Über das Buch:
Im Kriegsjahr 1943 stirbt der angehende Armeearzt George Ritchie an den Folgen einer Grippe.
Und kehrt ins Leben zurück.
Seine Reise in die unsichtbare Welt dauert nur wenige Minuten. Doch was er dort sieht und erlebt, revolutioniert sein „zweites Leben“: Als lebenshungriger junger Mann, der mit dem christlichen Glauben nichts am Hut hat, steht er Christus gegenüber. Nichts bleibt, wie es war.
Ein Augenzeugenbericht von den „letzten Dingen“, die diesen Namen nicht verdienen.
Sie sind der Auftakt zum wahren Leben ...

Kapitel 7

Vier Gespräche waren nötig gewesen, um Fred Owen so viel von meiner Geschichte nahezubringen. Er hatte mich immer wieder unterbrochen, um Fragen zu stellen oder Erklärungen anzubieten – und um mich wissen zu lassen, dass er mir notwendigerweise kein Wort davon abkaufen würde.

Jetzt dagegen saß er vollkommen ruhig da, während auf meinem Schreibtisch die Nummern meiner Digitaluhr wechselten. Ich hörte, wie sich die Außentür öffnete und schloss und mein nächster Patient kam. Ich schaute auf die Uhr: wir hatten noch zehn Minuten.

„Sie sind ... ins irdische Leben zurückgekehrt?“, fragte Fred schließlich.

,,So erkläre ich es jetzt“, sagte ich. „Damals wusste ich nicht viel von all dem. In den nächsten zwei oder drei Tagen war ich noch recht oft bewusstlos. Ich hatte ein paar fiebrige Träume – all das, was man bei einer ernsthaften Krankheit erwartet.“

Das war die Hauptsache, erzählte ich ihm. Als ich das Bewusstsein wiedererlangt hatte, war mir meine Krankheit sehr bewusst. Meine körperlichen Probleme verdrängten alles andere aus meinem Kopf. Aber während ich – außerhalb des Körpers war? Ich wusste nicht, wie ich es sonst beschreiben sollte – da hatte ich keine Schmerzen. Kein körperliches Gefühl irgendwelcher Art.

Das Nächste, woran ich mich mit Sicherheit erinnern konnte, fuhr ich fort, war das Öffnen meiner Augen unter riesigen Kopfschmerzen und der Anblick einer Krankenschwester, die zu mir herunterlächelte.

„Es ist gut, dass wir Sie wieder bei uns haben“, sagte sie. „Eine Weile dachten wir, Sie würden es nicht schaffen.“

Ich leckte meine vom Fieber aufgesprungenen Lippen. „Was haben wir für einen Tag?“, brachte ich heraus.

„Es ist Heiligabend, Herr Ritchie.“ Der Feiertagsurlaub für das Krankenhauspersonal war gestrichen worden, fügte sie hinzu, wegen der Grippeepidemie und der schweren Lungenentzündungsfälle im Lazarett.

Ich versuchte, über eine andere Frage nachzudenken, damit sie mich nicht verlassen würde. Irgendwie musste ich ihr die Sache mitteilen, die mit mir passiert war. Ja, sagte sie, sie hätten beinahe jeden Tag Schnee gehabt. Ihr Name, so erzählte sie mir, wäre Leutnant Irvine.

„Ich habe gerade das erstaunlichste Erlebnis gehabt“, fiel ich ein. „Etwas, was jeder auf Erden wissen muss.“

Ein Hustenanfall packte mich. Leutnant Irvine musste ihren Arm unter meinen Rücken schieben und mich aufrichten, um mir einen Schluck Wasser zu geben. „Erzählen Sie jetzt nicht weiter“, sagte sie. „Ich werde später wieder nach Ihnen sehen.“

Und wirklich, ich überlegte, was ich sagen würde. „Ich habe eben Gott gesehen? Ich war in der Hölle? Ich habe einen Schimmer vom Himmel gesehen?“ Sie musste denken, ich wäre verrückt.

