst verrückt wäre. Er war sich überhaupt nicht bewusst, dass er sang. Und dann, aus heiterem Himmel, schlug er sich gegen die Stirn und rief: »Nein, nein, nein!« Und plötzlich musste ich alles abbrechen, woran ich gearbeitet hatte, und wieder von vorn anfangen.
Senator Wright: Ja, wir haben gehört, dass Mr Fitzman etwas … exzentrisch sein kann.
Senator Foote: Was einer der Gründe ist, weshalb wir uns Sorgen machen wegen des Biolen. Ist Biolen tatsächlich eine realistische Alternative zu Benzin?
Senator Wright: Unser Land braucht saubere Energie, aber ist Biolen auch sicher?
Dr. Marc Humbard: Saubere Energie? Ist das die Bezeichnung, die man bei SunRay gewählt hat? Nichts ist sauber an Biolen. Es ist eine Vergewaltigung der Natur! Wollen Sie hören, was bei SunRay Farm gemacht wird? Wollen Sie es wirklich hören? Ich weiß es nämlich. Ich weiß Bescheid!
Senator Foote: Ja, wir wollen es hören. Deshalb haben wir Sie ja vor den Ausschuss bestellt, Mr Humbard.
Dr. Marc Humbard: Doktor Humbard.
Senator Foote: Wie bitte?
Dr. Marc Humbard: Es muss »Doktor Humbard« heißen, nicht »Mr Humbard«. Ich habe einen Doktor in Mikrobiologie.
Senator Wright: Entschuldigung. Aber bitte erklären Sie uns, Dr. Humbard, inwieweit Sie das, was bei SunRay Farm geschieht, für eine Vergewaltigung der Natur halten.
Dr. Marc Humbard: Es wurde eine neue Form von Leben geschaffen, wie man sie noch nie gesehen hat.
Senator Wright: Eine Art hochenergetisches Bakterium, soweit ich es verstehe. Das als Treibstoff genutzt werden soll.
Dr. Marc Humbard: Kein Bakterium. Ein Schleimpilz. Die Leute werfen das immer durcheinander. Beide sind zwar mikroskopisch klein, aber sehr verschieden. Wir hatten mit einem einfachen Schleimpilz begonnen, doch Fitzy veränderte die DNA, um etwas Neues zu schaffen, einen Einzeller, wie er auf unserem Planeten völlig unnatürlich ist. SunRay züchtet jetzt solche künstlichen Mikroorganismen – winzige Frankenstein-Wesen –, um sie in Fahrzeugmotoren bei lebendigem Leibe zu verbrennen.
Senator Foote: Bei lebendigem Leibe zu verbrennen? Finden Sie das nicht ein bisschen hart, Dr. Humbard? Wir reden doch hier von Mikroben. Schließlich töte ich jedes Mal, wenn ich mir die Hände wasche oder meine Zähne putze, Hunderttausende von Bakterien.
Dr. Marc Humbard: Nur weil sie klein sind, bedeutet das nicht, dass ihr Leben nicht lebenswert ist. Aber SunRay Farm schafft Leben einzig und allein zu dem Zweck, es gleich wieder zu zerstören.
Senator Wright: Aber tun das nicht alle Farmer?
3
Nach der Schule wartete Tamaya an den Fahrradständern auf Marshall. Die Ständer waren leer. Die meisten Schüler der Woodridge Academy wohnten zu weit entfernt von der Schule, um mit dem Fahrrad zu fahren, und für die Privatschule gab es auch keine Busse. Eine lange Autoschlange erstreckte sich von der kreisförmigen Auffahrt die Woodbridge Lane entlang Richtung Richmond Road.
Während Tamaya den anderen Schülern beim Einsteigen und Wegfahren zusah, wünschte sie sich, dass sie auch abgeholt worden wäre. Ihr graute bereits vor dem langen Heimweg. Mit der schweren Schultasche voller Bücher kam er ihr noch viel länger vor.
Ihr Gesicht wurde immer noch rot vor Scham, wenn sie daran dachte, was im Speisesaal passiert war. Sie war sauer auf Hope für das, was sie gesagt hatte, und noch wütender war sie auf Monica, die angeblich ihre beste Freundin war und sich deshalb für sie hätte einsetzen müssen.
Sie war also die Superbrave, die nie vom rechten Weg abwich? Na und? Was war denn so verkehrt daran?
Darum ging es doch unter anderem in der Woodridge Academy, dass man den rechten Weg zu gehen lernte. Die Schüler trugen Schuluniform: die Jungen Kakihosen und blaue Pullover, die Mädchen karierte Röcke und einen Pullover in Weinrot. Gleich unter dem Namen der Schule standen die Worte Tugend und Tapferkeit.
