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»Nicht-Wollen ist ihr Haus,

Nicht-Sein ist ihre Hütte,

Zufriedenheit ihr Reich,

Nicht anderen Reichtum suchend.«

Shah Abdul Latif Bhitai,

zitiert nach Annemarie Schimmel,

Berge, Wüsten, Heiligtümer

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1   Prolog – Winterthur im Mai 2008

Es ist Mai, die Cafés in der Altstadt von Winterthur verströmen schon ein sommerliches Flair. Ich bin Gast der Orientwoche und freue mich, ein wenig aus dem Alltag herauszukommen. Zudem geht es um interkulturellen Dialog und religiöse Toleranz, also Themen, die mich schon seit Langem beschäftigen. Die Vortragenden sprechen sehr kultiviert über den West-östlichen Diwan, den geistigen Austausch der Kulturen und das Miteinander der Religionen im Kanton Zürich. Dort leben 70 000 Muslime, und selbst in meiner Heimatstadt Wiesbaden, wahrlich nicht für ihr orientalisches Flair bekannt, gibt es 11 Prozent registrierte Muslime, und 41 Prozent der eingeschulten Kinder haben einen sogenannten Migrationshintergrund. Doch Veranstaltungen dieser Art kenne ich bei uns nicht. Man bemüht sich im Kanton Zürich.

Die Orientwoche wird mit schöner Sufimusik eröffnet, und ein Erzähler rezitiert hinreißend aus Tausendundeiner Nacht. Ich höre wieder die Ney, Rebab und die Ud, sehe edle orientalische Gesichter und werde angesprochen auf mein Buch Das Fest der Derwische und was ich denn so vorhätte?

Am nächsten Morgen überfliege ich am Frühstückstisch die Züricher Zeitungen und bleibe bei einem Artikel über Pakistan hängen: Ohne Scheu nennt man die Dinge beim Namen. Die sogenannte Parteiendemokratie in Pakistan sei nichts als eine getarnte feudale Familienherrschaft, gleichgültig ob gerade der sich volksnah gebende Bhutto-Clan an der Macht ist oder die Familie des Großindustriellen Sharif. Eitle, machthungrige Herren allesamt, die sich gegenseitig ins Gefängnis bringen oder auf Rache sinnen. Der Regierungschef Gilani saß fünf Jahre unter seinem jetzigen Staatschef Pervez Musharraf im Gefängnis, der Bhutto-Gatte Asif Ali Zardari elf Jahre wegen Korruption. Benazir Bhutto wurde in die Luft gesprengt, ihr Vater Ali erhängt, der damalige Staatspräsident Zia ul-Haq im Flugzeug ins Jenseits befördert. Was für ein Land!

In sechs Wochen will ich es wieder bereisen und für Arte-Entdeckungen die Landschaften, die sozialen und kulturellen Verhältnisse links und rechts des Indus erkunden. Über dreitausend Kilometer durch ein Land, dessen Ansehen auf einen Tiefpunkt gesunken ist.

Glaubt man den gängigen Darstellungen, so ist Pakistan ein nukleares Pulverfass, voll mit Ausbildungslagern islamistischer Terroristen, Rückzugsgebiet der Taliban, Heimstätte des Opiumkartells und der Heroinproduktion, ausgestattet mit einem unauflöslichen Indienkomplex, feudalistisch und menschenverachtend und immer noch dem Bedürfnis ergeben, Amerika zu gefallen.

Viele dieser Klischees scheinen nicht zusammenzupassen. Es bleibt diese wunderbar undurchschaubare, anarchistische Mischung aus Widersprüchlichkeiten, die mich in den letzten zwanzig Jahren immer wieder nach Pakistan gezogen hat. Und immer war es ganz anders, als die Klischees nahelegen.

Das erste Mal kam ich 1989/90 nach Pakistan. Damals zeichnete sich der 1. Golfkrieg zwischen Saddam und Bush senior ab. Bis dahin hatte ich bevorzugt in Tibet, Indien, Nepal, der Mongolei und anderen asiatischen Ländern gearbeitet und mich mit dem Verständnis von Buddhismus und Hinduismus herumgeplagt. Erst die Realisation eines ZDF-Zweiteilers – Straße der Achttausender – führte mich nach Pakistan mit seinen Bergriesen K2, Gasherbrum 1 und 2, Nanga Parbat und Broad Peak. Schon damals stand das Land nicht gerade ganz vorne auf der touristischen Hitliste, aber zumindest Alpinisten und Trekker liebten den Karakorum Highway, Hunza, Ferry Meadow und so manche legendäre alpine Route.

