Meine Schuld 5 – Was Frauen Berichten: Schonungslos - Indiskret

Meine Schuld –5–

Was Frauen Berichten: Schonungslos - Indiskret

Roman von Diverse Autoren

Impressum:

Epub-Version © 2016 KELTER MEDIA GmbH & Co. KG, Sonninstraße 24 - 28, 20097 Hamburg. Geschäftsführer: Patrick Melchert

Originalausgabe: © KELTER MEDIA GmbH & Co.KG, Hamburg.

Internet: http://www.keltermedia.de

E-mail: info@kelter.de

Dargestellte Personen auf den Titelbildern stehen mit dem Roman in keinem Zusammenhang.

ISBN: 978-3-74091-431-8

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Geschichte 1

Familiendrama

Roman von Daniela V. (29)

»Nach der Geburt unseres Sohnes wurde mein Mann immer trauriger.«

Christian war immer ein stiller Mensch gewesen. Bald nach der Geburt unseres Sohnes wurde seine grausame Sehnsucht nach dem Tod offenbar. Unaufhaltsam entglitt er jedem Hilfeversuch.

Und pass auf, wenn du fährst. So eine weite Strecke!«, ermahnte mich meine Schwiegermutter zum dritten Mal.

»Beate, meine Tochter wird nächstes Jahr dreißig Jahre alt. Sie kann Auto fahren!«, Meine Mutter richtete den Blick genervt gen Himmel.

»Ach, Josy, ich meine es doch nur gut«, beharrte Beate. »Immerhin ist sie im sechsten Monat. Da muss man doch ein bisschen vorsichtig sein.«

»Mama!«, mischte mein Mann Christian sich jetzt ein. »Nun ist es aber gut. Wir passen schon auf. Und es sind ja auch nur zwei Wochen.«

»Ja, die zwei Wochen Südfrankreich meine ich ja auch gar nicht. Nur der lange Weg…«

»Du hast ja recht«, beruhigte ich sie. »Aber wir haben genug Pausen eingeplant. Und wenn es zu anstrengend wird, nehmen wir ein Hotel.«

»Versprochen?«

»Versprochen!«, gaben Christian und ich unser Wort wie aus einem Munde.

Endlich verabschiedeten sich unsere beiden Mütter.

*

Wow«, seufzte ich, als die beiden an der Straße in den Wagen meiner Mutter stiegen. »Seit deine Mutter auch Witwe ist, ist ihre Sorge um uns kaum noch zu ertragen.«

Christian nickte. Dann drehte er sich um und ging in sein Arbeitszimmer. Das machte er in der letzten Zeit immer öfter. Irgendwie schien er das zu brauchen, seit ich schwanger war. »Es bringt ja auch eine Menge Veränderungen mit sich«, hatte unser Hausarzt gesagt, als ich ihm davon erzählte. »Und ein Alleinunterhalter war er ja noch nie.«

Da konnte ich ihm nur zustimmen. Christian und ich kannten uns seit dem Kindergarten. Dort hatten sich auch unsere Mütter kennen gelernt und waren unzertrennliche Freundinnen geworden. Wir Kinder dagegen hatten uns nach der Grundschule aus den Augen verloren. Erst nach dem Tod von Christians Vater drei Jahre zuvor hatten wir uns einander wieder angenähert – und lieben gelernt. Aber während ich mich auf meinem Weg ins Erwachsenwerden stark verändert hatte, war er immer der stille Mensch geblieben, der er schon als Kind gewesen war. Immer war er der, der sich zurückzog, wenn sich irgendetwas um uns herum veränderte.

Die Erklärung unseres Hausarztes schien mir einleuchtend. Er brauchte einfach etwas Zeit. Wenn das Baby erst da war und er sich daran gewöhnt hatte, würde er wieder der Alte werden. Dessen war ich mir ganz sicher.

*

Nun, wir verbrachten einen wunderschönen Urlaub zu zweit in Südfrankreich. Danach arbeitete ich noch einige Wochen, und schon war die Zeit da, die Wohnung auf unseren kleinen Felix vorzubereiten. Schließlich setzten die Wehen ein. Die Geburt verlief wie nach dem Lehrbuch.

