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Mit 35 Fotos und zwei Karten
Aus dem Französischen von Reiner Pfleiderer
August 2015
ISBN 978-3-492-97077-8
© 1995 Actes Sud / Editions du Levant, Arles 1995
Titel der französischen Originalausgabe: »L'Enfant des neiges«
© der deutschsprachigen Ausgabe: Piper Verlag GmbH,
München/Berlin, 2001 erschienen im Verlagsprogramm Malik
Covergestaltung: kohlhaas-buchgestaltung.de
Covermotiv sowie sämtlich Fotos im Buch: Nicolas Vanier
Datenkonvertierung: abavo GmbH, Buchloe
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Berge und nochmals Berge. Ein Meer von Gipfeln, bis zum Horizont. Und endloses Weiß, soweit das Auge reicht, kaum bedrängt vom Grün des Waldes im Grund der verschlafenen Täler. Eine vollkommene, bedrükkende Stille, die etwas Unmenschliches hat, denn sie schließt Bewegung und Wärme aus, ohne die es kein Leben gibt.
Ja, alles ist starr, still und kalt wie der Tod. Selbst die Flüsse und Bäche, die zuvor mit ihrem silbrigen Tanz die Landschaft belebten, schlafen. Der Winter hat die Erde tiefgefroren und ein Leichentuch über sie gebreitet. Nicht eine Spur, kein Lichtschein im fahlen Dämmerlicht.
Die Stunden verstreichen, die Kilometer ziehen vorüber. Hinter einem Gipfel, der aussieht wie Tausende andere bereits überflogene, teilt sich das Gebirge unter dem Flugzeug, und ein Tal taucht aus dem abendlichen Dunkel auf.
Noch immer dasselbe Weiß, dieselbe stille Weite, dieselbe endlose Einsamkeit.
Plötzlich eine Spur auf dem starren Fluß, schnurgerade, halb unter einer dünnen Schneedecke verborgen. Nach und nach tritt sie deutlicher hervor, eine dunkle, leicht bläuliche Linie im makellosen Weiß.
Am Ende der Spur Hunde, die einen Schlitten ziehen. Der Atem, den ihre schmalen Schnauzen ausstoßen, hüllt sie in eine graue Wolke aus Rauhreif. Sie tragen Geschirre und ziehen paarweise einen schwer beladenen Schlitten aus Holz und Leder.
Vor ihnen ein Mann, der mit Schneeschuhen den tiefen und flockigen Schnee niedertrampelt. Und hinter dem Schlitten eine Frau, auch sie mit Schneeschuhen. Von Zeit zu Zeit stemmt sie sich mit ihrem ganzen Gewicht von der einen oder der anderen Seite gegen das Gepäck, damit der Schlitten die Spur hält.
Hinten auf dem Schlitten schläft, mit warmem Biber und Fuchs bekleidet und zusätzlich in dicke Pelze gemummt, ein kleines Mädchen. Ihr Atem kondensiert in der eisigen Luft zu einer Wolke und vermischt sich mit dem Atem der Hunde und dem ihrer Mutter, die hinter ihr geht und ein wachsames Auge auf sie hat. Der Mann und die Frau sprechen nicht, sparen sich den Atem für den anstrengenden Marsch. Sie ziehen langsam und still ihres Wegs, passend zu dem Land, das sie umgibt. Kleine Ameisen in einer Welt der Riesen.
Trotzdem bleiben sie stehen, als das Flugzeug über sie hinfliegt und einen gelben Streifen an den metallischen Abendhimmel malt. Sie hören das Dröhnen, das die Stille durchbricht, blicken zum Himmel, den eine Bewegung belebt, die nicht die ihre ist. Dann ist das Flugzeug verschwunden, und wieder kehrt Stille ein, noch vollkommener und bedrückender als zuvor.
Mit anbrechender Nacht wird es noch kälter. Das Thermometer zeigt −45°C. Der Leithund, ein herrlicher schwarzweißer Laika, biegt plötzlich in Richtung Ufer ab und versinkt bis zur Brust im Schnee. Der Mann kommt zurück, tritt ein zweites Mal die weiße Spur fest. Die Hunde mobilisieren ihre letzten Kräfte, denn sie wissen, es ist das letzte Mal nach einem schweren Marschtag, und erklimmen die Böschung. Und dann verschwinden Mensch und Tier im Wald. Die Spur, die sie hinterlassen, verweht langsam der Schnee, der im Nordwind wie schwebend über den Fluß streicht.
Etwas später bricht zwischen den Rottannen eine dünne Rauchsäule hervor und steigt kerzengerade in den Himmel, an dem Nordlichter flackern, leuchtend smaragdene und goldene Schleier, die das eisige und endlos weite Land in ein flüchtiges Licht tauchen.
Wir sind noch keine halbe Stunde unterwegs, und schon weint Montaine. Sie fühlt sich auf dem Zweiersattel nicht wohl, obwohl wir sie zu Hause in der Sologne daran gewöhnt haben.
»Hat sie schon genug?«
»Sieht so aus, als hätte sie Angst.«
Ein gezwungenes Lächeln huscht über Dianes Gesicht.
Tatsächlich sind wir nicht so guter Dinge oder so glücklich, wie wir es eigentlich sein sollten, heute, am ersten Tag eines Abenteuers, von dem wir schon vor der Geburt Montaines vor anderthalb Jahren geträumt haben.
Statt dessen steht uns die Angst ins Gesicht geschrieben. Auch unsere vier Pferde haben Angst. Angst vor dem schwammigen Boden, dem Gepäck, das wir ihnen auf den Rücken gebunden haben, den Menschen, die ihnen noch fremd sind...
Und so kommt es, wie es kommen muß. Fünf Minuten später, als wir auf einem steinigen, von jungen Fichten überragten Hang am Fluß entlangreiten, geht das hintere, mit 60 Kilo Ausrüstung und Proviant bepackte Pferd plötzlich durch. Mehrmals ausschlagend jagt es in kopfloser Flucht an mir vorbei und reißt mein Pferd mit, und das, auf dem Diane und das Kind sitzen. Montaine erschrickt und fängt zu schreien an. Diane, eine gute Reiterin, fällt ihrem Pferd in die Zügel, doch die beiden Packtiere preschen in vollem Galopp davon und verstreuen hinter sich Töpfe, Proviantsäcke, Seile, das Gewehr und Patronen.
Das fängt ja gut an!
Wir steigen ab. Montaine trocknet sich die Tränen, die sich in ihrem kleinen, braungebrannten Gesicht mit den Regentropfen vermischen.
»Alles in Ordnung, mein Schatz?«
Montaine reibt sich die Augen und unterdrückt einen Schluchzer.
»Und was machen wir jetzt?«
Diane starrt den Weg entlang, auf dem die beiden verschwundenen Pferde große Hufabdrücke im Morast hinterlassen haben. Seile liegen im Gras, ein Stück weiter die Ausrüstungsteile, die bei jedem Bocksprung aus den Säkken und Kisten geschleudert worden sind.
Der Regen wird stärker. Wütend prasselnd zieht er glitzernde Furchen in den Boden.
Damit Montaine nicht klatschnaß wird, setze ich sie in den eigens für sie angefertigten Rucksack aus Segeltuch und Leder, den Diane auf dem Rücken trägt.