Die Produktionsreise 1990, noch mit 16-mm-Kamera, Kran, Schienen, alles in 37 Kisten verpackt, wurde zu einem eindrücklichen Erlebnis. Der Monsunregen, der sonst im September aufhört, dachte in diesem Jahr nicht daran. Gegenden im Sindh und in Belutschistan, wo es jahrelang nicht mehr geregnet hatte, standen unter Wasser. Die Städte waren überflutet, in den Bergen brachen Dämme, Straßen rutschten ab. An einem Tag stürzten 300 Brücken über den Indus ein. Und mittendrin in diesem Riesenchaos unser Team mit den besagten 37 schweren Kisten. Tag für Tag staunten wir mehr über die schicksalsergebene Improvisationskunst der Pakistani: Mehrmals gerieten wir in völlig aussichtslose Situationen, und dann klappte alles irgendwie doch noch, obwohl die Straßen weg waren, die Ausrüstung in alle Richtungen verteilt lagerte und das Wetter allen sonstigen Gepflogenheiten widersprach. Nur zu Fuß das K2-Basislager zu erreichen gelang uns nicht. In Skardu warteten wir eine Woche, bis der Wind nachließ und die Armee zustimmte, uns in kleinen Hochgebirgshubschraubern zum Basislager des K2 zu fliegen, wenn auch nur für ein paar Stunden. Es war ein betörend schöner Tag und der Beginn zweier Beziehungen, die mein weiteres Leben prägen sollten: Der Chogori, der große Berg, wie die Pakistani den K2 respektvoll nennen, hatte sich wochenlang hinter Wolken versteckt. Als wir dann mit den libellenartigen Lama-Hubschraubern über den Baltoro-Gletscher flogen und endlich den zweithöchsten Berg der Erde erblickten, war dies ein Moment von ungeheurer Euphorie und Demut. Für zwei Stunden setzten uns die Armeepiloten am Basislager ab. Aktar Mummunka, unser Reiseorganisator, hatte eigens einen Trupp junger Bergsteiger zwei Wochen lang zum Basislager laufen lassen, weil nicht klar war, wie lange wir dort bleiben müssten, um den K2 ohne Wolken zu filmen. Als wir in gleißender Sonne und infolge der Höhenluft taumelnd aus dem Hubschrauber ausstiegen, kümmerte sich ein junger Bergsteiger mit Schneebrille und verbrannter Haut um uns. Er reichte uns Schalen mit einer hellroten, chemisch schmeckenden Flüssigkeit, die gegen die Höhenkrankheit helfen sollte. Wir waren kaum in der Lage, ein Stativ aufzustellen, der Schweiß rann in Strömen an uns herab, aber dieser Berg war einfach überwältigend, trotz der vielen anderen Bergriesen, die wir zuvor besucht hatten.

Der junge Bergsteiger, der uns vor dem Höhenrausch bewahrte, hieß Tayyab. Bei all meinen mittlerweile sieben Filmprojekten in Pakistan und Afghanistan und den Reisen im Umfeld des Buches Das Fest der Derwische ist er zum unverzichtbaren Helfer und Weggenossen geworden. Ein vielsprachiger Familienvater, mit hintergründigem schwarzen Humor und großer Liebe zu den Bergen und zu den Sufis. Ohne diese Eigenschaften kann man als Reiseorganisator in Pakistan auch nicht existieren.

Die zweite Beziehung, die sich an diesem Tag vor zwanzig Jahren anbahnte, sollte meinem Leben eine neue Richtung und geistige Orientierung geben, wenn alles auch sehr eigen anfing: Nach zwei Stunden holte uns der Hubschrauber vom K2-Basislager ab und brachte uns 1000 Meter tiefer in ein adlernestartiges Armeecamp auf 4500 Metern Höhe. Es handelte sich um einen Außenposten des Kaschmirkrieges, und die Soldaten mit ihren schweren Maschinengewehren sahen alles andere als glücklich aus. Es gab Suppe und wieder diese nach Chemie schmeckende Flüssigkeit gegen die Höhenkrankheit. Einer der Soldaten, mit langem Bart und ausgezehrt von der Höhe, war tief versunken in ein zerfleddertes und abgelesenes Buch von gewaltigem Umfang. Aha, dachte ich noch so bei mir: Ein lesender Soldat! Ab und zu musterte er mich, der ich damals nichts weiter als ein übermütiger Heißsporn war, der keinem Abenteuer aus dem Weg ging. Die Offiziere im Camp drängten zur Eile. Sie wollten uns loswerden. Denn um die Mittagszeit beginnt der Wind zu wehen, und dann ist an Fliegen nicht mehr zu denken. Bevor wir in den Hubschrauber einstiegen, der uns hinunter nach Skardu bringen sollte, fasste mich der bärtige Soldat an der Schulter und sagte in diesem typischen Pakistani-Englisch: »There is one woman in your country who knows Pakistani culture better than any Pakistani. She wrote many books, also this one. I give it to you!« Er gab mir seinen abgelesenen englischsprachigen Schinken, und erst auf dem Rückflug las ich den Titel: The Mystical Dimensions of Islam.

Autorin war die deutsche Harvardprofessorin Annemarie Schimmel. Sie war über den pakistanischen Urvater Muhammad Iqbal, einen Lyriker und Philosophen, der in Heidelberg studiert hatte, sehr eng mit der Kultur dieses Landes verknüpft und der beliebteste ausländische Gast in Pakistan. Schon zu ihren Lebzeiten benannte man einen Boulevard in Lahore nach ihr.

Nachdem ich die Filme fertiggestellt hatte, versuchte ich die Mystical Dimensions of Islam zu lesen. Ich verstand kein Wort, aber das sollte sich ändern. Ich schrieb der Professorin, und sie empfing mich in Bonn zum Tee. Es war von Anfang an eine aufregende Beziehung. Sie konnte inspirieren, und ihre Studenten und Doktoranden behandelte sie wie ihre Kinder. Sie wusste stets genau, wen sie vor sich hatte. Ein paar Bemerkungen, und ich hatte geistige Nahrung für Monate oder Inspiration für ein neues Projekt. In ihren letzten zehn Lebensjahren kam ich alle paar Monate zum Tee. Als mein Interesse am Sufismus wuchs, nahm sie mich mit zu Konzerten oder gab Bescheid, wenn sie mit geschlossenen Augen ihre unvergesslichen Vorträge hielt. Manchmal durfte ich sie fahren. Sie sprach unglaublich viele Sprachen, konnte Poesie vom Sindhi ins Urdu übersetzen und ist vermutlich seit Friedrich Rückert die kongenialste Kennerin, Übersetzerin und Liebhaberin der orientalischen Geisteswelt gewesen. Eine bezaubernde Person, ohne jeden Dünkel und immer bemüht zu helfen, etwas entstehen zu lassen. Auf ihrer Beerdigung in Bonn waren mehr Orientalen als Deutsche, und durch die Anwesenheit vieler Sufis und Derwische auf dem Bonner Friedhof kam nie wirklich christliche Trauerstimmung auf. Für alle, die sie kannten, wird sie unvergesslich bleiben.