Neben Fächern wie Geschichte, Mathe und all diesem Zeug lernten die Schüler der Woodridge Academy auch, tugendhaft zu sein. Die Schule sollte ihnen beibringen, wie man ein anständiger Mensch wurde. In der zweiten Klasse hatte Tamaya eine Liste mit zehn Tugenden auswendig lernen müssen: Anstand, Besonnenheit, Demut, Geduld, Hilfsbereitschaft, Mitgefühl, Mut, Redlichkeit, Sauberkeit und Umsicht. In diesem Jahr lernte sie die Entsprechungen und ihre Gegenworte – Synonyme und Antonyme.
Aber wenn du tatsächlich versuchst, ein anständiger Mensch zu sein, überlegte Tamaya frustriert, reagieren plötzlich alle, als wärst du ein Freak.
Marshall kam aus dem Gebäude. Seine Haare waren zerzaust, und der Pullover, der total aus der Form gezerrt wirkte, hing irgendwie schief und krumm an ihm herab.
Tamaya winkte nicht. Er kam auf sie zu und ging, fast ohne sie anzusehen, an ihr vorbei.
Marshall hatte eine Regel. Im Umfeld der Schule wollte er nicht, dass sie sich wie Freunde verhielten. Sie waren einfach zwei Jugendliche, die nur deshalb zusammen zur Schule gingen, weil sie es mussten. Auf keinen Fall waren die beiden ein Paar, aber Marshall wollte auch um keinen Preis, dass das jemand denken könnte.
Tamaya war trotzdem überrascht, denn er nahm nicht den üblichen Weg. Normalerweise liefen sie die Woodridge Lane hoch und bogen dann in die Richmond Road ein. Stattdessen wollte Marshall jetzt seitlich am Schulgebäude entlang.
Sie zog die Schultasche auf dem Rücken zurecht und folgte ihm.
»Wo willst du hin?«
»Nach Hause«, antwortete er, als ob sie eine wirklich sehr dumme Frage gestellt hätte.
»Aber –«
»Ich nehm eine Abkürzung«, fauchte er.
Das ergab keinen Sinn. Sie waren die ganzen letzten drei Jahre Tag für Tag immer denselben Weg gegangen. Wieso kannte er auf einmal eine Abkürzung?
Er lief weiter an der Seitenwand der Schule vorbei nach hinten. Marshall war größer als Tamaya und er ging schnell. Tamaya hatte Mühe, mitzuhalten. »Woher kennst du plötzlich eine Abkürzung?«, fragte sie.
Er blieb stehen und drehte sich um. »Ich kenn sie nicht plötzlich«, erklärte er. »Ich kenn sie schon, solange ich lebe.«
Auch das ergab keinen Sinn.
»Wenn du unbedingt den umständlichen Weg nach Hause nehmen willst, dann tu’s doch«, fuhr Marshall fort. »Zwingt dich ja keiner, mir hinterherzulaufen.«
Das stimmte nicht ganz und er wusste das ganz genau. Ihre Mutter hatte Tamaya verboten, allein nach Hause zu laufen.
»Ich geh mit dir, okay?«, sagte Tamaya.
»Gut, aber dann hör auf, rumzunörgeln wie ein Baby«, antwortete Marshall.
Sie blieb bei ihm, als er den Asphaltweg überquerte und danach auf den Fußballplatz lief. Sie hatte doch überhaupt nichts getan, außer zu fragen, woher er die Abkürzung kannte, überlegte sie. Wieso war das babyhaft?
Marshall blickte immer wieder hinter sich. Jedes Mal, wenn er sich umdrehte, tat es Tamaya instinktiv auch, doch sie konnte nichts und niemanden entdecken.
Tamaya erinnerte sich noch an ihren ersten Tag auf der Woodridge. Sie war in die zweite Klasse gegangen, Marshall in die vierte. Er hatte ihr geholfen, ihr Klassenzimmer zu finden, ihr gezeigt, wo die Mädchentoiletten waren, und sie der Direktorin Mrs Thaxton vorgestellt. Die neue Schule war ihr wie ein riesiger, schauriger Ort vorgekommen und Marshall war ihr Lotse und Beschützer gewesen.
Während der ganzen Zeit in der zweiten, dritten und vierten Klasse war sie heimlich in ihn verliebt gewesen. Und vielleicht fühlte sie tief im Innern noch immer etwas für ihn, doch in letzter Zeit war er so ein Idiot geworden, dass sie nicht wusste, ob sie ihn wirklich noch mochte.
Hinter dem Fußballplatz führte ein holperiger Abhang zu dem Maschendrahtzaun, der das Schulgelände vom Wald trennte. Als sie sich dem Zaun näherten, spürte Tamaya, wie ihr Herz schneller schlug. Die Luft war kühl und feucht, doch ihre Kehle schien trocken und eng.