Erstens, die Pferde einfangen.
Zweitens, die Pferde wieder bepacken, das heißt, die Ausrüstung, die mehrere hundert Meter weit verstreut liegt, wieder einsammeln, auf die Packsättel verteilen und festzurren.
Drittens, Montaine wärmen, denn sie zittert schon vor Kälte.
Nein, umgekehrte Reihenfolge.
Zuerst Montaine wärmen, dann der Rest.
Eine Grundregel, die wir von nun an stets befolgen müssen, worin der Rest auch bestehen mag.
Montaine, Montaine, Montaine! Wir sind erst eine Stunde unterwegs, und schon wird mir bewußt, welches Wagnis wir eingehen. Natürlich haben wir mit gewissen Schwierigkeiten gerechnet, aber nicht damit. Der Auftakt ist ernüchternd und holt uns aus den schönen Träumen der letzten Jahre in die Wirklichkeit zurück. Zwei Pferde vor Schreck durchgegangen, Tränen, Regen und trister Alltag. So sieht die Wirklichkeit aus! Wir haben uns vorgestellt, wie wir bei strahlendem Sonnenschein gemütlich durch sattgrüne Täler reiten, wie Montaine lachend mit ihren kleinen Händen auf Schmetterlinge und Eichhörnchen zeigt, die vor dem vergnügt vorausgaloppierenden Otchum flüchten. Denkste! Nichts von alledem. Selbst Otchum läßt traurig den Kopf hängen und rollt sich, müde und durchnäßt, im Schutz einer dichten Kiefer zu einer Kugel zusammen.
Diane sucht Hoffnung in meinem Blick. Ich würde gern Zuversicht ausstrahlen, doch auch ich werde von Zweifeln geplagt.
Erstens, Montaine wärmen.
Wir binden die beiden Pferde an zwei Kiefern am Wegrand, dann ziehe ich einen Armvoll trockenes Reisig unter einer Fichte hervor und entzünde ein Feuer.
Diane blickt mit der erschöpften Montaine in die Flammen und wiegt sie in den Schlaf, und ich mache mich auf die Suche nach den Pferden.
Das erste finde ich ziemlich schnell. Es grast auf einer Lichtung. Das zweite ist ein Stück weiter stehengeblieben. Die Seile des Packsattels haben sich in den Erlen verheddert und es in seiner Flucht gestoppt. Ich sammele die Seile ein, dann die Planen, mit denen wir das Gepäck abdecken, alle zwei auf zwei Meter groß und wasserundurchlässig. Der Abend dämmert bereits, als ich zum Feuer zurückkehre.
Der Anblick Montaines, die im Schein des heruntergebrannten Feuers in den Armen ihrer triefnassen Mutter schläft, versetzt mir einen Stich.
Diane lächelt mich durch den Regen an.
»Sie ist eingeschlafen.«
»Wir rasten hier.«
»Schon?«
»Na ja, in einer knappen Stunde ist es dunkel. Wir sind spät aufgebrochen, und für heute haben wir, glaube ich, genug.«
»Ja, vor allem Montaine.«
Im Regen schlagen wir das Zelt auf. Im Regen verschlingen wir hastig unser Abendessen. Im Regen fesseln wir den Pferden die Vorderläufe und lassen sie frei. Im Regen kriechen wir ins Zelt. Im selben Augenblick erwacht Montaine und beginnt, die Arme ihrer Mutter suchend, zu weinen.
»Pst, sonst weckst du Otchum. Er schläft.«
Montaine hält die Tränen zurück und ruft leise nach Otchum.
»Tschu-Tschu!«
»Pst, er schläft.«
Dann kuschelt sie sich an ihre Mutter und schläft wieder ein.
Ich habe eine unruhige Nacht. Der Regen trommelt mit deprimierender Gleichmäßigkeit aufs Zelt. Montaine wälzt sich im Schlaf und rutscht irgendwann aus dem Schlafsack. Damit sie sich nicht erkältet, wache ich über sie. Ernüchtert, wie ich bin, male ich das Bild unseres ersten Reisetags in den schwärzesten Farben.
Endlich dämmert es. Fahles Licht dringt durch das Grau. Ich schlüpfe in meine feuchte Hose und krieche ins Freie. Nebel verhüllt die Berge, so daß man sich im Flachland wähnen könnte. Überall Wasser. Am Himmel, am Boden, es trieft von den Bäumen, steht im Gras.
Und keine Spur von den Pferden. Nicht einmal ein fernes Bimmeln der Glöckchen. Nur das nervtötende Prasseln des Regens, der einfach nicht nachlassen will.
Otchum liegt unter einer Fichte im Trockenen. Seine Schnauze hebt sich kurz zum Morgengruß und sinkt dann wieder in die warme Kuhle seines angewinkelten Beins, so daß gerade noch ein Auge hervorschaut, dem nicht die kleinste meiner Bewegungen entgeht.
»So ein Sauwetter, was, Otchum?«
Ein Blinzeln und ein leichtes Zucken der Ohren als Antwort.
Ich sammele Reisig, reiße Rinde von einer Birke und lege alles unter einen alten, borkigen Baumstamm, der die ersten Flammen schützt, ehe er selbst zu glimmen beginnt. Ich sammele mehr oder weniger trockenes Holz und mache ein großes Feuer.
Der Morgen erscheint mir nun nicht mehr ganz so düster. Ich mache mich auf die Suche nach den Pferden. Die Spuren führen den Weg entlang nach Norden und verlieren sich auf einer Lichtung im hohen Gras. Die blühende Wiese ist mit blauen Geranien, Rittersporn, Goldruten und Heidelbeersträuchern übersät. Alle Blüten recken die bunten Köpfe zum Licht, wie um das Grau des Morgens zu durchdringen und etwas weiter zu sehen.
Am Saum eines Tannen- und Kiefernwaldes, in dem auch vereinzelte, meist abgestorbene Birken stehen, stoße ich wieder auf die Spuren der Pferde. Ich irre eine Weile umher, schmunzele über die Eichhörnchen, die mich mit schrillen Schreien beschimpfen, dann habe ich die Pferde endlich aufgestöbert. Sie sind zusammengeblieben und glotzen, schmutzig und triefend vor Nässe, verdrossen unter hohen Kiefern hervor, die trotz ihres dichten Geästs den Regen durchlassen.
Ich bringe sie zum Lager zurück. Diane und Montaine sitzen am Feuer und trocknen sich an den Flammen.
»Waren sie weit weg?«
»Es geht.«
Montaine hebt den Finger.
»Ferde.«
»Ja, Montaine, das sind Pferde.«
»Willst du weiter?«
»Hmmm...«
Wir trinken heißen Kaffee und sprechen nicht viel, nur über die Verletzung des Dicken, wie wir das dickste unserer vier Pferde getauft haben.
Überhaupt haben wir bei den Namen für die Tiere unsere Phantasie nicht sonderlich angestrengt und dem Praktischen den Vorzug gegeben: der Dicke, wie gesagt, der Junge, der Alte und der Weiße. Einfacher geht's nicht.