Auch auf der Orientwoche in Winterthur, fünf Jahre nach ihrem Tod, fangen alle an zu erzählen, sobald das Gespräch auf den Namen Schimmel kommt: von ihren Vorträgen in Trance, von ihrer Liebenswürdigkeit, aber auch von ihrem Leiden, wenn sie mit Dummheit, Selbstgefälligkeit und Ignoranz konfrontiert wurde.

Ich war seit fünf Jahren nicht mehr in Pakistan gewesen. Die Nachrichten waren so schlecht, dass mich nichts dorthin zog. Die deutsche Beteiligung am Afghanistankrieg hat zudem bewirkt, dass die einstmals hoch geschätzten Deutschen keinen Sonderstatus mehr in Pakistan genießen. Außerhalb Europas war ich in den letzten Jahren nur mehrmals in Indien, Usbekistan und Kasachstan gereist. Dabei hatte ich Manuel Bauer kennengelernt, der jahrelang mit dem Dalai-Lama auf Reisen war und ihm als Mensch und Fotograf sehr nahegekommen ist. Er hatte für meinen Film Gottkönig im Exil auf wunderbare Weise davon erzählt. Mittags ruft er an, und da er in Winterthur lebt, treffen wir uns zum Essen. Ich mag ihn sehr gerne, auch wenn wir uns seit dem Interview vor zwei Jahren nicht mehr gesehen haben. Sein Bildband über den Dalai-Lama bewegt sich zwischen Nähe, Diskretion und Verehrung – eine wunderbare, bedeutende Arbeit. Manuel Bauer macht kein Hehl daraus, dass ihn die Arbeit an dem Buch fast in den Bankrott getrieben hat. Seit einem Tag berichten die Nachrichten über das schreckliche Erdbeben in Sichuan. Die Welt lernt das weinende Auge Chinas kennen. Aber wir reden nicht über Tibet und auch nicht über die vorolympische Kampagne. Das Thema ist eher Arbeit und Familie. Ich hatte nach meinen ausgedehnten Wanderungen und geistigen Reisen in sufische Gefilde vor Kurzem geheiratet und mit bald zwei kleinen Kindern die Zeichen auf Alltag und seine Bewältigung gestellt. Die meisten gingen in meinem Alter auseinander, meint Manuel.

Wenig später läuft mein Film Auf den Spuren des Medicus auf der Orientwoche: die Geschichte des Rosenauer Derwisches Kadir Tucek, der in Wien die altorientalische Musiktherapie wiedereingeführt hat und mit drei Studentinnen nach Usbekistan reist, um das alte Wissen des »Medicus« sozusagen wieder an seinen Ursprungsort zurückzubringen. Die Geschichte aus dem Fest der Derwische ist weitergegangen. Mein Freund Kadir steht kurz vor der Habilitation und hat die sensible Materie auf ethnomedizinische Füße gestellt. Trotz des schönen Wetters sind vierzig zumeist ältere Damen gekommen, und anschließend gibt es ein munteres Gespräch über Heilung durch Musik, den Austausch und Wandel der Kulturen und den ›Tanz auf dem West-östlichen Diwan‹. Eine der Frauen erzählt mir, sie werde bald nach Pakistan gehen und dort Kindergärtnerinnen ausbilden. Es ist schon eigenartig: Wenn man sich selber auf etwas zu konzentrieren beginnt, begegnet man automatisch Menschen mit ähnlicher Orientierung. Außerdem war es beruhigend zu erleben, dass es noch Menschen gibt, die bei heißem Wetter mittwochs um halb fünf freiwillig ins Kino gehen, um sich mit der Rückkehr der altorientalischen Musiktherapie in den Orient zu befassen.

Ich spüre, dass es jetzt Zeit wird, mich ernsthaft auf das Projekt zu konzentrieren. Wie heißt es so schön bei dem persischen Dichter und Mystiker Dschalal ud-Din Rumi: Man fliegt mit zwei Flügeln – einer ist die Hoffnung, der andere die Sorge.

Ich fahre weiter nach Bern, um eine Frau zu treffen, die seit vierzig Jahren in Pakistan und Afghanistan ein und aus geht, ein Haus in Peschawar hat und gerade aus der Gegend zurückgekommen ist. Sie sei immer gut informiert, heißt es. Frau R. hat einen Laden in der Gerechtigkeitsgasse in der Berner Altstadt. Ein wunderbarer Blick, wenn man sich über die Aarebrücke Bern nähert. Um in den Laden zu kommen, muss man eine steile Treppe hinuntergehen. Eine ungewöhnliche, mittelalterlich wirkende Geschäftsebene tief unter der Erde. Frau R. ist Orientalistin, spielt Cello und kennt viele Sufimusiker in Indien und Pakistan. Sie ist ein Leben lang verbunden mit der Kultur Zentralasiens und auch zu allen Zeiten nach Afghanistan gereist. Frau R. spricht Berndeutsch, welches auch für weitgereiste Hessen eine unverständliche Fremdsprache ist. Aber sie bemüht sich redlich, Hochdeutsch zu reden. In ihrem Laden gibt es schönes Kunstgewerbe aus Afghanistan, und bei Kardamomtee sind wir sehr schnell in stundenlange Gespräche verwickelt, die nur aufhören, weil ich am Abend noch nach Hause muss. Frau R. kommt aus Grindelwald in den Schweizer Bergen und war 1969 als Hippiemädchen das erste Mal in Pakistan und Afghanistan. Später studierte sie Orientalistik, begann die Musik der Sufis zu erlernen und hat so viel erlebt in diesen Ländern, dass mir der Atem stockt. Die Nachrichten aus Afghanistan seien nicht gut. Das ganze Geld werde in Kabul verbaut, in Glaspaläste gesteckt oder versickere in dubiosen Kanälen. Auf dem Land seien die Leute weiterhin bettelarm, ohne Perspektive, die Frauen ohne Bildung und nach wie vor ans Haus gefesselt – oft sogar wortwörtlich. Außerhalb von Kabul sei es lebensgefährlich. »So etwas hat es selbst zu den Zeiten der Taliban oder bei den Mudschahedin im Krieg gegen die Sowjets nicht gegeben. Bewirkt hat der Krieg in Afghanistan eigentlich nichts«, empört sich die Dame und bedient eine Kundin, die sich für Kaschmirschals interessiert. Ich hatte schon aus anderen Quellen gehört, dass außer riesigen Investitionen in Hotels und Sicherheitsdienste, der Allgegenwart von Alkohol und gut verdienenden chinesischen Prostituierten sich nicht viel geändert habe im Land. »Alles strömt nach Kabul, weil dort die Soldaten, Hilfsorganisationen, Diplomaten und Lobbyisten verkehren«, erzählt Frau R. in ihrem harten Berndeutsch. Mittlerweile sei Kabul ein Moloch von vier Millionen Menschen, und überall werde neu gebaut. Die besten Geschäfte würden derzeit mit gepanzerten Fahrzeugen gemacht. »Und die Taliban sind trotz aller Anstrengungen immer stärker geworden«, lautet das ernüchternde Fazit.