»Ein braves Kind«, lobte die Hebamme lachend und legte mir unser kleines Wunder auf den Bauch.

Christian und ich betrachteten unseren kleinen Felix. Ich war selig. Auch Christian lächelte. Doch schon an diesem Tag sah ich in seinen Augen neben seinem Lächeln noch etwas anderes. Es schien, als zeichnete sich in seinen Gesichtszügen immer eine Art sehnsüchtiger Schatten ab. Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich noch nicht, was sich dahinter verbarg.

So friedlich Felix in meinem Bauch gewesen war, so lebhaft war er nun, als er auf der Welt war. Das kleine Kerlchen verlangte ständig nach meiner Brust und wuchs, dass es eine wahre Freude war zuzusehen. Bald schon war er so weit, dass seine Aktivitäten am Tag ihn so müde machten, dass er nachts durchschlief.

»Was für ein braves Baby«, seufzte meine Mutter versonnen, als sie uns mit meiner Schwiegermutter zusammen besuchte.

»Genau wie Christian!«, himmelte auch diese ihren kleinen Enkel an.

Tatsächlich war unser Felix seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten. Es gab nur einen Unterschied: Während unser Sohn unverhohlen seine Lebensfreude in die Welt hinausstrahlte, verfinsterte ein merkwürdig trauriger Zug immer öfter die Miene seines Vaters. Immer öfter zog er sich in sein Arbeitszimmer zurück. Meistens schloss er schon um sieben Uhr abends die Tür hinter sich. Ins Bett kam er erst, wenn ich längst schlief.

»Ja, ich habe es auch bemerkt. Er benimmt sich irgendwie merkwürdig«, sagte meine Mutter am Telefon zustimmend. Ich hatte sie angerufen, weil ich ihren Rat brauchte.

»Wir verbringen am Tag höchstens noch zwei Stunden zusammen. Da stimmt doch etwas nicht«, erzählte ich ihr von meiner Sorge.

»Hm, von Depressionen nach der Schwangerschaft habe ich bisher eigentlich nur bei Frauen gehört. Hast du mal Dr. Schmied darauf angesprochen?«

»Ja, er meinte, Christian bräuchte wahrscheinlich nur etwas Zeit. Aber Felix ist jetzt schon vier Monate alt, und Christian zieht sich sogar noch mehr zurück als vorher.«

»Hast du denn schon mal mit deinem Mann selbst darüber gesprochen?«, wollte sie nun wissen.

»Ja, habe ich«, setzte ich an, doch dann korrigierte ich mich: »Oder vielmehr, ich habe es versucht. Er hat genickt, dann etwas von viel Arbeit erzählt und ist statt um sieben sofort in sein Arbeitszimmer verschwunden.«

»Vielleicht hat er wirklich so viel Arbeit?«, sagte meine Mutter.

»Zwischenzeitlich habe ich seine Kollegin Bärbel in der Stadt getroffen. Sie sagt, in der Firma sei nicht mehr und nicht weniger als sonst zu tun.«

»Na, dann weiß ich auch keinen Rat. Aber halt, vielleicht doch. Was hältst du davon, wenn du noch einmal mit Doktor Schmied sprichst und ihm von deiner Sorge erzählst. Und wenn du Christian dann zu einem Gesundheits-Check überreden könntest, könnte Doktor Schmied ihn einmal unauffällig genauer ansehen.«

»Das ist eine gute Idee!«, stimmte ich ihr zu. Genau so hatte ich es vor.

Und unser Hausarzt willigte ein. »Wenn er von selbst nicht auf die Idee kommt, dass etwas nicht stimmt, dann locken wir ihn eben so hierher«, lächelte er.

So hatte mein Mann schon vier Tage später einen Termin zum Gesundheits-Check.

»Und? Was hat Doktor Schmied gesagt?«, fragte ich Christian, als er danach nach Hause kam.

»Alles in Ordnung. Wegen der Blutwerte soll ich in den nächsten Tagen nachfragen.«

»Und hat er sonst noch etwas gesagt?«, hakte ich nach.