Wir haben sie in der Umgebung von Prince George zwei Tage lang probegeritten, ehe wir sie gekauft haben. Wir haben uns insgesamt ein Dutzend angesehen. Ein Rancher aus der Gegend hatte sie nach den Kriterien, die wir ihm aus Frankreich übermittelt hatten, ausgesucht: »Ruhige, sehr ruhige Pferde. Sie dürfen gern etwas älter sein, sollten aber Erfahrung als Lasttiere haben, vor allem Erfahrung«, hatte ich verlangt und auf packing horses bestanden – in Erinnerung an ein unerfreuliches Erlebnis mit Pferden, die nie zuvor einen Packsattel getragen hatten. Eine sehr amüsante Geschichte, zugegeben, aber für die Beteiligten nicht ungefährlich... Jeder Versuch, die Tiere erst abzurichten, wäre Wahnsinn, wenn man ein Kleinkind dabei hat. Und die gesamte Expedition ist bis ins Kleinste so geplant, daß das Risiko für das Kind praktisch gleich Null ist. Ich habe als einziger nie daran gezweifelt, daß das möglich ist... und zu zweit wollten wir es beweisen!
Wir haben also ein Dutzend Pferde gesattelt und beladen, ehe wir uns für zwei entscheiden: »den Alten«, der mit seinen 15 Jahren mindestens so ruhig wie kräftig ist, und »den Weißen«, einen relativ ruhigen Schecken mit weißbraunem Kopf und sicherem Tritt, der hinter dem Alten laufen soll.
Und als Reittiere nahmen wir »den Dicken«, einen gemütlichen Rotfuchs für Diane und das Kind, und »den Jungen«, ein kleines rassiges Pferd mit guten Reiteigenschaften und athletischem Bau, vielleicht etwas lebhaft, aber wie dafür geschaffen, an der Spitze zu laufen und, wenn nötig, einen Sprint hinzulegen. Das ist das Team!
Die Probleme begannen natürlich gleich auf dem Lastwagen, wo der Alte den anderen zeigen wollte, wer der Chef ist. Der Dicke bekam trotz seiner Körperfülle eine tüchtige Abreibung, und seitdem klafft ein tiefer Riß unter seinem Auge.
Darüber sprechen wir heute morgen und untersuchen die Wunde. Kein schöner Anblick. Sie ist leicht vereitert und zu groß, um von allein zu verheilen.
»Du hättest sie nähen sollen.«
»Zu spät.«
Die Feuchtigkeit macht alles noch schlimmer. Diane reinigt die Wunde mit einem Antiseptikum, während ich Montaine auf dem Arm habe. Sie kann hier nicht laufen, denn der Boden ist mit Erlen überwuchert und mit dichtem Gras bedeckt, das zu hoch für sie ist.
Ich seufze. Von heute an muß einer von uns beiden ständig auf sie aufpassen, rund um die Uhr, und das ein Jahr lang, ohne auch nur eine Sekunde nachlässig zu werden. Ob wir das durchhalten werden?
Montaine quengelt und klammert sich noch stärker an mich.
»Nicht sehr lustig, der Regen, was, mein kleiner Liebling?«
»Hmmm.«
Ich lege sie wieder ins Zelt und bleibe, einen neuerlichen Seufzer ausstoßend, bei ihr. Ich warte, bis Diane mich ablöst, und schlüpfe dann wieder ins Freie.
Minuten später kommt Diane nach. Der Regen will nicht nachlassen, im Gegenteil, er wird noch stärker.
»So ein Sauwetter!«
»Seit drei Tagen, es ist wie verhext.«
»Am liebsten würde ich heute hierbleiben. Bei dem Regen macht es keinen Spaß, noch dazu mit der Kleinen. Sie wird sich noch eine Erkältimg holen, und das wäre...«
Ich lasse den Satz unvollendet.
»Aber so wird es immer bleiben.«
»Ich hoffe nicht.«
»Ich spreche nicht vom Regen.«
»Ich weiß! Aber ich möchte ihr nicht schon in den ersten Tagen alles verleiden. Warten wir noch einen Tag, vielleicht hört der Regen ja auf.«
»Na schön.«
Wir verbringen den Tag abwechselnd im Zelt, vier auf vier Meter, oder am Feuer. Wir gehen angeln, doch der Fluß ist schlammig, führt Bäume mit sich und schwillt immer mehr an. Die Forellen beißen nicht.
Der Abend naht, Schwarz ersetzt das Grau. Es regnet und regnet. Deprimierend! Und dazu das nervtötende Prasseln der Tropfen auf die Zeltbahn. Katerstimmung, schon am zweiten Abend. Das Gefühl, daß wir schon seit Tagen hier sind, daß der Regen niemals aufhören wird, daß wir niemals ans Ziel unseres Abenteuers gelangen, das noch so fern, so fern ist...
Es regnet noch immer. Doch mir scheint, dass die Wolkendecke nicht mehr so tief hängt. Sie ist nicht mehr so dicht und vor allem nicht mehr ganz so grau. Ein Hoffnungsschimmer.
Ich stehe früh auf, um die Pferde zu suchen und anzubinden, ehe ich einen Kaffee trinke. Sie stehen hinter der windgeschützten Grasböschung, wo ich sie gestern abend zurückgelassen habe. Ich nehme ihnen die Fesseln ab.
Die Fesseln aus einfacher Schnur oder Lederriemen werden um die beiden Vorderläufe geschlungen und verhindern im Prinzip, daß das Tier sich zu weit entfernt. Im Prinzip, denn mit etwas Übung können manche Pferde trotz der Fesseln kilometerweit galoppieren, ohne zu straucheln. Pferde wie der Alte, der aber zu sehr Herdentier ist, um alleine loszuziehen. Bei den drei anderen erfüllen die Fesseln ihren Zweck, das heißt, sie verhindern, daß sie in der Nacht ausbüxen, lassen ihnen aber soviel Bewegungsfreiheit, daß sie eine saftige Weide aufsuchen können. Hoffen wir, daß es so bleibt!
Seit meiner Sibirienreise verwende ich eine Fesselmethode, die ebenso einfach wie genial ist. Ich habe sie bei den Tofalaren gelernt, einem Jägervolk, das in den Bergen der nördlichen Mongolei lebt.
Man nimmt ein Seil mit einem Knoten an jedem Ende, legt es doppelt um ein Vorderbein, dreht es vier oder fünf Mal und schlingt es dann um das zweite Bein, wo man das Ganze befestigt, indem man die Knoten in die entstandene Schlaufe steckt. Ich habe die Methode einem alten packer aus Prince George erklärt und vorgeführt. Er konnte es nicht fassen, wie einfach und wirkungsvoll sie ist: »Wenn man fast nichts hat, kommt man auch mit fast nichts aus« – eine Devise, die früher auch für die Inuit gegolten hat, die in Ermangelung von Baumaterial beispielsweise äußerst zweckmäßige Häuser aus Schnee bauten und für die ich eine grenzenlose Bewunderung hege.
Um die Pferde ins Lager zurückzubringen, brauche ich nicht alle vier am Zügel nehmen. Zwei genügen, dann folgen die anderen von allein. Es ist nicht zu fassen. Sie sind erst seit drei Tagen zusammen und bereits unzertrennlich. Der alte Herdentrieb der Pflanzenfresser, das Erbe einer Zeit, in der nur die Gruppe Schutz vor Raubtieren bot.
Ich binde also nur die beiden kräftigsten an, den Dikken und den Weißen, und lasse die beiden anderen weiden. Sie werden nicht weglaufen.