Aber Pakistan sei außerhalb der gesperrten Swat-Region mit der entsprechenden Vorsicht durchaus zu bereisen. In Peschawar habe es kürzlich Raketenangriffe gegeben, aber da hätten »nur« zwei Stämme ihre Meinungsverschiedenheiten ausgetragen.

Die auffallendste Neuigkeit bestehe darin, dass die so übel stinkenden Zweitakter neuerdings auf Gasbetrieb umgerüstet würden. Das geschehe überall und verbessere die Lebensqualität um einiges. Negativ zu verbuchen sei, dass das Steigen der Rohstoffpreise zu langen Schlangen vor Getreide- und Brotläden führe und Wasser auf die Mühlen derer sei, die immer schon wussten: Alles Böse kommt von Westen! Und natürlich gebe es in Pakistan viele Demonstrationen, da müsse man dann eben im Haus bleiben, erzählt die ungewöhnliche Bernerin. Schnell wechseln wir das Thema und reden von Sufimeistern und -musikern, da kennt sie sich aus und strahlt. Denn das sind ihre Freunde, und natürlich macht sie mich neugierig. Frau R. wirkt ein wenig wie ein Relikt aus einer anderen Zeit. Die Generation, die vor vierzig Jahren über Land nach Afghanistan gereist war, ist bei uns still und redet nicht mehr darüber. (Die Kinder könnten ja zuhören.) Frau R. hat aus ihrer Orienterfahrung ein Leben gemacht. Mir fällt an den Menschen, die schon so lange nach Pakistan und Afghanistan reisen, immer ein gewisser Fatalismus auf. Da wird erzählt von Warlords, Stammesfürsten, Ministerpräsidenten, Geheimdienstchefs, die kommen und gehen, die Krieg führen und getötet werden und die die Seiten wechseln, wenn das Geld stimmt. Viele Pakistani, die im Ausland reich geworden sind, erzählt Frau R., würden wieder im Land investieren. Gerade sie schickten ihre Kinder gerne in Koranschulen, damit sie nicht auf amerikanischen oder englischen Highschools verdorben würden. (Etwa so wie die Eltern?) »Im Norden Pakistans«, sagt Frau R., »orientiert man sich zunehmend an der Wirtschaftskraft Chinas. Pakistan ist zwar immer amerikaorientiert gewesen, aber auch das kann sich ändern.«

Die Menschen in Zentralasien sind an Geschäften interessiert, und in dieser Frage gab es auch noch nie ein »Gutmenschentum« oder so etwas Ähnliches. Ein »guter Mensch« ist man auf Pilgerreise, im Geschäftsleben kennt man dagegen wenig Skrupel.

Die Details aus dem Irakkrieg und auch die Kriegsführung in Afghanistan hätten das Image des Westens schwer beschädigt, bemerkt ein anderer Mann, der sich im Laden von Frau R. zu uns gesetzt hat. Man zweifelt auch international an der moralischen Kraft Amerikas. Überall wird genau beobachtet, womit der amerikanische Vizepräsident Cheney seine Millionen verdient und wie das mit der US-Politik zusammenhängt. Welche Aktien nach dem Irakkrieg gestiegen und wer die Kriegsgewinnler sind. In Asien werden solche Dinge äußerst genau beobachtet, wenn man auch kein großes Aufheben davon macht.

China dagegen sammle Punkte in den Entwicklungsländern und vielen Anrainerstaaten, da sind sich alle einig.

Ich erzähle von meinem Vorhaben, in mehreren Reiseetappen im Sommer und Winter einfach Geschichten rechts und links des Indus zu sammeln, um, wie ich es immer wieder versuche, der gängigen Darstellung ein Bild von der Vielfalt Pakistans entgegenzuhalten. Viele halten das Land durch die Dauerberieselung in manchen Medien tatsächlich für eine durch Islamismus und Terrorcamps geprägte Brutstätte des Bösen.

Frau R. erzählt mir von ein paar Musikern, von einem Schrein im Sindh, den niemand kennt, und einer Holzmoschee im Karakorum. »Vielleicht bin ich ja auch da, wenn Sie reisen«, meint sie zum Abschied. Ein bisschen habe ich mich in ihrem Laden gefühlt wie in Kiplings Roman Kim. Die Sehnsucht zu reisen wächst auf angenehme Art.

2   Nach Lahore

Meine Frau, im neunten Monat schwanger, und mein kleiner Sohn bringen mich zum Flughafen. Der Abschied ist kurz und unsentimental, wie bei all den Reisen, seit wir zusammen sind.