»Er meint, wir sollten mal wieder etwas gemeinsam unternehmen, damit ich mal auf andere Gedanken komme.«

»Aha?« Ich wunderte mich. »Na, dann lass uns doch mal wieder zusammen in die Sauna gehen«, schlug ich vor.

Nun huschte kurz ein Lächeln über sein Gesicht. Er nickte – und ging wieder in sein Arbeitszimmer. So leicht wollte ich mich aber nicht abschütteln lassen. Ich rief meine Mutter an. Sie würde am Freitagnachmittag Felix übernehmen, sodass Christian und ich einige Stunden Zeit für einen ausgiebigen Saunabesuch hätten.

*

Am nächsten Tag pappte ich einen Klebezettel auf sein Frühstücksbrettchen. Ich hatte ein lächelndes Gesicht darauf gemalt und die Saunazeiten für Freitag darauf notiert. Er stutzte, als er den Zettel sah.

»Und der Kleine?«, wollte er wissen.

»Felix übernimmt meine Mutter. Diese Stunden sind mal nur für uns beide«, lächelte ich.

»Ja«, sagte er nachdenklich, »vielleicht ist das gar nicht mal so schlecht.«

Später am Vormittag ging ich zu Dr. Schmied. So hatte ich es mit ihm verabredet. Ich erzählte ihm von dem geplanten Saunabesuch. Unser Hausarzt machte ein ernstes Gesicht.

»Hat er sonst nichts erzählt?«, fragte er nach.

»Nein. Wieso? Was hätte er erzählen sollen?«

Dr. Schmied räusperte sich: »Ihr Mann hat mir erzählt, dass er sich schon seit Monaten mehr und mehr in finsteren Gedanken wie gefangen fühlt. Ihm ist klar, dass er eigentlich mit Ihnen und dem Baby allen Grund zur Freude hätte. Aber er kann sie nicht empfinden.«

Völlig baff starrte ich ihn an. »Was soll das heißen, er kann sie nicht empfinden?«

»Er kann die Freude nicht empfinden, die Sie und ihr Kind ausstrahlen. Ich fürchte, Ihre Mutter liegt richtig: Wir haben es mit einer handfesten Depression zu tun.«

»O nein! Und was machen wir jetzt?«

»Ich habe ihm zu einer Therapie geraten, aber er hat abgelehnt. Ich sage es Ihnen ganz offen: Es wäre gut, wenn er bald Hilfe bekäme. Sie sollten versuchen, ihn davon zu überzeugen.«

Ich wusste nicht, was ich dazu sagen sollte. Schließlich wusste Christian nicht einmal, dass Dr. Schmied und ich uns schon wegen dieser Untersuchung verschworen hatten. Wie sollte ich ein Gespräch also unauffällig genau auf dieses Thema lenken? Zumal mein Mann kaum noch mit mir sprach. Er verkroch sich mittlerweile gleich nach Feierabend ins Arbeitszimmer.

Ich dankte dem Arzt und schob den Kinderwagen aus der Praxis. Ein langer Spaziergang würde mir jetzt guttun. Während ich durch die warme Frühlingssonne schlenderte, zerbrach ich mir den Kopf.

Warum redete mein Mann nicht mit mir, wenn es ihm doch so schlecht ging? Und wie sollte ich ihn davon überzeugen, Hilfe anzunehmen? Ich beschloss, während unseres Saunabesuchs einen günstigen Zeitpunkt abzupassen, um das Thema anzuschneiden.

*

Endlich war das Wochenende da, und Christian und ich standen in der Umkleide der Thermen. Mein Mann verzog keine Miene.

»Hach«, schwärmte ich, »ich freue mich auf das türkische Dampfbad.«

»Ist bestimmt nicht schlecht«, antwortete er höflich.

Doch in seiner Stimme schwang wieder dieser monotone Unterton mit, der mir sagte, dass es ihm schlecht ging.