Der Regen hat kein bißchen nachgelassen, und das Feuer qualmt wie ein Schlot. Montaines Geplapper dringt aus dem Zelt und vermischt sich mit dem Gezwitscher der wenigen Vögel, die der Nässe trotzen: grüne Waldsänger und ein melodisch trällernder Vireo, dessen graues Gefieder an die Farbe des Himmels erinnert...
Diane beißt die Zähne zusammen und schlüpft in eine klamme Hose, nachdem sie ihre Tochter warm angezogen hat. Kaum ist Montaine vors Zelt getreten, hält sie nach Otchum Ausschau, ruft nach ihm, bekommt einen Wutanfall, wenn es sein muß, denn sie will ihn unbedingt sehen, ihn streicheln, mit ihm plaudern. Ha, ihr Tschu-Tschu! Otchum, ein guter Junge, läßt sich alles augenzwinkernd gefallen und betrachtet mich mit einer Miene, als wollte er sagen: »Auf was für einen Trip hast du uns jetzt wieder geschleppt?«.
Wir drängen uns ums Feuer und stampfen den Boden rundherum platt, damit die Kleine nicht stolpert und womöglich in die Flammen fällt. Die arme Montaine ist einen so holprigen und schwammigen, mit Wurzeln und Sträuchern überwucherten Boden nicht gewohnt. Sie legt kaum einmal zehn Meter zurück, ohne daß sie der Länge nach hinfällt und heulend nach ihrer Mutter ruft, bis man ihr aufhilft. Das schwierigste ist, nie die Geduld zu verlieren. Wird »Geduld« das Schlüsselwort bei dieser x-ten und doch so besonderen Reise in den hohen Norden?
Unsere Reise soll, grob skizziert, von Prince George in British Columbia über die Rocky Mountains des kanadischen Nordens nach Alaska führen. 700 Kilometer zu Pferd und über 1700 Kilometer mit dem Hundeschlitten. Ein Jahr, vielleicht etwas weniger, wenn die Hunde schnell sind. In der Übergangszeit, wenn der hohe Norden den Atem anhält, ehe der Winter Seen und Flüsse erstarren läßt, werden wir in einer Blockhütte wohnen, die wir uns in den Cassiar-Bergen bauen wollen. In einer der wildesten Gegenden, die ich kenne, über 200 Kilometer Luftlinie vom nächsten Dorf und einen guten Monat zu Fuß von der nächsten Straße entfernt. Ein viermonatiger Aufenthalt, den der Wechsel der Jahreszeiten erzwingt und den ich dazu nutzen möchte, bestimmte Tiere, insbesondere Bären und Wölfe, zu beobachten.
Ich habe viele Jahre meines Lebens damit zugebracht, wie ein Nomade den hohen Norden zu durchstreifen und Landstriche zu durchqueren, langsam zwar, aber ohne jemals irgendwo länger zu verweilen. Um so mehr freue ich mich auf diesen mehrmonatigen Aufenthalt. Die andere Besonderheit dieser Reise ist natürlich die Zusammensetzung des Teams...
Aber wir sind erst den dritten Tag unterwegs, und es regnet noch immer.
Wir rüsten zum Aufbruch und verteilen das Gepäck nach Volumen und Gewicht auf zwei Kisten, die der Alte trägt, und zwei Leinensäcke – eine sibirische Methode, die sich bei weichen Gegenständen empfiehlt –, die auf dem Rücken des Weißen Platz finden. Wir brauchen zwei Stunden, um die Pferde zu satteln, die Säcke zu verschnüren, die Last gleichmäßig zu verteilen und mit Planen abzudecken, die Sattelgurte zu spannen. Mit etwas Übung und bei günstigerem Wetter müßte diese Arbeit in anderthalb Stunden zu schaffen sein, aber kaum schneller, denn wir sind nur zu zweit, und während der eine arbeitet, muß der andere auf Montaine aufpassen.
Diane deutet auf die Pferde und erklärt Montaine:
»Du darfst nicht hinter ihnen vorbeilaufen, Montaine. Das ist gefährlich.«
Montaine macht große Augen und sieht sie verständnislos an. In der Sologne wuselt sie zwischen den Beinen der Pferde umher, ohne daß sie gescholten wird. Aber unsere eigenen Tiere kennen wir gut, und bei denen hier wissen wir nicht, wie sie reagieren. Diane liebt Pferde und vertraut ihnen grundsätzlich. Ich weniger, denn schreckhaft, wie sie sind, haben sie mir auf Reisen schon so manch bösen Streich gespielt. Einmal, in Nevada, habe ich auf einem schroffen, gefährlichen Bergkamm die Herrschaft über drei Packpferde verloren, weil das erste plötzlich durchging. Ein Geräusch hinter ihm hatte es erschreckt: sein eigener Furz, der etwas lauter ausgefallen war als sonst!
Daher ist Vorsicht geboten.
Nach Ansicht der Leute droht unserem Baby auf den 3000 Meter hohen Pässen, die wir mitten im Winter bei 40 Grad Kälte mit den Hunden überqueren werden, die größte Gefahr. Ich sehe das anders. Wenn ihr eine Gefahr droht, dann vor allem von den Pferden. Die Kälte ist nicht unberechenbar, sie bereitet einem keine bösen Überraschungen. Der Winter ist nicht tückisch, er ist hart, aber mehr auch nicht.
Bei Pferden hingegen heißt es aufpassen! Der gestrige Vorfall hat es gezeigt. Deshalb haben wir beschlossen, Montaine heute auf dem Rücken zu tragen. Durch einen Regenmantel vor der Nässe geschützt und an ihre Mutter geschmiegt, schläft sie innerhalb von Minuten ein. Recht so!
Wir ziehen ein wenig traurig unseres Wegs und spähen in einen undurchdringlichen Nebel, der mit zunehmender Höhe immer dichter wird. Wir folgen einem alten Pfad, der seit mindestens zehn Jahren nicht mehr benutzt wird. Er müßte uns zu einem Paß hinaufführen, hinter dem sich das Gebiet um den Willistonsee erstreckt. Von dort werden wir durch verschiedene Täler direkt nach Norden reiten, das Indianerdorf Ware im Westen liegen lassen und zum Finlay-Fluß vorstoßen.
Ursprünglich wollte ich über Ware reisen, aus zwei Gründen. Der erste ist praktischer Natur, und zwar insofern, als wir dort ein Proviantdepot hätten anlegen können. Der zweite ist sentimentaler Natur, denn Charlie Boya, der Häuptling des Dorfs, ist ein Freund von mir. Doch ein genaueres Studium der Karten und vor allem verschiedene Berichte von Buschpiloten, Jagdführern und Trappern haben mich von dem Vorhaben abgebracht. Im Gegensatz zu dem, was die Karten sagen, existiert hinter Fort Ware seit über zehn Jahren kein Weg mehr. Die Gegend ist äußerst unwegsam: dichte Wälder, unüberwindliche Berge und Sümpfe. Die Indianer reisen nur noch auf den Flüssen, im Sommer im Kanu, im Winter mit dem Schneemobil. Sie verwenden keine Pferde mehr, und die meisten warten lieber auf den Scheck der staatlichen Wohlfahrt, als zum Jagen oder Fischen in die Berge zu gehen. Wie übrigens in ganz Kanada, wie überall im hohen Norden... Man reist weder mit Pferden noch mit Hunden. Wer auf die Jagd geht, läßt sich von einem Flugzeug absetzen oder braust im Motorboot die Flüsse hinauf, sofern er nicht einfach vom Geländewagen aus jagt und Wege benutzt, die die Holzfäller in die gewinnbringendsten Wälder schlagen. Wälder, deren Tierbestand dezimiert wird, weil sie von den Indianern, die sich an keine Abschußquoten halten müssen, überjagt werden. Die Maßnahmen, die der Staat zum Schutz der Tiere ergriffen hat, zeigen kaum Wirkung. Sie vertiefen allenfalls den Graben zwischen den Weißen, die der Urbevölkerung ihre Jagdprivilegien neiden, und den Indianern, die ihre Rechte mißbrauchen.