Der Airbus der Uzbekistan Airlines ist halb leer, als wir am 3. Juli Frankfurt bei drückender Hitze verlassen. Mein Kameramann Hans ist schon früh mit der Ausrüstung aus Berlin eingeflogen und schläft sofort nach dem Start ein. Die Nacht war äußerst kurz für ihn, und es gab viel zu erledigen. Ich freue mich, Hans zu sehen. Wir haben in den letzten Jahren fünf Filme zusammen gedreht, und das immer in guter Stimmung. Nun sollen die Filme Nummer 6 und 7 folgen: Die Induswelten 1 und 2.

Mir liegt besonders am Herzen, die Menschen und die verschiedenen Kulturen in Pakistan zu beschreiben, denn bei aller Politik besteht ein Land immer noch aus Menschen, Landschaften und Kulturen. Und die Menschen können leider nicht immer etwas für die Herrschaftsverhältnisse im Lande, sondern müssen vielmehr mit den Folgen leben und überleben.

Hans hat nicht lange überlegt, als ich ihn fragte, ob er mitmacht. Er war noch nie in Pakistan und auch noch nie in den »hohen Bergen« im Norden, wohin unsere erste Reise gehen soll.

»Ich habe beschlossen, dass mir die Höhe nichts ausmacht«, meint er in seinem alemannisch geprägten Heimatdialekt.

Die Reise nach Lahore geht über Taschkent, weil das Arrangement mit Flug und Gepäck so am günstigsten war. In Taschkent und Usbekistan waren Hans und ich erst vor einem Jahr zu Dreharbeiten für den Medicus. Eine Geschichte wie im Märchen. Zum Schluss bespielen Dr. Tucek und seine Studentinnen in einer Klinik in Buchara Patientinnen auf eine Art, wie sie Abu Ali Sina, der Medicus, vor tausend Jahren praktizierte.

Diesmal werden wir in Taschkent allerdings nur zwischenlanden und gleich nach Lahore weiterfliegen. Im Flugzeug sitzt kein einziger Tourist, nur einige Geschäftsleute und Russlanddeutsche auf ›Heimatbesuch‹. Als Hans aufwacht, fragt er, der vor dieser Reise in ganz andere Projekte involviert war, nach der Lage in Pakistan und Afghanistan. Natürlich ist sie wie meistens nicht besonders gut: Benazir Bhutto ist bei einem Anschlag ums Leben gekommen, die Armee führt eine Offensive gegen die Taliban in Peschawar und dem Swat-Tal durch, und eine deutsche Eingreiftruppe hat ihren Dienst in Mazar-i-Sharif angetreten. Die Guerillataktik der Taliban bringe immer mehr NATO-Soldaten den Tod, so steht es in den Zeitungen. »Aber wo wir hinfahren, ist alles okay?«, fragt Hans. Ich nicke und merke, wie ich dabei die Achseln zucke. Letztendlich weiß ich auch nur, dass ich mich bisher auf Tayyab und sein Team immer verlassen konnte. Außerdem hatte die pakistanische Botschaft nach dreimonatiger Wartezeit die Genehmigung erteilt und Journalistenvisa ausgestellt. Und als Glücksbringer habe ich meine alten Bergschuhe dabei, mit denen ich schon vor zwanzig Jahren in den Basislagern einiger Achttausender war. Sie sind wunderbar ausgetreten.

Die Welt wird sich immer ähnlicher, zumindest was die internationalen Flughäfen mit ihren Shopping-Arkaden betrifft. Aber es gibt Ausnahmen, wie zum Beispiel den Flughafen von Taschkent. Alte Gebäude im Sowjetstil, eine ölverschmierte Landebahn und jede Menge exotischster Flugzeugtypen, die wohl nur noch in Zentralasien verkehren dürfen. Als wir gegen 23 Uhr die Gangway in Taschkent hinabgehen und in die bereitstehenden antiken Busse steigen, wird das Szenario von einer auffälligen Person in Uniform beherrscht. Eine dunkelhaarige Schönheit mit geschlitztem Uniformrock, langen Beinen in schwarzen Nylons und 15 cm hohen stahlbeschlagenen Highheels brüllt genervt in den Bus: »Lahore, Lahore«, und es dauert eine Weile, bis wir merken, dass hier die Transitpassagiere umverteilt werden. Außer uns werden noch fünf, sechs andere in einen zweiten Bus verfrachtet, der uns in ein altes Gebäude im entlegenen Transitbereich des Taschkenter Flughafens bringt. Hans zählt mir die Flugzeugtypen auf, an denen wir vorbeifahren. Eines seiner Hobbys, und da er schon lange in Berlin lebt, ist er mit den ganzen alten russischen Modellreihen vertraut. Der Warteraum mit seinen verschnörkelten Wandverzierungen wird die nächsten vier Stunden unser Zuhause. Das Publikum im Wartesaal ist bunt zusammengewürfelt. Eine völlig übermüdete pakistanische Familie, einige junge Männer auf dem Heimweg. Wir kommen mit einer jungen Chinesin ins Gespräch, die in atemberaubender Geschwindigkeit SMS versendet. Sie kommt ausgerechnet aus der ehemals deutschen Bierstadt Tsingtau und studiert in Jekaterinenburg klassische Musik!

Der altertümliche Warteraum wird ständig von stämmigen usbekischen Putzfrauen mit überdimensionierten Plastikhandschuhen, aber ebenfalls mit viel zu hohen Stöckelschuhen gefeudelt. Hans findet die Situation sehr anregend und würde am liebsten sofort die Kamera auspacken. Wir unterhalten uns mit einem jungen Pakistani mit Businesskoffer und Visitenkarten in fünf Sprachen. Der Mann kommt aus St. Petersburg, wo er ein Restaurant betreibt, und will nach Hause. Ob denn bei ihm andere Pakistani arbeiten, frage ich. »Nein, ich habe ein mexikanisches Restaurant, wegen der amerikanischen Touristen, und bei mir arbeiten nur Abchasier, Aserbaidschaner und Usbeken. Die können zwölf Stunden hart arbeiten, wie ich, und verdienen nur 1000 Dollar im Monat«, meint er. »Russen kann man sich als Arbeitskräfte nicht leisten, die verlangen dreimal so viel.« Der junge Mann kann nicht glauben, dass wir drei Wochen nach Pakistan reisen wollen. Jeder Mensch weltweit nehme doch an, dass dort ständig Bomben hochgehen und der Terror das Land beherrscht. »Meine russische Freundin hat sich geweigert mitzukommen, und auch meine russischen Bekannten verstehen nicht, dass ich mal nach Hause will, um meine Eltern zu sehen«, erzählt er sichtlich erregt. Präsident Musharraf sei kein guter Mann, denn die Pakistani müssten zum Überleben in die ganze Welt ziehen und dort sehr hart arbeiten.