Während ich mich in der Sauna beim Orangenaufguss entspannte, betrachtete ich Christians Gesicht. Dieser Zug, den ich vor Wochen zum ersten Mal in seinem Gesicht bemerkt hatte, warf seinen Schatten mittlerweile ständig über jede seiner Regungen. Nach dem Saunagang und einem kurzen Eintauchen ins Kaltwasserbecken legten wir unsere Handtücher im Ruheraum auf zwei benachbarten Liegen aus. Er schloss sofort die Augen wie nach einem erschöpfenden Arbeitstag. Auch ich schloss meine Augen und suchte nach seiner Hand. Er nahm sie und drückte sie leicht.

Ohne ihn anzusehen, sprach ich leise. »Dir geht es nicht gut«, stellte ich fest.

Mein Mann antwortete nicht.

»Das geht nicht so weiter. Ich liebe dich und ich will mit dir glücklich sein. Und ich möchte, dass du auch glücklich bist.«

Einige Sekunden lang lag schweres Schweigen zwischen uns. »Das möchte ich auch«, antwortete er leise.

»Warum redest du dann nicht mehr mit mir? Was bedrückt dich so sehr, dass du nicht einmal mit mir darüber reden willst?«

»Ich weiß es nicht«, gestand er.

»Christian, ich glaube, du brauchst Hilfe«, wagte ich einen Vorstoß. »Ich kenne da eine Frau Deyter. Sie ist Psychotherapeutin.«

Wieder antwortete er nicht. Erst als wir aufstanden, sah er mich einen Augenblick lang tieftraurig an. »Ich denke darüber nach«, klingen mir noch heute seine Worte im Ohr nach.

*

Was soll das heißen: Er denkt darüber nach?«, wollte meine Mutter wissen. »Das geht doch nicht! Er muss etwas tun. Das kann doch so nicht weitergehen!«

»Mag sein, Mama. Aber in dieser Hinsicht war Christian schon immer zuverlässig. Wenn sagt, er denkt darüber nach, dann macht er das auch.«

Tatsächlich änderte sich etwas. Zumindest ein bisschen. Wenn er nach Hause kam, verkroch er sich nicht sofort. Stattdessen blieb er noch etwa eine halbe Stunde im Wohnzimmer, bevor er sich zurückzog. Dadurch sprach er nicht mehr als vorher mit mir. Er saß einfach nur da. Manchmal blätterte er in einer Zeitung. Aber ich sah an seinen Augen, dass er nicht darin las. Es war einfach sein Versuch, wieder zurück in die Familie zu finden. Zwei Tage später sprach er mich an, bevor der die Tür des Arbeitszimmers hinter sich schloss.

»Ich habe die Therapeutin angerufen. Sie hat ab der nächsten Woche dienstags einen Termin für mich frei.«

»Das ist gut!« Ich lächelte erleichtert.

Auch er versuchte ein Lächeln. Dann schloss sich wieder die Tür hinter ihm.

*

Die folgenden Tage und Wochen vergingen im immer gleichen Takt: Christian schwieg, ging zur Arbeit, kam nach Hause, schwieg und zog sich zurück.

»Geht er denn zu der Therapie?«, fragte meine Mutter, als ich ihr einige Wasserkästen vom Einkauf mitgebracht hatte.

»Ja, das macht er. Aber es ändert sich nichts. Kannst du nicht Beate bitten, mal mit ihm zu reden?«, bat ich.

»Ich werde sie fragen«, versprach sie.

Ich verabschiedete mich und fuhr nach Hause. Ich wickelte den kleinen Felix und bereitete seinen Nachmittagsbrei vor. Dann hörte ich Christians Auto in der Einfahrt.

»Hallo, du bist aber heute früh dran«, freute ich mich.

»Hmm«, brummte er und ging an mir vorbei in sein Arbeitszimmer.

Es war ein Dienstag. Vielleicht brauchte er vor der Therapiestunde noch etwas Ruhe? Doch um fünf Uhr hörte ich immer noch keine Regung aus dem Zimmer. Ich klopfte leise und öffnete die Tür. Mein Mann saß ausdruckslos an seinem Schreibtisch.

»Christian, musst du nicht los?«, fragte ich ihn.