Sobald jemand in das kleine Zimmer kam, versuchte ich die ganze Woche über, das Licht zu beschreiben, das diesen selben Raum ausgefüllt hatte, und die alles überragende Frage, die er an mich gerichtet hatte. Ich kam niemals über die wenigen Worte hinaus.

„Sie sollten zur Ruhe kommen. Versuchen Sie, nicht zu sprechen“, meinte der Arzt oder die Schwester – und in der Tat war meine Stimme nicht mehr als ein keuchendes Krächzen. Die Belegschaft war offensichtlich mehr interessiert an Tatsachen wie meinem Stoffwechsel, meiner Temperatur, der Menge der mir intravenös verabreichten Flüssigkeit. Aus der Beachtung, die mir zuteil wurde, war mir klar, dass dies mehr als ein gewöhnlicher Routinefall war. Und allmählich, als die Tage vorübergingen, kam ich Stück für Stück dem näher, was sich in der Zeit im Krankenhausflur ereignet hatte, als ich, auf meiner Seite des Geschehens, Jesus begegnete.

„Unsere Zeit ist heute abgelaufen“, sagte ich zu Fred, „aber morgen erzähle ich Ihnen, was ich aus den Ärzten herauskriegen konnte, wenn Sie es wünschen.“

Fred kam jetzt täglich, obwohl ihm sogar der kurze Gang vom Parkplatz den Atem nahm. Es war also der nächste Nachmittag, an dem ich meine Geschichte wieder aufnehmen wollte ...

Kapitel 8

Nachdem ich am Röntgenapparat zusammengebrochen war, so erfuhr ich, war ich in einen kleinen Isolierraum in der Nähe der Station gebracht worden, wo mein Zustand als doppelseitige Lungenentzündung diagnostiziert worden war. Trotz aller Versuche von Seiten des Krankenhauses während der nächsten 24 Stunden – 1943 war die „Wundermedizin“ noch in ihren Kinderschuhen – verschlechterte sich mein Zustand.

Am frühen Morgen des 21. Dezember, 24 Stunden nachdem ich bewusstlos in den kleinen Raum getragen worden war, machte der Sanitäter seine regulären Runden, um Medizin auszugeben, kam in meine kleine Schlafkammer und konnte meinen Puls nicht mehr finden. Er kontrollierte meine Atmung. Nichts. Als Nächstes wollte er den Blutdruck messen. Wieder nichts, wonach er gleich zum Arzt vom Dienst rannte.

Der diensthabende Arzt erschien sofort und wiederholte selbst die Tests mit denselben Ergebnissen. Schließlich richtete er sich auf. „Er ist tot“, sagte er zum Sanitäter. „Wenn Sie Ihre Runde beendet haben, machen Sie ihn bitte fertig für das Leichenhaus.“

Er brachte es nur zögernd heraus: Es hatte bereits eine Anzahl von Toten in diesem Monat im Camp Barkeley gegeben. Widerstrebend legte er meine Arme auf die Wolldecke, zog das Bettuch über mein Gesicht und kehrte auf Station zurück, um für die Lebenden zu tun, was er konnte. Der Pfleger setzte auch seine Runde fort. Und das muss der Punkt gewesen sein, an dem ich in meiner verzweifelten körperlosen Suche in den kleinen Raum zurückgekommen war und eine Gestalt sah, die mit einem Betttuch bedeckt war ...

Ungefähr neun Minuten später, so steht es im Krankenhausbericht, kehrte der Pfleger zurück, um den Körper auf die Überführung in das Leichenhaus vorzubereiten. Aber – mit Sicherheit hatte sich die Hand auf der Wolldecke bewegt!

Wieder galoppierte der Pfleger zum Arzt vom Dienst. Der Offizier kehrte mit ihm zurück und untersuchte mich zum zweiten Mal und erklärte mich zum zweiten Mal für tot. Zweifellos hat der junge Diensthabende nach der langen einsamen Nachtschicht sich einiges eingebildet!