Als der Flug nach Lahore endlich aufgerufen wird, rennt er neben uns her und will immer noch nicht glauben, dass wir wirklich in seine Heimat reisen wollen. Ich rufe ihm einige in Pakistan sehr verbreitete Verse der Qalandar-Derwische zu, also der Mitglieder des Sufiordens, der sich auf den mystischen Heiligen Lal Shahbaz Qalandar beruft, und jetzt ist er wirklich kaum noch zu halten und hält mich – na ja, zumindest für keinen typischen Ausländer.

Auch der Flug Taschkent–Lahore ist halb leer, und wenn der Bundesinnenminister die Sicherheitskontrollen dort erleben dürfte, würde er sich seine wenigen Haare raufen. Zumindest Hans, der zuvor in dem Hochsicherheitsstaat Israel gedreht hat, schüttelt mehr als einmal amüsiert den Kopf.

Als wir morgens um vier Uhr Ortszeit in Lahore landen, hat es noch über 30 Grad, und augenblicklich legt sich ein Feuchtigkeitsfilm über die Haut. An der Passkontrolle wird jeder Reisende von den Beamten mit einer Fingerkamera fotografiert; angeblich wandern die Fotos und Passdaten direkt an diverse Geheimdienste und an die CIA nach Langley. Zumindest wer über Flughäfen einreist, wird in Pakistan stärker kontrolliert als in den meisten anderen Staaten der Welt. Aber alle sind freundlich und die Formalitäten schnell erledigt. Hinter der Zollschranke warten Pardesi und Zadar, die schon bei früheren Projekten dabei waren. Pardesi wird der Assistent von Hans, Zadar ist einer der beiden Fahrer und Spezialist für extreme Jeepstrecken. Beide haben sich die Nacht um die Ohren gehauen unseretwegen, und Tayyab ist auch nicht weit, er hat allerdings geschlafen und muss erst geholt werden. Wir freuen uns alle über unser Wiedersehen, necken einander und tauschen Anspielungen auf frühere Projekte aus. Das letzte liegt allerdings schon sechs Jahre zurück.

Tayyab sieht gut aus, nur sein Haar ist etwas dünner geworden. Als Touroperator hat er seit den Anschlägen vom 11. September 2001 kaum noch Arbeit, nur manchmal eine Expedition, und hat sich deswegen auf Teambuildingprojekte für Firmen in den Bergen verlegt.

Die Luft ist besser geworden in Lahore, das merkt man sofort. Die Umrüstung der Zweitakter auf Gasbetrieb ist spürbar, jetzt müssten nur noch die Trucks und Busse mit Partikelfiltern ausgestattet werden. Auf der Fahrt in die Stadt besprechen wir die anstehenden Aufgaben, die großen Linien des Projekts haben wir in den Monaten zuvor via E-Mail geplant.

Das kleine Hotel an der Ausfallstraße wirft erst mal seinen Generator an, als wir kommen, und Tayyab weist auf die Probleme mit der Energieversorgung hin. Es gebe nur noch stundenweise Strom in Lahore. Die Sonne geht auf, und wir trinken unseren ersten Milchtee mit Kardamom. Nach kurzem schweißtreibenden Schlaf werfe ich einen Blick nach draußen.

Ein alter Mann mit hennagefärbtem Haar bedient den Generator. Im Hotel finden kleinere Meetings von Pharmafirmen statt, und wie immer in Pakistan sieht man viele Menschen, von denen man nicht weiß, was sie eigentlich tun. Am Nachmittag sitzen wir dann alle zusammen und planen die nächsten Tage, regeln die Finanzen. Die Inflation ist hoch, die Wirtschaft liegt darnieder, es wird gefeilscht, aber immer freundschaftlich. Wir werden zu siebt sein und immer wieder neue Leute dazubekommen. Neben dem Jeep für Extremtouren haben wir einen Kleinbus, und ab jetzt werden wir Tag für Tag lange Wege haben. Fliegen ist im Norden immer ein Risiko: Manchmal gehen von Gilgit oder Skardu zehn Tage lang keine Flüge wegen der Windverhältnisse, für Filmteams eine Katastrophe. Also gilt es, zuerst den Indus zu erreichen und dann am Nanga Parbat vorbei in die Stadt Gilgit und von dort den gleichnamigen Fluss entlang zum höchstgelegenen Poloturnier der Welt zu fahren.

In der Zeit der Besprechung weist Hans seinen neuen Assistenten ein. Pardesi ist ein guter Fotograf, hat jedoch wenig Erfahrung mit Filmarbeit. Er verdient sein Geld mit Fotos von Randgruppen. Lange war er spezialisiert auf transsexuelle Tänzerinnen, die er fotografierte und die nachkolorierten Bilder dann nur an sie verkaufte. Auf diese Weise hat er die entlegensten Winkel des Landes kennengelernt und beste Kontakte aufgebaut. Mit ihm soll es für uns leichter sein, an Menschen heranzukommen und weniger aufzufallen.