»Nein. Das bringt nichts. Die Therapeutin kann mir nicht helfen«, erklärte er leise.

»Aber Schatz, das kann man doch noch gar nicht sagen. Das dauert doch sicher seine Zeit. Hast Du denn heute einen Termin?«

»Ja.«

»Dann geh doch bitte hin. Wenn du es schon nicht für dich tust, dann tu es bitte für Felix und mich«, flehte ich.

Er starrte noch einige Sekunden ins Nichts. Dann stand er auf und verließ den Raum. In der Diele nahm er seine Jacke und machte sich auf den Weg. Ich betrachtete den Schreibtisch und seinen Computer. Früher wäre ich nie auf die Idee gekommen, in Christians Sachen zu wühlen. Aber vielleicht könnte mir irgendetwas verraten, was mein Mann die ganze Zeit hier tat und womit er sich beschäftigte. Ich sah einen kleinen Stapel Leseheftchen und nahm das erste in die Hand.

›Das Leben nach dem Tod – Vom Sinn und Unsinn des irdischen Daseins‹, las ich laut. Alarmiert sah ich mir die anderen Titel an. Es waren alles solche, die sich mit dem Tod und der Frage nach dem Sinn des Lebens beschäftigten. Sofort beschloss ich, am nächsten Morgen die Therapeutin anzurufen.

*

Frau Deyter, war mein Mann gestern bei Ihnen?« Ich fiel voller Sorge gleich mit der Tür ins Haus.

»Darüber spreche ich nicht gern am Telefon«, antwortete sie zögernd.

»Bitte, ich mache mir große Sorgen! Er spricht fast gar nicht mehr. Und ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich ihn das letzte Mal lächeln gesehen habe. Und außerdem habe ich merkwürdige Lesehefte bei ihm gefunden.«

Ich erzählte ihr von den Titeln, die mich beunruhigten.

»Das passt zu dem, was ich hier in den Therapiesitzungen erlebe«, bestätigte sie. »Nimmt er denn seine Medikamente regelmäßig?«

»Welche Medikamente?«, wunderte ich mich.

»Das habe ich mir gedacht. Ist es Ihnen möglich, heute noch in meiner Praxis vorbeizuschauen?«

Sofort sagte ich zu. Meine Mutter erklärte sich bereit, auf Felix aufzupassen.

»Und mit Beate habe ich auch gesprochen. Sie sagt, er habe ihr gegenüber behauptet, er habe alles im Griff«, berichtete sie.

Eine Sekunde lang stierte ich sie an.

»Alles im Griff? Was, bitte, hat er alles im Griff?«

»Das hat er ihr auch nicht verraten. Hältst du mich auf dem Laufenden?«

Ich nickte und fuhr los.

*

In der Praxis herrschte eine angenehme Atmosphäre. »Ich hatte schon den Eindruck, dass er die Tabletten gar nicht nimmt, die ich ihm verschrieben habe«, berichtete Frau Deyter.

»Er hat mir nicht einmal davon erzählt.«

»Das glaube ich. Ihr Mann ist der Meinung, dass er sein Problem selbst lösen kann. Aber dafür ist er schon viel zu weit in der Depression versunken.«

Kraftlos seufzte ich: »Ich weiß nicht mehr weiter. Ich habe Angst um ihn.«

»Das kann ich verstehen. Versuchen Sie, mit ihm zu reden. Ich hatte gestern schon den Eindruck, dass er auch nicht mehr zu den Sitzungen kommen will.«

»Ja, ich musste ihn drängen, damit er sich überhaupt auf den Weg macht«, bestätigte ich.

»Das passt zu dem Bild, das ich von ihm habe. Er spricht viel vom Tod und vom fehlenden Sinn im Leben. Wir nennen das Todessehnsucht. Man muss das sehr ernst nehmen. Bitte versuchen Sie, mit ihm zu reden. Er will selbst aus dieser Spirale heraus, aber er muss sich auch helfen lassen. Wenn er die Medikamente nicht nimmt…«

»Ich rede mit ihm. Und dann sage ich Ihnen Bescheid«, sicherte ich ihr zu.