Und dann passierte etwas, dessen volle Auswirkungen mir erst Jahre später bewusst wurden. Zur Zeit, als ich darüber unterrichtet wurde, war ich natürlich überrascht, aber nicht so sprachlos, wie ich es heute bin, sooft ich darüber nachdenke.

Der Pfleger weigerte sich, das Urteil seines vorgesetzten Offiziers anzuerkennen. „Vielleicht“, so schlug er vor, „sollten Sie ihm eine Spritze mit Adrenalin direkt in den Herzmuskel geben.“

Einerseits war es undenkbar, dass ein Rekrut einem Offizier gegenüber einen Einwand äußerte, besonders auf medizinischem Gebiet, wenn der Rekrut ein nicht ausgebildeter Sanitäter war und der Offizier ein examinierter Mediziner. Zum Zweiten war das, was der Sanitäter vorschlug, medizinisch gesehen, lächerlich. Es ist wahr, dass in jenen Tagen, vor dem weitverbreiteten Gebrauch der Herzmassage und des elektrischen Schocks, die Adrenalinspritze ins Herz gelegentlich eingesetzt wurde, wenn das Herz ausgesetzt hatte. Das geschah jedoch nur, wenn das Herz eines von Grund auf gesunden Patienten durch irgendeinen Zwischenfall aufgehört hatte zu schlagen, wie zum Beispiel bei einem Ertrunkenen, wo die Wiederherstellung des Herzschlags mit der Hoffnung auf endgültige Genesung des Menschen verbunden war.

Wenn jedoch das ganze System durch eine Krankheit, wie Lungenentzündung, zusammenbricht, bewirkt es gar nichts, wenn man einfach den Herzmuskel ein paar Mal arbeiten lässt. Technisch gesehen kann man den Herzschlag für wenige Minuten erzeugen, man hat jedoch damit nicht den allgemeinen Zustand verändert. In der Tat war mein Zustand, was jeder Mediziner bestätigt hätte, nicht mehr zu ändern; das Gehirn wäre nach einer so langen Zeit ohne Sauerstoff hoffnungslos beschädigt gewesen.

Und trotzdem akzeptierte der wissende Arzt den Vorschlag des unwissenden kleinen Soldaten an seiner Seite, obwohl er sich über die Unvernunft seines Handelns völlig im klaren war. „Holen Sie bitte eine sterile Packung aus dem Medikamentenraum!“, sagte er ihm. Als der Pfleger wieder erschien, füllte der Offizier die Spritze mit Adrenalin und stieß die Nadel in mein Herz.

Zuerst war es noch unregelmäßig, aber der Herzschlag setzte ein. Dann, als die beiden mich noch ungläubig beobachteten, festigte er sich in einen rhythmischen Pulsschlag.

Einen Augenblick später setzte die Atmung ein. Mein Blutdruck stieg. Mein Atem ging stärker ...

Es war keineswegs eine sofortige Wiederherstellung. Drei Tage vergingen, bevor ich mein volles Bewusstsein wiedererlangte, fünf Tage, bevor ich auf der Liste der kritischen Fälle gestrichen wurde, zwei Wochen, bevor ich wieder aufstehen konnte. Aber erst jetzt, nachdem ich eigene 27 Jahre der Praxis hinter mir habe, kann ich mir die Verwirrung vorstellen, mit der das Personal meinen Genesungsprozess verfolgt haben muss. Mit der Zeit ging es mir gut genug, dass ich Fragen stellen konnte, sowohl dem Offizier vom Dienst aus jener Nacht als auch dem Sanitäter, dessen unerklärliche Ahnung sich als richtig erwiesen hatte. Beide wurden mit einer Einheit nach Übersee versetzt. Aber ich empfing den persönlichen Besuch von Dr. Donald G. Francy, dem befehlshabenden Offizier, dem der Offizier vom Dienst die Vorfälle des Abends berichtet hatte. Dr. Francy nannte meine Wiederherstellung „den erstaunlichsten medizinischen Fall, der mir je begegnet ist“, und schrieb Jahre später in einer notariell beglaubigten Darstellung: „Der Soldat George G. Ritchie ..., dem Wesen nach vom Tode zurückgerufen und zurückgekehrt zu kräftiger Gesundheit, muss auf andere als natürliche Weise erklärt werden.“