Ein weiterer Mitreisender wird Aziz. Der junge Mann kommt aus der Hochgebirgsregion Shimshal in Upper-Hunza an der chinesischen Grenze, also aus dem äußersten Norden Pakistans, und studiert in Lahore, der Hauptstadt des Punjab. Er arbeitet in einem schönen Restaurant in der Altstadt mit Blick auf die Bauten aus der Mogulzeit, und da beginnen wir auch mit den Dreharbeiten – kurz vor Sonnenuntergang, wenn das bei Kameraleuten so berühmte ›letzte Licht‹ am Himmel ist.

Ich habe etwas Zeit, um mit Tayyab über die Lage im Land zu reden. Gern tut er das nicht. »Musharrafs Zeit läuft ab«, meint er, »seine Militäraktionen sind Unsinn. Pakistan ist auch früher ein zivilisiertes, wenn auch schwieriges Land gewesen, und man kann mit den meisten, auch mit den ›Bösen‹, reden.« Für Tayyab, das merke ich, ist die Situation besonders schwer. Früher konnte er selber viel ins Ausland reisen, Messen besuchen, verbrachte mehrere Wochen im Jahr bei Freunden in Deutschland, Spanien oder Südfrankreich. Seit der Jahrtausendwende ist die Nachfrage nach pakistanischen Reiseprodukten auf null gesunken, und ihm fehlt das Geld, um einfach so nach Europa zu kommen. Und wenn er dann doch mal nach Deutschland oder Frankreich kommt, merkt er deutlich, dass ihn das schlechte Image des Landes ganz persönlich trifft, dass er gemieden wird. Neu ist für mich, dass er seine eigene Regierung kritisiert. »Selbst in der Armee ist Musharraf umstritten«, erzählt er, und wie es seine Art ist, gibt er eine Anekdote über den Staatspräsidenten zum Besten; witzige Geschichten und hintergründige zynische Kommentare waren immer Tayyabs und mein Zeitvertreib auf langen Reisen – eine persönliche Neigung, die ich mit wenigen Menschen so gut ausleben kann wie mit ihm. »Musharraf hat sich mit einem Reporter des Privatsenders Geo besonders gut verstanden und abends auch mit ihm getrunken. Beim Liveinterview am nächsten Tag schimpfte und pöbelte Musharraf dann in gewohnter Weise über diesen und jenen, bis ihn der Reporter fragte, was er denn von Männern halte, die nachts mit einem Whiskyglas auf dem Kopf umherspazieren«, erzählt Tayyab grinsend und erklärt mir, der Staatspräsident pflege bei seinen Trinkgelagen öfter auf diese Art seine Nüchternheit zu beweisen. »Dieses Gespräch ist landesweit ausgestrahlt und von vielen Millionen gesehen worden. Der Staatspräsident hat sich mächtig blamiert, was sich noch dadurch steigerte, dass er Geo-TV anschließend für drei Monate verbot.«

»Aber was kommt danach?«, frage ich, und Tayyab zuckt nur mit den Achseln. Die Amerikaner hatten Benazir Bhutto wieder aus dem Hut gezaubert, die immer noch sehr beliebt war. Aber jetzt ist sie tot. Ihr Mann Zardari, immerhin wegen Korruption elf Jahre in Haft, sei nun der eigentliche Gewinner. »Im Wahlkampf hat Benazir noch gesagt, sie habe Fehler gemacht und Zardari werde während ihrer nächsten Amtszeit nur die Kinder hüten«, erzählt Tayyab erheitert, denn das ist in pakistanischen Familien normalerweise nicht die Aufgabe der Männer. Jetzt verfüge Zardari über das politische Erbe und die Legende von Benazir. »Aber ändern wird sich dadurch nicht viel.«

Ich kenne Tayyab nun seit zwanzig Jahren. Bei unseren Projekten und Expeditionen in Pakistan und Afghanistan haben wir viele gemeinsame Bekannte angesammelt, über die wir uns nun austauschen. Viele seiner Kollegen aus dem Expeditions- und Kulturtourismus sind nach England, Japan, Deutschland, Usbekistan, Saudi-Arabien oder nach Kabul gegangen, wo sich gute Geschäfte mit Diplomaten und NGOs machen lassen.

Es sind gut ausgebildete junge Leute, vielsprachig und durch den langjährigen Umgang mit Ausländern auch kundig im Adaptieren von Mentalitäten. »Nach dem 11. September gibt es aber auch einen anderen Trend«, erzählt Tayyab. »Viele Pakistani, die schon lange im Ausland leben und von dort herablassend über ihr Land geredet haben, kommen jetzt zurück und bauen, quasi als Rückversicherung, Häuser in Pakistan.« Die Grundstückspreise hätten sich verdreifacht. Es gebe einfach die Angst, durch ausländerfeindliche Bewegungen in den Gastländern Probleme zu bekommen. Auch der Pass des Gastlandes schütze davor nicht.

Ich freue mich auf die Gespräche in den nächsten Wochen mit meinem intelligenten Freund, der sich anscheinend treu geblieben ist. Er hatte als Reiseveranstalter immer darauf geachtet, Menschen der verschiedensten pakistanischen Ethnien und Religionsgruppen zu beschäftigen, und sie gefördert. Doch ohne Nachfrage gibt es auch keine Arbeitsstellen. Einige seiner Kollegen, früher auch nur Guides, organisieren heute für ausländische Organisationen und Armeen die Transporte, Dienstleistungen und Freizeitangebote. Einige sind dabei mit zweifelhaften Geschäften schwerreich geworden, Tayyab gehört nicht dazu. Aber er ist deswegen nicht verbittert, er ist einfach nicht der Typ des skrupellosen Geschäftemachers.

»Und die, die nur dem Geld nachrennen, waren früher auch schon so«, sagt er grinsend, aber ohne Häme.

Der Abend ist wunderschön. Im Freiluftrestaurant serviert man uns gutes Essen; vor allem die frischen Chapati duften nach Pakistan. Es ist immer noch sehr warm, und der Strom fällt regelmäßig aus. Dann rollen wieder die Generatoren an.