Erst vor ein paar Wochen hatte der Wald in leuchtenden Herbstfarben gestanden. Wenn sie aus dem Fenster ihrer Klasse im dritten Stock schaute, hatte sie jede Schattierung von Rot, Orange und Gelb sehen können – an manchen Tagen so lodernd, dass es wirkte, als stünde der ganze Berghang in Flammen. Doch jetzt waren die Farben verschwunden und die Bäume nur noch dunkel und unheimlich.
Sie wünschte sich, dass sie so mutig sein könnte wie Marshall. Nicht nur der Wald machte ihr Angst – und das, was vielleicht, vielleicht auch nicht darin lauerte. Viel mehr noch hatte sie schreckliche Angst, Probleme zu kriegen. Schon die Vorstellung, dass ein Lehrer sie anschrie, versetzte sie in Panik.
Sie wusste, dass andere Schüler ständig die Regeln brachen, ohne dass ihnen je etwas Schlimmes passierte. Schüler aus ihrer Klasse taten Dinge, die nicht in Ordnung waren, und ihre Lehrerin, Miss Filbert, ermahnte sie dann, so etwas nie wieder zu tun, doch schon am nächsten Tag waren sie erneut zugange und bekamen dennoch keine Probleme.
Trotzdem war sie sich sicher: Wenn sie in den Wald ging, dann würde ihnen etwas Schreckliches passieren. Mrs Thaxton würde es vielleicht herausfinden. Dann konnte sie von der Schule fliegen.
Eine Senke im felsigen Boden bildete eine Lücke unter dem Zaun, die groß genug war, um durchzukriechen. Tamaya sah Marshall zu, wie er seine Schultasche von den Schultern nahm und durch das Loch hindurchschob.
Auch sie nahm ihre Schultasche ab. Miss Filbert hatte einmal gesagt, dass Mut nichts anderes bedeute als so zu tun, als ob man keine Angst hätte. »Wenn ihr keine Angst habt, gibt es auch keinen Grund, Mut zu beweisen, oder?«
Tamaya tat so, als ob sie mutig wäre, und schob ihre Tasche durch die Lücke. Jetzt gab es kein Zurück mehr.
Na, wer ist denn jetzt superbrav?
Sie schlängelte sich unter dem Zaun hindurch, sorgsam bedacht, sich ja nicht mit ihrem Pullover an den Drähten zu verhaken.
4
Marshall Walsh war nicht so mutig, wie Tamaya glaubte.
Früher hatte er viele Freunde gehabt. Er hatte die Schule geliebt. In der Sechsten war er ins Schulorchester gegangen, und Mr Rowan, sein Musiklehrer, hatte ins Zeugnis geschrieben, dass er alles, was ihm an Talent fehle, durch seine Begeisterung wettmache.
Marshall spielt die Tuba mit Enthusiasmus.
Doch er begeisterte sich für nichts mehr. Jeder Tag brachte ihm nichts als weiteren Kummer, weitere Demütigungen. Und alles hatte mit einem neuen Jungen in seiner Klasse begonnen: Chad Hilligas.
Man ging aus zwei Gründen auf die Woodridge Academy. Entweder du warst richtig klug oder deine Eltern waren richtig reich. Tamaya war eine von den Klugen. Marshall lag so dazwischen. Seine Eltern waren nicht reich, aber beide hatten gute Jobs und hielten eine gute Ausbildung für extrem wichtig. Sie schraubten an anderen Stellen zurück, zum Beispiel beim Urlaub oder bei Restaurantbesuchen.
Der Grund, weshalb Chad Hilligas auf die Woodridge kam, war ein völlig anderer. Er war in den letzten zwei Jahren von drei verschiedenen Schulen geflogen. Der Sozialbetreuer, dem sein Fall übertragen wurde, war der Meinung, wenn Chad in eine positivere Umgebung käme und gezwungen wäre, eine Schuluniform zu tragen, dann würde er bestimmt aufhören, ständig zu streiten, und ein gewissenhafterer und motivierterer Schüler werden. Wenn seine Eltern nicht eingewilligt hätten, den Aufenthalt an der Woodridge Academy zu finanzieren, wäre er wahrscheinlich in einer Jugendstrafanstalt auf die Schule gegangen.
Also hatte Chad im September mit allen anderen das Schuljahr begonnen. Die Jungs in Marshalls Klasse hatten Ehrfurcht vor ihm. Selbst die Mädchen fühlten sich von ihm angezogen, auch wenn er ihnen ein bisschen Angst machte. Und in den ersten paar Wochen war Marshall mitten dabei gewesen, hatte Chad an den Lippen gehangen, bei jedem Wort, das er sagte, zustimmend genickt und über jeden Witz lauthals gelacht.