Traurige Zeiten für die Indianer. Die Alten sind in einer Kultur verwurzelt, deren Werte nicht mehr zeitgemäß sind. Und die Jugend ist entwurzelt und außerstande, eine neue Identität zu finden, die ihr ein Leben im Einklang mit ihrer Zeit erlauben würde. Wie die Inuit suchen auch die Indianer des hohen Nordens bislang vergeblich nach einer Tür, die sie in unser Jahrhundert führt.
Wir haben uns also für die direkte Route entschieden, um ein Gebiet zu umgehen, das zu Pferd offenbar unpassierbar ist.
Wir folgen dem Pfad, den die Jahre mehr oder weniger ausgelöscht haben. Er führt an einem Landschaft mit ihren blühenden Wiesen einen herrlichen Anblick bieten. Wir sehen einen bunten Teppich aus Glockenblumen, Goldruten und Geranien, dazwischen immer wieder Moosblumen und Schuppenheiden, hübsche kleine Gebirgssträucher, denen Heidelbeeren den Platz streitig machen. Kleine Trupps von Ammern beäugen uns, wenn auch nur mit mäßigem Interesse, denn sie sind zu sehr damit beschäftigt, sich warm zu halten. Genau wie wir. Mit hochgeschlagenem Kragen und eingemummt bis zu den Ohren, erklimmen wir schweigsam die Bergwiese und stellen uns dabei die Gipfel vor, die der Nebel verhüllt.
Und dann passiert es wieder, aber diesmal habe ich es geahnt. Dem Weißen rutscht ein Packsattel unter den Bauch, und er geht durch. Ich lasse seinen Zügel los und halte den Alten zurück. Der Weiße prescht an Diane vorbei. Ihr Pferd macht einen Satz zur Seite, beruhigt sich aber sofort wieder. Dafür ist der Weiße im nächsten Moment rechts hinter einer felsigen Anhöhe verschwunden, natürlich nicht ohne Teile des Gepäcks, das wir ihm sorgsam auf den Rücken gebunden haben, im Erlengestrüpp zu verstreuen.
Ich stoße einen Seufzer aus.
Diane gibt mir Montaine, die bei dem Zwischenfall aufgewacht ist, und setzt dem entlaufenen Pferd nach. Mit Montaine auf dem Rücken bepacke ich den Alten noch mal neu. Keine leichte Übung. Ich ziehe die Gurte fester, als ich sollte. Aber egal.
»Langsam wird es mir zu bunt.«
»Hmmm.«
Montaine nickt zustimmend. Mit ihrer kleinen Hand tätschelt sie dem Alten den Kopf, was er sichtlich genießt. Otchum ist Diane nachgejagt, und Montaine hält überall nach ihm Ausschau.
»Tschu-Tschu!«
Diane kehrt zurück, den Weißen im Schlepp.
»Ich bin ganz schnell zurückgekommen. Da hinten sind frische Spuren von einem riesigen Grizzly.« Sie ist beunruhigt, aber zugleich begeistert.
Und wie kann es anders sein: Otchum hat seine Spur aufgenommen. Das hat noch gefehlt! Voller Sorge beladen wir den Weißen. Eine gute Viertelstunde später sind wir fertig, und noch immer kein Otchum. Ich entzünde mit ein paar Zweigen von dürren Sträuchern ein Feuer und mache mich zu Pferd auf die Suche. Ich stoße auf die Spuren. Sie sind wirklich ziemlich groß und sehr frisch. Ein Männchen, mindestens vier Zentner schwer und nicht unbedingt freundlich... Otchum ist ihm gefolgt. Die Abdrücke der Hundepfoten wirken lächerlich klein neben der Spur des gefährlichen Sohlengängers.
Ich bin besorgt, weniger um mich, denn ich bin bewaffnet und gewarnt, als vielmehr um Otchum, der von Natur aus Jäger ist, mit Bären aber keine Erfahrung hat.
Otchum ist ein sibirischer Laika. Ein Jäger vom Baikalsee hat ihn mir als Welpe geschenkt, und ich spannte ihn vor den Schlitten, obwohl er dafür mit sechs Monaten noch sehr jung war. Um Wachstumsschäden zu vermeiden, spannt man Schlittenhunde normalerweise nicht vor Vollendung des ersten Lebensjahres an. Otchumder Name ist der eines kleinen, inzwischen verschwundenen Volksstammes, der im Norden des Sees lebte – ist eigentlich gar kein Schlittenhund, sondern ein Jagdhund, wie er von sibirischen Jägern darauf abgerichtet wird, Zobeln, Wolwerinen und Bären nachzusetzen. Trotzdem spannte ich ihn aus Spaß mit den anderen an, und zu meinem Erstaunen zog er vom ersten Tag an, als habe er nie etwas anderes getan.
2000 Kilometer später und nach einem Winter mit Temperaturen bis −60° C hatte sich Otchum zum Leithund hochgearbeitet und trotzte mit unglaublicher Ausdauer der Kälte und allen Strapazen.
Aus diesem Grund behielt ich diesen großartigen kleinen Hund, der zu einem Spitzenathleten gereift war, bei mir, als meine Teamkameraden mit den 30 Schlittenhunden nach Frankreich zurückreisten. Zusammen durchquerten wir Sibirien und stießen mit Ponys, Rentieren und Kanus bis zum Nordpolarmeer vor. Doch die Bären hielten Winterschlaf, und als es wieder Sommer wurde (obwohl ein sibirisches Sprichwort sagt: »Der Winter dauert zwölf Monate, die restliche Zeit ist Sommer«), befanden wir uns jenseits des Polarkreises, wo es keine Bären gibt. Dann kehrten wir nach Frankreich zurück, und alles, was er dort jagte, wenn auch mit viel Talent, waren Rehe und Wildschweine, aber eben keine Bären.
Später waren wir mit seinen Söhnen, neun Hunden, die aus einer Kreuzung mit einer Grönländerin hervorgegangen waren, in den Norden zurückgekehrt und hatten Lappland durchquert. Nur leider mitten im Winter, und da schlafen Bären bekanntlich.
Folglich ist das heute Otchums erster Bär, obwohl er schon viel in der Welt herumgekommen ist. Und nicht irgendein Bär, sondern der gefürchtete Grizzly, dem in Kanada jedes Jahr 20 Menschen zum Opfer fallen.