In Pakistan besitzt die Armee 25 Prozent des Landes und aller Industrien, aber trotz einer übermäßig scheinenden Sonne und der zahlreichen Gebirgsflüsse haben neun Jahre Militärdiktatur nicht gereicht, um eine geregelte Strom- und Wasserversorgung herzustellen. Im Gegenteil: Es wird immer schlechter, und die Menschen merken das. Aziz muss deswegen bei Kerzenlicht und Notbeleuchtung im Restaurant die Tische eindecken, und Hans filmt ihn dabei. Aziz ist übernervös – vor einer laufenden Kamera zu agieren ist er nicht gewohnt.

Zum Essen kommen die Lahori erst spät, nicht vor 22 Uhr. Um diese Zeit wollen wir schon wieder im Hotel sein und packen, denn früh aufzustehen ist Pflicht bei Filmreisen, sonst klappt gar nichts. Aber der Anfang war gut. Hans hat scheinbar keinerlei Berührungsängste und vertraut der Situation und dem pakistanischen Team, das er ja vorher noch nicht kannte.

Lahore hat sich äußerlich wenig geändert: Stadt der Moguln und Gärten, aber auch verwundbare Grenzstadt nach Indien. Die inneren Veränderungen werden wir erst bei unserer Rückkehr spüren.

Der nächste Tag beginnt mit der üblichen und vertrauten Routine einer Filmexpedition: aufstehen, Ausrüstung hinuntertragen, frühstücken (pakistanische Rühreier mit Nescafé oder Milchtee), einsteigen und losfahren. Eines gab es früher aber nicht: Jeder hat nun ein Handy, und seit es in Pakistan einen norwegischen und einen chinesischen Anbieter gibt, sind die Gebühren erträglich, und die Geräte werden ständig benutzt. Auch als Ausländer legt man sich erst mal ein pakistanisches Handy zu, denn das Telefonieren wird dadurch sehr günstig, während es mit dem eigenen extrem teuer ist. Aber die normalen Abläufe verkomplizieren sich dadurch. Man kann anrufen und sagen, dass man später kommt, oder einen anderen Weg wählen. Man kann zwischen Jeep und Bus hin und her telefonieren und Alternativen vorschlagen, Eventualitäten abklären. Außerdem ist das Handy ein Statussymbol und muss dementsprechend demonstrativ benutzt werden. Eine flächendeckende Handykultur ist für mich die auffallendste Veränderung der pakistanischen Verhältnisse in den letzten Jahren. Noch 2002 waren Handys Luxusgüter und vor allem in den meisten Teilen des Landes völlig überflüssig, da es kein Netz gab. Das ist jetzt anders: Wahrscheinlich aus militärischen und Sicherheitsgründen gibt es auch in den entlegensten Winkeln ein Netz und somit die Möglichkeit, mit Handys nicht nur zu telefonieren, sondern sie auch zu orten.

Als die handybedingten Verspätungen überwunden sind und wir in der Punjab-Universität die Kamera aufstellen dürfen, ist es schon fast elf Uhr, und das Thermometer klettert auf über 40 Grad. Weil Samstag ist, wird eigens für uns eine improvisierte Vorlesung abgehalten. Neben Aziz sitzen hauptsächlich bunt verschleierte Mädchen, die an der Uni in der Überzahl sind. Viele von ihnen wollen unsere Bekanntschaft machen, und besonders jeder Dozent, der schon mal in Deutschland war, stellt sich persönlich vor. Überall kommt es zu Diskussionen, Fragen, Klagen, besonders wegen der rückständigen Ausstattung vieler Fachbereiche. Wer in Pakistan Sprachen kann und gut ausgebildet ist, geht ins Ausland. Beruflich sind dort die Bedingungen besser, eine akademische Karriere im eigenen Land ist wenig lukrativ. Das Land blutet geistig aus. Wer im Ausland Arbeit hat, hält sich weiterhin Haus- und Grundbesitz in Pakistan und finanziert Angehörige. Zurückzukehren, um andere auszubilden oder wissenschaftlich zu arbeiten, lohnt sich nicht.

Aziz studiert Business, also so eine Art Betriebswirtschaft, und hofft, damit seinen Leuten in Shimshal helfen zu können. Er ist ein junger Mann aus den Bergen in der großen Stadt, der das wahre Leben erst noch kennenlernen will. Er ist sympathisch und ehrlich. Als wir das erste Interview mit ihm machen, ist es fast Mittag, und auch ihm rinnt der Schweiß. Es herrschen 45 Grad. Hans hat Bedenken wegen der Kamera. Wir checken gründlich Bild und Ton, wie jeden Tag. Hitze, Staub und lange ruckelige Fahrten sind der natürliche Feind jedes technischen Instruments. Außerdem lassen sich Kameras heute nicht mehr selbst reparieren, sondern nur noch einschicken. Geht eine Kamera kaputt oder produziert Aussetzer und beschädigte Bilder, bedeutet das heutzutage für eine kleine Produktion den Ruin oder zumindest Verlust an Zeit und Geld. Auf der anderen Seite bringt die ständige Beschäftigung mit der Technik auch Ablenkung, Gefahren sind so kein Thema. Der Gedanke, Opfer eines Attentats zu werden oder zufällig in einen Anschlag zu geraten, bleibt abstrakt. Ich kann mir nach wie vor nicht vorstellen, dass einer dieser Menschen um mich herum Sprengstoff mit sich trägt, um sich und andere in den Tod zu reißen.

3   Grand Trunk Road

Unser kleiner Bus verfügt über eine Art Klimaanlage – in der Julihitze Lahores um die Mittagszeit macht ihn das zu einem äußerst angenehmen Aufenthaltsort. In den Kanälen der Stadt baden die Kinder, auf den Straßen werden Melonen und Mangos angeboten, und es gibt auffällig viele völlig neue, moderne Tankstellen. Dafür ist also Geld da. Für die Straßen nicht, die sind immer noch schlecht, besonders wenn es in die Berge geht.