Kapitel 9

Zu der Zeit jedoch, so erzählte ich Fred Owen, interessierten mich die Einzelheiten meiner Genesung sehr wenig. Ich bezeichnete die Rückkehr in dieses Leben als ein Unglück; wäre über die, die an mir arbeiteten, um mich wieder herzustellen, wütend gewesen, wenn ich nur die Kraft dazu gehabt hätte.

Meistens lag ich einfach in meinem Bett als ein sehr kranker junger Mann und rang mit der gewaltigen Begegnung, die ich in meiner Schlafkammer gehabt hatte. Ich dachte an Jesus. Ich wünschte, ich wüsste, wie ich anderen von ihm erzählen könnte. Ich konnte mir kaum vorstellen, wie ich leben konnte, ohne ihn zu sehen.

Die Zeiten, in denen ich die Trennung von ihm am leichtesten zu ertragen schien, waren die, wenn jemand in mein Zimmer kam. Pfleger, Schwestern, Ärzte, es war mir egal; mein Herz schlug höher, wenn jemand erschien. Leutnant Irvine – Retta war ihr Vorname, wie ich herausfand, obwohl ich natürlich nicht wagte, ihn zu benutzen – war besonders treu im „Hineinschauen“, wie sie es nannte, und jedes Mal versuchte ich wieder, ihr zu erzählen, was ich erlebt hatte. „Es war wie die hellste Sonne, die man sich vorstellen kann, nur dass es keine brennende Sonne war ...“ Die Schwierigkeit war, dass ich nicht genug Wörter fand, um den kleinsten Teil zum Ausdruck zu bringen, und ich konnte feststellen, dass meine Versuche sie nur verwirrten.

Rückblickend meine ich, dass Retta Irvine nicht mehr als sechsundzwanzig oder siebenundzwanzig Jahre alt gewesen sein konnte, eine hübsche Blonde, mit gepflegtem Aussehen und einem gewinnenden Lächeln, aber in meinen jungen Augen erschien sie wie eine ältere Frau, vor der ich meine Probleme ausschütten konnte. Da ich ihr das mit dem Licht und der Welt, die er mir gezeigt hatte, nicht erklären konnte, erzählte ich ihr von der medizinischen Ausbildung und dass ich mit dem Unterricht vor drei Wochen begonnen haben sollte. Das war ihr sofort sympathisch. Es war großartig, mit ihr zu sprechen. In ein menschliches Gesicht zu schauen und mich von ihr anschauen zu lassen, mit ihr zu sprechen und zu sehen, wie sie reagierte, warum hatte ich dieses Wunder nicht schon vorher erkannt?

Sobald ich in der Lage war, unsicher auf die Station hinauszuwanken, kehrten meine Geister noch stärker zurück, und ich fing an, sie damit zu quälen, mich in eins der gewöhnlichen Betten umzulegen, wo ich rechts und links von mir Menschen liegen haben würde. Ich war erstaunt, wenn ich mich daran erinnerte, wie ich vor diesem Erlebnis gewesen war: eine schüchterne, eher introvertierte Person. Nur bei den Pfadfindern und unter den Studenten fiel es mir leicht, mit anderen Leuten umzugehen, und das nur, weil ich mit derselben Gruppe Tag für Tag zusammen war. Jetzt entdeckte ich mich plötzlich, wie ich vollkommen fremde Menschen wie lebenslange Kumpel begrüßte. Das völlige Alleinsein, das ich kennengelernt hatte, als ich durch dieselben Krankenstationen streifte, ungesehen und unerwartet, hatte mich zutiefst verwandelt.