Dann musste ich los. Für Felix war es schon bald Zeit für den Mittagsschlaf, da sollte er zu Hause sein. Meine Mutter informierte ich schon während der Fahrt über die Freisprechanlage über das, was ich erfahren hatte. Sie schwieg.

Als ich Felix abholte, sah ich an ihrem Gesicht, dass auch sie in tiefer Sorge war. Am Abend klopfte ich an die Tür zu Christians Arbeitszimmer und trat ein. Ich sah, wie er schnell Seiten zu einem Internetforum schloss, bevor er sich mir zuwandte. Er gab sofort zu, dass er mir absichtlich nichts von den Medikamenten erzählt hatte.

»Ich bin nicht verrückt, verstehst du? Ich mache mir bloß über andere Dinge Gedanken als andere«, sagte er. »Ich brauche das Zeug nicht.«

»Aber wir brauchen dich«, antwortete ich fest.

»Wie bitte?« Er sah mir nun für einen kurzen Moment direkt in die Augen.

»Ich sagte: Wir brauchen dich. Felix und ich brauchen dich. Du verkriechst dich hier seit Monaten! Ich habe nur noch ein Gespenst als Mann, und unser Kind kennt seinen Vater kaum!«

Endlich sah ich in seinen Augen eine Bewegung. Er drehte sich von mir weg und sah aus dem Fenster. Wieder lag Schweigen zwischen uns. Wie in all den letzten Wochen und Monaten: Schweigen, Schweigen, Schweigen.

Ohne mich anzusehen, sprach er endlich: »Du hast recht. Und ich werde eine Lösung finden. Ich verspreche es.«

»Die Medikamente…«, wollte ich beharren.

»Ich verspreche es«, wiederholte er in einem Ton, der das Ende des Gesprächs deutlich klarstellte.

Ich verließ das Arbeitszimmer. Am folgenden Tag würde ich in der Praxis anrufen.

*

Na, das lässt ja hoffen«, hörte ich die erleichterte Stimme von Frau Deyter sagen. Und genau das tat ich. Ich hoffte.

Doch ich sah in den nächsten zwei Tagen keine Veränderung. Auch am Freitag merkte ich nichts. Ich wusste nicht, dass er sich bei der Arbeit krankgemeldet hatte, damit niemand zu früh sein Verschwinden bemerkte. Niemand hatte eine Chance, rechtzeitig zu reagieren. Lange habe ich mir Vorwürfe gemacht. Doch heute weiß ich, dass es ohnehin keinen Zweck gehabt hätte. Er hatte sich entschlossen. Hätte er es an diesem Tag nicht geschafft, seinem Leben ein Ende zu setzen, dann hätte er es an einem anderen Tag getan.

Wie es meine Gewohnheit war, ging ich zum Briefkasten, als ich das Postauto vorbeifahren sah. Dort fand ich auch seinen Brief.

Liebe Daniela, ich liebe Dich von Herzen, doch ich muss meinem sinnlosen Leiden ein Ende setzen. Wir sehen uns in einer besseren Welt wieder.

Das war alles, was ich von ihm las. Man fand ihn erst zwei Tage später durch Zufall im Dickicht des nahen Waldes. Er hatte eine so hohe Überdosis genommen, dass es schnell gegangen sein muss. Meine Mutter, meine Schwiegermutter und ich standen weinend an seinem Grab.

Mittlerweile habe ich viel über die Todessehnsucht gelesen, in die er sich in einem Forum und mit passenden Büchern hineingesteigert hatte. Es hat mir geholfen, sein Leiden zu verstehen und das Schicksal zu akzeptieren. Trotzdem hinterlässt sein Tod eine unfüllbare Lücke in meinem Leben – und in dem unseres Sohnes.

– ENDE –

Geschichte 2

Ein Mann gesteht

Roman von Helmut G. (54)

»Nach 30 Jahren! Meine Frau und ich haben nichts mehr gemeinsam.«

Ich liebe die Natur. Das ist meine Welt. Meine Frau hatte dafür keinen Sinn. Und genau das war mein Dilemma…