Kein Wunder also, daß ich besorgt und mit zittriger Stimme nach meinem Otchum rufe. Bald verlieren sich die Spuren zwischen den Felstrümmern, die zusammen mit den Sträuchern und Bäumen, die sie mit in die Tiefe gerissen haben, am Fuß des Abhangs ein undurchdringliches Chaos bilden.
Ich gebe die Suche auf und kehre um. Nebelschwaden verhüllen den Paß. Diane macht ein bekümmertes Gesicht, denn sie liebt diesen Ausnahmehund ebenso wie ich. Montaine spürt, daß etwas nicht stimmt, und sieht uns groß an.
»Gut, suchen wir uns einen Lagerplatz im Schutz des Passes. Falls er zurückkommt, findet er mühelos unsere Spur.«
»Was soll das heißen, › falls er zurückkommt‹?«
Ein Seufzer als Antwort.
Wir marschieren eine halbe Stunde, dann rasten wir am Saum eines Waldes. Ich schlage rasch das Zelt auf, damit Montaine sich unterstellen kann, und entzünde ein riesiges Feuer, als könnte ich damit den Regen vom Lager fernhalten. Doch unsere Hauptsorge ist nicht mehr der verflixte Regen, sondern der Grizzly.
Eine Stunde vergeht. Wir schlagen die Zeit mit Teetrinken tot, eine Gewohnheit, die ich bei sibirischen Rentierzüchtern angenommen habe, mit denen ich ein halbes Jahr umhergezogen bin. Und noch immer kein Lebenszeichen von Otchum. Mein Magen krampft sich zusammen. Ich befürchte das Schlimmste. Was soll aus meinem schönen Projekt, aus meiner Begeisterung werden ohne meinen wichtigsten Hund, den Rudelchef, das Leittier, meinen Freund? Wie soll ich ohne ihn zehn Hunde lenken? Das Gespann wäre wie ein Vogel ohne Flügel, der dazu verdammt ist, traurig auf dem Boden umherzuhüpfen, statt durch die Lüfte zu schweben.
Dianes Moral, die der Regen ebensowenig erschüttern konnte wie die Mucken der Pferde, hat ebenfalls einen Knacks bekommen.
Bald senkt sich die Nacht über unser Lager. Die Pferde, die in der Nähe auf einer saftigen Gebirgswiese geweidet haben, schlafen jetzt friedlich, obwohl der Regen in dünnen Fäden über ihr Fell rinnt. Keine Sterne, kein Mond. Kein Eulenschrei in der dunklen Nacht. Kein Otchum. Wir schlafen mit einem dicken Knoten in unseren leeren Mägen ein.
Halb sechs Uhr morgens.
Obwohl der Regen aufs Zelt trommelt, höre ich am Eingang ein Kratzen.
Ich fahre in die Höhe und stecke den Kopf hinaus.
»Otchum!«
Der Teufelskerl sieht mich mit lachenden Augen an. Sie leuchten im fahlen Dämmerlicht.
»Wieso machst du dir Sorgen?« scheint er mir sagen zu wollen. »Ich bin dem dicken Teddy nur ein bißchen nachgerannt, um zu sehen, was er drauf hat.«
»Du Racker! Du Strolch!« Und ich streichele ihm überglücklich die Schnauze. Diane hat mich gehört, und auch Montaine ist wach geworden. Sie ruft nach ihm. Otchum schiebt den Kopf ins Zelt und begrüßt alle mit seinem schönsten Lachen.
Ja, Otchum lacht. Ich bilde mir das nicht nur ein, auch wenn ich, wie ich gerne zugebe, einen Narren an diesem Hund gefressen habe.
Die Dämmerung erscheint uns schöner, das Gebirge weniger bedrohlich und der Regen fast erträglich. Von nun an ist der Regen unser ständiger Begleiter. Wir müssen mit ihm leben oder die Heimreise antreten...
Mit aufgestelltem Schwanz übernimmt Otchum die Spitze unserer kleinen Karawane und trabt zügig in Richtung Tal. In der Ferne glitzert das silberne Band des Flusses, das sich in seiner Mitte schlängelt. Laut Karte folgt ein alter Pfad, zweifellos ein alter Trapper-Trail, auf den nächsten 50 Kilometern seinem Lauf. Wir erreichen problemlos die Baumgrenze. Auf der Suche nach einer Passage dringen wir in den Wald vor und nehmen mit einem Pfad vorlieb, den Wapitihirsche und Elche ausgetreten haben. Unter lautem Gegacker fliegen ein Kragenhuhn und seine Küken vor uns auf. Sie entkommen Otchum nur knapp.
Wir steigen ab, damit wir zwischen den Bäumen besser manövrieren können. Diane trägt die zwölf Kilo schwere Montaine auf dem Rücken, während ich mit drei Pferden vorausmarschiere. Montaine deutet mit dem Finger auf die Vögel und ruft:
»Piep! Piep!«
Otchum setzt einem Eichhörnchen nach. Schimpfend entwischt es ihm, und Montaine quietscht vor Vergnügen.
Der Pfad verschwindet, doch talwärts lichtet sich der Wald, und wir schwingen uns wieder in den Sattel. Gegen 13 Uhr erreichen wir den Fluß. Zeit für ein Nickerchen.
Der Regen, der vorübergehend nachgelassen hat, ohne aber ganz aufzuhören – wir geben uns keinen Illusionen hin –, wird wieder stärker. Und als Montaine wenig später friedlich unter einer Plane schläft, die wir zwischen den Bäumen gespannt haben, gießt es wie aus Kübeln. Die Eltern warten geduldig, die Pferde verschnaufen, von ihrer Last befreit, und Otchum träumt im Schutz einer Tanne von den Hühnern, die er jetzt fressen könnte.
Am Nachmittag vergeuden wir viel Zeit mit der Suche nach einem Pfad, der nur auf der Karte existiert. Nach zwei Stunden geben wir es auf und schlagen uns, immer am Fluß entlang, durchs Weidengestrüpp. Gegen 17 Uhr sind wir es leid. Seit der Pause haben wir kaum drei Kilometer zurückgelegt.
Die Landschaft ist herrlich. Der Fluß schlängelt sich durch einen Birken– und Kiefernwald, den leuchtend hellgrüne Pappeln sprenkeln. Erlen und Weiden, die anmutig ihre Zweige neigen, säumen die Uferböschungen. Hier und da tut sich eine Bresche auf und gibt den Blick auf blühende Wiesen frei. Nicht einmal das Grau vermag die scharfen Kontraste zu verwischen und die Vielfalt der Farben zu schmälern.
Ich entzünde mit Birkenrinde ein Feuer und lege eine Unmenge dürres Holz nach. Bald schlagen die Flammen drei bis vier Meter hoch und bescheinen die umstehenden Bäume, an denen glitzernd das Wasser herunterrieselt. Regentropfen fangen das Licht des Feuers ein und funkeln. Diane backt ein köstliches Fladenbrot, und trotz des Regens, den wir mit Verachtung strafen, klingt der Tag versöhnlich aus.
Zwei Tage lang ziehen wir ohne nennenswerten Zwischenfall durch das grüne Tal, mal im Wald, mal am Fluß entlang oder, wenn am Ufer ein Fortkommen unmöglich ist, sogar in seinem flachen Bett. Montaine gewöhnt sich allmählich an den neuen Rhythmus. Da sie im Sattel ziemlich rasch ermüdet, bleibt sie meist brav in ihrem Rucksack und bestaunt von dort die Wunder dieser grandiosen Gebirgslandschaft.