An jedem Abend, wenn die Lichter ausgingen und das Gespräch erstarb, lag ich da und starrte die Reihe der Nachtlichter entlang, die sich gegenüber dem Gang befanden, und dachte zurück an jede Einzelheit dieser außergewöhnlichen Nacht, als das Licht selbst in diese eintönigen Holzbaracken eingetreten war. War er noch hier? Ich wollte es gerne wissen. War es nur, weil er unsere natürlichen Augen zu sehr blendete, dass niemand von uns ihn sehen konnte?

Ich war so entmutigt, dass ich es kaum wagte, anderen von dem zu erzählen, was ich erlebt hatte. Es waren Entmutigung und auch ein wenig Selbstschutz. Ich genoss die neu entdeckte Kameradschaft der Station viel zu sehr, als dass ich es riskierte, als seltsamer Außenseiter angesehen zu werden. Aber in jeder Nacht erinnerte ich mich stundenlang an jedes Bild, jeden Ton jener unglaublich lebendigen Eindrücke. Zuerst das höllische Reich, wo mir gestattet worden war, am längsten hinzuschauen. Wo die Leute, die nicht länger auf diese Erde gehörten, auch nicht fliehen konnten – nicht den Verwicklungen entfliehen konnten, den Begierden, dem Stolz, denen sie gestattet hatten, sie hier zu bestimmen. Dann der kurze Besuch in einem Reich, wo das Ego zurückgelassen worden war, wo alles ein selbstloses Suchen nach der Wahrheit war. Wo ich fast annahm, im Himmel zu sein, bis ich zum Schluss die flüchtige Offenbarung hatte: die herrliche Stadt. Ich hatte sie nur für einen Augenblick gesehen, dennoch stand sie in der ganzen Erfahrung am klarsten vor meinen Augen. Es war höchst schmerzhaft.

Was hatte das alles zu bedeuten? Warum sollten mir solche Dinge gezeigt worden sein, warum nicht den anderen Menschen? Vor allem, was hatte ich mit dem ganzen nun anzufangen?

Das war die Frage, die auch Fred Owen stellte, als er sich in den Sessel neben mir fallen ließ und seine Worte zwischen mühsamem Atemholen hervorbrachte.

„Ist da wirklich ein Unterschied zu verzeichnen? In Ihrem Leben, meine ich. Und in dem, was Sie taten. Andernfalls ist das zwar alles sehr faszinierend, wenn man eine innere Verbindung zu Gott hat und all das, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass einem das sehr viel bedeutet.“

Eine innere Verbindung ... Entdeckte ich einen Anflug von – Neid – in diesen Worten? Wenn dem so war, dann war es offensichtlich, dass ich versäumt hatte, auf das Wesentliche dieses Erlebnisses einzugehen. Dies war keine Rundreise zum Himmel, erinnerte ich Fred. Wenn ich den Himmel überhaupt sah, dann nur auf ungeheurem Abstand, unerreichbar für eine Person, wie ich sie war, oder mir vorstellen könnte, sie zu werden. Ebenso wenig glaubte ich, dass ich als 20-jähriger Junge in die Tiefen der Hölle hineingeschaut hatte; ich hatte zum Beispiel nicht den Feuersee gesehen, von dem die Bibel berichtet.

Aber was ich von dem kommenden Leben sah, wie es anscheinend Leute wie ich erfuhren, war Hölle genug. Genug, um mich zu erfüllen mit einer lebenslangen Angst vor jeder Haltung, jeder Gewohnheit, vor allen Prioritäten, die aus mir solch ein Wesen machen könnten, wie ich jene dort gesehen hatte. Für mich gibt es seit dieser Nacht in Texas keine Zufälle mehr, erzählte ich Fred, keine „unwichtigen“ Begegnungen mit Menschen. Seit der Zeit habe ich jede Minute eines jeden Tages bewusst in der Gegenwart einer größeren Welt verbracht.