Wir tun so, als schenkten wir dem Himmel keine Beachtung, der unablässig seine Wassermassen über uns auskippt. Längst haben die Flüsse ihre schöne blaugrüne oder kristallklare Farbe verloren. Schlammig braun wälzen sich die aufgewühlten Fluten nun zu Tal und führen eine Unmenge von Bäumen und anderen Pflanzen mit, die sie von den Ufern gerupft haben.
Das stimmt mich ein wenig bedenklich. Diesen Fluß hier könnten wir, obwohl er angeschwollen ist, noch ohne größere Probleme durchqueren. Doch in spätestens zwei Tagen müssen wir über den Pelly setzen, und der, so fürchte ich, wird es uns nicht so leicht machen. Stromabwärts stoßen wir immer häufiger auf Wildspuren: Wapitihirsche und Großohrhirsche – zweifellos die letzten, die wir zu sehen bekommen, denn wir stoßen an die Nordgrenze ihres Lebensraums –, Elche, Karibus in Rudeln von fünf bis zehn Tieren, meist Kühe mit Kälbern, und natürlich einige Bären, in erster Linie Schwarzbären. Otchum flitzt vergnügt von Fährte zu Fährte und bellt wie verrückt, wenn er ein Tier gestellt hat. Er bleibt dann zehn Meter vor ihm stehen, und erst wenn er 20 Minuten lang vergeblich auf uns gewartet hat, kehrt er etwas unwillig und mit zerknirschter Miene zu uns zurück.
Auf diese Weise legt er täglich gut 100 Kilometer zurück, und sobald wir von den Pferden steigen, sinkt er erschöpft zu Boden.
Eines Nachmittags, als wir einem Wildwechsel durchs Erlengestrüpp folgen, stoßen wir auf eine Schwarzbärin mit zwei Jungen, niedlichen Teddys, die man am liebsten auf den Arm nehmen möchte. Uns trennen höchstens 20 Meter, doch offenbar sind sie so damit beschäftigt, sich mit Himbeeren vollzustopfen, daß sie uns weder gehört noch gesehen haben. Wir beobachten die possierliche Szene eine Zeitlang, dann stoße ich einen Pfiff aus, damit die kleine Familie den Weg freimacht, ehe unsere Pferde wieder einen Schreck kriegen und durchgehen.
Montaine hat sich nichts von der Darbietimg entgehen lassen und sagt den Bären ganz selbstverständlich »Auf Wiedersehen«, als handele es sich um drei Freunde, die gekommen sind, um uns eine gute Reise zu wünschen.
Die Begegnung mit dem Grizzly hat Otchum anscheinend tief beeindruckt. Jedenfalls hält er sich jetzt auffallend zurück und knurrt nur leise und aus sicherer Entfernung.
In den allermeisten Fällen zieht der Amerikanische Schwarzbär (Baribal) die Flucht dem Angriff vor, selbst in Begleitung von Jungen. Ganz anders sein Vetter, der Grizzly, auch wenn man in bezug auf ihn zu Übertreibungen neigt. Gewiß, er tötet nicht wenige Menschen, aber ihn deshalb als blutrünstige Bestie hinzustellen, geht doch zu weit, vor allem wenn man weiß, warum diese Menschen umgekommen sind. In 99 von 100 Fällen ist falsches Verhalten die Ursache. Die wichtigsten Grundregeln lauten: sich nie einer Mutter mit Jungen nähern, die Tiere nie bei der Mahlzeit stören, sie nie verletzen (was bei der Jagd häufig geschieht) oder ganz allgemein überraschen und ihnen dabei zu nahe kommen.
Als wir zu Pferd die amerikanischen Rocky Mountains überquerten und dabei durch unberührte Täler kamen, warnten uns die wenigen Bewohner dieser Landstriche vor Meister Petz und rieten uns dringend, uns Colts anzuschaffen, Lebensmittel stets an Bäumen aufzuhängen, die Pferde mit Glöckchen zu versehen und was weiß ich noch alles. Kurzum, obwohl wir nur einige Verhaltensmaßregeln beherzigten, kam es während unserer fünfmonatigen Expedition durch Grizzly-Land zu keinem Zwischenfall. Dieselbe Erfahrung machte ich in Sibirien, nördlich und südlich des Baikalsees, wo es von Bären wimmelt. Mit Glück hat das nichts zu tun, und das gilt für die meisten Gefahren des hohen Nordens. Was hat man uns nicht alles über Wölfe, die Kälte, Schneestürme erzählt? Einige berühmte Schriftsteller und Forscher sind daran nicht ganz unschuldig. Wer die Risiken dramatisiert, wertet die eigene Leistung auf. Ein alter Trick, der um so besser funktioniert, als der hohe Norden nicht gerade ein bevorzugtes Reiseziel von Urlaubern ist.
Der Grizzly ist also das einzige Tier – und in weit geringerem Maß auch der Vielfraß –, vor dem man auf der Hut sein muß. Aus diesem Grund habe ich auch Otchum mitgenommen, statt ihn bei der Meute im Jura zu lassen – von der Freude, die uns seine Gesellschaft bereitet, einmal ganz abgesehen.
Im übrigen erfüllt Otchum seine Aufgabe als Wachhund bestens. Er bezieht stets in der Nähe des Zeltes Posten und paßt auf, wenn sich etwas nähert, Pferde, Füchse oder was auch immer... In dieser Hinsicht können wir beruhigt sein, zumal die geladene Winchester stets griffbereit liegt. Das Zelt ist eine Festung, in der sich eine Königin, wie meine Montaine, bedienen und verhätscheln läßt.
Ein Wunder! Heute morgen regnet es nicht. Es nieselt nur ganz leicht. Fast ist man versucht, die Sonnenbrillen hervorzukramen.
Wir beladen unsere vier Pferde in der Rekordzeit von 75 Minuten und brechen auf. Wenn meine Berechnungen stimmen, sind es noch acht Kilometer bis zum Pelly. In einem wolkenverhangenen Gebirgstal ist die Orientierung nicht gerade leicht. Nach einiger Zeit öffnet sich das Tal zu einem großen Sumpf, in dem wir zwei kapitale Elchbullen aufscheuchen. Einer hat ein mächtiges Geweih, der andere ist, obwohl schwerer, weniger gut bestückt, zweifellos ein alter Bulle, der seinen Zenit bereits überschritten hat. Wie bei Rothirsch oder Rehbock wird das Geweih auch beim Elch im hohen Alter zurückgesetzt.
Der Sumpf erleichtert das Fortkommen nicht, und wir müssen absteigen, um den Dicken zu schonen, der auf der leicht geschwollenen rechten Vorderhand lahmt. Wir reiten abwechselnd auf dem Jungen, und Montaine reist im Rucksack auf unserem Rücken.
Der Sumpf ist überflutet und in der Mitte unpassierbar. Wir ziehen an seinem Rand entlang, bis wir auf ein undurchdringliches, bis zu zwei Meter hohes Erlengestrüpp stoßen. Wir versuchen unser Glück im Wald, doch der ist ebenso dicht. Überall verkohlte Bäume von einem länger zurückliegenden Waldbrand, wie sie hier häufig entstehen, wenn am Ende eines heißen Sommers Gewitter niedergehen. Wenigstens in dieser Hinsicht haben wir nichts zu befürchten!
Es wird Abend, und der Pelly ist noch immer nicht in Sicht. Wir werden unruhig, zumal das leichte Nieseln vom Morgen längst wieder in den gewohnten Landregen übergegangen ist. Doch dann, welch ein Anblick: Krickenten, Schellenten, Kragenenten, Reiherenten und Strandläufer kreisen über dem Sumpf, drehen plötzlich bei und stoßen in einen der schilfumsäumten Teiche hinab, in dem Biber ihrer Arbeit nachgehen und silberglänzende Spuren durchs gerippte Wasser ziehen.
Mitten in der Nacht hört der Regen auf – ob so der Fluß nicht weiter anschwellen wird? – und setzt am nächsten Morgen wieder ein. So ein Mist! Ich stehe auf und frage mich, warum ich so schlecht gelaunt bin – weil ich mir wegen der Regenpause falsche Hoffnungen gemacht habe oder weil im Schutz der Nacht die Pferde ausgerissen sind. Ich suche eine Stunde lang in einem weiten Halbkreis um unsere Lager, ehe ich auf tiefe Hufabdrücke stoße, die in einen Birken- und Pappelwald führen. Am Fuß des Berges verliert sich die Spur auf dem steinigen Boden. Ich kehre ins Lager zurück, um festzustellen, ob Diane sie auf der anderen Seite des Sumpfes entdeckt hat. Es könnte ja sein, daß die Pferde am Fuß des Berges umgekehrt sind.
»Nichts«, sagt Diane, die Montaine auf dem Rücken trägt, »nur eine Elchkuh mit ihrem Kalb.«
»Warum hast du sie nicht mitgebracht? Wir hätten sie satteln können!«
Das fröhliche Gesicht von Montaine, die wie ein junger Vogel piepst, heitert mich etwas auf.
Wir trinken einen Liter Kaffee, dann nehme ich die Suche nach den Pferden wieder auf. Ich entdecke sie 100 Meter von der Stelle entfernt, wo ich vorhin umgekehrt bin. Aber finden allein genügt nicht. Der Alte nimmt Reißaus, und der Rest der Bande galoppiert hinterher. Trotz der Fesseln. Der Alte war ihnen ein guter Lehrer.
Zum Teufel mit den verwünschten Gäulen! Ich tobe, denn zu allem Überfluß sind sie auch noch den Berg hinaufgerannt. Ich muß durchs nasse Gestrüpp hinterher. Zwei oder drei Mal rutsche ich auf dem schlüpfrigen Hang aus und falle hin.
»Verdammt, diese Mistviecher!«
Ich koche vor Wut. Ich muß mich zusammenreißen, sonst verpasse ich ihnen noch eine Kugel, um sie Mores zu lehren...
Ich habe sie fast erreicht, da jagen sie im Galopp wieder den Hang runter. Der Dicke lahmt noch stärker und hat Mühe, ihnen zu folgen.
»Dämliches Vieh!«
Ich schlage einen weiten Bogen und pirsche mich von vorn an sie heran. Da sind sie. Sie grasen friedlich zwischen den Felsen und würdigen mich keines Blickes, als ich ihnen einen Strick um den Hals lege. Nur der Alte hebt kurz den Kopf und glotzt mich an, als wollte er sagen: »Ach, du bist es!« Ich weiß nicht, ob ich lachen oder heulen soll!
Ich werde Pferde nie verstehen, und das hat mentale Gründe, da kann Diane noch so oft behaupten, daß sie ein »gewisses Maß an Intelligenz« besäßen. Es sei mir gestattet, daran zu zweifeln, auch wenn ich mir damit den Zorn derer zuziehe, die eine Schwäche für diese Tiere haben, die ja durchaus ihre nützlichen Seiten haben. Tatsächlich würde ich mich nicht zu der Behauptung versteigen, daß ich Pferde nicht mag. Gut, sie gehen mir ziemlich oft auf die Nerven und jagen mir gelegentlich einen Schrecken ein, aber ich bin gern mit Pferden unterwegs, ehrlich. Manchmal gewinne ich sie sogar lieb. Einmal, auf einer Expedition in Kanada, habe ich ein schnuckliges kleines Klassepferd richtig ins Herz geschlossen.
Meine Wut verfliegt ebenso rasch, wie sie gekommen ist, und ich kehre versöhnt ins Lager zurück. Die Vorderhand des Dicken ist – wen wundert's? – noch dicker angeschwollen. Diane ist besorgt.
»Das sieht nicht gut aus. Der kann frühestens in einer Woche wieder normal laufen, wenn wir Glück haben.«
Da haben wir's. Einmal mehr muß ich bei einer Reise zu Pferd auf Schusters Rappen umsteigen.
Der Dicke lahmt tatsächlich immer schlimmer. Wir legen die vier Kilometer bis zum Pelly zurück, dann halten wir an. Wie soll es weitergehen? Sollen wir den Fluß durchqueren? Ebensogut könnten wir uns Mühlsteine um den Hals hängen und ins Wasser gehen.
»Was sollen wir tun?« Diane blickt beklommen in die reißende Strömung, in der ganze Baumstämme treiben.
»Keine Ahnung.«
Und das ist die Wahrheit!
Es regnet nunmehr seit zehn Tagen, genauer gesagt seit eben dem Tag, an dem uns ein Freund mit seinem Lastwagen an einem alten Holzfällercamp an der Mackenzie-Straße abgesetzt hat. Am Tag vor unserer Abreise strahlte die Sonne noch von einem blauen Himmel, und die Gletscher funkelten auf den Gipfeln des Felsengebirges, in dessen unberührter Natur wir jetzt ein Jahr lang wie die alten Waldläufer leben wollten.
Bereits am nächsten Tag, als wir ohne einen Blick zurück und ohne Bedauern die Schotterdecke der Straße verließen und an der Bergflanke in einen Waldweg einbogen, setzte Regen ein. Ein Pech, das um so ärgerlicher war, als in den Tagen zuvor, als wir in der Umgebung von Prince George herumfuhren, um die Pferde zu kaufen, kein Wölkchen das makellose Blau des Himmels getrübt hatte. Wir mußten in unserem Kleinlaster sogar die Klimaanlage einschalten, so heiß war es!
In Öljacken gemummt, denken wir heute morgen etwas wehmütig daran zurück, wie wir im klimatisierten Auto durch die Gegend gondelten und in Pubs einkehrten, uns mit einem kühlen Bier erfrischten und riesige Sandwiches verdrückten.
Der Pelly, längst nicht so gastlich wie eine gemütliche Kneipe, bietet den betrüblichen Anblick eines unüberwindlichen Hindernisses. Unsere Chancen, ans andere Ufer zu gelangen, sind kaum besser als die Aussichten eines Igels, Freitag abends unbeschadet die Autobahn zu überqueren.
Wir studieren die Karte und beschließen, statt tageoder gar wochenlang darauf zu warten, daß der Fluß wieder abschwillt, seinem Lauf zu folgen und 50 Kilometer von hier einen seiner größeren Zuflüsse zu durchqueren.