Und seltsam genug, es war die Herrlichkeit jener Welt und nicht der Schrecken, die mir die Rückkehr in das Leben so schwer machte. Der Kontrast zwischen der Liebe Jesu und der Welt, in der ich mich vorfand, in der ich weiterleben sollte, ließen die Jahre, die meiner Krankheit folgten, zu den schwersten meines Lebens werden. „Was hat sich geändert?“, fragte Fred mich. Um ihm die Wahrheit zu sagen, was ich ihm ja versprochen hatte, wusste ich, dass ich Fred erzählen musste, und zwar ehrlich erzählen musste, was als Nächstes geschehen war.

Kapitel 10

Es war drei Wochen nach meiner seltsamen Begegnung mit Christus, als Leutnant Irvine an meinem Bett mit unerwartet guter Nachricht stehenblieb. Das medizinische College von Virginia hatte einen Studienplatz für mich freigehalten! Sobald ich die Fahrt nach Osten antreten konnte, sollte ich mich melden!

Wieder einmal wurde meine Genesung zu einem Wettlauf mit der Zeit: jeder versäumte Unterrichtstag bedeutete, mehr aufholen zu müssen, weniger Chancen, im Programm Schritt halten zu können. „Sie müssen essen“, sagte Leutnant Irvine jedes Mal, wenn sie mich sah. „Wir dürfen den Patienten nicht ihre Kurve zeigen, aber ich kann Ihnen mit Sicherheit sagen, dass man Sie nicht von hier entlassen wird, bis Sie weitere 15 Pfund zugenommen haben.“

Und so aß ich, und ich stopfte mich mit Kartoffelbrei voll, der mir wie ein Klebemittel im Mund stecken blieb, trank Milch, bis der Anblick der Milchflasche mir schon den Magen umdrehte.

Schließlich, an einem klaren, windigen Tag im späten Januar, genau einen Monat, nachdem der Beginn des Medizinstudiums vorgesehen war, erhielt ich meine Entlassung aus dem Camp-Barkeley-Lazarett. Ich stand da und starrte auf die Fahrkarte in meiner Hand. Die Armee hatte nicht nur einen Platz reserviert, sondern ein Bett im Schlafwagen für den Zug, der Abilene am folgenden Nachmittag verlassen sollte, ein noch nie dagewesener Luxus für einen kleinen Soldaten und ein deutlicher Hinweis auf die Tatsache, dass noch viel für meine Wiederherstellung getan werden musste. Mein Entlassungsgewicht stand in den Papieren: 120 Pfund. 40 Pfund weniger als die 160, mit denen ich gekommen war. Und 120, das wusste ich, waren mindestens 15 Pfund mehr, als ich gehabt hatte ...

Aber egal, ich ging zur medizinischen Ausbildung: Sie hatten mir einen Platz reserviert! Ich rief meine Stiefmutter an, um ihr mitzuteilen, um welche Zeit der Zug Richmond erreichen würde. Sie hatte während der ganzen Zeit, in der ich im Krankenhaus war, regelmäßig geschrieben und mir versichert, dass sie verstehen würde, dass ich zu krank sei, um antworten zu können. Ich war froh, dass ich es dabei bewenden lassen konnte, dankbar für das Lazarettbüro, das sie auf dem Laufenden gehalten hatte. Ich hatte nie einen besonders guten Kontakt zu ihr gehabt.

Ich starrte aus dem Fenster des Pullmanwagens, während die Landschaft an mir vorüberzog. Texarkana ... Little Rock ... Memphis ... verschiedene Züge, verschiedene Lokomotiven, an die mein Wagen auf dem Wege nach Osten angehängt wurde.

In Westvirginia stiegen wir langsam hinauf nach Charleston. Und dann überquerten wir die Staatengrenze nach Virginia. Covington, Clifton Forge, Waynesboro – wie herrlich war das alles! Die angeschwollenen Flüsse, die Wälder, in denen ich mit meiner Pfadfindergruppe gezeltet hatte. Dann ging es am östlichen Abhang des Blue Ridge hinunter nach Charlottesville und schließlich nach Richmond.